*-**
■ ■
*&£ \-*± ?£
$S?/
GßüNDRISS
DEB
AUGENHEILKUNDE.
GRUNDRISS
DER
AUGENHEILKUNDE
UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG
DER
BEDÜRFNISSE DER STUDIRENDEN
UND PRACTISCHEN ÄRZTE.
VON
DR. MAX KNIES,
DOCENT DER AUGENHEILKUNDE AN DER UNIVERSITÄT ZU FKEIBUBG i. B.
Mit 30 Figuren im Texte.
WIESBADEN.
VERLAG VON J. F. BERGMANN.
1888.
txJTK
Das Recht der Uebersetzung bleibt vorbehalten.
Buchdruckerei von Carl Ritter in Wiesbaden
HERRN GEHEIMEN RATH
Dr. OTTO BECKER,
PROFESSOR 1>EK AUGENHEILKUNDE AN DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG
IN DANKBARKEIT UND VEREHRUNG
DER VERFASSER.
VORWORT.
Die Absicht bei Abfassung des vorliegenden Grundrisses der Augen-
heilkunde war, den Stoff zu bieten, welcher dem Studir enden und dem
praktischen Arzte noth wendigerweise zu eigen sein sollte, und zwar
in möglichst knapper und prägnanter Form und mit Ver-
meidung alles Unnöthigen, ohne doch durch allzu grosse Kürze un-
deutlich zu werden.
Besonderer Werth wurde gelegt auf das Aufstellen möglichst prä-
ciser Krankheitsbilder , auf den Zusammenhang der Augenkrankheiten
mit den übrigen Erkrankungen des menschlichen Körpers und auf
die Therapie. Bezüglich letzterer bin ich — wie Fachgenossen erkennen
werden, auch ohne dass ich besonders darauf aufmerksam mache — in
der Hauptsache den Grundsätzen gefolgt, welche unter Homer' s Lei-
tung in der Züricher Klinik mafsgebend waren.
Die mehr theoretischen Ausführungen — bei den soge-
nannten brennenden Fragen meist ziemlich eingehend — , sowie eine
kurze Mittheilung der wichtigsten anatomischen und
physiologischen Thatsachen zu Beginn der einzelnen Capitel
wurden, der Uebersichtlichkeit wegen, in kleinerem Druck ausgeführt.
Der Aufstellung eines möglichst vollständigen Sachregisters,
namentlich auch zum leichteren Auflinden der bei Allgemeinleiden vor-
kommenden Augenaffectionen, wurde eine besondere Sorgfalt zugewandt.
Während des Druckes hat mir mein früherer Lehrer, Herr Professor
Otto Becker in Heidelberg, der mir erlaubte, ihm die Correctur-
bogen zusenden zu lassen, vielfach mit seinem bewährten Rathe bei-
gestanden, wofür ich demselben meinen herzlichsten Dank ausspreche.
Freiburg LB., im März 1888.
Der Verfasser.
Inhalts -Ve rzeichniss.
Seite.
I. Einleitung 1
Mydriatica. Miotica, locale Anaesthetica 2. Augentropfen, Augen-
wasser, Ueberschläge, Einstäuben 3. Augensalben. Alcaloidpapiere
und — gelatineplättchen. Umklappen des oberen Lides 5. Blutent-
ziehungen. Augenoperationen, Antisepsis, allgemeine und locale
Xareose. Instrumentarium 6. Verbände 9. Krankenuntersuehung 10.
II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung 11
1. Normales Auge 1 1 :
Brechende Medien und Dimensionen 11. Refraction. Emmetropie
und Ametropie 12. Grad der Ametropie, Zulllinsen und Dioptrien 13.
Refraction und Accommodation. Bestimmung der Refraction 14. Seh-
schärfe. Gesichtswinkel, Sehproben 1.3. Bestimmung der Seh-
schärfe 16.
Brillenkasten 17. Augenspiegel 18, aufrechtes Bild 19. umge-
kehrtes Bild 21. Untersuchung im durchfallenden Licht. Seitliche
Beleuchtung 24.
Bestimmung der Accommodation 25. Fernpunkt und Xahe-
punkt 26. Optometer 27.
Emmetropie: Wachsthum des Auges 27. Presbyopie 29.
Relative Accommodationsbreite. Adduction und Abduction 30.
Augendistanz 31. Winkel a. 32.
2. Refractionsanomalien 32:
H y p e r m e t r o p i e : Ursachen. Winkel a 32. Asthenopia accommo-
dativa. Absolute, relative, facultative Hypermetropie. Bestimmung
der Hypermetropie. Manifeste, latente, totale Hypermetropie
Therapie der Hypermetropie 34. Aphakie 35.
Myopie: Ursachen 35. Winkele Progressive und stationäre
Myopie 36. Ererbte Disposition. Sehstörung. Asthenopia mu>-
cularis 37. Therapie 3b.
Gegenüberstellung von Hypermetropie und Myopie 39.
Astigmatismus: Regelmässiger und unregelmässiger. Cy-
lindergläser. Hornhaut- und Linsen- Astigmatismus. Formen des
igmatismus 40. Sehen bei Astigmatismus. Bestimmung 41.
Cylinderbrillen. Bicylinder 42.
A n i s o metropie 43.
Diplopia und Polyopia monocularis 44.
3. Anomalien der Augenmuskeln 44 :
Innere und äussere Augenmuskeln: Accommodations-
lähmung 48. Accommodationskrampf. Pupillenlähmung und
-krämpfe. Reflectorische Pupillenstarre 49. Lähmung des Diktator.
Mydriasis und Miosis 50.
II Inhalts-Verzeichniss.
Seite.
Lähmung der äusseren Muskeln: Doppelbilder. Beweg-
lichkeitsbeschränkung 51. Blickfeldmessung. Diagnose der einzelnen
Lähmungen 52. Secundäre Ablenkung. Secundäre Contractur. Behand-
lung 53. Angeborenes Fehlen von Muskeln 54.
Krämpfe der äusseren Augenmuskeln: Conjugirte
Deviation. Insuffizienz. Schielen. Alternirendes und concomitirendes
Schielen 54. Einwärtsschielen 55. Auswärtsschielen 57. Rück-
lagerung 58. Vorlagerung 58. Nystagmus 59.
4. Lichtsinnmessung 59:
Nacht- und Tagblindheit 59.
5. Gesichtsfeld 59:
Bestimmung desselben 59. Positive und negative Scotome 61.
Halbblindheit 61.
6. Farbenprüfung 62:
Normaler Farbensinn. Kalte und warme Farben. Complementäre
Farben. Untersuchung auf Grundemphndungen. Farbenschwäche 62.
Grün-, Roth- und Violettblindheit 63. Totale Farbenblindheit 64.
Theoretisches G^>.
Simulation und Dissimulation 65.
Tonometrie 66.
III. Erkrankungen der Augenlider 67
Anatomisches 67. Eczein GS. Blepharitis ciliaris 70. Seborr-
hoe 71. Acne vulgaris (Hordeolum) 73. Acne rosacea (Chalazium) 74.
Atherome 75. Dermoide. Milien. Epithelbläschen am Lidrand.
Herpes febrilis und zoster 76. Erysipel. Abscesse. Pustula maligna.
Noma 77. Variola. Warzen. Geschwülste 78. Lupus. Xanthe-
lasma 79. Lidoedem. Ptosis adiposa 81. Ptosis-Operation. Lagoph-
thalmus 82. Blepharospasmus. Nictitatio 83. Supraorbitalneuralgie.
Epicanthus 84. Colobom. Entropium congenitum. Verletzungen
und Verbrennungen 85. Entropiumoperation. Blepharophimose
und Canthoplastik 88. Flarer's, Jaesche-Arlt's, Snellen's
Operation 89. Ectropium und dessen Operation 90. Blepharo-
plastik. Ankyloblepharon und Symblepharon 91.
IV. Erkrankungen der Thräncnorgane 92
Anatomie. Thränendrüsenentzündung, Thränendrüsenfistel92. Ge-
schwülste der Thränendrüse. Fehlen und Mehrfachsein der Thränen-
punkte. Concretionen im Thränenröhrchen, Verschluss und Eversion
der Thränenpunkte. Angeborene Thränenfistel 93. Dacryocystitis 94.
Dacryocystoblennorrhoe. Atonie des Thränensacks 95. Sondiren 96,
Ausspritzen. Exstirpation und Verödung des Thränensacks 98.
Dacryostenose. Thränenträufeln 99. Verletzungen 100.
V. Erkrankungen der Bindehaut 100
Anatomie 100. Conjunctivalhyperaemie 101. Conjunctival-
catarrh 102. Blennorrhoea neonatorum 106 und Conjunctivitis gonorr-
hoica 111. Croup 114. Diphtheritis 115. Follikel 117; Follicular-
catarrh 118 und Follicularblennorhoe 119. Frühjahrscatarrh 127.
Eczem 129. Variola. Pemphigus. Pinguecula 131. Blutungen 132.
Chemosis. Pigmentirungen. Geschwülste 133. Amyloid 134. Cysten,
lnfarcte. Sarcome. Cancroide 135.
Inhalts-Verzeiclmiss. III
Seite.
Traumatische Conjunctivitis. Fremdkörper 136. Verbrennungen
und Aetzungen 137. Symblepharon 139.
Karunke 1. Entzündung, Hypertrophie, Geschwülste 140.
VI- Erkrankungen der Hornhaut 141
Anatomie, Corneascleralrand, Ernährungsverhältnisse 141. Greisen-
bogen; Drusenbildungen 143. Eczem 147; büschelförmige Keratitis 151.
Herpes febrilis 151 und zoster 153. Variola. Keratitis acnosa und
luposa 154.
Verletzungen 155; Pterygium 158; Fremdkörper 160. Ulcus
serpens 162; ulcus rodens 165; neuroparalytische Keratitis 166.
Xerosis corneae. Keratitis bei Basedowscher Krankheit und
Facialis] ähmung 167.
Folgezustände nach Hornhauterkrankungen: Flecken 167, optische
Iridectomie 168, Tätowirung 169; Schwielenbildung, Abrasio corneae;
Bleiincrustationen 170; Pannus; Irisprolaps und Hornhaut-
staphylom 171, Staphylomoperation 172; Pterygium traumaticum 173.
Keratitis parenchymatosa 173. Hornhautveränderungen bei Iritis,
Iritis serosa, erhöhtem Augendruck. Gürtelförmige Keratitis 178.
Megalocornea; Keratoglobus, Buphthalmns 179. Keratoconus.
Geschwülste; Lepra 181.
VII. Erkrankungen der Sclera 181
Anatomie 181. Scleritis 182. Sclerosirende Keratitis 183. Secundäre
Scleritis. Complicationen 184. Myositis musculirecti. Staphylome 185.
Geschwülste 186. Verletzungen 187.
VIII. Erkrankungen des Uvealtractus 188
Anatomie 188. Stoffwechsel. Normaler Spiegelbefund 191.
Altersveränderungen 191. Drusenbildungen. Angeborene Ano-
malien: Albinismus 192, Colobom 193. Microphthalmus, Anoph-
thalmus. Membrana papillaris perseverans 195.
Acute und chronische plastische Iritis 196, Iritis specifica und
Gumma iridis 200. Iritis serosa 204.
Cyclitis nach Recurrens, schrumpfende Cyclitis 206.
Glaucoma acutum 208; Prodromalerscheinungen. Glaucoma
subacutum und chronicum 209 ; Excavation 210. Glaucoma simplex.
Glaucoma absolutum. bandförmige Keratitis und Blasenbildung auf der
Hornhaut 211. Secundärglaucom. Therapie: Miotica 212, Iri-
dectomie 213, Sclerotumie 215. Pathologische Anatomie und
Theorien 215. Essentielle Phthisis 219.
Erkrankungen der Choroidea 219: Choroiditis disseminata 221.
Choroiditis diffusa (Myopie 223), Rarefication des Pigmentes und
Choroidalatrophie 224; Complicationen 225; Therapie 227; Theo-
retisches 228. Choroiditis bei Meningitis und Pyaemie 230.
Verletzungen 230: Accommodationslähmung und Mydriasis.
Dialyse der Iris; Hyphaema. Hämophthalmus. Choroidalruptur 231.
Wunden der Uvea und Sclera 232; Panophthalmie 233, schrumpfende
Cyclitis, sympathische Ophthalmie 234; Neurotomia optico-ciliaris.
Exenteratio bulbi, Theoretisches 235. Fremdkörper im Auge 236.
Abscesse und Cysten der Iris. Verbrennung der Choroidea 237.
Geschwülste: Melanom. Lymphom. Gumma 237. Tuberkel.
Sarcome 238.
IV Inhalts-Verzeichniss.
Seite.
IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven 239
Anatomie : Schichten der Netzhaut, Netzhautgefässe, Faserverlauf
in Netzhaut und Sehnerv 239; Chiasma; Sehcentruni. Sehnerven
scheiden und -Scheidenräume. Sehpurpur. Normaler Spiegelbefund
von Netzhaut und Sehnerv 240 : Physiologische Excavation, Venen-
puls 241.
Cystoide Degeneration der Netzhauperipherie im Alter. Colobom
des Sehnerven 241; Markhaltige Nervenfasern 242.
Netzhaut: Hyperaemie. Anaemie. Abnorme Pulserschein-
ungen 242. Atherom. Netzhautblutungen 243. Embolie der Arteria
centralis retinae. Pyaemische Retinitis. Retinitis 244; Sehstörung
dabei; Torpor retinae 245. Retinitis albuminurica, diabetica,
leukaemica 246, specifica, proliferans. Retinitis pigmentosa 247.
Xetzhautablösung 249. Traumen der Netzhaut. Blitzschlag.
Gliom 251.
Sehnerv: Stauungspapille 253, Ampulle. Neuritis 254. Stauungs-
neuritis 255. Intoxicationsamblyopie 256. Retrobulbäre Neuritis.
Sehnervenblutungen 257. Sehstörungen nach Blutverlusten, Er-
brechen, Chinin und Natrium salicylicum. Gelbe, weisse und
graue Atrophie 258 ; Tabes dorsalis 260. Verletzungen des Sehnerven.
Drusenbildungen und Geschwülste des Sehnerven 261.
Centrale Sehstörungen 261 : Hallucinationen. Halbblind-
heit 262. Seelenblindheit. Erblindungen ohne Befund. Flimmer-
scotom264. Amblyopie aus Nichtgebrauch 266. Mangelnde Fusion 267.
X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse 268
Glaskörper: Anatomie 268. Verflüssigung. Ablösung. Schrum-
pfung 269. Gefässbildung. Arteria hyaloidea persistens. Trübungen.
Synchysis scintillans. Blutungen 270. Fliegende Mücken. Behand-
lung der Glaskörpertrübungen. Fremdkörper 271. Cysticercus 272.
Linse: Anatomisches 272. Colobom. Ectopie und Luxation 274.
Grauer Staar: Traumatischer Staar und Fremdkörper in der Linse 276;
einfache Linearextraction 278. Staar bei Glasbläsern und Blitz-
schlag. Vordere Polarcataract 279. Angewachsener Staar. Hintere
Polarcataract 280. Hintere Corticalcataract. Gitterstaar. Punkt-
staar 281. Schichtstaar, Spindelstaar. Kernstaar 282. Angeborener
Staar, Cataracta arida siliquata. Greisenstaar 284; Milchstaar;
Morgagni 'scher Staar ; überreifer und Kapselstaar 286. Cataracta
nigra 287. Diabetischer Staar 288.
Discission. Extraction 289. Nachstaar 298.
XI. Erkrankungen der Orbita 299
Anatomie 299. Verletzungen ; Emphysem der Lider und der Orbita.
Empyem der Stirnhöhlen. Caries und Periostitis 300. Exophthal-
mus 301. Blutungen, Abscesse, Fremdkörper. Erysipel. Thrombose.
Basedowsche Krankheit 302. Geschwülste in der Orbita 303;
Geschwülste der Thränendrüse und des Sehnerven 304. Anophthalmus
congenitus. Wachsthum dor Orbita 305.
I. Einleitung.
Die Augenheilkunde ist ursprünglich ein Zweig der Chirurgie ge-
wesen, der sich allmälig als sogenannte „Specialität" selbstständig ge-
macht hat. Seitdem in den fünfziger Jahren H e 1 m h o 1 1 z den Augen-
spiegel entdeckte, Graefe, Donders, Arlt u. a. m. unsere Kennt-
nisse von den Erkrankungen und Functionsfehlern des Auges in unge-
ahnter Weise erweiterten und deren Behandlung vervollkommneten,
machte sich immer mehr das Bedürfniss geltend, auch in Deutschland
die Augenheilkunde gesondert zu lehren.
Es ist ein recht manchfaltiges Gebiet, welches unsere Wissenschaft
umfasst: Der gesammte Inhalt der Orbita und deren Wandungen, die
Augenlider und ihre Umgebung, die Thränenwege bis zur Nase und
der Verlauf der Augen- und Augenmuskelnerven bis zu ihren centralsten
Endigungen in der Hirnrinde. Daher auch die zahlreichen Berührungs-
punkte mit Chirurgie und innerer Medicin; nur derjenige, der sich
dieses Zusammenhanges stets bewusst bleibt, wird ein guter Augenarzt
sein. Wegen der Durchsichtigkeit vieler seiner Theile und wegen der
leichten Zugänglichkeit war das Auge von jeher ein Lieblingsgegen-
stand für experimentelle Untersuchungen, und ein grosser Theil unserer
Pathologie fusst auf den Ergehnissen von Experimenten an den Augen.
Im Allgemeinen gelten auch für die Augenheilkunde die Grund-
sätze der Chirurgie und inneren Medicin, nur vielfach modificirt wegen
der Zartheit und leichten Verletzlichkeit der Gewebe des Auges ; diese
können schwer geschädigt werden durch Eingriffe, die an anderen Orten
völlig unbedenklich sind.
Es ist durchaus nöthig, mit den eigenthümlichen Functionen des
Sehorgans und deren Prüfung zu beginnen, da Störungen der Functionen
die Gewebserkrankungen des Auges auf Schritt und Tritt begleiten.
Zweckmässig werden aber vorher einige der Augenheilkunde eigenthüm-
liche Arzneimittel und deren Anwendungsweise besprochen, woran sich
— um Wiederholungen zu vermeiden — eine Reihe allgemeiner Regeln
anschliessen wird, auf die wir überall zu achten haben.
Knies, Augenheilkunde. ]
2 I. Einleitung.
Zuerst wären mehrere Alcaloide zu erwähnen, die am Auge eine
specifische Wirkung ausüben. Nach ihren Haupteigenschaften unter-
scheiden wir pupillenerweiternde (Mydriatica), pupillenverengernde
(M i o t i c a) und unempfindlich machende Mittel (locale Anaesthetica).
Als pupillenerweiternd sind anzuführen: A tropin (Atropa Bella-
donna), Homa tropin (ein künstlich dargestellter Abkömmling des
Atropins), Daturin (Datlira Stramonium), Hyoscyamin nnd H y o s ci n
(Hyoscyamus niger), Duboisin (Duboisia myoporoides) und Cocain
(Erythroxylon Coca). Alle diese Mittel wirken mehr oder weniger
auch auf den Ciliarmuskel und lähmen die Accommodation. Die Wir-
kung des Cocain dauert nur einige Stunden, die des Homatropin etwa
einen Tag; von allen andern genügt ein Tropfen einer 1 i 2 °/ Lösung,
um bei einem gesunden Auge Sphincter iridis und Ciliarmuskel auf
6—10 Tage zu lähmen. Letztere werden wir demnach anwenden, wo
wir eine kräftige, lange dauernde Wirkung ausüben wollen, erstere
beide, wo es nur einer vorübergehenden Pupillenerweiterung bedarf,
wie zu Untersuchungszwecken. Alle Mydriatica bewirken Hyperaemie
des Augen grundes und der Netzhaut.
Pupillen verengernd wirken Es er in oder Physostigmin
(Physostigma venenosum), Pilocarpin (das Alcaloid der Jaborandi-
blätter) und Morphin, die beiden ersten stark, letzteres etwas
schwächer. Die Wirkung beginnt nach 15 — 20 Minuten und dauert
etwa 4 — 6 Stunden an; neben Pupillenverengerung bewirken alle drei
auch Zusammenziehung des Ciliarmuskels : Accommodationskrampf,
welcher aber individuell sehr verschieden ausfällt. Derselbe wird
häufig als zuckendes Gefühl im Auge empfunden; zuweilen kommen
bei Eserin auch Zuckungen im orbicularis palpebrarum vor. Bei
empfindlichen Leuten ist beides direct schmerzhaft und kann heftiges
Kopfweh verursachen. Eserin ist das meist angewandte Mioticum,
Pilocarpin hat nichts vor demselben voraus, Morphium hat den Vor-
theil, überall zur Hand zu sein ; man kann die gewöhnliche Lösung be-
nutzen, die zu subcutanen Einspritzungen gebraucht wird. Die weniger
gebräuchlichen Alcaloide wendet man nur da an, wo aus irgend einem
Grunde Eserin oder Atropin schlecht vertragen wird.
Als Anaestheticuni kommt gegenwärtig hauptsächlich das
Cocain in Frage, welches schon in l°/ iger Lösung Bindehaut und
Hornhaut gegen Berührung und Schmerz vollkommen unempfindlich
macht; die Wirkung ist aber in 1 j 2 bis 2 Stunden vorüber. Soll sie
sich auch auf die tieferen Theile des Auges erstrecken, so muss man
stärkere Lösungen nehmen und wiederholt einträufeln. Es zeigt sich
Augentropfen. A tropin Vergiftung.
dann auch deutlich ein Blasserwerden des Auges und eine leichte Er-
weiterung der Lidspalte durch Heizung glatter Muskelfasern, die vom
Lidknorpel gegen den Rand der Orbita verlaufen (Müller'scher Muskel).
Da Cocain gleichzeitig auch die Pupille erweitert, so verbindet man
es zweckmässig mit gleichen Theilen Morphin, wo aus irgend einem
Grunde diese Wirkung vermieden werden soll. Das in neuester Zeit
empfohlene Stenocarpin. welches energischer pupillenerweiternd, aber
weniger anaesthesirend. als Cocain wirkt, soll ein Gemenge von Atropin
und Cocain sein.
Alle genannten Alcaloide werden am besten in Form von „Augen-
tropfen 4 *' in den Bindehautsack eingeträufelt. Man verschreibt sie in
Mengen von 6,0—10,0 und lässt bei mehr Bedarf lieber repetiren.
Am besten nimmt man zur Lösung 3°/ Borsäure. Zum Einträufeln
bedient man sich eines Glasstabes. Pinsels oder eines der zahlreichen
Tropfgläschen, die aber sorgfältig rein zu halten sind. Wird das Ein-
träufeln dem Patienten odor dessen Angehörigen überlassen, so ver-
sichere man sich, dass die Tropfen auch wirklich in den Conjunctival-
sack gebracht werden und lasse es sich eventuell vormachen. Bringt
man bei horizontaler Lage des Patienten einige Tropfen der Lösung
auf den inneren Augenwinkel, und lässt dann die Augen öffnen, so
die Flüssigkeit von selbst in den Conjunctivalsack. Dies ist
namentlich bei Kindern die schonendste Methode. Fliessen die Augen
stark, so müssen sie unmittelbar vorher gut abgetrocknet werden.
Alle genannten Alcaloide sind heftige Gifte. Man bedenke, dass
ein Tropten 1 ° iger Atropinlösung die halbe Maximaldosis für einen
Erwachsenen enthält. Kommt, z. B. bei leicht durchgängigen Thränen-
wegen, die eingeträufelte Lösung in Thränensack und Nase, so wird
*ie resorbirt und macht Yergiftungserscheinungen. Bei der am
häufigsten beobachteten Atropinvergiftung treten zuerst bitterer Ge-
schmack, Kratzen im Hals und Schluckbeschwerden auf; weiterhin ge-
röthetes Gesicht, beschleunigter Puls, Urinbeschwerden und Gesichts-
hallucinationen. Es ist zu beachten, dass diese Erscheinungen schon
nach wenigen Tropfen auftreten können. Eine tüchtige Morphium-
injection ist das beste Heilmittel. In mehr chronischen Formen werden
neben Gesichtsröthe und beschleunigtem Puls hauptsächlich Verdauungs-
störungen beobachtet, die nicht eher weichen, als bis das Mittel aus-
gesetzt wird. Aehnliche Erscheinungen treten auch bei den andern
Alcaloiden auf. doch verhalten sich die einzelnen Individuen bezüglich des
Auftretens von Vergiftungserscheinungen sehr verschieden. -Mehr als 6 — 8
Tropfen im Tage sollten auch einem Erwachsenen nicht eingeträufelt werden.
4 I. Einleitung.
Früher beobachtete man nicht selten während der Anwendung der
verschiedenen Alcaloide catarrhalische Erkrankungen der Conjunctiva
mit Entwickelung von Follikeln in derselben, sowie Eczem und Erythem
der Lider. Sie werden am besten vermieden, wenn man die Mittel,
wie oben angegeben, in aseptischer Lösung anwendet und nicht zu lange
aufbewahren lässt.
Auch Adstringentia können als „Augentropfen" in der Menge von
15 — 25,0 verschrieben werden, und werden auf die gleiche Weise in
den Conjunctivalsack eingebracht. Meist kommen sie in Form eines
Augenwassers (Collyrium) zur Anwendung, das zu etwa 80 bis
100,0 verordnet wird. Man lässt entweder, wie oben angegeben,
etwas Flüssigkeit in den innern Augenwinkel bringen und dann die
Augen öffnen, oder man legt völlig durchnässte Compressen einige
Minuten auf die Augen und lässt darunter einigem ale blinzeln, oder
man giesst etwa einen Theelöffel voll in die hohle Hand, taucht das
Auge hinein und lässt ebenfalls blinzeln, bis etwas in den Conjunctival-
sack gelangt ist. Hat die Anwendung des Augenwassers Schmerzen
gemacht, so kann der Patient einige Minuten lang sich mit geschlossenen
Augen ruhig hinlegen, bis dieselben vorüber sind; dies wird aber nur
bei sehr empfindlichen Leuten nöthig sein.
Zur Anwendung der Kälte werden in Eiswasser getauchte oder
unmittelbar auf einem Eisblock liegende Compressen leicht ausge-
drückt und auf die geschlossenen Augen gelegt. Sie müssen aber
mindestens alle Minute gewechselt werden, wenn wirklich eine
Kältewirkung erzielt werden soll. Es gibt auch besondere Augen-
eisbeutel für ein oder beide Augen, die aber nur bei Erwachsenen gut
anwendbar sind.
Zu warmen Ueberschlägen benutzt man Chamillenthee , oder
eine antiseptische Lösung mit heissem Wasser halb und halb. Auch
hier müssen die Compressen sehr fleissig gewechselt werden, wenn die
Wanne wirken soll. Sehr geeignet sind Cataplasmen in Form von
etwa 8 cm langen und 6 cm breiten Säckchen, die mit der Cataplasmen-
masse (Leinsamenmehl mit heissem Wasser angerührt) gefüllt werden.
Wenn man dieselben auf eine mit heissem Wasser gefüllte Bettflasche
legt und das Ganze in eine wollene Decke einwickelt, so lassen sie sich
eine bis zwei Stunden lang genügend warm halten. Die Säckchen
werden so heiss, als es vertragen wird, aufgebunden und mit Gutta-
perchapapier überdeckt; sie können dann mehrere Minuten liegen
bleiben, bis ein Wechsel nöthig wird.
Augensalben. Umklappen des oberen Lides. 5
Zur Anwendimg trockener Wärme dienen ähnliche Säckchen,
die mit Species aromaticae gefüllt und möglichst heiss auf die Augen
gebunden werden. (Kräuter säckchen.)
Bleiwasser wird am besten im Augenblicke des Gebrauches frisch
angefertigt; von Acet. plumb., Aq. amygdal. amar. äa 25,0 lässt man
30 Tropfen in eine grosse Tasse voll warmen oder kalten Wassers
giessen, gut umrühren und damit Umschläge machen.
Einige Medicamente, wie Jodoform, Jodol, Calomel vapore paratum
werden häufig in Form feinster Pulver mit einem nicht zu kleinen
Pinsel ins Auge eingestäubt. Während man mit Daumen und Zeige-
finger der linken Hand die Augenlider geöffnet erhält, fasst man den
Pinsel mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und stäubt das
Pulver durch Anschlagen mit dem Zeigefinger in den Conjunctivalsack.
Als Constituens für Augensalben, die in den Conjunctivalsack
eingebracht werden sollen, lässt sich verwenden Ung. leniens, Ung.
Glycerini, Vaselin, Lanolin, Mollin. Man verschreibt sie in Mengen
von 10,0, lässt sie mit einem Pinsel oder Glasstäbchen einbringen und
gut im Conjunctivalsack verreiben. Plumbum aceticum, Cuprum sul-
furicum und einige Quecksilberpräparate, namentlich das Hydrargyruni
oxydatum flavum, via humida paratum werden in Salbenform ange-
wendet; für Alcaloide ist dies weniger zu empfehlen.
Sehr practisch sind in vielen Fällen die sogenannten Alcaloid-
papiere und -gelatineplättchen ; diese sind mit einer Lösung des
Alcaloids getränkt und dann getrocknet und enthalten eine be-
stimmte Menge desselben. Man bringt sie mit einer feinen Pincette
hinter das untere Augenlid. Das Alcaloidpapier muss nach einigen
Minuten, wenn es ausgelaugt ist, wieder entfernt werden, die -Gelatine-
plättchen lösen sich im Conjunctivalsecret auf. Namentlich letztere
sind sehr zu empfehlen und können bequem in der Verbandtasche mit-
geführt werden.
Will man die Bindehaut genau besichtigen oder Medicamente
direct auf dieselbe einwirken lassen, so muss man das obere Lid
umklappen. Man lässt zu dem Zwecke stark nach abwärts sehen,
fasst die Wimpern mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand,
legt den Daumen der linken Hand an das obere Ende des Lidknorpels
und dreht das Augenlid gewissermafsen um letzteren. Ist die Lidspalte
weit, so gelingt das Umklappen sehr leicht; ist dagegen das obere
Lid verdickt, die Lidspalte eng und fehlen die Wimpern, so kann es
recht schwierig werden. Immer ist nöthig, dass der Patient stark
nach abwärts sieht. Drückt man mittelst des untern Lides leicht
I. Einleitung.
auf das Auge, während das obere Lid umgeklappt ist und der Patient
nach unten sieht, so stülpt sich die ganze obere Uebergangsfalte vor
und kann genau besichtigt werden. Es ist durchaus nöthig, im Um-
klappen des oberen Lides eine gewisse Fertigkeit zu erlangen; das
Unterlassen dieser einfachen Manipulation bei vorhandenen oder ver-
mutbeten Bindehauterkrankungen kann zu den grössten diagnostischen
und therapeutischen Missgriffen führen.
Blutentziehungen werden in der Augenheilkunde wenig mehr
angewendet. Blutegel können an die Seite der Nase oder an die
Schläfe angesetzt werden. Man thut gut, die Stelle recht genau zu
bezeichnen. Die Augenlider selbst müssen sorgfältig vermieden werden,
weil es sonst sehr beträchtliche Blutunterlaufungen gibt. Die beste Stelle
ist in der Mitte zwischen Ohr und äusserem Orbitalrand. Hier wird auch
der künstliche Blutegel (Heurteloup) angesetzt, der den natür-
lichen in allen Fällen vorzuziehen ist. Nachdem die betreffende Stelle gut
gereinigt und eventuell rasirt ist, macht man mit einem einem Schröpf-
schnepper ähnlichen Instrument eine kreisrunde, 1 — l 1 /, mm tiefe Haut-
wunde. Darüber wird dann eine Glasröhre mit luftdicht schliessendem
Stempel aufgesetzt und letzterer langsam, in dem Mafse, wie die Röhre
sich mit Blut füllt, ausgezogen. Nachdem ein bis drei Cy linder voll
Blut entzogen sind, drückt man das jetzt stark geschwollene runde
Hautstückchen mit etwas antiseptischer Watte energisch an Ort und
Stelle, und lässt die Watte festkleben, bis sie von selber abfällt. Die
kleine Wunde heilt ohne weiteres und eine Nachblutung findet nie
statt. Schon nach drei Tagen kann die Procedur von neuem vorge-
nommen werden.
Soll eine Augenoperation vorgenommen werden, so ist vorher
auf infectiöse Bindehaut- und Thränensackerkrankungen zu untersuchen,
eventuell sind dieselben, wenn möglich, vorher gründlich auszuheilen.
Kann letzteres nicht geschehen, so muss man in der Anwendung anti-
septischer Vorsichtsmafsregeln doppelt genau sein. Man reinigt die
Augenlider und die ganze Umgebung des Auges sorgfältig mit warmem
Seifenwasser und nimmt besonders Rücksicht auf die Lidränder und
Wimpein, von denen alle Krüstchen und Schüppchen mit peinlichster
Genauigkeit entfernt werden müssen. Dann spült man den Conjunctival-
sack mit einer antiseptischen Flüssigkeit (Sublimat 0,2 °/ 00 , Borsäure
3,5 °/ , Salicylsäure 0,3 °/ , Thymol 0,1 °/ u. s. w.) aus und lässt bis
zum Beginn der Operation ein in die gleiche Lösung getauchtes Lein-
wandläppchen auf den geschlossenen Lidern liegen. Die antiseptische
Vorbereitung des Operirenden und etwaiger Assistenten geschieht wie
Narcose bei Operationen. 7
bei jeder chirurgischen Operation. Aerztliche Assistenz ist bei Narcose
nicht zu entbehren und immer angenehm, doch können fast alle Ope-
rationen auch ohne solche ausgeführt werden. Zur Desinfection der
Instrumente benutze man 5 °/ Carbolsäure und lasse sie dann in
l 1 l 2 — 2°l Lösung liegen; alle anderen Antiseptica greifen dieselben
mehr oder weniger rasch an.
Allgemeine Narcose ist nicht oft nöthig und bei Operationen
mit Eröffnung des Auges womöglich zu vermeiden. Wird sie doch an-
gewandt, so muss sie sehr tief sein. Dagegen kann ein sehr aus-
gedehnter Gebrauch von der örtlichen Narcose durch Cocain gemacht
werden. Bei allen Operationen an Lidern, Thränensack, Bindehaut,
Hornhaut und an den äusseren Augenmuskeln darf man ad maximum
cocainisiren und 6 — 8 Tropfen einer 2 °/ igen Lösung binnen l / 4: Stunde
einträufeln. Bei Operationen an der Iris, also auch bei Staaroperationen,
ist volle Cocainwirkung nicht wünschenswerth, weil dann die gelähmte
und unempfindliche Iris künstlich zurückgebracht werden muss. Hier
träufelt man am besten nur ein bis zwei Minuten vorher einige Tropfen
ein, um die Bindehaut und Hornhaut oberflächlich unempfindlich zu
machen. Bei der kurzen Dauer der meisten innern Augenoperationeu
ist dies genügend.
Zum Auseinanderhalten der Lider dienen zwei Desmarres 'sehe
Lidhalter (Fig. 1) oder der Sperrelevateur (Fig. 2). Zum Festhalten
des Auges wird die Conjunctiva dicht an der Hornhaut mit einer ge-
Fig. 1.
Fig. 2.
zahnten Schliesspincette gefasst. Um Lidoperationen blutlos zu machen,
dient die Knapp'sche Lidklemme (Fig. 3). Ausserdem gehören zum
Instrumentarium einige Graefe'sche (Fig. 4a) und ein bis zwei
Beer 'sehe Staarmesser b, mehrere krumme Lanzen c, zwei Discissions-
8
I. Einleitung.
nadeln d, Cystitom f und Kautschuklöffel g, Punctionslanze h und flache
Sonde i; (f und g, sowie h und i sind gewöhnlich am gleichen Stiel
befestigt), zwei Schielhaken k, ein Weber'sches
Messer 1 zum Spalten der Thränenkanälchen, eine
conische Sonde zur Erweiterung der Thränenpunkte.
Sonden und eine Hohlsonde für den Thränengang.
eine Cilienpincette und ein Instrument zum Ent-
fernen fremder Körper von der Hornhaut, am besten
ein kleiner Hohlmeisel. Dazu kämen noch feine
gerade und gebogene Pincetten, gerade und auf die
Fläche gebogene Scheeren von verschiedener Fein-
heit, feine stark gekrümmte Nadeln u. dgl.
Alle Instrumente müssen von bester Qualität
sein und unmittelbar vor dem Gebrauche auf ihre
Schärfe geprüft werden, wozu eine kleine mit feinstem
Probirleder überspannte Trommel dient.
Sind ausser den nöthigen Instrumenten noch
ein Brillenkasten mit Sehproben, ein Kefractions-
augenspiegel und Wollproben zur Prüfung auf Farbenblindheit vor-
handen, so wird der Arzt für alle gewöhnlichen Vorkommnisse einge-
Fig. 3.
CL
d r
/
k
Fisr. 4.
richtet sein. In der Verbandtasche wären dem allgemein üblichen Inhalt
zuzufügen einige feine stark gekrümmte Nadeln, eine conische und einige
Thränensacksonden von verschiedener Dicke, eine Cilienpincette, ein
Fremdkörperinstrument, ein Desmarres'scher Lidhalter, eine feine Pincette
Verbände. < )
und eine feine spitze Scheere, sowie einige Glasperlen. Als Nadelhalter
kann jede Unterbindungspincette dienen.
Zu Augenverbänden benutzt man drei Meter lange , 3 — 4 cm
breite Binden von Flanell oder Calico. Man befestigt sie zuerst durch
anderthalb Touren um die Stirne und legt sie so an, dass sie über das
kranke Auge von unten nach oben geführt werden. Einen gut liegen-
den Verband zu machen, will gelernt sein, namentlich bei abnormen
Kopfformen; bei unruhigen Kindern müssen die einzelnen Touren an
verschiedenen Stellen noch besonders zusammengeheftet werden. Un-
mittelbar auf die geschlossenen Lider kommt ein ovales Gazeläppchen
oder ein Stück Borlint und darüber legt man die Verbandwatte in
kleinen Flocken in der Art, dass sie mehr um das Auge herum als
direct auf dasselbe zu liegen kommt. Namentlich ist der innere Augen-
winkel gut auszupolstern. Wenn die Watte richtig vertheilt ist, so
darf die aufgelegte Hand den Augapfel nicht durchfühlen. Dies ist
um so wichtiger, je stärker die Binde angezogen werden muss; sonst
bilden sich unter dem Verband D r u c k f a 1 1 e n der Hornhaut, die
senkrecht auf die Richtung des Bindenzuges stehen. Auf der Höhe
derselben scheuert sich das Epithel ab, und die Aifection kann so
schmerzhaft sein, dass sie zum Aufgeben des Verbandes nöthigt. Ein
fest anliegender Verband verursacht bei alten Leuten nicht gerade selten
oberflächliche Hautgangr aen, am häufigsten auf dem Nasenrücken
über dem Nasenbein, seltener an der Stirn. Die betreffenden Stellen
müssen gut ausgepolstert, eventuell muss der Verband lockerer ange-
legt werden.
Je nachdem man den Verband lockerer oder fester anzieht, kann
man unterscheiden : Deckverband, Schutzverband, Druck ver-
band und Schnürverband. Bei vernünftigen Patienten kann man
auch leichter verbinden, etwa mit einer gestrickten Binde oder der-
gleichen ; im Allgemeinen sei man aber damit vorsichtig. Bei Kindern
ist es häufig zweckmässig, die Arme derselben in Köhren von starker
Pappe oder Blech zu stecken. Letztere werden im Nacken mit einem
Band zusammengebunden und müssen bis nahe zum Handgelenk reichen.
Da hierdurch die Beugung im [Elleubogengelenk ausgeschlossen ist,
so können die Kinder nicht mit den Händen an den Verband ge-
langen.
Häufig, besonders nach grösseren Lidoperationen, kann ein nasser
antiseptischer Verband Verwendung finden. Die Verbandwatte
wird in Salicyl- oder Borlösung getaucht, leicht ausgedrückt und aufs
10 I. Einleitung.
Auge gelegt; darüber kommt eine Calicobinde. Alle paar Stunden
lässt man den Verband mit der betreffenden Lösung so lange befeuchten,
bis der Patient die Kühlung auf den Lidern fühlt. Ein solcher Ver-
band kann viele Tage liegen bleiben, auch wenn z. B. Blut schon durch-
geschlagen wäre. Ist derselbe mit Bor- oder Salicylsäure gesättigt,
so genügt Befeuchten mit reinem Wasser.
Bei schweren ansteckenden Erkrankungen eines Auges kann es
nöthig werden, das andere durch einen undurchgängigen Schutz-
verband vor Ansteckung zu bewahren. Das Auge wird sorgfältig
gereinigt und mit antiseptischer Lösung ausgewaschen; dann wird ein
Gazeläppchen und etwas Watte darüber gelegt, und über das Ganze
kommt ein Stück Guttaperchapapier, das allseits etwa einen Centimeter
überragt und mit Collodium überall befestigt wird. Legt es sich nicht
gut an, so kann man dessen Rand mit Scheerenschnitten einkerben.
Der Verband bleibt so lange liegen, bis das Leiden des andern Auges
seine Ansteckungsfähigkeit verloren hat. Muss man nachsehen, so löst
man die äussere Hälfte des Verbandes vorsichtig ab und klappt sie
nach innen. Hat man das Nöthige gesehen, so wird sie wieder mit
Collodium festgeklebt.
Bei der Krankenuntersuchung versäume man nie die Inspection
ä distance. Stellungsanomalien der Augen, Lähmungen u. s. w. werden
so oft besser erkannt, als wenn der Patient dem Arzt unmittelbar
gegenüber sitzt; die Gangart des Kranken, seine Kopfhaltung und der-
gleichen kann für die Diagnose von Wichtigkeit sein. Von einer um-
fangreichen Anamnese wird man in den meisten Fällen absehen können.
Nach vollendeter Functionsprüfung und objectiver Untersuchung wird
man durch kurze Fragen am raschesten die notwendigen Dinge er-
fahren. Bei vermutheten Bindehautleiden versäume man nie das Um-
klappen der Lider. Kleine Kinder lässt man am besten von der
Begleiterin auf den Schooss nehmen und fixirt den Kopf zwischen seinen
eigenen Knieen. Wenn die Begleiterin die Hände des Kindes festhält,
hat man selbst beide Hände zum Untersuchen frei. Am schonendsten
geschieht dann das Oeffnen der Lider mit dem D esmarr es 'sehen
Lidhalter.
Man mache es sich zur festen Kegel, keine Therapie ohne
sichere Diagnose vorzunehmen; letztere ist bei genügender Unter-
suchung fast in allen Fällen möglich.
Normales Auge.
11
IL Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
1. Normales Auge.
Die brechenden Medien des Auges sind Hornhaut, Kammer wasser,
Glaskörper und Linse, von denen erstere drei ziemlich genau das
Brechungsvermögen des destillirten Wassers: 1,336 etwa 4 / 3 , letztere
das einer mittleren Glassorte: 1,455 annähernd 3 / 2 besitzt. Da aber
Lichtbrechung nur da zu Stande kommt, wo zwei ungleich brechende
Fig. 5.
Medien an einander grenzen, so kommen optisch nur drei Flächen in
Betracht: Die vordere Hornhautfläche mit einem Radius von nahezu
8 Millimeter und vordere und hintere Fläche der Linse, deren erstere
im Knhezustand des Auges etwa einen Radius von 10, deren letztere
einen Halbmesser von etwa 6 Millimeter besitzt. Figur 5 gibt diese
leicht zu behaltenden Verhältnisse in vierfacher Vergrösserung wieder.
12 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Ausserdem ersehen wir aus derselben, dass die Dicke der Hornhaut
nahezu einen, die Tiefe der vorderen Kammer etwa drei und die Dicke
der Linse im normalen Auge so ziemlich 4 Millimeter beträgt, so dass
der hintere Pol der Linse mit dem Mittelpunkt der Hornhautkrömmnng
nahezu zusammen fällt. Fügen wir hinzu, dass die Tiefe des Glas-
körpers vom hintern Linsenpol bis zur Netzhaut 15 mm beträgt, so
hätten wir alle optisch wirksamen Dimensionen erwähnt. Die Gesammt-
länge des optischen Apparates eines normalen Auges vom Hornhaut-
scheitel bis zur Fovea centralis der Macula lutea betrüge dann 23 mm:
dazu noch die Dicke der Sclera am hintern Pol nahezu 1 mm. macht
als Gesammtläuge des Auges ca. 24 mm.
Die optischen Verhältnisse eines derartig zusammengesetzten System^
sind ziemlich verwickelt. Hierauf soll desshalb nicht näher eingegangen
werden. Von practischer Wichtigkeit ist aber der Knotenpunkt (K)
und der hintere Brennpunkt (F).
Der Knotenpunkt eines Systems ist derjenige Punkt, durch welchen
die Lichtstrahlen ungebrochen (ohne von ihrem geradlinigen Wege ab-
zuweichen) hindurchgehen: er liegt im normalen Auge etwa 8mm
hinter dem Hornhautscheitel, also ziemlich genau im Krümmungs-
mittelpunkt der Hornhaut und an der Stelle des hinteren Linsenpoles.
Er wird auch als Kreuzungspunkt der Richtstrahlen be-
zeichnet und ein grosser Theil des in's Auge einfallenden, regelmässig
gebrochenen Lichtes muss denselben passiren; ist deshalb hier eine
Trübung der brechenden Medien vorbanden (hintere Polarcataract). so
resultirt eine unverhältnissmässig hochgradige Sehstörung.
Eigentlich besitzt das menschliche Auge zwei Knotenpunkte: Licht, das vor
der Brechung nach dem vordem Knotenpunkt geht, scheint nach derselben, parallel
zur ursprünglichen Eichtung vom zweiten herzukommen. Da aber beide sehr nahe
zusammenliegen, so genügt practisch vollständig die Annahme eines einzigen Knoten-
punktes an der angegebenen Stelle: S mm hinter dem Hornhautscheitel und 15 mm
vor der Fovea centralis.
Der Brennpunkt jedes optischen Systems ist derjenige, in wel-
chem paralleles Licht zur Vereinigung kommt. Im normalen Auge
fällt derselbe in die lichtempfindliche Schicht der Xetzhaut. und man
bezeichnet diesen Zustand als Emmetropie (im richtigen Maats
Sehen), alle davon abweichenden als Ametropie.
Das Verhalten eines Auges gegenüber dem in der Richtung der
optischen Axe einfallenden parallelen Licht nennt man seine Licht-
brechung oder Refraction (B); fallt der Brennpunkt in die Xetzhaut.
so spricht man, wie schon erwähnt, von emmetropischer Refraction oder
Ket'ractiun. 13
von Emmetropie (E). Wird paralleles Licht schon vor der Netz-
haut vereinigt, so besteht myopische Eefraction, Kurzsichtigkeit.
Myopie (= M); kommt es erst hinter derselben zur Vereinigung, so
nennt man dies Hypermetropie, Ueb er sichtigkeit (= H).
Kommt endlich bei einem Auge aus irgend einem Grunde paralleles
Licht überhaupt nicht in einem Punkt zur Vereinigung, so spricht man
von Astigmatismus (von « privativum und oriyua. Punkt). Myopie.
Hypermetropie (Hyperopie) und Astigmatismus sind die drei mög-
lichen Refractionsanomalien.
Vergleichen wir den Zustand der Hypermetropie mit Emmetropie.
so ergibt sich, dass genau das gleiche Verhalten dann vorhanden ist.
wenn wir vor ein emmetropi.^ches Auge ein Concavglas halten. Das
emmetropische Auge vereinigt zwar paralleles Licht auf der Netzhaut :
ist dasselbe aber divergent, so genügt die Brechkraft desselben nicht.
das Bild kann erst hinter der Netzhaut zur Vereinigung kommen. In
Bezug auf die Netzhaut also ist das hypermetropische Auge schwächer
lichtbrechend, als das emmetropische, und der Grad der Hypermetropie
kann durch eine Concavlinse ausgedrückt werden, die dem emmetropi-
schen Auge hinzugefügt, den gleichen optischen Effect hätte.
Das umgekehrte gilt von der Myopie. Das kurzsichtige Auge ist
in Bezug auf die Netzhaut stärker brechend, als das emmetropische:
denn paralleles Licht kommt schon vor derselben zur Vereinigung. Der
Grad der Myopie kann durch ein Convexglas ausgedrückt werden, das
dem emmetropischen Auge hinzugefügt dieselbe Wirkung hervorbringen
würde. Das kurzsichtige Auge hat demnach dem emmetropischen gegen-
über eine positive (=E + M), das hypermetropische eine nega-
tive (=E — H) Kefraction. und es leuchtet sofort ein, dass Myopie
durch Concav-, Hypermetropie durch Convexgläser auf Emmetropie
corrigirt werden können.
Der Grad der Ametropie wird durch diejenige (Convex- oder Concav-)
Glaslinse ausgedrückt, die dem emmetropischen Auge hinzugefügt,
d. h. im Knotenpunkte desselben gedacht, die gleiche Refractions-
anomalie hervorbringen würde.
Zur Bestimmung der Stärke der Linsen geht man von zweierlei
Einheiten aus : früher war allein üblich die Zolllinse, die Linse von
1 Zoll Brennweite (richtiger die biconvexe Linse mit je 1 Zoll Radius
ihrer beiden Kugelflächen); gegenwärtig ist fast allgemein als Ein-
heit durchgeführt die Linse von 1 Meter Brennweite, die sogenannte
Dioptrie (D). Da die Brechkraft einer Linse im umgekehrten Ver-
hältnis» zu ihrer Brennweite steht : eine Linse von l , Meter Brennweite
14 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
ist dreimal so stark, als die von einem Meter Brennweite (= 3,0 D), so
ist klar, dass die Zolllinse die bedeutend stärkere Einheit repräsentirt;
sie ist etwa 40 mal so stark, als die Dioptrie (= 40,0 D). Will man
desshalb Zolllinsen in Dioptrien verwandeln, so hat man mit 40 zu
multipliciren, wenn Dioptrien in Zolllinsen, mit 40 zu dividiren.
Hierbei ist zu beachten, dass bei Zolllinsen nicht die übliche Bezeichnung,
sondern deren Brechkraft zu Grunde gelegt werden muss. Eine Linse No. 7 alter
Benennung bedeutet eine Linse von 7 Zoll Brennweite; deren Brechkraft, die zur
Berechnung kommen muss, ist also, mit der Zollinse verglichen, gleich l h, und
dieser Bruch, dessen Zähler = 1, dessen Nenner die No. der Zolllinse (d. h. deren
Brennweite) ist, muss angewandt werden. Die Zolllinse No. 7 = 1/7 muss mit 40
multiplicirt werden, um die Dioptrien zu erhalten = 40 /7 = ca. 5,7 D. Umgekehrt
sind 3,5 D = 3,5/ 40 Zolllinse = 1/11,4 ungefähr No. ll 1 ^. Im gewöhnlichen Ge-
brauche werden diese Zahlen natürlich entsprechend abgerundet.
Bei Bestimmung der Refraction ist vor Allem darauf Bück-
sicht zu nehmen, dass im Auge das Verhalten gegen paralleles Licht
ein veränderliches ist, und zwar durch die Accommodationsfähigkeit
desselben. Vermittelst der A c c o m m o d a t i o n vermag ein emmetropi-
sches Auge, das in der Euhe auf paralleles Licht eingestellt ist, sich
auch auf näher liegende Gegenstände einzustellen. Dadurch ist optisch
das gleiche erreicht, wie wenn das Auge kurzsichtig würde oder wie
wenn dem Auge ein Convexglas vorgesetzt worden wäre, dessen Brenn-
punkt im fixirten Punkte liegt (Fig. 6). Ein solches Glas vereinigt
Fig. 6.
paralleles Licht in seinem Brennpunkt ; umgekehrt ist klar, dass Licht,
das vom Brennpunkte f herkommt, durch dasselbe parallel gemacht
werden muss. Das parallele Licht fällt auf das emmetropische Auge
und wird von diesem in der Netzhaut vereinigt.
Wollen wir die Befraction eines Auges bestimmen, so müssen wir
die Accommodation vollständig ausschliessen können. Durch die Accommo-
dation wird die Befraction des Auges erhöht : sie hat die gleiche Wir-
kung, wie ein vorgesetztes Convexglas. Unter ihrem Einfluss werden
wir desshalb die Myopie zu stark und die Hypermetropie zu schwach
finden. Daraus ergibt sich folgender wichtige Satz : Die Befraction
eines Auges wird bestimmt durch das stärkste Convex-
Sehproben. Sehschärfe.
15
glas (Hypermetropie) und das schwächste Concavglas (Myopie).
mit dessen Hülfe paralleles Licht eben noch auf der
Netzhaut zur Vereinigung gebracht werden kann. Da
hierbei die Äccommodation bedeutende Fehler verursachen kann, so muss
sie in zweifelhaften Fällen durch Einträufeln von Cocain (0.1 : 6,0) oder
von Homatropin (0,03 : 6,0) vorübergehend gelähmt werden.
Als Quelle für annähernd paralleles Licht genügt es in der Praxis.
Sehproben in 5 bis 6 Meter Entfernung aufzustellen; dieselben be-
stehen aus Buchstaben (und für solche, die nicht lesen können, aus
Zeichen) von verschiedener Grösse. Man sucht nun das stärkste Convex-
glas oder schwächste Concavglas heraus, mit welchem noch die kleinst-
möglichen Buchstaben sicher erkannt werden können.
Hieraus ergibt sich, dass wir zugleich mit der Bestimmung der
Refraction noch etwas anderes festzustellen haben, nämlich die kleinsten
Objecte, welche das Auge auf eine bestimmte Entfernung erkennen kann.
mit andern Worten seine Sehschärfe.
Die Bildgrösse eines Objectes auf der Netzhaut wird durch den Gesichts-
winkel g bedingt, siehe Figur 7. Man erhält denselben, wenn man von den
Fig. 7
Enden des Objectes Strahlen durch den Knotenpunkt des Auges zieht : hierbei wird
gleichzeitig auch die Grösse des Netzhautbildes a b sichtbar, welches verkehrt sein
muss, da die Strahlen, die es zusammensetzen, sich gekreuzt haben. Kennt man
die Entfernung des Objectes vom Knotenpunkte des Auges und die Grösse desselben,
so lässt sich leicht die Bildgrösse auf der Netzhaut berechnen. Die Grösse des
Objectes a 2 b 2 verhält sich zur Grösse des Netzhautbildes ab. wie die Entfernung
des Objectes in Millimetern vom Knotenpunkte des Auges a 2 k, zur Entfernung
des letzteren von der Netzhaut k a, welche im normalen Auge 15 Millimeter beträgt.
Man geht nach Donders' Vorgang von der Annahme aus, dass
normale Sehschärfe dann vorhanden ist. wenn Buchstaben unter einem
Gesichtswinkel von 5 Bogenminuten (= l j 12 Grad) noch erkannt werden
können. Die meist gebräuchlichen Snellen'schen Sehproben, von
IG II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
denen Auszüge in jedem Medieinalkalender vorbanden sind, enthalten
Buchstaben, deren einzelne Striche den fünften Theil so breit sind, als
die Buchstabengrösse beträgt, also unter einem Gesichtswinkel von
einer Bogenminute (= x M Grad) erscheinen. Ueber jeder Buchstaben-
reihe ist in Metern angegeben, in welcher Entfernung dieselben unter
einem Gesichtswinkel von 5 Bogenminuten gesehen werden, also Sn eilen
No. 6 in ö Metern.
Natürlich ist es für die Sehschärfe (S) absolut gleichgiltig, ob
Xo. 60 in 60, Xo. 6 in 6 oder Xo. 1 in 1 m Entfernung erkannt wird:
die Bildgrösse auf der Netzhaut ist in allen diesen Fällen die gleiche.
Zur Angabe der Sehschärfe benutzt man am besten einen Bruch, dessen
Zähler die Entfernung in Metern beträgt, in welcher die Sehproben
aufgestellt sind, und dessen Xenner die kleinste noch erkannte Nummer
angibt edeutet S 6 / 5 , dass Sn eilen Xo. 5 noch in Gm Ent-
fernung erkannt werden konnte. S 5 12 . dass nur Xo. 12 auf 5 m er-
kannt wurde. Es ist vorzuziehen, den Bruch nicht zu reduciren. also
zu schreiben S 5 5 und nicht S 1, da man im ersteren FalLe genau weiss,
in welcher Entfernung die Sehprüfung vorgenommen wurde, was in ge-
wissen Fällen nachträglich von Wichtigkeit sein kann.
Die als normal angenommene Sehschärfe wurde von Donders als Durch-
schnittszahl einer grossen Reihe von normalen Augen gefunden. Dabei sind aber
eine Anzahl leicht ametropischer Augen mit inbegriffen, denn die wirklich normale
Sehschärfe ist entschieden grösser, und kann als S 6 /5 bis 6/4 angenommen wer-
den; Sehschärfe 6 / 3 ist noch ziemlich häufig und bei russischen Recruten ist sogar
wiederholt 8 w /i =3 gefunden worden.
Xaturgemäss kommt bei Bestimmung der Sehschärfe -auch noch die Beleuch-
tung in Betracht, die aber practisch nicht die Rolle spielt, die man a priori er-
warten würde. Erheblichere Differenzen kommen nur bei excessiven Beleuchtungs-
anomalien vor, bei sehr heller Beleuchtung oder an sehr dunkeln Tagen. Will
man dieselbe aber in Rechnung bringen, so wird es practisch in den meisten
Fällen genügen, als Zähler des Bruches, der die Sehschärfe bedeutet, nicht die
wirkliche Entfernung in Metern anzugeben, sondern diejenige Snellen'sche
Nummer, die Tom Untersuchenden — vorausgesetzt natürlich, dass er selber nor-
male Sehschärfe besitzt — bei der vorhandenen Beleuchtung gerade noch erkannt
werden kann. S 6 g würde dann bedeuten, dass in einer Entfernung und bei einer
Beleuchtung, in der der Untersuchende noch No. 6 erkannte, vom Untersuchten
nur No. 9 entziffert werden konnte. In praxi begnügt man sich meistens mit einer
ungefähren Beleuchtungsangabe, wie „sehr trüber Tag" oder „sehr helle Beleuch-
tung" und dergleichen.
Bei stark herabgesetzter Sehschärfe gibt man an, in welcher
Entfernung noch die gespreizten Finger vor einem dunkeln Hintergrunde
richtig gezählt werden können. Man darf annehmen, dass Erkennen
der Finger etwa der Snellen'schen Probe Xo. «30 entspricht: geschieht
Sehprüfling bei vermindertem Sehvermögen. 17
dies richtig in einer Entfernung von 2 m. so beträgt die Sehschärfe
ungefähr 2 /60 = 1 / 30 . Es ist indess vorzuziehen, wenn z. B. das rechte
Auge Finger in lV 2 m nocü richtig zu zählen vermag, statt der redu-
cirten Sehschärfe zu notiren: R. Finger in l l l 2 m. Werden auch keine
Finger mehr gezählt, so versucht man, ob und in welcher Entfernung
Bewegung der ganzen Hand, ob von oben nach unten, von rechts nach
links oder im Kreis herum, erkannt wird ; ist auch dieses nicht mög-
lich, so gibt man an, in welcher Entfernung das Verdecken und Frei-
lassen einer Kerze im dunkeln Räume noch richtig, prompt und sicher
wahrgenommen wird. Ist dieses auch in nächster Nähe nicht mehr
sicher anzugeben, so ist es zweifelhaft, ob überhaupt noch Licht-
empfindung vorhanden ist. Reagirt dann die Pupille auch auf Einfall
concentrirten Lichtes (Lampe und starkes Convexglas) nicht, so kann
man ziemlich sicher sein, dass die Angaben über noch vorhandenes
Sehvermögen auf Täuschung des Patienten, meist durch subjective
Lichterscheinungen, beruhen. Herabgesetzte Sehschärfe wird auch als
Amblyopie, völlige Blindheit als A m a u r s e bezeichnet, namentlich
dann, wenn kein objeetiver Grund dafür aufzufinden ist; letzteres dürfte
aber bei dem gegenwärtigen Stand der Augenheilkunde nur selten vor-
kommen.
Beim Verdecken eines Auges erweitern sich die Pupillen beider Augen, wenn
ersteres noch Lichtempfindung hat (synergische Pupillenreaction). Wenn desshalb auf
Verdecken und Offenlassen eines Auges mit zweifelhafter Lichtempfindung die Pupille
des anderen reagirt, so ist dadurch das Vorhandensein von quantitativer Licht-
empfindung bewiesen.
Da, wie oben gesagt, die Sehschärfe gleichzeitig mit der Refraction
bestimmt werden muss, so leuchtet ein, dass bei Herabsetzung der-
selben auch die Refractionsbestirnmung immer unsicherer wird, ja ganz
unmöglich werden kann. Eine genaue Bestimmung der Refraction setzt
normale oder nur massig verminderte Sehschärfe voraus. Das Werkzeug,
das wir dazu bedürfen, ist der Brillenkasten ; eine Sammlung der
gebräuchlichen Convex- und Concavgläser etwa von 0,25—20,0 Dioptrien,
von Cylindergläseru und Prismen, deren Gebrauch wir später noch
kennen lernen werden, nebst einigen Probirbrillengestellen und kleinen
Hülfsapparaten. Man hat nun, wie schon gesagt, das stärkste Convex-
oder schwächste Concavglas herauszusuchen, mit dem eben noch beste
Sehschärfe für die Ferne vorhanden ist. Näher auf Einzelheiten ein-
zugehen, würde zu weit führen; die Sehprüfungen müssen durch Uebung
Raschheit und Sicherheit erhalten.
Im Bereiche -seiner Brennweite wirkt ein Convexglas um so stärker, je mehr es
von dem Auge entfernt, ein Concavglas um so stärker, je mehr es dem Auge an-
Knies, Augenheilkunde. 2
18 IL Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
genähert wird. Desshalb ist die Entfernung der Gläser vom Auge, namentlich bei
stärkeren, wohl zu berücksichtigen. Die wahre Refraction erhalten wir. wenn wir
das corrigirende Glas im Knotenpunkte des Auges vorhanden annehmen; in Wirk-
lichkeit ist ein Brillenglas ca. 15 mm von demselben entfernt. Bei stärkeren
Gläsern können wir hiervon diagnostisch Gebrauch machen. "Wird das Sehen durch
ein Concavglas nicht schlechter, wenn wir es vom Auge entfernen, so war dasselbe
zu stark; bessert sich dasselbe, wenn wir es nahe an*s Auge andrücken, so ist es
zu schwach. Bei schwachen Gläsern kann die Entfernung vom Auge natürlich
vernachlässigt werden. In praxi wird die Refraction übrigens durch das Glas be-
zeichnet, welches in der üblichen Entfernung vom Auge dieselbe auf Emmetropie
corrigirt. M 5.0 bedeutet dann, dass mit Concav 5.0 als Brillenglas vor dem Auge
paralleles Licht auf der Xetzhaut zur Vereinigung kommt.
Die Bestimmung der Refraction mit Hülfe des Brillenkastens he
ubjective. weil hierzu die Angaben des Patienten nöthig und
maisgebend sind: man kann sie aber auch objectiv bestimmen und
zwar durch den Augenspiegel.
Das Princip des Augenspiegels beruht darauf, dass in der gleichen
Richtung, in welcher Licht in's Auge fällt, auch in dasselbe hinein-
gesehen wird, und zwar geschieht dies mit Hülle eines durchbohrten
Spiegels. Durch denselben wird das Licht einer seitwärts stehenden
Flamme in's Auge geworfen. In der gleichen Richtung aber sieht zu-
gleich der Untersuchende in's Auge hinein und wenn er im Stande ist,
das von der Netzhaut des andern ausgehende Licht in seiner eigenen
zur Vereinigung zu bringen, so kann er den Augengrund sehen. Von
einem emmetropischen Auge wissen wir. da— e< paralleles Licht auf
seiner Netzhaut vereinigt: daraus folgt, dass Licht, welches von der
Netzhaut ausgeht, das Auge parallel wieder verlassen muss. Ist also
auch der Untersuchende emmetropisch. so kann er mit Hülfe des Augen-
spiegels ohne weiteres den Augengrund eines anderen Emmetropen sehen;
ist er aber myopisch, nur dann, wenn er seine Myopie durch ein ent-
sprechendes Concavglas corrigirt. Der Hypermetrop kann mit Hülfe
seiner Accommodation gleichfalls den Augengrund eines emmetropischen
Auges ohne weiteres sehen. Auch ist klar, dass wenn ein Emmetrop
ein ametropisches Auge untersuchen will, er vor sein Auge das-
jenige Glas bringen muss, welches das untersuchte Auge auf
Emmetropie corrigirt. Ist die Accommodation bei beiden Augen völlig
ausser Spiel, so ergibt uns in diesem Falle das stärkste Convex- oder
schwächste Concavglas. mit welchem der Augengrund eben noch scharf
gesehen werden kann, direct dasjenige Glas, welches die Refraction des
untersuchten Auges auf Emmetropie corrigirt. Kurz, wenn wir es so
einrichten, dass das Licht ein Auge parallel verlässt und vom anderen
Auge paralleles Licht vereinigt werden kann, so ist e> in allen Fällen
Augenspiegel, aufrechtes Bild. 19
möglich den Augengrund zu sehen: Die Refraction des untersuchenden
und untersuchten Auges muss sich immer zu 2 E ergänzen. Da z. B.
H 2.o gleich ist E — 2,0, so kann ein solches Auge ohne weiteres den
Augengrund eines Auges von E -f- 2,0 = M 2,0 sehen und umgekehrt.
Braucht H 2,0 noch Concav 1,5, was zusammen E — 3,5 ist, so hat das
andere Auge E -\- 3,5 = M 3,5 u. s. w. Jedes Auge, dessen Refraction
bekannt ist, kann aus dem stärksten Convex- oder schwächsten Concav-
glase, mit dem es gerade noch den Hintergrund eines anderen Auges
scharf sehen kann, die Refraction des letztern auf die einfachste Weise
berechnen. Die Refraction des eigenen Auges combinirt mit dem ge-
fundenen Glase ergänzt die Refraction des untersuchten zu 2 E.
Die Accommodation muss selbstverständlich bei beiden Augen
vollständig ausgeschlossen sein und muss eventuell durch Homatropin
gelähmt werden, sonst erhält man die zu findende Refraction zu hoch,
die Hypermetropie zu schwach, die Myopie zu stark, und zwar um den
Betrag der vom untersuchenden oder vom Untersuchten aufgewendeten
Accommodation. Der Untersuchende muss desshalb sein Auge vollständig
in der Gewalt haben, was durch Uebung erlangt wird. Da Alles auf
die Knotenpunkte der Augen reducirt werden sollte, so empfiehlt es
sich, möglichst nahe zu gehen (wodurch gleichzeitig das Gesichtsfeld
sich erweitert) und bei stärkeren Gläsern die Entfernungen in Rech-
nung zu bringen. Man kann annehmen, dass ein hinter dem Augen-
spiegel befestigtes Glas etwa 15 mm vom Knotenpunkte des untersuchen-
den und mindestens 25 mm von dem des untersuchten Auges entfernt
ist. Da die Entfernung vom Auge für die Wirkung der Gläser nicht
gleichgültig ist, so folgt daraus, dass z. B. ein Emmetrope, der einen
Myopen untersucht, ein etwas stärkeres Concavglas braucht, als der
gleiche Myope, der einen Emmetropen untersucht, weil im ersteren
Falle das Concavglas weiter vom ametropischen Auge entfernt ist und
darum schwächer wirkt.
Bei geringeren Graden von Refractionsanomalie ist die Bestimmung
mit dem Augenspiegel leicht auf 1,0—0,5 Dioptrie genau. Ist das
benutzte Glas aber stärker als 6,0 oder 8,0 D, so wird die Bestimmung
ungenau, weil die Entfernung von den Knotenpunkten nicht sicher ge-
nug in Rechnung gebracht werden kann, namentlich dann, wenn keines
der Augen emmetropisch ist. Ueber 12,0 Dioptrien hinaus ist die ob-
jective Refractionsbestimmung nur in einzelnen Fällen mit Sicherheit zu
verwerthen, aber auch selten mehr von grosser practischer Wichtigkeit.
Als Object, auf welches bei der Refractionsbestimmung mit dem
Spiegel eingestellt werden sollte, ist selbstverständlich die Fovea
20 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
centralis anzusehen. Da hier aber keine auffälligen Einzelheiten zu
erkennen sind, so kommen besonders die kleinen Gefässchen in Betracht,
die vom Eintritt des Sehnerven nach der Macula lutea hin verlaufen:
man sucht das stärkste Convex- oder schwächste Concavglas, mit wel-
chem dieselben eben noch scharf gesehen werden können, und findet
daraus die Refraction des Auges. Da die Sehnervenpapille nicht in
der Eichtung der Blicklinie, sondern etwa 15 Grad nach innen von
derselben liegt, so muss man, um den Sehnerv zu Gesicht zu bekommen,
das zu untersuchende Auge um ebensoviel nasenwärts sehen lassen; es
zeigt sich dann meistens schon von weitem ein Weisslichwerden des
rothen Lichtes in der Pupille, das man beim Beleuchten derselben mit
dem Augenspiegel erhält. Die Refraction in der Peripherie des Augen-
grundes ist erheblich geringer, als die der Macula lutea und der Seh-
nervenpapille.
Ausser der Bestimmung der Refraction sind wir auf diese Weise
auch im Stande, die Details im Augengrunde bei nicht unerheblicher
Vergrösserung durchzumustern. Besitzen Untersuchender und Unter-
suchter Emmetropie und nehmen wir als sogenannte deutliche Sehweite
240 mm an (= 16 mal die Entfernung zwischen Knotenpunkt und
Netzhaut), so ist die Vergrösserung eine 16 fache. Die Papille eines
myopischen Auges erscheint grösser, die eines hypermetropischen Auges
unter gleichen Verhältnissen kleiner, als die eines emmetropischen, weil
das kurzsichtige Auge eine stärkere Refraction besitzt, gewissermafsen
eine stärkere Loupe darstellt, als die beiden anderen. Man hat unter
der Annahme, dass die wirkliche Grösse der Papille eine ziemlich con-
stante (1,5 mm) sei, die Vergrösserung derselben direct zur Refractions-
bestimmung zu benutzen gesucht ; doch hat dies Verfahren, weil umständ-
lich und doch nicht genauer, keinen Eingang in die Praxis gefunden.
Von dem untersuchten Augengrunde wird bei dieser Methode ein
umgekehrtes Bild im untersuchenden Auge entworfen, und dieses wird,
wie beim Sehen überhaupt, wieder als aufrechtes Bild nach aussen
projicirt (da bekanntlich von allen Gegenständen der Aussenwelt ein um-
gekehrtes Bild im Auge entworfen wird) und aufrecht, d. h. in seiner
natürlichen Lage, gesehen. Die oben beschriebene Untersuchungs-
methode mit dem Augenspiegel, wobei das aus dem einen Auge aus-
tretende Licht mit oder ohne Hülfe von Gläsern direct im andern
Auge vereinigt wird , heisst desshalb die Untersuchung im auf-
rechten Bilde.
Man kann aber auch noch auf eine andere Art sich den Augen-
grund eines Anderen zur Anschauung bringen. Wenn wir nämlich vor
Augenspiegel, umgekehrtes Bild.
21
ein Auge — nehmen wir an vor ein emmetropisches — dessen Augen-
grund diffus beleuchtet ist, ein starkes Convexglas anbringen (Fig. 8),
so werden die aus diesem Auge austretenden Strahlen, die bekanntlich
parallel sind, im Brennpunkte der Linse zu einem umgekehrten Bilde
vereinigt, und dieses können wir wie ein beliebiges anderes Object be-
trachten. Dies ist die Untersuchung: im umgekehrten Bilde. Die
Grösse des Bildes ab verhält sich zur Grösse des Objectes im Augen-
grunde c d, wie die Entfernung des Knotenpunktes von der Netzhaut
= 15 mm zur Brennweite der Linse al. Je grösser die Brennweite
der Linse, also je schwächer dieselbe ist, um so grösser wird auch
das Bild. Bei den gewöhnlich angewendeten Convexgläsern von 20,0
und 12,0 Dioptrien, also von 50 und 83 mm Brennweite, ist die Ver-
grösserung ungefähr eine drei- und fünffache, demnach viel geringer.
als im aufrechten Bilde. Dafür kann aber ein um so grösseres Stück
des Augenhintergrundes auf einmal übersehen werden, und desshalb dient
das umgekehrte Bild zur Uebersicht und Orientirung, das aufrechte für
die genaueren Einzelheiten und zur Refractionsbestimmung. Auch beim
umgekehrten Bilde hat man zuerst die Sehnervenpapille aufzusuchen;
desshalb muss das Auge des Untersuchten um etwa 15° nasenwärts
gedreht werden. Dies ist dann der Fall, wenn bei der nöthigen Ent-
fernung des Untersuchers und des Untersuchten letzterer mit dem
rechten Auge etwa das rechte Ohr, und bei Untersuchung des linken
Auges das linke Ohr des ersteren fixirt.
Bis jetzt wurde angenommen, der Untersuchte sei emmetropisch ;
ist derselbe aber myopisch, so haben wir zu bedenken, dass Myopie
= Emmetropie -|- einem Convexglase ist. Wenn desshalb die Myopie
des Untersuchten stark genug ist, so muss ohne weiteres bei diffuser
Beleuchtung des Augengrundes ein umgekehrtes Bild des letzteren vor
dem Auge entworfen werden, um so näher demselben und um so kleiner,
je stärker die Myopie ist, und dies ist auch in der That der Fall.
22 II- Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Der hierbei auf einmal zu übersehende Abschnitt des Augengrundes ist
aber sehr klein und kann desshalb diese einfache Untersuchungsmethode
nur in gewissen Fällen Verwendung finden. Gewöhnlich wird auch bei
der Untersuchung von kurzsichtigen Augen ein Convexglas zu Hülfe ge-
nommen. Da zu demselben sich noch die Convexglaswirkung des kurz-
sichtigen Auges summirt, die Gesammtwirkung sich also verstärkt, so
ist klar, dass bei Gebrauch des gleichen Convexglases die Vergrösserung
um so geringer wird, je stärker die Myopie ist (also gerade das Um-
gekehrte wie im aufrechten Bilde!). Beim schwächer brechenden
hypermetropischen Auge dagegen wird ein Theil der Wirkung des
Convexglases zur Correction der Ametropie absorbirt. die Gesammt-
wirkung ist eine schwächere, das Bild fällt weiter weg vom Auge und
ist stärker vergrössert, als bei Emmetropie und Myopie. Auch ist klar,
dass, wenn das untersuchte Auge accommodirt. die Vergrösserung eben-
falls eine geringere sein wird. Daraus ergibt sich der wichtige Satz,
dass im umgekehrten Bilde die Vergrösserung um so geringer ist, je
stärker brechend das untersuchte Auge ist.
Will man im umgekehrten Bilde untersuchen, so leuchtet man mit
dem Augenspiegel in die Pupille hinein und lässt, um den Sehnerven-
eintritt in die Gesichtslinie zu bringen, die entsprechende Blickrichtung
annehmen. Dann bringt man die Convexlinse vor das zu untersuchende
Auge, ungefähr um ihre Brennweite vom Auge entfernt, weil man dann
das grösstmögliche Gesichtsfeld erhält, und sucht durch leichte Drehungen
oder Verschiebungen derselben die störenden Reflexe möglichst aus der
Gesichtslinie zu entfernen. Wer myopisch ist, kann nun ohne Weiteres
in entsprechender Entfernung den Augengrund deutlich sehen, der
Emmetrope und Hypermetrope muss entsprechend accommodiren. Da
es aber wünschenswerth ist, dass der Untersuchende beim Augenspiegeln
seine Accommodation möglichst aus dem Spiele lasse, so ist es vorzu-
ziehen, wenn das Auge künstlich kurzsichtig gemacht und etwa auf
25 cm eingestellt wird. Ein Emmetrope hätte zu dem Ende ein Convex-
glas von 4,0 D hinter seinem Spiegel anzubringen ; beim Hypermetropen
verstärkt sich dies um den Betrag der Hypermetropie, beim schwachen
Myopen ist es entsprechend schwächer.
Zur übersichtlichen Untersuchung benutzt man am besten ein
möglichst grosses Convexglas von 20,0 D ; will man eine stärkere Ver-
grösserung haben, so nehme man etwa Convex 12,0. Schwächere Convex-
gläser sind nicht mehr empfehlenswerth ; ist die Vergrösserung noch zu
schwach, so benutze man lieber das aufrechte Bild.
Augenspiegel. 23
Bei höheren Graden von Myopie kann auch das umgekehrte Bild
mit Vortheil zur Bestimmung der Refraction benutzt werden. Der
Untersuchende stellt sein Auge mit Hülfe eines entsprechenden Convex-
glases etwa auf 25 cm ein und sucht nun die grösste Entfernung, in
der das umgekehrte Bild noch eben scharf gesehen wird. Beträgt
hierbei die Entfernung beider Augen (genauer der Knotenpunkte der-
selben), die man mit einem Mafsband messen kann, z. B. 33 cm, so ist
die Refraction des untersuchten Auges gleich E -f- einer Convexlinse von
33—25 = 8 cm Brennweite, also von 100 / 8 = M 12.5 D. Ist der Unter-
suchende selber kurzsichtig, so braucht er kein Hülfsconvexglas hinter
dem Augenspiegel und hat statt dessen nur seine eigene Kurzsichtig-
keit in Rechnung zu bringen.
Die Beschreibung des normalen Augengrnndes wird später folgen,
und die Erkrankungen der tieferen Theile des Auges einleiten. Die
Theorie des Augenspiegels ist höchst einfach, die richtige und sichere
Handhabung desselben erfordert aber Uebung. Man sei möglichst spar-
sam mit pupillenerweiternden Mitteln und verwende, wo sie unumgäng-
lich sind, womöglich kein Atropin, sondern Homatropin oder Cocain in
1 / g — l°/ iger Lösung.
Bestehen im Augengrunde Niveaudifferenzen, so wird die Refraction der Details
um so stärker, je weiter sie vom Knotenpunkte des Auges entfernt sind. Ist z. B.
bei E die Sehnervenpapille vertieft, so zeigt ihr Rand E an, während die Einzel-
heiten auf der Papille myopische Refraction besitzen. Im aufrechten Bilde können
wir desshalb nicht nur das Vorhandensein, sondern auch den Grad der Niveaudiffe-
renz erkennen, welch letzterer sich aus dem Grad des Refractionsunterschiedes be-
rechnen lässt. Im umgekehrten Bilde zeigt sich eine Niveaudifferenz dadurch an,
dass bei Bewegungen mit der Convexlinse die Verschiebung der in verschiedenem
Niveau liegenden Einzelheiten eine ungleich grosse ist (sogen, parallactische
Vorschiebun g).
Mit dem Augenspiegel kann man aber nicht nur den Augenhinter-
grund sehen, sondern auch was zwischen Hornhaut und Netzhaut patho-
logischerweise vorhanden ist: Trübungen der brechenden Medien. Die-
selben erscheinen mehr oder weniger dunkel in dem roth erleuchteten
Pupillargebiet. Um die Lage der Trübung festzustellen, ob vor oder
hinter der Pupille, bewegt sich der Untersuchende langsam seitwärts
(Fig. 9 in der Richtung des grossen Pfeils), während das untersuchte
Auge ruhig bleibt. Trübungen vor der Pupille bewegen sich dann
scheinbar in der entgegengesetzten Richtung, Trübungen hinter der Iris
in der gleichen, während Trübungen in der Pupille ihren Ort nicht
verändern. Bewegt sich dagegen das untersuchte Auge, während das
untersuchende feststeht, so ist das Umgekehrte der Fall, weil Trübungen
24 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
hinter der Pupille dem Drehpunkt D des Auges näher sind, sich also-
langsamer bewegen, als das Pupillargebiet, während Trübungen vor der
Pupille sich rascher bewegen, gewissermafsen voraneilen.
Trübungen, die sich freibewegen, haben ihren Sitz fast immer im
Glaskörper; sie flottiren noch, nachdem das Auge schon wieder feststeht.
Man suche desshalb zuerst nach feststehenden Trübungen, indem man
in allen Kichtungen das Auge durchleuchtet; sodann nach beweglichen,
indem man das Auge Bewegungen ausführen lässt. während das Pupillar-
gebiet beleuchtet wird. Sehr feine staubförmige und sehr wenig dichte
Fig. 9.
Trübungen werden meist bei schwacher Beleuchtung besser erkannt;
aus diesem Grunde kann man hierzu auch einen Planspiegel anwenden,
der weniger Licht in's Auge wirft, als die gewöhnlich gebrauchten
Concavspiegel. Die besprochene Methode heisst Untersuchung im
durchfallenden Lichte.
Mit Hülfe der bei jedem Augenspiegel vorhandenen starken Convex-
linse kann man das Licht einer Lampe oder Kerze concentriren und
hiermit die vorderen Theile des Auges: Hornhaut, Kammerwasser, Iris
und Linse untersuchen; bei weiter Pupille und hochgradiger Hyper-
metropie, z. B. bei Staaroperirten, gelingt es zuweilen, sogar den Augen-
grund zu sehen. Es ist dies die Untersuchung bei seitlicher
Beleuchtung. Wenn man hierbei noch eine Loupe zu Hülfe nimmt,
lassen sich öfters Einzelheiten entdecken, die weder mit blossem Auge,
noch im durchfallenden Lichte zu erkennen sind.
Bei der Spiegeluntersuchung beginne man mit der seitlichen Be-
leuchtung, untersuche dann im durchfallenden Lichte bei ruhendem und
bewegtem Auge, sodann im umgekehrten und, wenn nöthig, auch im
aufrechten Bilde. Man mache es sich zur festen Regel, wenn man
einmal den Spiegel zur Hand nimmt, alle diese Methoden in der an-
Bestimmung der Accommodati*
25
gegebenen Reihenfolge anzuwenden und keine auszulassen: manch un-
erwarteter Befund wird so entdeckt, der sonst nicht erkannt worden wäre.
Die Erfindung des Augenspiegels haben wir Helmholtz (1851) zu verdanken,
und seitdem ist die Zahl der Modelle Legion. Helmholtz benutzte ursprünglich als
Spiegel ein Bündel planparalleler Glasplatten, wodurch das Licht polarisirt wird
und die störenden Reflexe fast ganz vermieden werden; doch ist die Beleuchtung
eine sehr schwache. Jetzt sind fast nur noch durchbohrte Glas- oder Metallspiegel
im Gebrauche, und zwar Concavspiegel ; nur für ganz besondere Zwecke: für sehr
feine Trübungen der brechenden Medien, die bei zu starker Beleuchtung übersehen
werden können, ist ein Planspiegel vorzuziehen.
Der meist gebräuchliche Augenspiegel ist der von Liebreich, der überall
für etwa 12 Mark zu haben ist; doch ist die Untersuchung im aufrechten Bilde
damit sehr unvollkommen. Wer beabsichtigt, sich wirklich mit Spiegeluntersuch-
ungen abzugeben, wähle eines der zahlreichen Modelle, bei denen mit Hülfe einer
oder zweier Scheiben die ganze Gläserreihe hinter den Spiegel gebracht werden
kann (Wecker, Landolt, Hirschberg, Loring u. s. w.), die sämmtlich zu
etwa 40 Mark im Handel sind. Ein guter Augenspiegel soll nicht zu kleine Gläser
haben; auch soll die Oeffnung, durch die man sieht, mindestens 3mm Durchmesser
haben und innen gut geschwärzt sein. Je weniger dick der Spiegel sammt Gläser-
scheiben ist, um so vortheilhafter ist dies für die Untersuchung.
Ein solcher Refractionsaugenspiegel, dessen Gläser genügend gross sind, z. B.
der Landolt'sche, kann auch im Nothfalle als Brillenk asten benutzt werden, wenn
der Spiegel selbst herausgenommen wird. Doch ist zu genauer Sehprüfung ein
Brillenkasten nicht zu entbehren, der mit allem nöthigen Zubehör immerhin auf
circa 100 Mark, ohne Prismen und Cylindergläser auf 40—50 Mark zu stehen
kommt. Exacte Sehprüfungen muss aber jeder practische Arzt
machen können, wenn er nicht die folgenschwersten Irrthümer be-
gehen will. Auch wenn er gar nicht weiter Augenheilkunde zu treiben beabsich-
tigt, soll er wenigstens bestimmt wissen, wann der Patient eines Augenarztes bedarf.
Die nöthigen Sehproben finden sich in jedem Medicinalkalender.
Zur Bestimmung der Acconunodation haben wir zu suchen,
welcher Convexlinse die maximale Wirkung des Accommodationsappa-
rates entspricht. Beim Emmetropen ist dies sehr einfach. Sein Auge
ist in der Ruhe auf unendliche Ferne eingestellt .; vermag er mit Hülfe
der Accommodation noch in 10 cm Entfernung scharf und deutlich zu
sehen, so ist die Wirkung genau die gleiche, als ob dem Auge eine
Convexlinse von 10 cm Brennweite hinzugefügt worden wäre. Die
Accommodationsfähigkeit ist also gleich 100 / 10 = 10,0 D. Man hat also
nur zu messen, in welchem nächsten Abstand vom Knotenpunkte des
Auges (8 mm hinter der Hornhautoberfläche) feine Schrift noch erkannt
werden kann.
Ein Hypermetrope muss schon Accommodation aufwenden, um nur
für paralleles Licht einzustellen; würde auch ein solcher auf 10 cm
Entfernung noch deutlich sehen, so muss der Linse + ^fi D noc ^ der
26 II- Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Betrag der H hinzugezählt werden, während beim Kurzsichtigen, dessen
Refraction an und für sich schon E -f- M beträgt, der Grad der M ab-
zuziehen ist.
Der Punkt, auf welchen das Auge bei erschlaffter Accommodation
eingestellt ist. heisst der Fernpunkt, punctum remotum (p r). der-
jenige, auf welchen das Auge bei höchster Accommodationsthätigkeit
eingestellt ist, der Nah ep unkt, punctum proximum (p p). Der Fern-
punkt des Emmetropen liegt in unendlicher, der des Kurzsichtigen
in endlicher Entfernung, während das Auge des Uebersichtigen in
der Ruhe auf gar keinen Punkt eingestellt ist. Die Strahlen müssen
nach einem gewissen Punkte hinter dem Auge convergiren, um auf der
Netzhaut vereinigt zu werden. Dieser Punkt ist der Fernpimkt des
Hypermetropen ; er ist negativ, weil er hinter dem Auge liegt. Der
Xahepunkt liegt bei allen drei Refractionszuständen in endlicher Ent-
fernung vor dem Auge : nur bei hochgradiger Hypermetropie kann auch
der Xahepunkt hinter dem Auge liegen, wenn nämlich die Accommo-
dation nicht mehr ausreicht, um für paralleles Licht einzustellen, wenn
sie schwächer, als der Grad der H ist. Dabei tritt das scheinbar paradoxe
Verhältniss ein, dass der Fernpnnkt dem Auge näher liegt, als der
Xahepunkt. wenn beide negativ sind.
Bestimmt man den Xahepunkt der Augen einzeln (m o n o c u 1 ä r e r
Xahepunkt), so liegt derselbe etwas näher, als wenn man beide
Augen zusammen prüft (b in o c u 1 ä r e r Nahe p u n k t). Der monoeuläre
Xahepunkt lässt sich aber nur dann erreichen, wenn das andere Auge
stärker convergirt. als der betreffenden Entfernung entspricht, wenn es
mit anderen Worten einwärts schielt. Auf dieses Verhältniss werden
wir noch zurückkommen. Die Wirkung der Accommodation. in Convex-
uiä<nrn ausgedrückt, heisst die A ecomm oda tio n sbreite (Acc. oder A).
Bei herabgesetzter Accommodationsbreite, wenn der Xahepunkt zu-
weit vom Auge abliegt, lässt sich letzterer nicht mehr genau genug
mit Schriftproben bestimmen. Man setzt dann ein Convexglas von be-
kannter Stärke vor das Auge und bestimmt jetzt den Fern- und Xahe-
punkt. Wird z. B. bei Vorhalten von -f- 5,0 von einem Patienten mit
H 1,0 in 17 cm der Xahepunkt gefunden, so würde dies einer Linsen-
wirkung von 100 / 17 = 6,0 D entsprechen; davon die vorgehaltene Convex-
linse von 5.0 D abgezogen bliebe 1.0 Accommodation, wozu aber nach
der allgemeinen Regel der Betrag der H (1.0) zuzuzählen ist: Die
Accommodationsbreite beträgt also in diesem Falle 2.0 D.
Es ist klar, dass, wenn man Fern- und Xahepunkt kennt, damit
sowohl Refraction als Accommodation bekannt ist. Man hat nur die
Emmetropie. 27
Entfernung des Fernpunktes vom Auge nach Centimeteni in 100 zu
theilen, um die Refr.action in Dioptrien zu erhalten. Liegt z. B. der
Fernpunkt 20 cm vor dem Auge, so besteht M 100 / 20 = 4,0 (R-f-4,0),
liegt er z. B. 40cm hinter dem Knotenpunkte des Auges, so haben
wir R — 100 / 40 = R — 2,5 = H 2,5. Die Accommodation wird dann wie
angegeben berechnet.
Die Instrumente, welche man benutzt, um Fern- und Nahepunkt zu bestimmen,
heissen Optometer; es sind deren eine grosse Menge construirt worden, die aber
alle in der Praxis wenig benutzt werden. Sie beruhen meistens darauf, dass ge-
prüft wird, innerhalb welcher Grenzen durch eine ziemlich starke Convexlinse scharf
gesehen wird. Meist ist die Theilung derart, dass direct die Refraction abgelesen
werden kann.
Die Accommodationsbreite kann auch sehr einfach dadurch be-
stimmt werden, dass man die Refraction auf E corrigirt und dann mit
Leseproben den Nahepunkt bestimmt. 100 dividirt durch die Entfernung
des Nahepunktes in Centimeteni gibt dann direct die Accommodation
in Dioptrien.
Der Raum, der bei gleicher Accommodationsbreite beherrscht wird
(Accommodationsbereich), kann je nach der Refraction sehr ver-
schieden sein. Bei Acc = 10,0 D sieht ein Emmetrope scharf von un-
endlicher Entfernung bis 100 / 10 = 10 cm vor dem Auge. Bei H 2,0 sind
bei gleicher Accommodation nur noch 8,0 D verwendbar, da 2,0 zur
Correction der H dienen müssen ; der Nahepunkt liegt dann in
100 / 8 = 12,5 cm. Ein M 10,0 dagegen, dessen Fernpunkt in 10 cm liegt,
erzielt mit 10,0 D Accommodation eine Gesammtwirkung von 20,0 D;
sein Nahepunkt liegt in 100 / 20 = 5cin, er kann mit Acc =10,0 nur
zwischen 10 und 5 cm Entfernung vom Auge scharf sehen. Corrigirt
er dagegen seine Refraction, so ist er in der gleichen Lage, wie der
Emmetrope. Bei den Refractionsanomalien wird davon noch mehr die
Rede sein.
Emmetropie. Emmetropie im strengsten Sinne des Wortes, dass
bei ruhendem Auge genau paralleles Licht auf der Netzhaut vereinigt
wird, kommt im wirklichen Leben wohl selten vor. In praxi versteht
man darunter den Brechzustand, der zwischen H 0,5 und M 0,5 D liegt,
da solche geringfügige Refractionsanomalien keine Beschwerden machen.
Emmetropisch und normal decken sich nicht. Das Auge des Neugeborenen
ist im Durchschnitt ziemlich hypermetropisch, das Wachsthum findet dann in allen
Dimensionen statt, vorwiegend aber in der Richtung der Längsachse
des Auges. Dadurch wird das Auge stärker brechend und wenn es ausgewachsen
ist, hat es eine Refraction erreicht, durchschnittlich etwa zwischen E und Hl,0.
Auch wenn nachträglich noch Vergrösserung stattfindet — meist pathologisch — so
28
II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
überwiegt die Ausdehnung in der Längenachse und es tritt Kurzsichtigkeit ein.
Im späteren Alter, etwa vom sechzigsten Jahre an, pflegt die Refraction etwas
abzunehmen, woran Abflachung der Linse den Hauptantheil hat; diese Abnahme
überschreitet aber kaum das Mafs von 1 — 2,0 D. Hierbei ist auch von Wichtigkeit,
dass mit zunehmendem Alter die Linse immer mehr homogen wird. Helmholtz
hat nachgewiesen, dass die Linse dem Umstände, dass sie aus Schichten von ver-
schiedener, nach der Mitte zunehmender. Brechbarkeit zusammengesetzt ist. eine
höhere Brechkraft verdankt, als wenn sie vollständig aus stärkstbrechender Kern-
substanz bestünde. Dieses ,, Homogenwerden " der Linsensubstanz hat ebenfalls An-
theil an der Refractionsabnahme des Auges im höheren Alter.
Für die Function des emmetropischen Auges ist aber von funda-
mentalster Wichtigkeit das Verhalten der Accommodation. Beim Neu-
geborenen und im frühen Kindesalter ist sie ausserordentlich hoch, aber
schwer genau zu bestimmen. Im Alter von 10 Jahren beträgt sie
10 15 20 25 30 35 W ¥5 50 55 60 65 70 75 SO
\ r____z[
75
73
72
71
70
9
8
7
6
5
*
3
2
+/
-1
2
Fig. 10 (nach Bonders umgerechnet).
durchschnittlich 15,0 D; der Nahepunkt liegt also in leo / 15 = 6,7 cm.
Von dieser Zeit an nimmt die Accommodationsfähigkeit fortwährend
und mit so grosser Regelmässigkeit ab, dass man aus der Accommo-
dationsbreite das Alter des Individuums, abgesehen von pathologischen
Vorkommnissen, ziemlich genau schätzen kann. Fig. 10 zeigt uns dies
Verhalten. Die untere Linie gibt die Refraction an; wir sehen, wie
Presbyopie. 29
nach dem 5o. Jahre dieselbe negativ wird und im 80. Jahre H 1,75
erreicht. Die Accommodation (die Höhe jedes Quadrates entspricht
1.0 D) beträgt im 10. Jahre 15,0 D, im 32. Jahre noch die Hälfte, im
45. Jahre etwa 4,0 D und ist im 70. Jahre so ziemlich aufgehoben.
Entsprechend dieser Accommodation sabnahme rückt natürlich der Nahe-
punkt immer weiter vom Auge ab, und es tritt eine Zeit ein, wo feinere
Gegenstände nicht mehr oder nur noch mühsam erkannt werden, weil
sich das Auge nicht mehr andauernd für die nahe Entfernimg einstellen
kann, die- zum Erkennen kleiner Gegenstände nöthig ist. Das Auge hat
noch volle Sehschärfe für die Ferne, vermag aber anhaltende Beschäf-
tigung in der Nähe nicht mehr auszuhalten. Dies tritt besonders bei
künstlicher Beleuchtung ein. und desshalb machen sich die Beschwerden
meist zuerst im Winter geltend, wo die Tage kürzer sind. Zum Lesen
wird die Schrift so weit als möglich vom Auge entfernt gehalten, um
noch in den Bereich der Accommodationsbreite zu fallen. Den Symp-
tom en-Complex, dass bei guter Sehschärfe die Augen nicht andauernd
benutzt werden können, nennen wir „schwache Augen"*) oder
Asthenopie; er wird uns später noch häufig begegnen. Er tritt
beim Emmetropen zu der Zeit ein, wo nicht mehr dauernd auf 25 cm
accommodirt werden kann, wenn also Acc weniger als 100 / 25 = 4,0 D
beträgt. Nach Fig. 10 wäre dies im 45. Jahre der Fall; da aber die
maximalste Anspannung nicht anhaltend vertragen wird, tritt es einige
Jahre früher, etwa mit dem 42. Jahre ein. Asthenopie in Folge Ab-
nahme der Accommodationsfähigkeit heisst Alterssichtigkeit oder
Presbyopie (P). Der Grad wird bestimmt durch dasjenige Convex-
glas, welches den Nahepunkt auf 20 cm bringt, welches also mit der
noch vorhandenen Acc zusammen 5.0 D gibt, weil maximalste Anspan-
nung eben nicht dauernd vertragen wird. Das zu benutzende Convex-
glas muss also so viele Dioptrien stark sein, als die obere Curve der
Fig. 10 unter der punktirten Horizontalen 5 D liegt. Häufig werden vom
Patienten etwas schwächere Gläser vorgezogen, weil er sich in Folge
seiner Presbyopie angewöhnt hat, Alles möglichst weit vom Auge weg-
zuhalten; besonders ist dies im höheren Alter der Fall. Das Sehen in
die Ferne wird natürlich durch die Lesebrille verschlechtert. Aus Furcht
vor zu starken Gläsern wird sehr häufig ein zu schwaches Glas ge-
tragen, und die damit natürlich nicht vollständig gehobenen Beschwerden
werden auf Rechnung „zu grosser Stärke" geschoben.
*) Allenfalls auch „Augenschwäche" ; Schwachsichtigkeit bedeutet Abnahme
der Sehschärfe.
30 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Es empfiehlt sich beim Verordnen der Gläser, auch wenn lange
gar keine oder viel zu schwache getragen wurden, nicht zu grosse
Sprünge zu machen, weil dadurch das Yerhältniss zwischen
Convergenz und Accommodation zu plötzlich gestört würde.
Wenn die Augen parallel stehen, ist auch die Accommodation erschlafft,
wenn sie auf 25 cm convergiren, wird gleichfalls auf 25 cm accommo-
dirt und dadurch bildet sich allmälig ein festes Verhältniss heraus,
dass Convergenz auf eine bestimmte Distanz mit Accommodation auf
die gleiche Entfernung verbunden ist. Störung dieses Verhältnisses
macht asthenopische Beschwerden.
Trotzdem ist es möglich, sowohl bei Convergenz auf eine bestimmte
Entfernung für einen näheren und ferneren Punkt zu accommodiren. als
auch bei Accommodation auf eine bestimmte Distanz stärker und
schwächer zu convergiren. Ersteres, die Fähigkeit stärker und schwächer
zu accommodiren bei Convergenz auf eine bestimmte Entfernung,
nennt man die relative Accommodationsbreite ; sie setzt sich zu-
sammen aus einem positiven und negativen Theil. Wenn z. B.
bei Convergenz auf 25 cm sowohl auf 50, als auf 20 cm accommodirt
werden kann, so schwankt die Acc zwischen 100 / 50 = 2,0 und 100 / 20 = 5,0 D,
während die Acc auf 25 cm 100 / 25 = 4,0 betragen würde. Die relative
Accommodationsbreite beträgt dann 5 — 2 = 3,0 D, von denen 2,0 auf
den negativen Theil (relative Entspannung) und 1,0 auf den positiven
(stärkere Anspannung als der Entfernung entspricht) fallen. Bei Parallel-
stellung der Augen kann die Acc nicht weiter erschlafft werden, die
ganze relative Acc ist also positiv; umgekehrt ist bei Fixation des
Nahepunktes weitere Accommodation nicht möglich, die gesammte
relative Acc demnach negativ. Je grösser der positive Antheil der
relativen Acc ist, um so andauernder kann Accommodation der Augen
auf die betreffende Entfernung ausgehalten werden ; dauernde Accommo-
dation auf den Nahepunkt wird nicht ertragen, wie wir schon bei der
Presbyopie gesehen haben. Der Grad der relativen Accommodations-
breite wird bestimmt durch dasjenige Concav- (positiver Theil) und
Convexglas (negativer Theil), mit dem auf eine gewisse Entfernung
binoculär noch deutlich gesehen werden kann.
Die Fähigkeit, bei Accommodation auf eine bestimmte Entfernung
stärker und weniger stark zu convergiren, als dieser Distanz entspricht,
nennt man Adduction und Abduction. Sie wird bestimmt durch
Prismen mit der Basis nach innen (Abduction) oder nach aussen (Ad-
duction), die successive von den schwächsten anfangend vor das Auge
gehalten werden, bis Doppeltsehen eintritt (Fig. 11). Wenn z. B. bei
Distanz der Augen. 31
der Accommodation auf 25 cm Prismen von 14 ° mit der Basis nach
innen (oder mit der brechenden Kante nach aussen) und von 9° mit
der Basis nach aussen überwunden werden, stärkere Prismen dagegen
Doppeltsehen verursachen, so notirt man: auf 25cm Abd 14°, Add 9°.
Das Weitere kommt bei den Muskelstörungen zur Sprache.
Bei Verordnung von Brillen ist auch auf die Distanz der Augen
Rücksicht zu nehmen; dieselbe schwankt beim Erwachsenen zwischen
48 und 72 mm und beträgt in der Begel um 60 mm. Man misst die-
selbe am besten mit einem doppelten Mafsstab, während das Auge einen
fernen Gegenstand lixirt, am besten vom inneren Hornhautrand des
einen zum äusseren des anderen Auges. Die Scalen des Doppelmafs-
stabs müssen sich bei der Ablesung genau decken. Wird eine Brille
für die Nähe verordnet, so genügt es in der entsprechenden Entfernung
Fig. 11.
sein eigenes Auge fixiren zu lassen und dann mit einem einfachen Mafs-
stab, an der Stelle, wohin die Brille zu sitzen kommt, den Abstand
auf die angegebene Weise zu messen. Addirt man hierzu je nach der
Grösse der Distanz 2 — 4 mm, so erhält man den wirklichen Abstand
genügend genau. Starke Gläser wirken an ihrem Bande wie ein Prisma.
Man benutzt dies Verhalten häufig bei höheren Graden von Presbyopie.
Setzt man die Gläser näher, als dem Augenabstand entspricht, so wirken
sie, wie Prismen mit der Basis nach innen, also abducirend (siehe
Fig. 11). Der Patient braucht desshalb, wenn er auf einen Gegenstand
einstellt, weniger stark zu convergiren als der Entfernung entspricht,
wobei seine recti interni weniger stark ermüden, und hält die Nahe-
arbeit besser und länger aus. Wir verschreiben desshalb z. B. Brille
beiderseits Convex 3,5 ; Distanz (der Brillengläser !) 54 mm, wenn die
wirkliche Distanz für die Arbeit in der Nähe 56 oder 57 mm beträgt.
32 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Die Blicklinie FG Fig. 5, Seite 11, d. h. die Linie, welche von der
Fovea centralis durch den Knotenpunkt des Auges gezogen wird, fällt
nicht genau mit der Hornhautaxe, der auf dem Hornhautmittelpunkt
senkrechten Linie. HA zusammen. Beide bilden mit einander den so-
genannten Winkel «, der beim emmetropischen Auge ca. 5° beträgt.
Beide Hornhautaxen divergiren desshalb bei parallel gerichteten Blick-
linien um etwa 10°. Abnorme Grösse und Kleinheit des Winkels a
kann den Anschein von Schielen erregen , obschon die Blicklinien
vollständig richtig gerichtet sind.
2. Refractionsanomalien.
1. Hypermetropie ist der Befractionszustand, bei welchem paralleles
Licht erst hinter der Netzhaut zur Vereinigung kommt. Das hyper-
metropische Auge ist schwächer brechend, als das emmetropische, es
ist = E— H. Von Ursachen wären hauptsächlich zu nennen: Abflachung
der Hornhaut, Fehlen oder Abflachung der Linse, Vorgedrängtsein der
Netzhaut und zu kurze Längsaxe des Auges. Letzteres ist bei Weitem
die häufigste Ursache ; auch die schon erwähnte Hypermetropie des
neugeborenen Auges beruht darauf. Alle Gewebe des hypermetropischen
Auges (abgesehen von den zuerst genannten pathologischen Formen, die
einstweilen nicht weiter berücksichtigt werden) sind durchaus normal;
auch der Augenspiegel zeigt durchaus normale Verhältnisse.*) Nur bei
höheren Graden erscheint die Netzhaut am Sehnerveneintritt wie ver-
dickt und leicht gestreift, die Gefässe geschlängelt „wie wenn die Netz-
haut in dem zu kleinen Auge nicht recht Platz hätte. ■ Das hyper-
metropische Auge ist in allen Dimensionen kleiner als das emmetropische,
am stärksten verkürzt ist aber die Längsaxe. Alles dies berechtigt
uns, das hypermetropische Auge als ein im Wachsthum zurückgebliebenes,
als ein nicht völlig ausgewachsenes zu bezeichnen. Der Winkel « wird
im Durchschnitt grösser gefunden, als bei Emmetropie; dies kann
scheinbares Auswärtsschielen bedingen, das aber nie operirt
werden darf, da die Blicklinien hierbei ganz richtig stehen !
Die Sehstörungen der Hypermetropen hängen vom Verhalten der
Accommodation ab; bei geringen Graden und ausreichender Acc sind
sie sehr unbedeutend; sie können aber auch sehr hochgradig sein. Da
die Acc mit dem Alter abnimmt, so pflegen sie mit den Jahren zuzu-
*) Häufig tritt auch in hypermetropischen Augen pathologische Vergrösserung
und Axenverlängerung ein und wir finden dann ähnlichen Befund, wie bei der
Mehrzahl der Kurzsichtigen.
Hypermetropie. 33
nehmen: es tritt der Zustand der Presbyopie (Seite 29) um so früher
ein, je hochgradiger die H ist. Die Asthenopie ist um so stärker, je
mehr Nahearbeit von den Augen verlangt wird. Daher werden hyper-
metropische Augen vom Publikum als „schwache Augen" ganz richtig
bezeichnet.
Weil die Accommodation stärker beansprucht wird, als bei E, so
hypertrophirt der Accommodationsmuskel ; namentlich die .Ringfasern
des Musculus ciliaris sind stärker entwickelt. Die Accommodations-
breite ist desshalb meist höher, als bei einem gleichalterigen Emme-
tropen.
Nach Donders' unterscheidet man absolute H, wenn auch bei maximalster
Accommodationsanspannung nicht mehr für paralleles Licht eingestellt werden kann,
wenn auch der monoculäre Nahepunkt (Seite 26) negativ ist; relative H, wenn
nur mit Aufgabe des binoculären Sehens und Einwärtsdrehen des anderen Auges
in endlicher Entfernung gesehen werden kann, wenn der monoculäre Nahepunkt
positiv, der binoculäre negativ ist; und endlich facultative H, wenn auch bino-
culär in endlicher Entfernung gesehen wird. Diese Eintheilung hat nur theoretische
Bedeutung, da natürlich mit Abnahme der Acc eine facultative H in relative und
später in absolute übergehen kann.
Die Eintheilung in geringe (0,5—2,0), mittlere (2,0—4,0) und hohe Grade
(über 4,0) ist auch nur von sehr bedingtem Werthe.
Die relative Acc ist bei H naturgemäfs derart verschoben, dass
überall der negative Theil grösser ist, als bei E. Desshalb besteht
auch oft schon Asthenopie, wenn die Acc an und für sich noch voll-
kommen ausreichen würde.
Da, wie wir früher gesehen haben, der monoculäre Nahepunkt dem
Auge näher liegt, als der binoculäre, demnach mehr Accommodation
aufgebracht werden kann, wenn stärker convergirt wird, als der Ent-
fernung entspricht, so besteht bei H Neigung zu übermässiger Conver-
genz, d. h. zum Einwärtsschielen; wovon später.
Wir bestimmen den Grad der H, indem wir das stärkste Convex-
glas heraussuchen, mit dem noch scharf in die Ferne gesehen wird;
damit kommen wir aber nicht immer aus. Es liegt auf der Hand, dass
der Theil der Acc, der zur Correction der H dient, zum Sehen für ge-
wöhnlich nicht verwendet wird. Der Hypermetrope gewöhnt sich an,
sowie er fixirt, gleich soviel Acc auf/Aiwenden, als seiner H entspricht.
Dies gilt besonders für mittlere und höhere Grade: Convexgläser ver-
schlechtern sogar anscheinend. Wir bekommen häufig bei der Bestim-
mung mit Gläsern einen zu geringen Grad, nur die sogenannte mani-
feste oder offenbare H. Ein anderer Theil, die sogenannte latente
oder verborgene H, lässt sich nicht ohne Weiteres nachweisen. Beide
Knies, Augenheilkunde. 3
34 IL Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
zusammen geben dann die gesammte oder totale H, die wirkliche
Refraction. Zuweilen besteht förmlicher Accommodationskrampf, der
sogar Kurzsichtigkeit vortäuschen kann und Lähmung der Acc durch
Atropin oder Homatropin nöthig macht, um die wirkliche Eefraction
zu bestimmen. Meist kommt man doch ohne dies aus, entweder, in-
dem man nur ganz allmälig mit den Gläsern steigt, oder gerade im
Gegentheil gleich ein der vermutheten H nahekommendes Glas vor-
hält. Sehr häufig kann man die latente H manifest machen, indem
man beide Augen gleichzeitig untersucht. Ein wirklicher tonischer
Accommodationskrampf ist seltener, als vielfach angenommen wird; er
kommt noch am häufigsten vor, wenn das Auge durch die Untersuchung
stark angestrengt wurde. Im aufrechten Bild des Augenspiegels ge-
lingt es mit einiger Geduld fast immer, die wahre Refraction auch ohne
Atropin oder Homatropin festzustellen; es genügt dazu Nachlass der
Accommodation nur für Augenblicke, und dies tritt bei einigem Zu-
warten immer ein, namentlich wenn man mit dem Spiegel dem unter-
suchten Auge so nahe wie möglich geht. Zu stark kann ja die
Refraction nie gefunden werden.
Die Therapie besteht in der Verordnung einer passenden Convex-
brille, resp. Zwicker, der bei geringen Graden nur zur Nahearbeit ge-
tragen zu werden braucht. Obschon es an und für sich wünschens-
werth wäre, die ganze H zu corrigiren, lässt es sich doch gleich von
Anfang an nur bei massigen Graden durchführen. Meist empfiehlt es
sich, zuerst nur die manifeste H oder etwa die Hälfte der totalen zu
corrigiren und allmälig mit den Gläsern zu steigen, um nicht zu plötz-
lich und zu stark das Yerhältniss der relativen Accommodationsbreite,
der Abduction und Adduction, zu ändern. Um die Convergenz zu ent-
lasten, ist es im Allgemeinen gut, die Gläser etwas näher zu stellen,
als der wirklichen Pupillendistanz entspricht, wobei sie die Wirkung
leicht abducirender Prismen erhalten. Wenn für Nähe und Ferne nicht
mehr das gleiche Glas benutzt werden kann, lässt man am besten die
Correction für die Ferne ständig als Brille tragen und gibt dazu ein
Pince-nez für die Nähe.
Hochgradige Hypermetropen, besonders solche mit absoluter und
relativer H, werden nicht selten für kurzsichtig gehalten, weil sie bei
der Unmöglichkeit scharf zu sehen, alles möglichst nahe nehmen,
um möglichst grosse Netzhautbilder zu bekommen. Concavgläser ver-
schlechtern aber, und im Zweifel sichert der Augenspiegel die Diagnose
und bestimmt den Grad der H, die dann auch mit Gläsern nachge-
wiesen werden kann. Für H aus anderen Gründen gelten die gleichen
Kurzsichtigkeit. 35
Kegeln ; häufig ist hierbei auch gleichzeitig die Sehschärfe herabgesetzt
was auch bei reiner H, wenn sie gewisse Grenzen überschreitet und eine
ausgesprochene Entwickelungshemmung darstellt, der Fall ist. Da bei
herabgesetzter Sehschärfe Alles näher genommen werden muss, sind
meist stärkere Gläser nöthig.
Die Kefraction, die durch Entfernung der Linse aus dem Pupillar-
gebiet entsteht, nennt man Aphakie oder Linsenlosigkeit, gleichgültig,
ob dabei die Linse noch im Auge ist oder nicht. Gewöhnlich ist hoch-
gradige H vorhanden, etwa 10 — 11,0 D bei solchen, die vorher E be-
sassen. Bei Hypermetropen ist nach Entfernung der Linse die H noch
stärker,, bei vorher Kurzsichtigen entsprechend schwächer; ja es kann
bei hochgradiger M vorkommen, dass bei Aphakie E oder selbst schwache
M besteht. Solche Patienten können z. B. nach Staaroperation ohne
Brille in die Ferne sehen, selbst lesen; doch ist dies immerhin ziem-
lich selten. Da ohne Linse keine Accommodation möglich ist, muss
für Nähe und Ferne eine besondere Brille verordnet werden. Viele
kommen damit aus, für die Ferne ein etwas stärkeres Glas zu tragen,
als dem Grade der H entspräche, weil sie dann auch noch in einiger
Nähe besser sehen. Zum Lesen wird das Glas auf der Nase möglichst
weit abwärts geschoben und dadurch, wie wir früher gesehen haben,
die Wirkung erheblich genug verstärkt, um nicht allzu kleine Schrift
zu erkennen (Seite 17 Anuu).
Wegen der beträchtlichen prismatischen Wirkung am Eande starker
Convexgläser ist bei Brillenverordnung an solche, die beiderseits am
Staar operirt sind, genau die Pupillendistanz zu beachten.
2. Kurzsichtigkeit. Das kurzsichtige Auge ist, auf die Netzhaut
bezogen, stärker brechend, als das emmetropische; es ist gleich E -f- M.
Paralleles Licht kommt desshalb schon vor der Netzhaut zur Vereinigung,
und der Fernpunkt liegt in messbarer Entfernung. Da wir schwächere Grade
als M 0,5 zur E rechnen, so liegt der Fernpunkt weitestens in 100 /o, 5 = 200 cm.
Kurzsichtigkeit kann verschiedene Ursachen haben: stärkere Krümmung
der Hornhaut, Vorrücken und Kugligerwerden der Linse ; auch Accommo-
dationskrampf kann sie vortäuschen. Weitaus die häufigste Ursache
aber ist Axenverlängerung des Auges: Das kurzsichtige Auge
ist in allen Dimensionen grösser, überwiegend aber in der Eichtung der
Längsaxe. Wir haben gesehen, dass schon mit dem natürlichen Wachs-
thum des Auges Kefractionserhöhung (Abnahme der H) verbunden ist;
übermässiges Wachsthum kann auch Kurzsichtigkeit bewirken. Es sind
meist nur geringe Grade, doch können nach meinen Beobachtungen bis
10,0 D erreicht werden.
3*
36 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Uebermässiges Wachsthum bei völlig normalen Geweben ist indess
Ausnahme; in der grossen Mehrzahl kommt Kurzsichtigkeit zu Stande
in Folge von pathologischen Processen: Affection der Cho-
roidea, besonders im Augengrunde, mit Erweichung und Ausbuchtung
der Sclera, die ganz unregelmässige Form des Auges bedingen kann.
Der Winkel zwischen Hornhautaxe und Blicklinie (<J a) ist meist
kleiner, als bei E; er kann sogar negativ werden, so dass die Horn-
hautaxen scheinbar einwärts stehen, wenn richtig fixirt wird.
Myopie ist fast nie angeboren und dann sind meist schwere Com-
plicationen vorhanden; meist beginnt sie in der Pubertätszeit, etwa
zwischen dem 11. und 14. Jahre, während bis dahin vollkommen gut
in die Ferne gesehen wurde. Meist tritt etwa Mitte der zwanziger
Jahre Stillstand ein; in anderen Fällen geht die Vergrösserung des
Auges zeitlebens weiter. Die Unterscheidung einer zeitlich pro-
gressiven, stationären und bleibend progressiven Kurz-
sichtigkeit ist daraus leicht verständlich. Obwohl der schliesslich er-
reichte Grad auf beiden Augen meist ziemlich gleich ist, beginnt doch
der Process, wie andere Choroidalerkrankungen auch, häufig erst auf
einem und Wochen und Monate später erst auf dem anderen Auge,
sodass zeitweise grosse Ungleichheiten bestehen können. In der Mehr-
zahl der Fälle von ungleicher Kurzsichtigkeit ist das mehr und stärker
angestrengte rechte Auge das kurzsichtigere. Auch kann überhaupt
nur ein Auge ergriffen werden, namentlich dann, wenn das andere wegen
Sehschwäche wenig benutzt wird.
Uebermäfsige Anstrengung der Augen, wie sie in unseren höheren
Schulen gegenwärtig unvermeidlich ist, ist weitaus überwiegendste Ur-
sache, dass zur Zeit, wo das Wachsthum des Auges vollendet, aber
noch die Wachsthumshyperaemie vorhanden ist, chronische diffuse
Erkrankung der Choroidea auftritt. Etwa die Hälfte der Gymnasial-
abiturienten wird mit mehr oder weniger hochgradiger Kurzsichtigkeit
entlassen. Myopie ohne diese Veranlassung beginnt meist schon früher,
ist eine viel schwerere Erkrankung und sehr häufig mit anderen Affec-
tionen complicirt. Das Nähere folgt später bei den Choroidalkrank-
heiten; hier sollen nur die optischen Verhältnisse berücksichtigt werden.
Der Process der pathologischen Axenverlängerung kann, wie der
characteristische Spiegelbefund ergibt, in Augen jeder E e f r a c t i o n
auftreten, auch bei hochgradigster Hypermetropie. Anfangs wird da-
durch nur die H verringert, dann tritt E, schliesslich sogar M auf.
Geringe Grade von Myopie sind, abgesehen von der Sehstörung,
weiter nicht schädlich ; doch tritt immerhin in einem gewissen Procent-
Kurzsichtigkeit. 37
satz eine Reihe Complicationen zum Theil allerschwerster Art ein, um
so häufiger, je intensiver und länger dauernd der Process war. Doch
ist wohl zu beachten, dass für die Schwere der Krankheit nicht ledig-
lich der Grad der erreichten Kurzsichtigkeit mafsgebend ist. Eine
Myopie, die H 6,0 auf M 1,0 bringt ist schwerer, als eine solche, die
E in M 3,0 verwandelt.
Während H direct ererbt wird, finden wir bei M nur, dass Kinder
myopischer Eltern auch häufig kurzsichtig werden oder dass mehrere
Glieder einer Familie myopisch sind, sogenannte ererbte Dispo-
sition. Zum grössten Theil besteht dieselbe aber darin, dass die
Kinder ihre Augen ebenso misshandeln, wie es die Eltern seiner Zeit
auch gethan haben. Auch bei Heranziehung weniger naher Verwandt-
schaft lässt sich höchstens bei 1 j i bis 1 / 3 der Myopen von ererbter
Disposition sprechen, während in etwa 4 / 5 übermässige Augenanstrengung
nachgewiesen werden konnte.
M 0,5 — 3,0 bezeichnet man als geringe, M 3,0— 0,0 als mitt-
lere, M über 6,0 als hohe Grade; es kommen bis 20,0 und mehr
Dioptrien vor und Verlängerung des Auges um über die Hälfte.
Die Sehstörung besteht darin, dass über den Fernpunkt hinaus nur
undeutlich gesehen werden kann; bei einigermafsen bedeutender M ist
der Bezirk, der durch die Accommodationsbreite beherrscht wird, sehr
klein, wie wir schon Seite 27 gesehen haben. Die Accommodation wird
desshalb nicht viel benutzt, und der Ciliarmuskel entwickelt sich dem-
entsprechend wenig; namentlich die Ringfasern desselben, die bei H
hypertrophiren, bleiben schwach. Die relative Acc. ist nach der posi-
tiven Seite verschoben, und desshalb wird häufig, besonders bei M ge-
ringeren Grades, eine grosse Ausdauer für Arbeit in der Nähe beob-
achtet. Namentlich bei höheren Graden wird dies aber beeinträchtigt
durch die Notwendigkeit, dauernd sehr stark zu convergiren. Einmal
liegt hier der Fernpunkt sehr nahe, und dann wird die Einwärtswendung
noch mehr erschwert durch die Eiform des myopischen Auges höheren
Grades. Daher besteht häufig Neigung zu divergiren, welche die Symp-
tome der Asthenopie (Seite 29) verursacht: Asthenopia muscu-
laris (im Gegensatz zu der Asthenopia accommodativa der
Hypermetropen). Schon nach kurzer Nahearbeit schmerzen die Augen
und die Buchstaben laufen durcheinander. Beseitigt werden
die Symptome sofort, wenn ein Auge verdeckt wird, was von den
Patienten meist instinctiv geschieht. Nicht selten entwickelt sich weiter-
hin wirkliches Auswärtsschielen, wovon später.
38 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Die Diagnose ist meist leicht: in die Nähe wird gut, in die
Ferne schlecht gesehen; wir suchen das schwächste Concavglas
heraus, mit dem noch so gut als möglich in die Ferne gesehen werden
kann. Ausserdem kann der gefundene Grad der M durch den Augen-
spiegel bestätigt werden, der zugleich den für pathologische Axenver-
längerung characteristischen Befund zeigt. Accommodationskrampf
kommt nicht gerade selten im Beginn der Myopie vor und lässt die-
selbe zu hoch erscheinen; wo derselbe vermuthet wird, muss er durch
Atropin gelöst werden. Lähmung der Acc. hat für den Kurzsichtigen
weit weniger Sehstörung zur Folge, als für den Uebersichtigen. Herab-
gesetzte Sehschärfe finden wir nicht selten bei Myopie höheren Grades ;
ausserdem tritt in Augen mit herabgesetzter Sehschärfe leicht Kurzsichtig-
keit auf, wenn sie einigermafsen stark in Anspruch genommen werden.
Myopen werden nie presbyopisch, nur ganz geringe Grade und auch
diese später und in geringerem Mafse. Wer desshalb noch in hohem
Alter ohne Brille lesen konnte, ist sicher mindestens auf einem Auge
kurzsichtig gewesen. Die Besserung der Kurzsichtigkeit im höheren
Alter, von der im Publikum viel gesprochen wird, ist sehr problema-
tisch und gilt nur für die schwächsten Grade. Wo später wirklich
besser in die Ferne gesehen wird, ist häufig Pupillenverengerung die
Ursache, die im Alter oft vorkommt und wodurch die Zerstreuungskreise
kleiner werden, genau wie beim Sehen durch eine feine Oeffnung, wel-
ches ebenfalls bei Kurzsichtigen das Sehen in die Ferne verbessert.
Die Jahre über 45 sind im Gegentheil diejenigen, die für Myopie,
besonders für hochgradige, am gefährlichsten sind, da zu dieser Zeit
am häufigsten Complicationen auftreten und schwere Sehstörung ver-
anlassen können.
Hierüber, sowie über die causale Behandlung der Myopie siehe bei den
Choroidalerkrankungen. Der pathologische Process, der zur Axen-
verlängerung führt, ist streng zu trennen von der Refractions-
anomalie, die wir als Kurzsichtigkeit bezeichnen; häufig
fällt beides zusammen, häufig auch nicht. Die Sehstörung bei Kurz-
sichtigkeit wird gehoben durch eine passende Concavbrille ; doch wird
dadurch der Process weder aufgehalten noch befördert. Für die Ferne
ist dies völlig unbedenklich. Da das Zunahegehen wegen gebückter
Haltung die Hyperaemie im Augengrund befördert und wegen dauern-
der starker Convergenz anstrengt, ist es oft von Vortheil, sogar im
progressiven Stadium auch für die Xähe ein Glas tragen zu lassen, das
den Fernpunkt auf mindestens 30 cm verlegt = M 100 / 30 = 3,3. Besteht
z. B. M 4,0, so mag man ruhig — 2,0 auch zur Arbeit tragen las-en ;
Vergleich von M und H. 39
damit besteht noch M 2,0 und liegt der Fernpunkt in 50 cm. Nur
muss dann strengstens auf aufrechte Haltung gesehen werden. Ist die
M stationär geworden, so darf man bei geringen und mittleren Graden
das corrigirende, oder ein nur wenig schwächeres Glas ständig tragen
lassen. Viele befinden sich dabei am wohlsten. Wem es bequemer ist,
mit schwächerem Glase oder ohne Brille zu arbeiten, der mag auch
dieses thun. Gewohnheit thut hier sehr viel, und man kann dem sub-
jectiven Belieben viel Spielraum lassen. Stärkere Gläser als — 6,0
wird man nicht wohl dauernd tragen lassen. Man gibt dann dazu noch
einen Zwicker, oder eine Lorgnette, die vorübergehend scharfes Sehen
in die Ferne zulässt. Von der Zeit an, wo die abnehmende Acc. nicht
mehr gestattet, das gleiche Glas für Nähe und Ferne zu benützen (wo
bei E Presbyopie eintritt), müssen für die Nähe schwächere Gläser be-
nützt werden. Die Meisten ziehen dann vor, die Nahebrille ständig zu
tragen und für die Ferne dazu noch ein Ergänzungsglas zu benutzen,
das die M vollständig corrigirt. Wer überhaupt kein Glas tragen will,
mag sehen, wie er mit seinem herabgesetzten Sehvermögen für die
Ferne, das häufig auffallend gering angeschlagen wird, auskommt.
H und M sind in so vielen Beziehungen Gegensätze, dass es der
Mühe verlohnt, die Hauptpunkte kurz zusammenzustellen.
H M
Auge zu kurz Auge zu lang
Refr. geringer als E Refr. höher als E
angeborener Zustand erworbener progressiver pathologischer
Process
<J a meist grösser <J « meist kleiner oder negativ
Presbyopie tritt früh ein P tritt spät oder gar nicht ein
Acc grösser Acc geringer, desshalb
Ciliarmuskel stark entwickelt Ciliarmuskel wenig entwickelt
Asthenopia accommodativa Asthenopia muscularis
Neigung zu Einwärtsschielen Neigung zu Auswärtsschielen.
Die Zahl der Gegensätze könnte noch vermehrt werden, doch möge
dies genügen.
M und H kommen häufig ererbt vor, H direct, M nur als ererbte
Disposition. Die Distanz der Augen zeigt bei beiden Refractions-
anomalien nichts characteristisches ; bei beiden kommen die excessivsten
Formen vor, wenngleich eine breite flache Stirne oft mit H, eine schmale
vorspringende Stirne häufig mit M zusammen vorkommt. Entsprechende
Configuration der Orbita wird meist Folge, nicht Ursache der Refractions-
anomalie sein, da die Augenhöhle sich dem Wachsthume des Augapfels
anzupassen pflegt.
40
II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
3. Astigmatismus (As) ist diejenige Kefraction, bei der das von
einem Punkte ausgehende Licht nicht wieder in einem Punkte zur Ver-
einigung kommt. As kann durch ganz unregelmässige Krümmung der
Hornhaut, Flecken derselben u. s. w. verursacht werden und heisst dann
unregelmäfsiger As; eine Correction dieser Form ist nur in wenigen
Fällen möglich, wovon gelegentlich später. Kegelmäfsig nennen wil-
den As, wenn der Meridian der stärksten Kefraction senkrecht steht
auf dem der schwächsten; die Kefraction der dazwischen liegenden
Meridiane liegt dann zwischen diesen beiden Extremen. Derartiger As
kann durch sogenannte Cylindergläser corrigirt werden.
Während die gewöhnlichen sphärischen Gläser von Kugelflächen begrenzt
werden, ist ein cylindrisches, wie Fig. 12 zeigt, der Sector eines Cylinders. In der
, m.
Fig 12.
Ebene der Axe AA des Cylinders findet gar keine Lichtbrechung statt, die Wir-
kung ist lediglich die einer ebenen Glasplatte; in der darauf senkrechten ss ist
die volle Wirkung eines sphärischen Glases von gleichem Krümmungsradius wie
der Cylinder vorhanden, in allen anderen Meridianen, z. B. mm, ist die Wirkung
schwächer. Man benutzt convexe und concave Cylindergläser und bezeichnet sie
mit der Kefraction des stärkstbrechenden Meridians; Cyl — 2,0 bedeutet also ein
Glas, dessen Wirkung in der Richtung der Axe = 0, in der darauf senkrechten
gleich der eines sphärischen Glases von — 2,0 D ist.
Regelmäfsiger As kann durch die Hornhaut, die Linse oder durch
beide zugleich bedingt werden ; die Wirkung des Hornhaut- und Linsen-
astigmatismus kann sich simimiren oder zum Theil wieder aufheben.
Als As eines Auges bezeichnen wir den Unterschied der Brechkraft im
stärkst- und schwächstbrechenden Meridian (Hauptmeridiane); ist z. B.
in einem Meridian H 1,0, im darauf senkrechten M 2,0 vorhanden, so ist
die Refractionsdifferenz = 3,0 D und dies ist auch der Grad des As; denn
Astigmatismus.
41
ich brauche -f- 3,0, um H 1,0 in M 2,0 zu verwandeln. In Wirklich-
keit kommen alle möglichen Combinationen vor. Ist in einem Meridiane
E. im darauf senkrechten M oder H vorhanden, so spricht man von
einfach myopischem oder hyperme tropischem Astigma-
tismus (As m und As h ). Sind beide aufeinander senkrechten Meridiane
myopisch und hypermetropisch, aber in verschiedenem Grade, so nennt
man dies zusammengesetzt myopischen und hypermetro-
pisch en As (As mm und As hh ). Ist im einen Meridian M, im andern
H, so ist dies der gemischte As (As mh ). Geringe Grade von As
sind sehr häufig, beinahe physiologisch; in Betracht kommt derselbe
aber erst, wenn er merkliche Sehstörung macht, etwa von 0,75 an.
Meist ist der regelmäfsige As angeboren, ein- oder doppelseitig und
ist ein stationärer Zustand; er kann aber auch '(bei Hornhautoperationen
und Linsen Verschiebungen) erworben werden und ist dann wechselnd.
Auch bei unregelmäfsigem As kann manchmal eine bedeutende Besserung
des Sehens durch Cylindergläser herbeigeführt werden. Bei Hornhaut-
astigmatismus höheren Grades wird das Beflexbild einer runden Scheibe
deutlich oval gesehen, und zwar im Meridian der schwächsten Krümmung
verlängert. Von der verschiedenen Vergrösserung des Keflexbildes in
den verschiedenen Meridianen bei Hornhautastigmatismus ausgehend,
wurden Instrumente construirt, um den Astigmatismus, oder vielmehr
den Antheil der Hornhaut an demselben zu messen (Keratoscop).
Subjeetiv ist bei As das Sehvermögen herabgesetzt für Nähe und
Ferne und kann durch sphärische Gläser nicht oder nur bis zu einem
gewissen Grade gebessert werden, während die brechenden Medien durch-
sichtig sind und der Augenspiegel keinen pathologischen Befund ergibt.
*D
cl
f
Fig. 13.
Zur Bestimmung des As brauchen wir die Kichtung der Haupt-
meridiane und die Kenntniss der Refraction derselben. Ein astigmatisches
Auge kann nie gleichzeitig alle Linien, wie in Fig. 13 a, deutlich sehen.
42 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Ist z. B. im horizontalen Meridian E (= E), im verticalen M ( || M)
vorhanden, so muss ein Quadrat Fig. 13 b wie c gesehen werden und
eine Linie d wie f. Linien werden desshalb scharf gesehen,
wenn der darauf senkrechte Meridian corrigirt ist.
Wir suchen zuerst, wie gewöhnlich, das stärkste + und schwächste — Glas
heraus, das möglichst vollkommene Sehschärfe für die Ferne gibt, und halten dann
eine Figur mit radiären Streifen (ähnlich der Fig. 13a, aber grösser und mit
breiteren Streifen) vor. Nur einige nahe beisammen liegende Linien werden scharf,
alle anderen undeutlich gesehen. Die Eichtung der scharf gesehenen Linien ent-
spricht dem einen Hauptmeridian, der andere ist darauf senkrecht. Man kann nun
in der Eichtung der gefundenen Meridiane einen Spalt vor dem Auge befestigen
und direct mit sphärischen Gläsern die Eefraction derselben bestimmen. Finden
wir z. B. = M 2,0 und || M 4,5, so ist dies zusammengesetzt myopischer As von
2,5 D (der Differenz). Geben wir sphärisch — 2,0, so ist jetzt = corrigirt zu E
|| ist aber noch M 2,5 vorhanden. Setzen wir davor Cyl — 2,5 Axe =, so wird
= (in der Eichtung der Axe) nichts weiter geändert, die Wirkung im verticalen
Meridian wird dagegen auf — 4,5 gesteigert und wir haben damit den As corri-
girt. Wir würden dann verschreiben : — 2,0 C (combinirt mit) Cyl — 2,5 Axe =.
Die eben angegebene Bestimmungsart ist immer etwas unsicher. Am besten
sucht man zuerst, nach der gewöhnlichen Eegel, das beste sphärische Glas und
probirt dann direct, ob Convex- oder Concavcylinder vor dem Auge gedreht in
irgend einer Eichtung eine weitere Besserung des Sehens bewirken. Man kennt
dann die Eichtung der Axen und die Art des As und sucht nun denjenigen Cylinder,
der die beste Sehschärfe gibt; dies ist der sicherere und kürzere Weg. Wir haben
z. B. gefunden, dass — 4,5 das beste sphärische Glas ist; schwache + Cylinder
Axe 1| bessern, und Cyl + 2,5 || gibt die beste erreichbare Sehschärfe. Der As
beträgt dann 2,5 D, und wir könnten verschreiben — 4,5 3 Cyl + 2,5 || . Es ist
aber klar, dass + un d — sich zum Theil aufheben; — 4,5 hatte im horizontalen
Meridian übercorrigirt, und dies muss durch Cyl + 2,5 || (das in der Eichtung
der Axe nichts ändert) verbessert werden ; = besteht nur M 2,0. Wir verschreiben
desshalb, wie oben — 2,0 3 Cyl — 2,5 =. Da derartige Gläser auf der einen Seite
sphärisch, auf der anderen cylindrisch geschliffen werden müssen, so ist diejenige
Combination am besten, die die schwächste Krümmung zulässt.
Besteht gemischter Astigmatismus, z. B = H 1,0 und || M 2,0, so kann ver-
ordnet werden sowohl + 1,0 c Cyl — 3,0 =, als auch — 2,0 C Cyl + 3,0 || ; letz-
teres ist die schlechtere Combination. Man kann aber auch geben Cyl + 1,0 ||
(dadurch wird — E bewirkt || nichts geändert) O Cyl — 2,0 = (hierdurch wird =
das auf E corrigirt ist, nichts geändert, || dagegen M 2,0 auf E gebracht); und
dieses ist die beste Verordnung, weil mit möglichst schwach brechenden Flächen
erreicht. Derartige Gläser mit gekreuzten Axen nennt man Bi cylinder.
Zur definitiven Feststellung des As ist oft Atropin nöthig; es
empfiehlt sich, ehe man ein Glas verschreibt, die Untersuchung einige Tage
später zu wiederholen, da sie sehr ermüdend ist. Bei genügender Acc
wird häufig der As für die Nähe ganz oder theilweise corrigirt, so dass
Cylinder für die Nähe nicht oder nur wenig bessern; offenbar ist dies
Anisometropie. 43
ungleichmäfsige Wirkung des Ciliarmuskels auf die Liuse, wobei der
schwächer gekrümmte Meridian seine Krümmung stärker ändert. Mit
Abnahme der Acc wird dann der As auch für die Nähe offenbar.
Auch mit dem Augenspiegel ist eine Bestimmung des As mög-
lich. Wir haben gesehen, dass im umgekehrten Bilde bei H stärkere
Vergrößerung erzielt wird, als bei M und dass das Umgekehrte im auf-
rechten Bilde stattfindet. Erscheint desshalb der Sehnerveneintritt im
umgekehrten Bilde oval und im aufrechten ebenfalls, aber in darauf
senkrechter Richtung, so ist das Vorhandensein von As erwiesen. Ver-
laufen kleine Gefässe in der Richtung der Hauptmeridiane, was sehr
häufig der Fall ist, und bestimmt man das Glas, mit welchem dieselben
eben scharf gesehen werden, so hat man damit die Refraction bestimmt
in dem Meridian, der auf die Richtung des Gefässes senkrecht steht.
Die Acc muss hierbei selbstverständlich ausgeschlossen sein ; im Uebrigen
gilt das bekannte Gesetz vom stärksten Convex- und schwächsten Con-
cavglas.
Die ersten Untersuchungen auf As pflegen sehr mühsam zu sein ;
durch Uebung kann man eine grosse Fertigkeit darin erlangen.
Trotzdem, dass mit M, H und As die Refractionsmöglichkeiten er-
schöpft sind, ist noch einiges zu sagen über den Zustand, dass beide
Augen verschiedene Refraction besitzen ; man nennt denselben Ungleich-
sehen oder Anisometropie. Es kann hierbei nie gleichzeitig mit beiden
Augen scharf gesehen werden, auch wenn jedes Auge für sich die Fähig-
keit besitzt, in der betreffenden Entfernung deutlich zu sehen: die
Accommodation wird immer auf beiden Augen gleichmäfsig innervirt.
Das Bild des Auges, welches nicht eingestellt ist, wird oft ganz unter-
drückt, und desshalb besteht häufig Unfähigkeit, stereoscopisch zu sehen.
Alle möglichen Combinationen verschiedener Refraction und ver-
schiedener Grade der gleichen Refraction werden gelegentlich beob-
achtet. Ist ein Auge sehschwächer, so kommt nur das bessere in Frage;
ist das Sehvermögen beider gleich gut, so werden verschiedene Gläser
meist nicht gut vertragen, wenn nicht schon in der Jugend damit be-
gonnen wird. Bei einigermafsen erheblichem Refractionsunterschied
sind nämlich die mit Hülfe corrigirender Gläser entworfenen Netzhaut-
bilder nie genau gleich gross ; ein undeutliches Bild kann aber leichter
unterdrückt werden, als ein scharfes, und dadurch kann der binoculäre
Sehact gestört werden (Wettstreit der Sehfelder).
Am besten corrigirt man das Auge mit der geringeren Refractions-
anomalie; eventuell kann man ein Auge für die Ferne, das andere für
44 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
die Nähe benutzen lassen. Der Möglichkeiten sind so viele, dass nicht
gut allgemeine Kegeln aufgestellt werden können. Man suche das, was
dem Patienten die beste Yerwerthung seiner Sehkraft gestattet, ohne
ihm Beschwerde zu machen.
Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass Doppelt- und Mehrfachsehen
mit einem Auge vorkommt: Diplopia und Polyopia monocu-
]aris. Ersteres ist am häufigsten, wenn die Linse sich derart ver-
schoben hat, dass sie einen Theil des Pupillargebietes frei lässt. Letz-
teres kommt bei ganz unregelmäfsiger Krümmung der brechenden
Medien vor, die es ermöglichen, dass ein mehrfaches Bild des gleichen
Objectes auf der Netzhaut zu Stande kommt ; es sind dies grosse Selten-
heiten. Ausserdem kann es ein Symptom von schwerer Hysterie sein.
Zuweilen wird Doppelt- und Mehrfachsehen mit einem Auge
simulirt.
3. Anomalien der Augenmuskeln.
Man unterscheidet innere und äussere Augenmuskeln. Erstere
sind der Sphincter pupillae, ein Ringmuskel in der Nähe des
freien Pupillarrandes, und der Dilatator pupillae, der an der
Hinterfläche der Iris, unmittelbar vor dem Pigmentepithel derselben,
eine einfache Lage glatter Muskelfasern darstellt. Dazu kommt noch
der Ciliarmuskel. Alle innern Augenmuskeln bestehen lediglich
aus glatten Fasern; Ciliarmuskel und Sphincter pupillae werden vom
Oculomotorius, der Dilatator vom Sympathicus versorgt (aus dem Plexus
caroticus und Ganglion cervicale supremum).
Die Wirkung des Sphincter und Dilatator pupillae ist ohne Wei-
teres klar. Der Ciliarmuskel besteht aus zwei Theilen: meridionalen
Fasern, die sich an der D e sc emet'schen Membran ansetzen und, sich
vielfach verflechtend, nach hinten in die Choroidea verlaufen (m Fig. 14)
und Kingfasern r, die nach innen von den Längsfasern liegen. Beide
Theile des Ciliarmuskels machen bei ihrer Zusammenziehung die Zonula
Zinnii erschlaffen, worauf die Linse, namentlich deren vordere Fläche, kug-
liger wird. Offenbar hängt die Wirkung auf die Acc von der Ver-
schieblichkeit der Linsensubstanz ab, je consistenter und härter dieselbe
mit zunehmendem Alter wird, um so geringer wird sie : die Accommo-
dationsfähigkeit nimmt dem entsprechend ab. Wird die Acc viel be-
nutzt (bei H), so hypertrophirt der Ciliarmuskel, besonders die Ring-
fasern; wird sie wenig in Anspruch genommen (bei M), so bleibt er
Innere und äussere Augenmuskeln. 45
schwach. Man kann sagen, dass der Ciliarmuskel bei E auf dem Durch-
schnitt ein rechtwinkliges Dreieck darstellt, bei M ein stumpf- und bei
H ein spitzwinkliges.
Fig. 14.
H Hornhaut, E Epithel derselben, B Bowman'sche, D Descemet 'sehe Haut, F Fontana'scher
Raum, S sogenannter Schlemm'scher Canal, C Conjunctiva, Sei Sclera, P Petit'scher Canal.
K Kernzone der Linse, m meridionale, r radiäre Fasern des Ciliarmuskels, S p Sphincter pupillae.
Aeussere Augenmuskeln sind der Levator palpebrae superioris, die
vier Kecti und die beiden Obliqui. Nur der Eectus externus und der
Obliquus superior haben besondere Nerven (Abducens und Trochlearis,
den 6. und 4. Hirnnerven); die übrigen werden vom 3. Hirnnerven,
dem Oculomotorius, versorgt. Zu den äusseren Augenmuskeln gehört
noch eine Lage glatter Muskelfasern, die vom Rande beider Lidknorpel
gegen den Orbitalrand verlaufen und bei Contraction die Lidspalte er-
weitern (Müller'scher Muskel), und eine ebensolche Schicht, welche
der Fascie eingelagert ist, die die Fissura orbitalis inferior abschliesst ;
ihre Zusammenziehimg lässt das Auge leicht vortreten. Beide werden
vom Sympathicus innervirt.
Die Kerne für die von Hirnnerven versorgten Augenmuskeln liegen
am Boden des vierten Ventrikels und weiter nach vorn, am Aquaeductus
40
II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung
Silvii innerhalb der Pons cerebri. Fig. 15 (nach Magnus) gibt diese
Verhältnisse schematisch wieder; auch sind die benachbarten Kerne
anderer Hirnnerven angedeutet. Die Kerne der Muskeln, die zu asso-
ciirten Augenbewegungen dienen : zum Rechts-, Links-, Aufwärts-, Ab-
wärtssehen und zur Convergenz, stehen offenbar noch in näheren Ver-
bindungen unter einander, die aber noch sehr unvollkommen gekannt sind.
S.VentTLkeL -— _._
Vorderer' » ._ v
Biruterer y&ÖuyeL
EirnstjueL
*t.VerL£rikel
— -^Acco/wtuhZ.
^~^^Sp7ttrvctr'ridis
desBücke7trnjOirks
Fig. 15 (nach Magnus).
Fig. 16 gibt ein Bild der Wirkung der äusseren Augenmuskeln.
D ist der Drehpunkt des Auges, der Mittelpunkt der Scleralkugel,
die etwa 11mm Kadius hat; er liegt 13mm hinter der Hornhaut und
10 mm vor der Netzhaut (ungefähr). Nur der Rectus externus und in-
ternus haben beim Blick geradeaus eine einfache Wirkung: Auswärts-
und Einwärtsbewegung. Alle anderen setzen sich schief an und be-
wirken beim Auf- und Abwärtsbewegen gleichzeitig mehr oder weniger
Drehung des Augapfels. Blickt das Auge in der Richtung PR, so be-
wirken Rectus superior und inferior lediglich Auf- und Abwärtsbewegung;
ebenso die beiden Obliqui beim Blick nach S. Je mehr das Auge von
diesen Richtungen abweicht, um so grösser ist die Drehwirkung. Das
gleiche gilt auch für Rect. ext. und int., wenn aufwärts oder abwärts
Augenbewegungen.
47
gesehen wird. Dies macht die Verhältnisse sehr verwickelt, namentlich
wenn mehrere Muskeln theils gelähmt, theils nur paretisch sind. Jede
scheinbar einfache Augenbewegung ist eine combinirte; beim Einwärts-
sehen wirkt z. B. Rect. int., sup. und inf. zusammen, beim Abwärtssehen
Rect. inf. und Obliquus sup. u. s. w.
Oblig^ sup.
Jlect. irtL.
Kect.sup.
Hect.cxt.
Fi". IG.
Die Anomalien der Augenmuskeln sind mehr oder weniger voll-
ständige Lähmungen und Krampfformen, zum Theil eigenthüm-
licher Natur. Sind sämmtliche zu einem Nerven gehörige Muskeln be-
troffen, so sind sie meist peripherer Natur ; wenn nur einzelne derselben
afficirt sind, ist centraler Sitz wahrscheinlich (sog. Nuclear- oder
Kernaffectionen.) Ebenso ergibt sich aus Figur 15, dass z. B.
Lähmungen gleichartiger oder conjugirter Muskeln auf beiden Augen
auf centralen Sitz der Ursache hinweisen. Doch kommen von allem
diesem Ausnahmen vor; man darf nicht zu schematisch verfahren und
hat auch alle begleitenden Symptome gebührend zu würdigen. Zur
Diagnose und Localisirung von Gehirnleiden sind die Affectionen der
Augenmuskeln ein sehr wichtiges Hilfsmittel.
Innere Augenmuskeln. Lähmung des Ciliarmuskels und des
Sphincter pupillae kommt einzeln oder zusammen, mit oder ohne Läh-
mung anderer vom Oculomotorius versorgter Muskeln vor. Atropin
lähmt nicht nur beide, sondern reizt noch zugleich den Diktator pupillae ;
48 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
denn eine schon anderweitig gelähmte Pupille erweitert sich unter
seinem Einflüsse noch mehr; ähnlich wirken die anderen Mydriatica.
Bei Lähmung des C i 1 i a r m u s k e 1 s ist mehr oder weniger plötz-
lich die Acc aufgehoben, während das Sehen in die Ferne nicht ver-
ändert ist. Die Sehstörung ist desshalb erheblich bei E und H, ge-
ring bei M. Zuweilen tritt subjectives Kleinsehen (Mi er op sie) auf,
weil wegen der vermehrten Anstrengung der Acc die Objecte für
näher geschätzt werden, als sie wirklich sind. Ursache ist häufig
Syphilis; Quetschungen des Auges können sie veranlassen, Erkältung
wird oft angenommen (sog. rheumatische Acc.-Lähmung). Nicht selten
ist vorübergehende und bleibende Acc.-Lähmung Vorläufer von Rücken-
marks- und Gehirnleiden, oder tritt während des Verlaufs derselben
auf, namentlich bei progressiver Paralyse, Tabes, multipler Sclerose u. s. w.,
oder sie ist Theilerscheinung einer Vergiftung durch Alcaloide und
Ptomaine, z. B. bei der Fleisch- und Fischvergiftung.
Häufig kommt sie einige Wochen nach Diphtheritis vor, ge-
legentlich auch nach anderen Infectionskrankheiten. Es sind nicht immer
nur schwere Fälle, oft sogar sehr leichte, die wenig beachtet wurden;
und nicht nur Diphtheritis im Rachen, sondern auch an anderen Schleim-
häuten kann sie verursachen. Characteristisch ist das häufige Zu-
sammenvorkommen mit Lähmung des Gaumensegels und der Schlund-
musculatur (näselnde Sprache, Schluckbeschwerden), während die Pupille
selten mitbetheiligt ist. Es handelt sich meist um Kinder und jugend-
liche Individuen.
Auch im Verlauf von Diabetes, Albuminurie u. dgl. wird gelegent-
lich Acc.-Lähmung beobachtet, ebenso wie Augenmuskellähmungen über-
haupt.
Die Behandlung ist, wo es angeht, eine causale; ausserdem lasse
man Eserin 2 — 3 mal täglich einträufeln und verordne eventuell eine
Convexbrille. Zuweilen ist Electricität nützlich ; immer ist genaue Unter-
suchung auf Constitutionskrankheiten und Affectionen des Nervensystems
vorzunehmen.
Die Prognose ist immer zweifelhaft, auch bezüglich von Recidiven ;
nur die diphtherische Acc.-Lähmung pflegt meist nach einigen Wochen
zu heilen. Günstig ist auch die Prognose bei Vergiftungen, wenn sie
das Leben nicht gefährden.
Accommodations-Schwäche ist sehr häufig Theilerscheinung
allgemeiner Körperschwäche bei schweren Anaemien, in der Reconvales-
cenz nach schweren Krankheiten u. s. w. Die Patienten, die oft vor
Schwäche nicht auf den Füssen stehen können, sind ungehalten darüber,
Anomalien der inneren Augenmuskeln. 49
dass sie nicht den ganzen Tag lesen können. Bis zur Kräftigung des
Gesammtzustandes ist Schonung der Augen nöthig; eventuell kann
vorübergehend eine Convexbrille zu Hülfe genommen werden. Bei blut-
armen Frauen der besseren Stände kann die „ Augenschwäche " eine
grosse Geduldsprobe für Arzt und Patienten sein, wenn die causale
Therapie im Stiche lässt.
Accommodations-Krampf wird durch Eserin hervorgerufen;
da aber die Wirkung individuell sehr verschieden ausfällt, so ist es
wahrscheinlich, dass dies Alcaloid nur auf die Ringfasern des Ciliar-
muskels wirkt. Denn bei Thieren — die keine Ringmusculatur besitzen
— hat Eserin keinen Einfluss auf die Acc (Sattler). Auch beim
Neugeborenen mangelt, beiläufig gesagt, die Ringmusculatur fast voll-
ständig.
Acc.-Krampf erhöht scheinbar die Refraction und beschränkt die
verfügbare Acc.-Breite; nicht selten ist er mit schmerzhalten Gefühlen
von Zusammenziehung im Auge verbunden. Bei H bewirkt er Latenz
derselben; im Beginn von M, sowie anderer entzündlicher Augen-
erkrankungen ist er nicht gerade selten ; vorübergehend kommt er nach
Ueberanstrengung der Augen vor. Ausserdem kann Acc.-Krampf Theil-
erscheinung allgemeiner Krämpfe, sowie des epileptischen Anfalls sein.
Aus dem umgekehrten Grunde, wie dem der Micropsie bei Acc.-Läh-
mung, kommt gelegentlich Grosssehen (Macropsie) vor.
Die Behandlung ist womöglich causal; im Uebrigen ist Ruhe der
Augen und event. Atropin anzuwenden. •
Lähmung des Sphincter pupillae kommt ganz oder theil-
weise vor: die Pupille ist mäfsig erweitert, unbeweglich und bei
partieller Lähmung von unregelmäfsiger Gestalt. Ursachen und Prog-
nose sind die gleichen, wie bei der Acc.-Lähmung; nur nach Diphthe-
ritis ist sie selten. Ausser einer causalen Behandlung ist methodische
Anwendung des Eserin zu empfehlen. Die Sehstörung ist gering, auf-
fallende Blendungserscheinungen sind nicht gerade häufig.
Krampf des Sphincter kommt reflectorisch vor bei entzündlichen
Affectionen der Nachbarschaft, Fremdkörpern im Conjunctivalsack u. dgl.
Eine eigenthümliche Mischform von Krampf und Lähmung ist die so-
genannte reflectorische Pupillen starre, die meist von Ver-
engerung der Pupille begleitet ist. Die Reaction auf Lichteinfall ist
vermindert oder aufgehoben, während auf Convergenz- und Accommo-
dationsimpulse noch Reaction vorhanden sein kann. Dieser Zustand
wird sehr häufig im Beginn von Hirn- und Rückenmarksleiden ange-
troffen, oft als allererstes Symptom; namentlich bei progressiver Para-
Knies, Augenheilkunde. 4
50 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
lyse und Tabes. Auch ungleiche AVeite beider Pupillen kommt häufig
unter diesen Umständen vor.
Wirkliche Krämpfe des Sphincter erfordern Atropin; die reflec-
torische Pupillenstarre ist wesentlich von diagnostischer Bedeutung.
Ebenso die
Lähmung des Dilatator pupillae, einseitige Verengerung
der Pupille ist Folge von Sympathicusaffectionen, z. B. im Ganglion
cervicale supremum. Meist besteht gleichzeitig durch Lähmung des
Müller'schen Muskels (Seite 45) mäfsige Verengerung der Lidspalte
(Ptosis), häufig halbseitige Köthung oder Blässe des Gesichtes mit halb-
seitigem Schwitzen. Eine weitere Bedeutung hat die Sache nicht; eine
Behandlung kommt nicht in Frage.
Die Lähmung innerer Augenmuskeln wird auch als Ophthalmo-
plegia interna bezeichnet.
Erweiterung der Pupille heisst Mydriasis, Verengerung der-
selben Miosis (oft Myosis geschrieben); beide können auf spastischem
und paralytischem Wege zu Stande kommen (spastische und paralytische
Mydriasis und Miosis), oder rein mechanisch durch die Blutvertheilung
in der Iris und den Augendruck bedingt sein. Eine enge Pupille
wird z. B. beobachtet durch Lichtreiz, Convergenz, Accommodation,
verminderten Druck im Auge, Congestionen und Entzündungen der Iris,
bei Opium-, Nicotin- und anderen Vergiftungen, im Schlaf u. s. w. ;
weit ist die Pupille in der Dunkelheit, bei Blindheit, Druck-
erhöhung im Auge, vielen Vergiftungen, in der Agone, bei erhöhtem
Gehirndruck u. s. w. Die Weite der Pupille ist oft von hoher diag-
nostischer Bedeutung; plötzliche Erweiterung derselben in der Chloro-
formnarcose, in der sie sonst verengert ist, ist z. B. ein übles Zeichen;
dergleichen Beispiele Hessen sich noch viele anführen.
Der Pupillarreflex auf Lichteinfall wird durch die Vierhügel ver-
mittelt; liegt die Sehstörung weiter gegen die Hirnrinde hin, so kann
bei völliger Blindheit die Lichtreaction erhalten bleiben. Die Pupillen-
verengerung bei Convergenz und Accommodation ist ein rein mechani-
scher Vorgang; ihr Ausbleiben deutet auf Krampfzustände in der Iris,
spastische Mydriasis und namentlich Miosis, die häufig auf Affectionen
des Rückenmarks (Budge's Centrum cilio-spinale) oder des Sympathi-
cus zurückgeführt werden können.
Die Anomalien der äusseren Augenmuskeln sind theils Läh-
mungen, theils Krämpfe; eigenartige Formen letzterer: Insuffizienz,
Schielen und Nystagmus erfordern eine besondere Besprechung.
Augenmuskellähmungen.
51
Die Lähmungen (Ophthalmoplegia externa) haben im Ganzen die
gleichen Ursachen, wie bei den inneren Muskeln (Seite 48): Syphilis
(Gummata , Entzündung der Hirnnerven wurzeln u. s. w.) , Tumoren
aller Art, die die Nervenkerne oder -stamme treffen, Meningitis, Exos-
tosen im Schädel und in der Orbita, entzündliche Affectionen und Ge-
schwülste der letzteren, welche Nervenstämme oder die Muskeln selbst
in Mitleidenschaft ziehen; Erkältungen (sogenannte rheumatische Läh-
mungen), Verletzungen (besonders beim Levator palp. sup.), Constitutions-
anomalien, wie bei Albuminurie und Diabetes ; Bleivergiftung und andere
chronische Intoxicationen ; Gehirn- und Kückenmarksleiden, bei denen
sie ein wichtiges, oft sehr früh eintretendes Symptom vorstellen können,
besonders bei Tabes, progressiver Paralyse, Bulbärparalyse (ein der-
selben sehr nahe stehendes Krankheitsbild, wird geradezu als Ophthal-
moplegia externa progressiva bezeichnet), bei multipler Sclerose
u. dgl. Als Nachkrankheiten kommen sie gelegentlich bei allen acuten
Infectionskrankheiten vor, wie nach Diphtheritis, Typhus u. s. w. Einzelne
Formen haben Neigung zu heilen und wieder zu recidiviren; dies wird
namentlich bei gewissen Oculomotoriuslähmungen centraler Natur be-
obachtet.
Diagnostisch wichtig ist subjectiv das Doppeltsehen, objec-
tiv der Beweglichkeitsausfall.
Doppeltsehen tritt auf, sowie zu der betreffenden
Mitwirkung des gelähmten Muskels
nothwendig ist; die Doppelbilder
treten um so weiter auseinander,
jemehr der betreffende Muskel be-
ansprucht wird. Es wird sehr häufig
subjectiv nicht erkannt, sondern für
, Schwindel * gehalten.
Das Bild des gelähmten Auges
scheint in der Richtung verschoben,
in welcher der Ausfall der Bewegung
stattfindet, wie aus Fig. 17 leicht
zu ersehen ist. Wenn bei Lähmung
des rechten Beet. ext. das rechte
Auge beim Blick nach rechts zurück-
bleibt, so erscheint das betrachtete
Object P bei b, statt in der Fovea centralis a, also innen von derselben.
Gegenstände, deren Bild nach innen vom Fixirpunkte fällt, müssen in
Wirklichkeit nach aussen vom fixirten Objecte liegen. BeiConver-
4*
Blickrichtung
52 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
genz sind desshalb gleichnamige Doppelbilder vorhanden, d. h. das
Bild des rechten Auges liegt rechts und umgekehrt; bei Divergenz
sind sie gekreuzt. Bei Lähmung eines Rect. sup. steht beim Blick
nach oben das betreffende Auge tiefer, sein Bild eines äusseren Gegen-
standes aber höher, als auf der gesunden Seite. Zur Untersuchung auf
Doppelbilder wird das Bild des einen Auges am besten mit einem
rothen Glase gefärbt. Man prüft dann ihre gegenseitige Stellung in
den verschiedensten Blickrichtungen.
Oft nehmen die Kranken eine eigentümliche Kopfhaltung
an, nämlich die, in der der gelähmte Muskel nicht beansprucht wird ; bei
Lähmung des linken Rect. ext. z. B. wird der Kopf nach links gedreht.
Der Ausfall in der Beweglichkeit lässt sich direct sehen ; eventuell
lässt sich die Excursionsweite der Augen an einem getheilten Kreis-
bogen messen und der Ausfall in gewissen Richtungen nachweisen
(Blick fei dm essung). Die Untersuchung auf Doppelbilder ist die
raschere und genauere; eine gewisse Intelligenz des Patienten ist aber
dazu nothwendig.
Bei Lähmung des Rectus externus sind gleichnamige, bei der
des Rect us internus gekreuzte, parallel stehende gleich hohe Doppel-
bilder vorhanden. Lähmung des Rectus superior und inferior
gibt gekreuzte Doppelbilder; die Höhendifferenz wächst bei ersterer
beim Blick nach oben, und das Bild des gelähmten Auges steht höher ;
bei letzterer beim Blick nach unten und das Bild des gelähmten Auges
steht tiefer. Bei Lähmung eines Obliquus entstehen gleichnamige,
über einander stehende Doppelbilder, beim superior besonders in der
unteren, beim inferior in der oberen Gesichtsfeldhälfte. Bei den vier
letztgenannten ist das Bild des gelähmten Auges schief; häufig scheint
das eine Bild näher zu stehen. Nicht selten bemerkt man isolirte Dreh-
bewegungen am kranken Auge. Bei Lähmung eines Obliquus wächst
der Höhenunterschied nach der Nase, die Schiefheit nach der Schläfe
hin; bei Lähmung des Rectus sup. oder inf. ist dies umgekehrt.
Lähmung des Levator palp. sup. bedingt Herabhängen des
oberen Lides (Ptosis). Sind alle Zweige des Oculomotorius
gelähmt, so bestehen ausser Accommodationslähmung, weiter Pupille
und Ptosis gekreuzte Doppelbilder mit Höherstand des Bildes des ge-
lähmten Auges; der Seitenabstand wächst beim Blick nach der ge-
sunden Seite , der Höhenabstand beim Blick nach oben. Bei Affectionen
am Orte der Nervenkerne kann ein Gemisch von Lähmungen, Paresen
und Krampfzuständen der verschiedensten Augenmuskeln entstehen, das
schwer und oft gar nicht zu entwirren ist.
Augenmuskellähmungen. 53
Dies gilt Alles nur für frische und vollständige Lähmungen; ist
blos Parese vorhanden, so kann es schon schwierig werden, zu be-
stimmen, welches Auge das gelähmte ist, namentlich dann, wenn dieses
gerade das sehtüchtigere ist.
Orientirung und Gang ist sicherer, der Schwindel verschwindet,
wenn das kranke Auge verdeckt ist. Wenn man in der Wirkungs-
phäre des paretischen Muskels einen Gegenstand fixiren lässt und ver-
deckt das kranke Auge, so bleibt dies unter der deckenden Hand natur-
gemäfs in seiner Stellung zurück. Lässt man dagegen mit dem kranken
Auge lixiren und verdeckt das gesunde, so wird dies ein Uebermafs von
Bewegung in der beabsichtigten Richtung ergeben (secundäre Ab-
lenkung im Sinne der inte n d irten Bewegung). Um mit dem
paretischen Muskel einzustellen, bedarf es nämlich eines verstärkten Be-
wegungsimpulses, der aber nur am gesunden Auge zur Geltung kommt.
Ist z. B. der rechte Rectus externus unvollkommen gelähmt und lasse
ich nach rechts sehen, so wird bei Verdeckung des kranken Auges
dieses zurückbleiben. Verdecke ich dagegen das gesunde Auge, so wird
das kranke durch vermehrten Impuls eingestellt; dieser letztere wirkt
aber ebenfalls auf den conjugirten Rectus internus des gesunden Auges
und dieses wird unter der deckenden Hand zu weit nach rechts stehen.
Wenn bei länger dauernder Lähmung das gelähmte Auge nicht
vom Sehact ausgeschlossen wird, so tritt Contractu r des Antago-
nisten ein; in Folge davon ist Doppeltsehen im ganzen Gesichtsfeld
vorhanden, nicht nur wenn der gelähmte Muskel beansprucht wird.
Diese Contractur bleibt bestehen, auch wenn die Lähmung zur Heilung
kommt: es bleibt eine falsche Stellung des Auges im ganzen Blick-
feld zurück, die eventuell durch Schieloperation beseitigt werden muss.
Die Behandlung ist womöglich eine causale. Vor Allem muss
<las gelähmte Auge durch eine Brille mit Milchglas auf der betreffen-
den Seite vom binoculären Sehact ausgeschlossen werden, um Contractur
des Antagonisten zu vermeiden. Innerlich Jodkali und äusserlich der
constante oder unterbrochene Strom (eine Electrode im Nacken, die
andere auf dem geschlossenen Lide), werden meist angewandt. Früher
Hess man häufig Veratrinsalbe (0,1 — 0,3 : 10,0) zwei bis dreimal täg-
lich erbsengross in die Stirne einreiben. Die Prognose hängt vom Grund-
leiden ab, ist also bei Syphilis nicht ungünstig; ebenso pflegt die
Mehrzahl der peripheren sogenannten rheumatischen Lähmungen (am
häufigsten des Abducens, seltener des Trochlearis und Oculomotorius) in
2 — 3 Monaten zu heilen. Bei Syphilis findet man oft partielle
Oculomotoriuslähmungen, etwa nur einen oder beide inneren Augen-
54 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
muskeln oder den Levator palp. gelähmt; doch kommen gelegentlich
alle anderen Formen vor. Auch die Lähmungen im Gefolge acuter In-
fectionskrankheiten verlaufen meist günstig.
Zu erwähnen wäre noch, dass angeborenes Fehlen von
Augenmuskeln gelegentlich beobachtet wird; gewöhnlich ist es der
Levator palpebrae (Ptosis congenita), oder der Eectus superior,
oder beide.
Tonische und clonische Krämpfe der Augenmuskeln kommen bei
verschiedenen Hirnkrankheiten vor, z. B. im Verlauf von Meningitis
oder als Theilerscheinung allgemeiner Krämpfe, wie im epileptischen
Anfall. Tonische Krämpfe associirter Muskeln, sogenannte conju-
girte Deviation sind Heerdsymptome und weisen auf die Gegend
der Muskelkerne, der Brücke u. s. w.
Insufficienz ist dann vorhanden, wenn Neigung zu falscher Stel-
lung besteht, die aber durch den Drang zum Ein fach sehen über-
wunden wird. Macht man das Einfachsehen unmöglich, indem man ein
Prisma von ca. 12° mit der Basis nach oben oder unten vorhält, so
treten je nachdem gekreuzte (Divergenz) oder gleichnamige Doppel-
bilder (Convergenz) auf.*) Durch Prismen mit der Basis nach innen
oder aussen, die immer stärker genommen werden, bis beide Bilder ge-
nau übereinander stehen, kann der Grad der Insufficienz gemessen wer-
den. Misst man für eine gewisse Entfernung Adduction und Abduction
(Seite 30), so erscheint das Verhältniss derselben, dem normalen Auge
gegenüber, in der einen oder anderen Kichtung verschoben.
Die zum Einfachsehen nöthige Anstrengung wird aber nicht lange
ausgehalten; es tritt rasche Ermüdung (Asthenopia muscularis) und
dann wirklich falsche Augenstellung, oft mit Schwindel und Doppelt-
sehen auf. Man nennt die Insufficienz desshalb auch „dynamisches"
Schielen, und sie bildet den Uebergang zum wirklichen Schielen
oder Strabismus.
Schielen findet statt, wenn die Augen in allen Richtungen, im
ganzen Blickfeld um (nahezu) den gleichen Winkel falsch stehen (so-
genannte Constanz des Schiel winkeis). Weil hierbei das schie-
lende Auge das andere lediglich „ begleitet B , braucht man dafür auch
den Ausdruck begleitendes Schielen, oder Strabismus con-
co mit ans. Dadurch ist der Unterschied gegeben von der falschen
*) Bei normalen Muskelverhältnissen stehen bei diesem Versuche die Doppel-
bilder genau übereinander: dynamisches Gleichgewicht.
Schielen. 55
Stellung bei Lähmung (paralytisches Schielen oder Luscitas), wobei die
falsche Stellung zunimmt, je mehr der betreffende Muskel in Anspruch
genommen wird.
Die Messung des Schielwinkels kann an einem getheilten Kreis-
bogen (Perimeter siehe Seite 60) vorgenommen werden ; gewöhnlich be-
gnügt man sich, die falsche Stellung beim Blick gerade aus in Milli-
metern anzugeben. Steht hierbei der innere Hornhautrand des fixiren-
den Auges z. B. 10 mm vom inneren Augenwinkel ab, der des schielen-
den nur 6 mm, so hätten wir ein Einwärtsschielen von 4 mm. Ein ab-
norm grosser oder kleiner Winkel a (Seite 31) kann Schielen vor-
täuschen; hierbei wird aber mit beiden Augen richtig fixirt.
Das Schielen kann ein abwechselndes sein (Strabismus alternans),
wenn beide Augen abwechselnd fixiren und schielen; aber auch beim
abwechselnden Schielen ist gewöhnlich immer das gleiche Auge das
lixirende.
Es kommt hier lediglich das Ein- und Auswärts schielen
(Strabismus convergens und divergens) in Betracht ; Auf- und Abwärts-
schielen ist sehr selten, wohl immer aus einer secundären Contractur
des Antagonisten nach Lähmung (z. B. des Obliquus superior) hervor-
gegangen.
Einwärtsschielen kommt mit Vorliebe bei Hypermetropie vor
und beginnt dann gewöhnlich im 2. — 4. Lebensjahre, wenn beim Sehen
in der Nähe die Accommodation erheblich in Anspruch genommen wird.
Anfangs tritt es nur zeitweise auf, wird allmälig ständig und kann so
hohe Grade erreichen, dass das eine Auge sich fast im inneren Augen-
winkel verbirgt. Ist das Schielen abwechselnd, so leidet das Sehvermögen
nicht, ist es aber auf ein Auge fixirt, so wird das Bild des abge-
lenkten Auges unterdrückt, und dessen Sehschärfe ist in Folge mangel-
hafter Ausbildung mehr oder weniger hochgradig herabgesetzt: von
S V3 llü( l V2 ms zum Eingerzählen in geringer Entfernung. Hat das
Sehen stark gelitten, so stellt sich das schielende Auge beim Versuch
zu fixiren unter zuckenden Bewegungen nasenwärts ein (excentrische
Fixation).
Ist ein Auge wegen As, Hornhautflecken u. dgl. schlechter, als
das andere, so begünstigt dies das Auftreten von Einwärtsschielen, weil
das Binoculärsehen dann wenig Werth hat; das schlechtere Auge ist
dann das abgelenkte.
Bei der Jugend der betroffenen Individuen hört man wenig Klagen
über Insuffizienz und Doppeltsehen ;. beginnt ausnahmsweise das Schielen
in späterer Zeit, so werden sie nicht vermisst.
56 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Unter noch nicht genügend gekannten Verhältnissen kommt Ein-
wärtsschielen auch bei Emmetropen und Myopen und in späteren Jahren
vor, aber viel seltener. Die meisten Fälle von sogenanntem ange-
borenem Schielen oder solche, welche schon im ersten Lebensjahre
auftreten, sind aus Abducenslähmung hervorgegangen ; die danach übrig
bleibende secundäre Contractur des Internus gibt auch bei Erwachsenen
Veranlassung zu Einwärtsschielen.
In einer grossen Zahl von Fällen verliert sich das hypermetropische
Einwärtsschielen mit der Zeit von selbst wieder oder vermindert sich
doch sehr bedeutend in den ersten zwei Decennien. Es kann ganz
normale Stellung eintreten, und nur mangelhafte Fixation und herab-
gesetztes Sehen des früher schielenden Auges bleiben übrig. In anderen
Fällen bleibt die falsche Stellung das ganze Leben bestehen.
Fängt ein Kind zu schielen an, so ist alle Beschäftigung mit feinen
Dingen in der Nähe zu verbieten; in Kleinkinderschulen wird hier viel
gesündigt. Sodann ist das fixirende Auge täglich einige Zeit sorgfältig
zu verbinden, um das zum Schielen neigende im Sehen zu üben ; es ge-
nügt 1 / 2 Stunde, am besten etwa während des Mittagessens, wo die
nöthige Aufsicht vorhanden ist. Das Schielen wird dadurch gewöhn-
lich nicht vermieden, dagegen die Entwicklung eines ordentlichen
Sehens auf dem schielenden Auge befördert; es ist dies gelungen, wenn
das Schielen ein abwechselndes wird. Sobald es möglich ist, eine Brille
tragen zu lassen, sollte die vorhandene H ganz oder doch zum grössten
Theile corrigirt werden, womöglich ständig, mindestens aber regel-
mäfsig bei der Nahearbeit. Aus begreiflichen Gründen lässt sich dies
nur in einem Theil der Fälle und erst verhältnissmäfsig spät durch-
führen. Bleibt trotzdem Schielen bestehen, so beeile man sich ja nicht
mit Operationen; es ist entschieden abzurathen, dieselben vor dem
12.— 14. Jahre zu machen, sonst läuft man Gefahr, das operirte Auge
später auswärts schielen zu sehen: Secundärschielen, was dann
durch eine recht complicirte Operation wieder corrigirt werden muss
(Vorlagerung). Ist zur Pubertätszeit noch Einwärtsschielen vor-
banden, so führt man die Eücklagerung des Kectus internus
auf dem schielenden, wenn nöthig auch auf dem nichtschielenden Auge
aus. Es ist rathsam, erst den Effect abzuwarten und nicht beide
Augen auf einmal zu operiren; dagegen kann eventuell die Eücklage-
rung an einem Auge wiederholt werden, wenn zwei Tenotomien noch
nicht zum Ziele geführt haben. Wenn ein kleiner Kest von Convergenz
übrig bleibt, so schadet das absolut nichts. Im Durchschnitt erreicht
man mit einer Tenotomie eine Stellungsverbesserung von 3 — 4 mm.
Schielen. 57
Etwa vorhandene Hypermetropie muss auch nach der Operation corri-
girt werden. Die Operation ist lediglich eine cosmetische ; das herab-
gesetzte Sehvermögen des schielenden Auges bessert sich nicht, auch
wenn das gute Auge zu Grunde gegangen ist.
Auswärtsschielen kommt namentlich bei Kurzsichtigen vor
und entwickelt sich aus Insufficienz der Recti interni. Weil es im
ausgebildeten Auge entsteht, so sind Doppelbilder vorhanden, und zwar
gekreuzte, der Divergenz entsprechend. Auch bei nicht kurzsichtigen
Augen wird häufig genug Auswärtsschielen gefunden, nicht selten so-
gar erblich, vielleicht in Folge angeborener Schwäche der Interni. Dass
bei dem eiförmigen Bau des kurzsichtigen Auges, gegenüber der Kugel-
form des emmetropischen, die Einwärtsdrehung überhaupt schon er-
schwert ist, gibt ein weiteres begünstigendes Moment ab. Stark herab-
gesetztes Sehvermögen oder Blindheit eines Auges fördert gleichfalls
das Entstehen von Divergenz, da die binoculäre Fixation für das Sehen
keinen Werth hat. Namentlich bei einseitiger Erblindung kommen sehr
hohe Grade von Strabismus divergens vor. Auch nach unvorsichtigen
Operationen wegen Einwärtsschielens kann später Divergenz eintreten.
Die Behandlung hat schon mit der Insufficienz zu beginnen,
die, entgegengesetzt dem typischen hypermetropischen Schielen, mehr
Beschwerden macht, als das Schielen selber. Mit Eintritt des letzteren
tritt sogar häufig eine auffallende Milderung der subjectiven Symptome
ein. namentlich wenn das Doppeltsehen leicht unterdrückt werden kann,
also bei Verschiedenheit der Augen oder herabgesetztem Sehen des einen.
Zuweilen genügen zur Behandlung der Insufficienz Concavb rillen,
die gestatten, in grösserer Entfernung zu arbeiten, namentlich dann,
wenn die Entfernung der Gläser von einander grösser genommen wird,
als die Distanz der Augen beträgt. Da Concavgläser am Rande dicker
sind, als in der Mitte, wird damit zugleich eine schwach prismatische
Wirkung (Basis innen) erzielt. Genügt dies nicht, so verordne man
Prismen, Basis nach innen, eventuell mit Concavgläsern combinirt.
Stärker wie 3° beiderseits kann man nicht gut tragen lassen; werden
dadurch die Beschwerden nicht gehoben, so muss, wie bei wirklichem
Schielen, die Teno tomie eines internus gemacht werden. Die Insuffi-
cienz muss aber dann mindestens 12° betragen (siehe Seite 54).
Die Regel von der Constanz des Schielwinkels gilt in ihrer Schärfe
nur für das hypermetropische Einwärtsschielen. Beim myopischen Aus-
wärtsschielen nimmt in der Regel die Divergenz mit Annäherung der
Objecte zu. Dies ist wohl zu beachten; es kann für die Nähe schon
sehr starke Insufficienz, selbst Schielen bestehen, während für die Ferne
58 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
dynamisches Gleichgewicht vorhanden ist. Wenn desshalb für die Ferne
nicht mindestens 6° dynamische Divergenz besteht, sei man vorsichtig
mit Operationen, sonst läuft man Gefahr, für die Ferne Doppeltsehen
zu bekommen, das noch viel störender ist, als die Beschwerden bei der
Nahearbeit. Durch Verdecken eines Auges, das oft instinctiv geübt
wird, lassen sich letztere vollkommen beseitigen ; das Auge weicht unter
der Hand nach aussen ab. Dies ist aber nicht zu empfehlen, da hier-
durch die Divergenz gefördert wird.
Bei wirklichem Auswärtsschielen ist die Tenotomie des Externus
auszuführen; oft muss sie beiderseits gemacht werden, nicht selten ist
es sogar nöthig, noch die Vorlagerung eines oder beider Interni
hinzuzufügen, um eine genügende Verbesserung der Stellung zu erzielen.
Wegen störender Doppelbilder kann eine stereoscopische Nachbehandlung
mit Uebungen im Einfachsehen nöthig werden, da die Doppelbilder viel
mehr stören, wenn sie nahe zusammenfallen.
Zur Ausführung der Tenotomie (Rücklagerung) cocainisirt man gut, legt
den Sperrelevateur ein und macht einen verticalen Einschnitt über dem Ansatz des
Muskels S— 10 mm vom Hornhautrand. Dann wird die Conjunctiva über dem Muskel
nach hinten gelöst, der Muskel mit einem Schielhaken hervorgeholt und dicht an
der «Sclera mit der Schielscheere abgeschnitten. Der contrahirte, stark blutende
Internus bei Einwärtsschielen contrastirt sehr mit dem schwachen, kaum blutenden
Externus beim Auswärtsschielen. Es muss ein beträchtlicher Bewegungsausfall in
der Richtung des tenotomirten Muskels vorhanden sein. Man sucht sorgfältig nach,
ob etwa kleine Sehnenreste stehen geblieben sind, denn sonst ist der Erfolg der
Operation gleich null. Die Conjunctivalwunde wird mit einer Naht geschlossen,
die, wenn sie tief gefasst wird, zur theilweisen Correction bei zu starkem Erfolg
benutzt werden kann. Wenn man in den nächsten Stunden nach der Operation
energisch nach der entgegengesetzten Seite sehen lässt, so kann man den Effect
verstärken. Zuweilen bildet sich nachträglich, besonders wenn nicht genäht wurde,
ein kleiner Granulationsknopf auf der Narbe, der mit der Scheere entfernt werden
muss. Ein Tag Bettruhe, drei Tage Verband, wonach man den Faden entfernt,
genügen zur Heilung. Es ist bei allen Schieloperationen erwünscht, nicht chloro-
formiren zu müssen, weil man sonst die Wirkung nicht genügend beurtheilen kann.
Die Vorlagerung oder Vornähung wird fast nur beim Internus gemacht
wegen hochgradiger Divergenz. Man unterminirt die Conjunctiva, wie zur Tenotomie,
und andererseits bis zum Conjunctivalrand, und holt den Muskel mit dem Schiel-
haken. Ehe man dessen Sehne durchschneidet, führt man dicht am Ansatz Fäden
mit Nadeln durch, womit man ihn sich sichert. Nach der Ablösung näht man die
Sehne möglichst nahe am Hornhautrand fest; hierzu werden verschiedene Nahtformen
ausgeübt. Absolut nöthig ist, den Muskel genau in der Horizontalen fest-
zunähen, da bei schiefem Ansatz übereinander stehende Doppelbilder entstehen, die
nicht zur Vereinigung gebracht werden können. Fast immer ist mit der Vor-
lagerung des Internus die Tenotomie des Externus zu verbinden. Bei der Vorlage-
rung ist es noch wichtiger als bei der Tenotomie, den Effect ohne Narcose zu con-
troliren, um eventuell verbessern zu können.
Nystagmus. Lichtsinnmessung. Gesichtsfeld. 59
Nystagmus ist eine besondere Form von anhaltenden clonischen
Krämpfen, die z. B. bei gewissen Hirnkrankheiten, namentlich bei der
multiplen Sclerose beobachtet werden. Beide Augen machen fortdauernd
conjugirte pendelnde Bewegungen, meist hin und her (Nystagmus hori-
zontalis), seltener auf- und abwärts (N. verticalis) oder drehend (N. rota-
torius). Die Bewegungen werden rascher und stärker, wenn man in
stark excentrischen Kichtungen sehen lässt. Entsprechende Bewegung
der gesehenen Objecte kommt meist nicht zum Bewusstsein. Selten ist
der Nystagmus auf ein Auge beschränkt.
Häufigste Ursache ist Erblindung oder starke Herabsetzung des
Sehens, die angeboren ist oder aus frühester Jugend, selten aus späterer
Zeit datirt, z. B. bei Bildungsanomalien. Albinismus u. dgl. Auch wird
Nystagmus von Bergleuten erworben, die, auf dem Rücken liegend,
den Blick stark aufwärts gewendet, ihre Arbeit ausführen müssen. In
letzterem Falle tritt unter Ruhe und guter Ernährung rasch Heilung
ein. Alle anderen Formen sind nicht Gegenstand einer Behandlung.
Das Vorhandensein von Nystagmus, der nicht simulirt werden
kann, ist in zweifelhaften Fällen Beweis für herabgesetztes Sehver-
mögen.
4. Lichtsinnmessung.
Um den Lichtsinn zu messen, d. h. die Sehschärfe bei starker
und schwacher Beleuchtung, dienen Sehproben, deren Beleuchtung durch
eine constante Lichtquelle geschieht; letztere wird entweder genähert
oder entfernt, oder z. B. durch matte Glasplatten in messbarer Weise
abgestuft. Geringe Störungen sind nicht selten ;' gröbere kommen nament-
lich in zwei Formen vor : autfällige Abnahme der Sehschärfe bei schwacher
Beleuchtung: Nachtblindheit (Hemeralopie = Tagsehen), auch Torpor
retinae genannt, und als Schlechtersehen bei greller Beleuchtung und
Bessersehen bei gedämpfter : Tagblindheit (Nyctalopie = Nachtsehen),
auch als Hyperaesthesia retinae bezeichnet. Wegen der umständlichen
Apparate wird in praxi die Lichtsinnmessung selten angewendet.
5. Gesichtsfeldmessung.
Das Gesichtsfeld gibt an, in welchem Umfang die Netzhaut für
Licht empfindlich ist; es ist gewissermafsen die nach aussen projicirte
Netzhauthalbkugel. Da alle Lichtstrahlen im Knotenpunkte des Auges
sich kreuzen, so entspricht der linken Seite der Netzhaut die rechte im
Gesichtsfeld, und ebenso die untere Netzhauthälfte der oberen Gesichts-
feldhälfte. Gemessen wird das Gesichtsfeld, indem man das Auge in
00
II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
den Mittelpunkt eines drehbaren getheilten Halbkreises bringt, des so-
genannten Perimeter (Fig. 18) und direct abliest, in wieviel Grad Ab-
stand vom Mittelpunkte der Theilung eine quadratcentimeter grosse
weisse Marke noch gesehen wird. Man zeichnet die gefundenen Werthe
auf einem Schema (Fig. 19) auf; diese Figur stellt das normale Ge-
sichtsfeld eines linken Auges dar. Man sieht daraus, dass dasselbe
nach aussen 85°, nach unten 70°, nach innen 55° und nach oben etwa
ebensoviel beträgt. Alles dies sind nur ungefähre Werthe und kommen
erhebliche subjective Schwankungen vor, zumeist von der Configuration
des Gesichtes abhängend. Das Gesichtsfeld ist bei H etwas grösser, als
bei E und M, weil bei jener der Knotenpunkt etwas weiter nach vorn liegt.
Fig. 18.
Lässt man den Mittelpunkt der Kreiseintheilung iixiren, so kommt
die Fovea centralis in die Mitte des Gesichtsfeldes; es ist aber vorzu-
ziehen, dass der Sehnerveneintritt dorthin projicirt wird. Man muss
desshalb, wie beim Augenspiegeln, um 15—20° nasenwärts sehen lassen.
Das andere Auge ist sorgfältig zu verbinden.
Bei herabgesetztem Sehvermögen muss man grössere Objecte wählen,
eventuell das Gesichtsfeld mit zwei Lichtern bestimmen, von denen das
eine fixirt, das andere im Umkreise des Gesichtsfeldes bewegt wird.
Statt auf einen Halbkreis kann man auch das Gesichtsfeld auf eine
Tafel projiciren, auf welcher man in etwa 25—30 cm Abstand eine
Marke fixiren lässt und mit einer andern, etwa einem Stück Kreide,
Gesichtsfeldmessung.
61
den Umfang bestimmt. Zur Constatirung gröberer Unregelmäfsigkeiten
genügt es auch, von Auge zu Auge zu prüfen Will ich z. B. das
linke Auge untersuchen, so setze ich mich dem Kranken gegenüber und
lasse mein rechtes Auge fixiren ; wenn ich nun von der Peripherie her,
in der Mitte zwischen beiden Augen, meine Hand oder etwa eine Visiten-
karte nähere, so gelingt es leicht, die Gesichtsfeldgrenzen zu bestimmen.
Zudem wird das untersuchte Auge controlirt, ob es nicht seitlich sieht,
wodurch das Resultat falsch würde.
Für genaue Kesultate und zur Aufbewahrung der Gesichtsfelder
ist ein Perimeter nicht gut zu entbehren (Preis 50—70 Mark).
110 :so HO
Fig. 19.
Gesichtsfeldausfälle nennt man S c o t o m e ; sie sind positiv, wenn
sie als schwarze Flecken im Gesichtsfeld gesehen werden (bei Leiden
der Choroidea und der äusseren Netzhautschichten), negativ, wenn,
wie gewöhnlich, der Ausfall nicht direct zur Wahrnehmung kommt.
Je nach der Form und Lage spricht man von sectorenförmigen und
heerdförmigen , von centralen und peripheren Scotomen, von concen-
trischer Einengung des Gesichtsfeldes u. s. w. Ist genau die Hälfte
des Gesichtsfeldes ausgefallen, so nennt man dies Halbblindheit
(Hemianopsie oder Hemiopie = Halbsehen); rechtseitige Halb-
blindheit ist vorhanden, wenn die rechte Hälfte des Gesichtsfeldes, also
die linke Netzhauthälfte ausgefallen ist. Ist auf beiden Augen die
gleichseitige Hälfte des Gesichtsfeldes ausgefallen, so heisst dies homo-
nyme oder gleichseitige Halbblindheit.
62 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
6. Untersuchung des Farbensinns.
Wenn das Licht, welches auf einen Gegenstand fällt, ungleichmäfsig absorbirt
und nur theilweise reflectirt wird, sehen wir denselben farbig. Durch prismatische
Zerlegung einer weissen Lichtlinie erhalten wir das sogenannte Spectrum, welches
einen continuirlichen Farbenübergang von roth durch gelb, grün, blau bis violett
darstellt. Es ergibt sich, dass unser Auge Aetherschwingungen von etwa 400 bis
760 Billionen in der Secunde als Licht resp. Farbe zu empfinden vermag. Was
weniger als den Durchschnitt (neutrales Grün etwa 580 Billionen Schwingungen)
an Schwingungszahl besitzt, wird als warme (weniger brechbare), was schneller
schwingt als kalte (stärker brechbare) Farbe empfunden. Jeder Farbenton er-
gänzt sich mit einer bestimmten anderen Farbe, welche sämmtliche übrigen, in
Spectrum vorhandenen Farbentöne in entsprechender Stärke vereinigt, zu einer
farblosen Empfindung (complementäre Farben).
Aus GründeD der Einfachheit und um die bei Farbenstörungen
vorkommenden Erscheinungen zu erklären, werden Grundfarben an-
genommen; nach Young und Helmholt z roth, grün, violett; nach
Hering zwei (angeblich) complementäre Paare: roth-grün und blau-
gelb, zu denen noch eine besondere Schwarz-weissempfindung kommen
muss.
Dass eine von der Farbenempfindung verschiedene Weissempfindung nicht
existirt, kann aber ziemlich sicher bewiesen werden. Geht man nicht vom Spectrum
einer schmalen Linie aus , sondern zerlegt man das Licht eines breiten weissen
Streifens genau nur so weit, bis kein weiss mehr vorhanden ist, so treten aus
sämmtlichen Spectralfarben vier auffällig hervor: meist roth, gelb, himmelblau und
violett, die paarweise: roth-blau und gelb-violett in Wirklichkeit complementär
sind. Da hierbei lediglich eine Summirung von einzelnen Linienspectren statt-
gefunden hat, so müssen ungefähr diesen Farbentönen Maximalempfindungen ent-
sprechen. Diese stehen nicht objectiv ein- für allemal fest, sondern es zeigen sich
auch bei normalem Farbensehen Nuancen, noch viel erheblichere bei den Farben-
Störungen. Das normale Farbensystem setzt sich nach diesem Versuch aus je zwei
warmen und kalten, paarweise complementären Grundfarben zusammen, die ziem-
lich gleichmässig über die Länge des sichtbaren Spectrums vertheilt sind (nor-
males Vierfarbensehen, Tetrachromopsie).
Um die Grundempfindungen eines Individuums zu finden, lässt man am besten
eine schwarz-weisse Schachbrettfigur (Fig. 20) durch ein Prisma von 48 — 60° Basis
nach oben aus freier Hand in etwa zwei Meter Entfernung betrachten. Wir be-
kommen dann die beiden Hälften eines Streifenspectrums neben einander und lassen
aus W T ollproben die ähnlichsten Nuancen heraussuchen. Ausserdem müssen wir die
Aussengrenzen des Spectrums kennen. Schon bei massiger Einschränkung desselben
wird äusserstes roth oder violett (letzteres recht häufig) für schwarz gehalten, resp.
eine Mischung beider = hellrosa für roth oder blau erklärt, je nachdem die ent-
gegengesetzte Empfindung abgeschwächt ist.
Bei Farbenschwäche ist entweder ein Ende des Spectrum's erheblich ver-
kürzt, gewöhnlich das violette: Die Grund empfindungen schieben sich dem ent-
Farbenblindheit.
63
sprechend näher zusammen und sind z. B. roth, gelb, grün, blau, während violett
nicht gesehen und für schwarz gehalten wird. Es werden dann alle Farben richtig
erkannt und benannt; nur violetthaltige ohne dieses gesehen, z. B. purpur wie roth.
Oder das Spectrum ist von normaler Ausdehnung ; die beiden warmen und die beiden
kalten Formen aber sind sich näher gerückt. Die Grundempfindungen liegen
z. B. im orange, gelb, himmelblau und indigo. Es werden dann alle Farben richtig
gesehen und benannt, aber der Farben eindruck ist geringer um soviel, als orange
und gelb einen weniger verschiedenen Eindruck machen als roth und gelb.
Fig. 20.
Bei wirklicher Farbenblindheit ist nach allen Theorien nur eine
warme und eine kalte Farbe vorhanden ; ist hierbei das gesehene Spec-
trum von annähernd normaler Länge, so besteht Grünblindheit,
ist das rothe oder violette Ende erheblich verkürzt, so besteht Roth-
und Violettblindheit, d. h. die betreffenden Farben werden gar
nicht oder doch farblos gesehen. Da die warme und kalte Farbe des
Farbenblinden complementär sind, so hat das Spectrum desselben in
der Mitte eine neutrale farblose Stelle, die je nach der Art der Farben-
blindheit an verschiedener Stelle zwischen gelb und blau liegt. Benannt
werden die Farben vom Farbenblinden nach denjenigen im Spectrum
des Normalen, an welche das Empfindungsmaximum hinfällt: beim
Rothblinden gelb und blau (violett), beim Grrünblinden gelb (orange)
und blau (indigo), beim Violettblinden roth und blau. Da der Farben-
blinde innerhalb seiner warmen und kalten Farbe nur Helligkeitsunter-
(34 II. Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
schiede der gleichen Nuance sieht, so verwechselt er gelegentlich
sämmtliche Farben, welche im normalen Spectrum seiner warmen oder
kalten Zone entsprechen. Die auffallendsten Verwechslungsfarben sind
beim Rothblinden roth und grün, beim Grünblinden neutralpurpur und
neutralgrün, beim Violettblinden grün und blau.
Der Totalfarbenblinde hat gar kein Farbenunterscheidungsvermögen;
er sieht die Mitte des Spectrum's hell, die Enden dunkel.
In Wirklichkeit kommen alle Uebergänge vor vom Normalsehen durch Farben-
schwache zu wirklicher Farbenblindheit. Es ist desshalb am wahrscheinlichsten,
dass diese Farbenstörungen eine Entwicklungshemmung darstellen.
Am häufigsten ist Rothblindheit, dann folgen Grün- und Violett-
blindheit; totale Farbenblindheit ohne Herabsetzung des Sehvermögens
ist äusserst selten.
Normale Farbenempfindung ist nur innerhalb des Bereichs der
Macula lutea vorhanden ; die übrige Netzhaut ist farbenblind, und zwar
lässt sich diese Farbenstörung sehr gut durch die Annahme erklären,
dass allmälig beide warmen und kalten Farbenempfindungen in je eine
zusammenfliessen und zugleich die Spectralgrenzen hereinrücken. Die
äusserste Peripherie der Netzhaut ist total farbenblind.
Farbenblindheit kommt fast nur bei Männern vor, durchschnittlich
in 3°/ ; sie ist häufig erblich, namentlich in der Art, dass sie vom
Farbenblinden auf die Söhne oder die Söhne der Töchter vererbt wird.
Bei erworbenen Farbenstörungen handelt es sich um Vergiftungen
und progressive entzündliche und atrophische Processe, die bei den Seh-
nerven-, Netzhaut- und Aderhautentzündungen zur Sprache kommen. Ist
die Netzhaut für gewisse Strahlen nicht empfindlich, so wird farbig
gesehen. Bei atrophischen Processen centraler Natur entsteht Farben-
blindheit in der Art, dass gewissermafsen die Peripherie der Netzhaut
gegen die Macula wandert. Farbigsehen kann dabei nie eintreten, weil
kalt und warm immer complementär ist. Durch Reizung der Hirnrinde
am Sehcentrum kann vorübergehendes Farbensehen auftreten.
Zur Untersuchung auf die Farbenfunctionen kann man Figur 20
durch ein Prisma betrachten und die gesehenen Farben heraussuchen
lassen. Für gewöhnlich prüft man am raschesten mit Wollproben. Wird
rosa mit violett verwechselt, so besteht Rothblindheit, wird es mit grün
verwechselt, Grünblindheit; wird es nicht von roth unterschieden, so
ist Violettblindheit vorhanden, Grün wird bei Rothblindheit mit roth,
bei Grünblindheit mit purpur (rosa), bei Violettblindheit mit blau ver-
wechselt; blaugrün bei Grünblindheit mit blau, bei Violettblindheit mit
grün u. s. w.
Simulation und Dissimulation. 55
Man kann auch mit den bekannten Verweehslungsfarben Sehproben
herstellen (Stilling's pseudoisochromatische Tafeln), die natürlich
von Farbenblinden nicht entziffert werden können ; dieselben haben aber
den Nachtheil, dass sie immer nur für einen bestimmten Fall genau
passen, während innerhalb der angeborenen Farbenstörungen eine ziem-
liche Labilität besteht.
Um die Netzhautperipherie auf Farbenempfindung zu untersuchen,
zeichnet man auf einem Perimeterschema (Fig. 19) auf, in wieviel Grad
Entfernung vom Mittelpunkt noch die einzelnen Farben (Quadratcenti-
metergrosse Papierstückchen) erkannt werden. Meist begnügt man sich
mit roth, grün und blau. Verengerung der Grenzen, innerhalb welcher
Farben erkannt werden, kommt vor ohne Einschränkung des Gesichtsfeldes.
Nach Helmholtz wird die Farbenblindheit erklärt durch Ausfall einer
Grundempfindung: roth, grün oder violett. Dies passte für die drei Hauptarten
recht gut, schwieriger schon für die Uebergangsformen, wo angenommen werden
muss, dass eine Empfindung nur abgeschwächt sei. Auch müsste, wenn Farben-
blindheit erworben wird, z. B. Grün ausfällt, nothwenigerweise farbig gesehen wer-
den, was nicht der Fall ist. Beim total Farbenblinden wären zwei Grundfarben
ausgefallen. Nach Hering ist beim Roth- und Grünblinden (Roth-grünverwechsler)
die Roth-grünempfindung ausgefallen ; bei ersterem sei das Spectrum am rothen
Ende verkürzt, bei letzterem nicht. Roth- und Grünempfindung sind dabei so ge-
dacht, dass sie sich gegenseitig aufheben, und complementär seien. In Wirklichkeit
sind sie aber gar nicht complementär, und andererseits werden die wirklich
co mplementären Farben vom Farbenblinden nicht verwechselt. Bei
Violettblindheit soll die Blau-gelbempfindung ausgefallen sein, Blau und Gelb ver-
wechselt werden. Dies setzt aber ein so hochgradig verkürztes Spectrum voraus,
wie es in "Wirklichkeit nur höchst selten vorkommt; während Violett b 1 i n d heit
mit Vierfarbensehen und Zweifarbensehen (Verwechslung von Blau und Grün) gar
nicht so selten angetroffen wird. Der Totalfarbenblinde besässe nur noch die
Schwarzweissempfindung. Nach meiner Theorie ist bei Farbenblindheit nichts aus-
gefallen, sondern nur die Empfindungsqualitäten sind andere. Für Uebergänge
zwischen den Hauptformen ist genügend freier Spielraum gelassen, so dass dadurch
den in Wirklichkeit vorhandenen abnormen und pathologischen Zuständen weitaus
am besten entsprochen wird. Die complementären Empfindungen heben sich nicht
auf, sondern summiren sich, wie bei Helmholtz, zu einer, bezüglich der Farbe
neutralen Lichtempfindung.
Simulation und Dissimulation.
Bei den. Functionsprüfungen haben wir es nicht gerade selten mit
Simulation zu thun: Kurzsichtigkeit und herabgesetzte Sehschärfe
werden am häufigsten vorgespiegelt; seltener ist das Gegentheil, dass
nämlich die Functionen für besser ausgegeben werden, als sie in Wirk-
lichkeit sind (Dissimulation). Letzteres kommt besonders bei
Knies , Augenheilkunde. 5
66 II- Optische Functionen des Auges und deren Prüfung.
Farbenblinden vor; bei genauer Functionsprüfung wird Dissimulation
leicht zu entdecken sein. Auch Simulation von 'Kurzsichtigkeit kann
bei der objectiven Kefractionsbestimmnng mit dem Spiegel, eventuell
mit Atropin nicht durchgeführt werden. Simulation völliger Blindheit,
auch nur eines Auges, ist ebenfalls leicht zu entdecken. Viel schwieriger
liegt die Sache, wenn nur geringe Herabsetzung des Sehens eines oder
beider Augen simulirt oder eine wirklich vorhandene Sehstörung für
grösser angegeben wird, als sie in Wirklichkeit ist. Letzteres, die
Aggravatio, ist überhaupt häufiger, als die völlige Simulation. Man
sucht hierbei, ob die Sehprüfungen in verschiedensten Distanzen immer
die gleiche Sehschärfe ergeben, und ob die angegebene Sehstörung dem
Grad des vorhandenen Befundes, z. B. bei Hornhaut- und Linsentrübungen,
entspricht, um letzteres einigermafsen richtig zu schätzen, bedarf es
ziemlicher Uebung, ob z. B. SV 2 °der x / 4 bei einem centralen Horn-
hautfleck vorhanden ist, dürfte sich kaum entscheiden lassen.
Zur Erkennung der Simulation dient zuerst eine äusserst sorgfältige
Sehprüfung mit subjectiver und objectiverKefractionsbestimmung; speciell
ist auf Astigmatismus, früher vorhandenes Einwärtsschielen u. dgl. zu
achten, denn gar mancher Simulant entpuppt sich später als Astigma-
tiker. Man beschäftigt sich scheinbar nur mit dem gesunden Auge,
lässt aber das andere offen und unverdeckt. Ist ersteres z. B. emme-
tropisch und wird trotzdem mit Convex 3,0 gut in die Ferne gesehen,
so geschah dies natürlich mit dem anderen Auge. Vielfach werden
auch stereoscopische Apparate gebraucht, die darauf hinauslaufen, dass
der Untersuchte nicht weiss, mit welchem Auge er sieht; oder wo
Bilder übereinander geworfen werden, die mit zwei normalen Augen
nicht vereinigt werden können. Alle stereoscopischen Prüfungen setzen
aber ein binoculares Sehen voraus, welches nicht immer vorhanden ist.
Die sichere Entlarvung eines abgefeimten Simulanten kann eine sehr
schwierige Aufgabe sein.
Zur Bestimmung des Augendruckes sind eine ziemliche Anzahl
Instrumente (Tonometer) erfunden worden, die aber am Menschen
wenig gebraucht werden. Gewöhnlich beschränkt man sich darauf, den
Druck (die Tension, T) mit den Fingern zu prüfen. Am besten wird
der Bulbus mit dem Zeigefinger einer Hand im inneren Augenwinkel
fixirt und mit dem anderen Zeigefinger auf seine Resistenz geprüft, etwa
wie man auf Fluctuation untersucht. Erhöhten Druck bezeichnet man
als -f- T, erniedrigten als — T ; es kommen sehr grosse Unterschiede
in beiden Richtungen vor.
Augenlider.
67
III. Erkrankungen der Augenlider.
Die Augenlider bilden eine Hautduplicatur, welche Muskeln und einen binde-
gewebigen Knorpel (Tarsus) enthält. Die äussere Lidhaut ist zart und besitzt
reichlich Schweissdrüsen. Ihr subcutanes Bindegewebe ist sehr verschieblich und
fettlos, auch bei allgemeiner Fettsucht (Analogie mit der Haut des Hodensacks).
Am Lidrand, der durch die mehrfache Reihe der Wimpern (Cilien) bezeichnet wird,
geht die Lidhaut in eine Schleimhaut mit geschichtetem Pflasterepithel über. Die
Kante am freien Lidrande nennt man den Intermarginaltheil des Lides. In
ihn münden grosse Talgdrüsen und in einfacher Reihe die sogenannten M e i -
bom'schen Drüsen, die zum grossen Theile innerhalb des Lidknorpels liegen.
//fr'/ s s / \ . '■ '
* s ' i .'
//
Tr-
ifft
>ts «*"
Vfa,
Fig. 21.
adn art. dorsalis nasi, af art. frontalis, ao art. ophthalmica, aso art. supraorbitalis, ats art.
temporalis superficialis anterior, atf art. transversa faciei, aio art. infraorbitalis, vso vena
supraorbitalis, v f vena frontalis, v z vena zygomatica superior. v f a vena facialis anterior,
A Anastomose zwischen den beiden letzten, v 1 s vena labii superioris. v 1 n vena lateralis nasi.
v d n vena dorsalis nasi ; n s nerv, supraorbitalis, n f nerv, frontalis, n s t nerv, supratrochlearis,
nit nerv, infratrocblearis, ne nerv, ethmoidalis, nio nerv, infraorbitalis, nsm nerv, subcutanens
malae; Mt musculus obliquus superior und Trochlea, T Thränendrüse, Tr Thränenröhrchen,
Tg Thränennasengang ; lpi ligamentum palpebrarum internum.
5*
OS III. Erkrankungen der Augenlider.
Unter dem subcutanen Bindegewebe treffen wir auf den Musculus orbicularis
palpebrarum, der vom Nervus facialis innervirt wird : seine dem Lidrande zunächst
gelegenen Bündel heissen Homer "scher Muskel und umspinnen die Thränen-
röhrchen, die Wurzeln der Wimpern und die Mündungen der MeibonTsehen und
Talgdrüsen. Der Lidknorpel wird durch die Fascia orbitalis überall an den Orbital -
rand angeheftet; dieselbe wird durch glatte, vom Sympathicus versorgte Muskel-
fasern verstärkt, den sogenannten Müll er "sehen Muskel, welcher die Lidspalte
zu erweitern vermag. Durch die Fascia orbitalis wird die Augenhöhle nach aussen
abgeschlossen. Im inneren und äusseren Augenwinkel sind die beiden Lidknorpel
durch das Ligamentum palpebrarum internum und externum an dem
Knochen befestigt.
Die Vertheilung der Blutgefässe und sensibeln Nerven ist aus Fig. 21 er-
sichtlich: die motorischen Aeste des Facialis, die in der Figur nicht angedeutet
sind, verlaufen wesentlich in querer Eich tung. Der Heber des oberen Lides. Levator
palpebrae superioris, der sich am oberen Rande des Lidknorpels ansetzt, wird vom
Nervus oculomotorius versorgt.
An die Hinterfläche des Lidknorpels ist die Bindehaut durch sehr straffes Binde-
gewebe fest angeheftet.
Die äusseren Erkrankungen der Augenlider sind vollständig iden-
tisch mit denen der Haut; Abänderungen im Auftreten oder in der
Behandlung ergeben sich nur aus den örtlichen Verhältnissen und aus
der Nachbarschaft leicht verletzlicher Organe. Es ist desshalb auch
möglichst die für die Hautkrankheiten gebräuchliche Benennung an-
zuwenden.
Die häufigste Liderkrankung ist das Eczem ; alle Formen kommen
hier vor. Die Lidhaut ist namentlich bei Kindern ein Lieblings-
sitz acuter Eczemeruptionen. oft zusammen mit anderen auf der Haut
des behaarten Kopfes, um Ohren und Xase und mit eczematöser Er-
krankung der Conjunctiva und Xasenschleimhaut. Begünstigt wird das
Auftreten von Eczem da. wo durch Verband oder Liegen auf dem Ge-
sicht überfliessendes Conjunctivalsecret stagnirt. sich zersetzt und die
zarte Lidhaut macerirt. Oft. und nicht nur in den niederen Gassen,
ist das Eczem durch unzweckmäfsige Behandlung schauerlich vernach-
lässigt, die ganze Gesichtsfläche mit Krusten und Borken bedeckt, das
Kind wird als .seit "Wochen blind" gebracht, während nach zwangs-
weiser Oeffnung der Lider die Augen sich völlig intact zeigen; in
anderen Fällen sind allerdings auch schwere Erkrankungen des Auges
selber vorhanden, deren zweckmäfsige Behandlung dann oft schwierig
zu bewerkstelligen ist.
Die Behandlung besteht, wie überall, in sorgfältiger Reinigung
von Krusten und Borken, wonach man bis zur Heilung eine gut an-
liegende Leinwandmaske tragen lässt. die messerrückendick mit Hebra-
Eozem der Lider. 69
scher Salbe (Emplastr. diachyl. spl.; Ol. olivar ää 15.0—25,0) be-
strichen ist. Man hat nur darauf Acht zu geben, dass Nichts von der
Salbe in's Auge kommt, was durch vermehrte Secretion der Cunjunctiva
schädlich wirkt. Das Kind darf nicht fortwährend die Hände im Ge-
sichte haben und im Bette auf dem Gesichte liegen; nötigenfalls ist
dies durch geeignete Befestigung in Rückenlage, oder indem man die
Hände auf dem Rücken fest bindet, zu erzwingen. Sehr zweckmäfsig
sind auch die Seite 9 erwähnten Pappröhren. Gleichzeitig ist die
locale Behandlung der begleitenden Gesichts- und Kopfeczeme nicht
zu vernachlässigen ; entweder auf gleiche Art. wie bei den Lidern, oder
wo dies nicht angeht, wie bei Eczem der Xasenschleirnhaut. durch
dickes Anstreichen mit einer Salbe aus Praecipitat. alb. und Flor Zinci
ää 2.0 auf Axung. 30,0; möglichst weit in die Xase hinauf, nachdem
dieselbe sorgfältig gereinigt worden war. Hierbei verschwindet auch
rasch die „serophulöse* Verdickung der Xase und Oberlippe. K
vortheilhaft. wenn man das Kind bei gutem Wetter an die Luft bringen
kann, jedenfalls ist es schädlich, wenn es immer mit dem Rücken gegen
das Licht im dunkelsten Winkel des Zimmers sitzt.
Durch diese locale Behandlung heilt oft das schauerlichste Eczem
überraschend schnell, wenn durch vernünftige Eltern oder in einer An-
stalt die oben angegebenen Yerhaltungsmafsregeln eingehalten werden.
Aber ebenso rasch kommen Recidive. wenn zu Hause der alte Schlendrian
wieder losgeht.
Durch Bepinseln der gut gereinigten Eczemstellen mit zweiprocenti-
ger Lösung von Argentum nitricum kann auch oft rasche Heilung er-
zielt werden; doch beschränke man dies Verfahren auf ältere Fälle,
wo wesentlich die nach den Eruptionen zurückbleibenden Geschwürs-
stellen zur Heilung zu bringen sind.
Nicht selten wird diphtherische Infection einzelner oder
zahlreicher Eczempusteln beobachtet, namentlich bei Eczema impetigo.
Sie zeigt sich als weissliche Xecrotisirung des Geschwürsgrundes und
führt immer zu strahligen Narben, während sonst selbst nach lang-
wierigem Eczem nur eine zeitweilige dunklere Pigmentirung der Haut
zurückbleibt und es nur am Mundwinkel oder um die Xase. wo tiefere
Schrunden längere Zeit bestanden, zu bleibender Xarbenbildung kommt.
Die Behandlung ist die gleiche, wie beim gewöhnlichen Eczem: event.
betupft man die diphtherischen Stellen nach der Reinigung und vor
Anlegen der Maske einigemale mit 2 ° iger Carbolsäurelösung.
7<> III. Erkrankungen der Augenlider.
Man pflegt häufig jedes eczeraatöse Kind als „scrophulös" zu betrachten und
dem entsprechend zu behandeln. In vielen Fällen mag dies richtig sein, nie aber
darf die locale Behandlung über dem gebräuchlichen Leberthran vernachlässigt
werden. Drüsenschwellungen am Unterkiefer, vor dem Ohr u. s. w. sind oft nur
die directe Folge des bestehenden Eczems, und verschwinden nach Heilung des-
selben von selber. Wichtiger, als der Leberthran ist gute Luft und geregelte
Diät: Die Kinder sollen zur gehörigen Zeit nahrhaft und leichtverdaulich genährt
werden, dazwischen aber Nichts erhalten, nicht fortwährend z. B. an einem Stück
Brod herumkauen. Eine eigentliche antiscrophulöse Behandlung beschränke man
auf die Fälle, wo ausser dem Gesichtseczem noch andere, sichere Erschei-
nungen von scrophulöser Diathese bestehen.
Während die acuten Eczemforrnen vorwiegend im Kindesalter vor-
kommen, trifft man im höheren Alter mehr die chronischen an. Es
ist namentlich das Eczema squamosum. das oft scharf auf die
Lider beschränkt ist und durch fortwährendes Beissen und Jucken sehr
lästig wird. Glänzende Haut mit mehr oder weniger reichlicher Röthung
und Schuppenbildung, in lange dauernden Fällen dunklere Pigmenti-
rung characterisiren dasselbe. Schliesslich kann es zu Verkürzung der
Haut und zur Auswärtsdrehung der Lider (Ectropium) führen; es pflegt
sehr hartnäckig zu sein. Im Beginne ist es, wie anderes Eczem. mit
Hebra-Salbe zu behandeln, später sind Theerpräparate (z. B. Ol. cadin.
mit Vaselin ää 15,0 täglich ein- bis zweimal mit einem Pinsel dünn
aufzustreichen) anzuwenden. In anderen Formen chronischen Lideczems
ist nach den gleichen Principien, wie an anderen Orten zu behan-
deln: eine Salbe von Carbolsäure 1,0 und Vaselin oder Lanolin 25.0
bis 30,0 ist oft recht vortheilhaft. Alle stärker reizenden Mittel wende
man aber so an, dass nichts in den Conjunctivalsack gelangen kann,
und mache man den Patienten darauf aufmerksam, dass er sie sich
nicht selber in's Auge wische.
Eine besondere Form von Eczem. die sich auf den Lidrand be-
schränkt, wird als Blepharitis ciliar is bezeichnet. Sie kommt mit
und ohne Betheiligung der Lidhaut und der Conjunctiva vor und ist
recht häufig. Entfernt man die um die Cilien klebenden Krusten, so
erblickt man stecknadelkopfgrosse, trichterförmige, mehr oder weniger
tiefe Geschwürchen um die Haarwurzeln, die in schweren Fällen con-
ti uiren und ausgedehnte Geschwürsbildungen von zackiger Form, aber
wesentlich längs des Ciliarrandes , veranlassen können. In länger
dauernden Fällen kommt es zu förmlichen Granulationsknöpfen in den
einzelnen Geschwüren und zu mehr oder weniger erheblicher Verdickung
der Lidränder (Tylosis), in einer Ausdehnung von etwa 5 — 10mm.
Die Wimpern an den Stellen der Geschwüre fallen aus oder verkümmern,
Lidrandeczem. Seborrhoe. 71
während sie an den benachbarten Stellen stärker wachsen und abnorm
dunkel pigmentirt werden, woraus nach der Heilung eine sehr unregel-
rnäfsige Bewimperung der Lidränder resultirt. In vernachlässigten
Fällen können die Wimpern vollständig zu Grunde gehen.
Man hat nach Entfernung der Krusten, wobei oft Wimpern, deren
Haarbälge herausgeeitert sind, mitgehen, sorgfältig die einzelnen trichter-
förmigen Geschwüre mit spitzem Höllensteinstift zu tupfen und dann
mit Salzwasser zu neutralisiren ; diese Procedur wird alle zwei bis drei
Tage wiederholt. In leichteren Fällen genügt energisches Bepinseln
der geschwürigen Stellen mit zweiprocentiger Höllensteinlösung. Wenn
nicht mehr eigentliche Geschwürsbildung vorhanden ist, so kann man
vom Patienten zu Hause Morgens und Abends Zinksalbe (Flor. Zinei 0.5,
Ungt, lenient. 10,0) oder weisse Praeeipitatsalbe (0,1 : 10,0 Ungt. leniens)
auf die vorher mit warmem Wasser gut gereinigten Lidränder auf-
streichen lassen, muss aber dabei Anfangs alle 3 — 4 Tage controliren,
ob dies auch exact geschieht, um eventuell sofort selbst wieder die
Behandlung zu übernehmen.
Starkes Oedem des oberen Lides, das zuweilen das Lidrandeczem
complicirt, verschwindet meistens bald, wenn man die freie Lidfläche
täglich mit der Breite des Höllensteinstiftes energisch überfährt und
nachher durch Kochsalzlösung neutralisirt. Ist wesentlich nur noch
starke Verdickung des Lidrandes zurückgeblieben, so streicht man alle
24 oder 48 Stunden einmal Jodtinctur mit gut ausgedrücktem Pinsel
auf die verdickten Stellen, wobei sorgfältig darauf zu achten ist, dass
Nichts davon in den Conjunctivalsack fliessen kann. Man meidet dess-
halb am besten die Gegend der Augenwinkel, von denen man etwa
V 2 Centimeter entfernt bleibt.
Die Wimpern, deren Haarbälge herausgeeitert sind, regeneriren
sich nicht wieder; die Augen sind desshalb zeitlebens empfindlich gegen
Rauch, kalten W T ind und namentlich Staub, sobald dies in grösserer
Ausdehnung geschehen ist. Die Lidränder bleiben dann geröthet und
die Conjunctiva. die des Schutzes der Wimpern gegen mechanische
Schädlichkeiten entbehrt, pflegt abnorm zu secerniren. alles Zustände,
die nur zum Theil wieder gut gemacht werden können. Auch das Lid-
randeczem wird nicht selten diphtheritisch und führt dann die schliess-
liche Narbenbildung zur Einwärtswendung einzelner Wimpern (partielle
Trichiasis und partielles Entropium).
Die Seborrhoe der Lidränder kommt häufig zusammen vor mit
der gleichen Affection des behaarten Kopfes (Schuppenbildung). Wie
diese ist sie vorwiegend eine Krankheit der Pubertätszeit und der darauf
72 III. Erkrankungen der Augenlider.
folgenden Periode, wird aber oft auch noch im späteren Alter ange-
troffen. Namentlich blonde Individuen mit zarter Haut disponiren dazu.
Die Seborrhoe zeigt sich als leichte Verdickung und Röthung der Lid-
ränder, namentlich am oberen Augenlid, etwa in der Ausdehnung von
4 mm. An der Basis der Wimpern, diesen ziemlich fest anhaftend,
findet man weissliche oder gelbliche Schüppchen, oft erst recht bemerk-
bar, wenn man sie mit dem Finger vom Ciliarrande losreibt, zuweilen
aber auch sehr reichlich. Es ist dies das abnorm vermehrte Secret
der Talgdrüsen um die Wimpern. Zuweilen ist es mehr ölig, erst
weiterhin zu gelben Krusten vertrocknend: Seborrhoea fluid a. Bei
reiner Seborrhoe kommt es unter den Schuppen nicht zur Geschwürs-
bildimg; dadurch und durch den sehr chronischen Verlauf unterscheidet
sich die Affection vom Lidrandeczem. Nur wenn die Seborrhoe sehr
arg vernachlässigt ist, bilden sich unter den zersetzten Krusten Ge-
schwürchen ; dann ist sie vom Eczem kaum noch zu unterscheiden und
bis zur Heilung der Geschwüre auch wie dieses zu behandeln.
Die Wimpern sind bei der Seborrhoe im Gegensatz zum Eczem.
fein, wie verkümmert, oft stark nach auswärts gekrümmt; sie pflegen
leicht auszufallen, regeneriren sich aber wieder, da die Haarbälge er-
halten bleiben.
Die subjectiven Symptome sind oft recht unbedeutend; doch be-
steht meist ein chronischer Reizzustand der Augen mit mehr oder
weniger Empfindlichkeit und asthenopischen Beschwerden (siehe Seite 29) ;
häufig sind Exacerbationen mit Brennen und Beissen der Augen, nament-
lich wenn Bröckel des vertrockneten Secretes oder Schüppchen in den
Conjunctivalsack gerathen und dort als Fremdkörper wirken. Am
ehesten noch treibt bei reiner Seborrhoe die manchmal recht auffällige
und hässliche Röthung der Lidränder den Patienten zum Arzt.
Es ist, namentlich von England aus. darauf aufmerksam gemacht worden,
dass sehr häufig Complication der Seborrhoe mit Hypermetropie vorkomme, und man
hat desshalb letztere für die Ursache erklärt. Ja man hat sogar behauptet, dass
durch entsprechende Convexbrillen die Seborrhoe zur Heilung gekommen sei. In
solchen Fällen machte eben die Hypermetropie die subjectiven Beschwerden,
die den Patienten zum Arzt führten; das richtige Glas beseitigte die lästigen
Symptome, aber die Seborrhoe selbst wurde dadurch nicht beeinflusst. Im Uebrigen
kommt bei uns Myopie mindestens ebenso häufig bei Seborrhoe vor, wie Hyper-
metropie.
Die Therapie besteht in sorgfältiger Keinigung der Lidränder mit
recht warmem Wasser; die Krüstchen und Schüppchen müssen, event.
vor dem Spiegel, entfernt werden. Sind sie mit einem feinen Schwämm-
ehen gut aufgeweicht, so genügt es, wenn der Patient mit dem um-
Hordeolum. 73
wickelten Finger einigemale recht energisch die Augen ausreibt. Die
durch das warme Wasser bedingte Congestion ist in einigen Minuten
vorüber, und man bestreicht dann den Lidrand nur ganz leicht mit einer
fetten Salbe. Es kann zur Anwendung kommen : Zinksalbe (0,5 : 10,0),
gelbe Quecksilberoxyd- oder weisse Praecipitatsalbe (beide 0,1 :10,0) mit
Unguentum leniens als Constituens. Besonders gerühmt wird eine Salbe
mit Turpethum minerale (basisch schwefelsaurem Quecksilberoxyd):
Kp. Turpeth. mineral 0,1, Butyr. Cacao und Ol. olivar. ää 6,0 f. ungt.
(Homer). Alle diese Salben müssen mindestens 6 bis 8 Wochen ge-
nau angewendet werden, in leichten Fällen einmal, in schwereren zwei-
mal im Tage ; Kecidive sind häufig. In sehr chronischen Fällen können
auch Theerpräparate oder Jodtinctur nothwendig werden, wie bei der
Lidverdickung nach chronischem Eczem des Lidrandes.
Etwa gleichzeitig vorhandene Refractionsanomalien sind natürlich
entsprechend zu behandeln; wie schon erwähnt, sind die subjectiven
Symptome oft durch derartige Complicationen bedingt, und desshalb ist
immer nach solchen zu fahnden.
Sowohl Acne vulgaris, als Acne rosacea kommen an den Lidern
vor, doch in etwas abweichender Form, wesshalb diese Affectionen " ge-
wöhnlich andere Namen führen. Die Acne vulgaris tritt nament-
lich zur Pubertätszeit auf, macht mehrere Eruptionen hinter einander,
in kurzen Zwischenräumen und wird als Hordeolum (Gerstenkorn) be-
zeichnet. Das Bindegewebe um eine verstopfte Talgdrüse des Lid-
randes vereitert oft unter recht heftigen Erscheinungen. Unter stechen-
den Schmerzen bildet sich rasch eine mehr oder weniger heftige Schwel-
lung und Röthung des Lides, am stärksten, wenn das Hordeolum am
äusseren Lidwinkel sitzt, wobei oft starkes Oedem der Conjunctiva vor-
handen ist. .Fährt man mit dem Finger leicht drückend über den Lid-
rand, so ist eine Stelle entsprechend dem Sitz der Entzündung beson-
ders empfindlich. In der grossen Mehrzahl der Fälle entleert sich
nach 2 oder 3 Tagen der gebildete Eiter von selbst, oft nach voraus-
gegangener Steigerung der die Nachtruhe störenden Schmerzen; in
seltenen Fällen bleibt noch längere Zeit eine harte Stelle zurück, die
allmälig verschwindet oder in eine der bei der Acne rosacea zu er-
wähnenden Formen übergebt.
• Sobald sich der Eiter gebildet hat, etwa nach 30 Stunden vom
Beginne an, kann man mit einem Einstich (am besten, wenn sich das
Lid noch umklappen lässt, von der Conjunctivalseite aus und wegen
des Verlaufs der MeiboirTschen Drüsen senkrecht auf den Lidrand)
momentan die Schmerzen abschneiden. Dies ist aber selber sehr schmerz-
74 HI. Erkrankungen der Augenlider.
baft und man wird sich meistens darauf beschränken, durch warme
Bleiwasserüberschläge | ntanen Aufbruch zu beschleu-
nigen.
Begünstigt wird das Auftreten der Gerstenkörner durch Alles, was
Verstopfung der Talgdrüsen am Lidrand begünstigt. Wir finden
halb häufig Seborrhoe, die natürlich zur Verhinderung von Kecidiven
sorgfältig behandelt werden muss. und ebenso oft werden zahlreiche
Comedonen auf Stirue und Xase gleichzeitig angetroffen, die anzeigen,
lie Reinigun, achtes in ungenügender Weise vorgenommen
wird. In letzterem Falle ist war: am Platze.
Man hat sich namentlich zu hüten, dass man das Hordeolum nicht
für etwas Schlimmeres ansieht, wozu die Heftigkeit der subjectiven und
objectiven Symptome den Ungeübten zuweilen verführen können. Das
völlige Intactsein des Auges und die auf einen bestimmten Punkt
coneentrirte Schmerzhaftigkeit führen zur richtigen Diagi
Die der Acne rosacea entsprechende Affection des Augeuli
wird gewöhnlich Chalazium (Hagelkorn) genannt. Während das Hordeo-
lum in einer acuten eitrigen Entzünde Bindegewebes um eine
Talg- oder Meibom 'sehe Drüse besteht, rindet beim Chalazium
chronische Entzündung mit Bildung von Granulationsgewebe an gleicher
Stelle statt. Die Verwandtschaft mit der Acne rosacea wird häufig durch
.leichzeitige Vorkommen dieses Pr d anderen Stellen, be-
sonders an Nase und Wange dargethan. ebenso dadurch, dass bei
beiden das spätere Lebensalter das bevorzugte ist. Beim Chalazium sind
vorwiegend die Meibom 'sehen, beim Hordeolum die Talgdrüsen des
Lidrandes ergriffen.
Der Beginn ist zuweilen, wie beim Hordeolum: es blejbt aber eine
harte Stelle zurück, die sich langsam vergrössert. Meist ist der An-
fang unmerklich, doch sind kleine Entzündungsschübe im Verlaufe -ehr
häufig. Das Chalazium bildet bis nnssgrosse Geschwülste im Tarsal-
theil der Augenlider, über denen die etwas geröthe rf normale
Haut leicht verschieblich ist. die aber auf dem Tarsus unbeweglich
aufsitzen. Nicht selten sind -ie mehrfach vorhanden und über alle vier
Augenlider vertheilt. Die Geschwülste sind von einer bindegewebigen
Membran überzogen, deren rückwärtsliegenden Theil der Tarsus bildet,
und bestehen aus < hanulationsgewebe (häufig mit Pviesenzellen) von
verschiedener Cou-i-tenz: öfter ist in der Mitte ein Tröpfchen Eiter
vorhanden. Zuweilen ist der Inhalt vollständig flüssig, klar und von
gelber Farbe (Meliceris. Honiggeschwu!
Chalazium. Atherome. 7">
Die Chalazien sind durchaus gutartige Geschwülste, die nur durch
das Aussehen, allenfalls einmal durch ihr Gewicht lästig sind. Ihre
Entfernung kann nur operativ geschehen. Sind sie klein, so eröffnet
man sie am besten von der Conjunetivalseite her mit einem senkrechten
Einstich; der Inhalt muss aber sorgfältig und vollständig ausgedrückt
oder mit einem kleinen Löffel ausgekratzt werden, sonst schliesst sich
die Wunde, und die Geschwulst wächst von Neuem. Die Höhle mit
Höllenstein oder mit einem kleinen Glüheisen auszubrennen, ist nicht
nöthig. aber schmerzhaft. Auch wenn alle Granulationsmässe entfernt
ist. pflegt sich die Stelle doch noch hart auzufühlen. weil meist die
Höhle prall mit Blut gefüllt ist. Dieses verschwindet aber in einigen
Tagen unter der Anwendung von Bleiwasserüberschlägen.
Sind die Chalazien über kirschkerngross , so werden sie besser,
weil vollständiger, von aussen entfernt. Nachdem Cocain eingeträufelt
und eine Knapp'sche Lidklemme (Fig. 3, Seite 8) eingelegt und
festgeschraubt ist, macht man einen queren Hautschnitt über die ganze
Geschwulst und präparirt sie. ohne die bindegewebige Kapsel anzu-
schneiden, bis zum Tarsus frei. Dann wird das Messer in der Ebene
des Tarsalknorpels flach durchgestossen und Alles soviel als möglich
in einem Stücke weggeschnitten. Etwa zurückbleibende Reste entfernt
man am besten mit flachen Scheerenschnitten oder durch Wegkratzen.
Eine oder zwei feine Hautnähte sind nur bei grösseren Geschwülsten
nöthig. Wollte man auch die Rückwand des Chalazium mitentfernen,
so müsste man ein Loch in den Tarsus schneiden und würde fast aus-
nahmslos auch die Conjunctiva fenstern ; es ist dies zwar ohne weitere
Folgen, sollte aber doch vermieden werden. Wenn nach der kleinen
Operation gut mit Borsäure- oder Carbolsäurelösung ausgewaschen
wurde, so ist ein Verband meist unnöthig. da quere Lidwunden nicht
klaffen.
Die so wirksame Behandlung der Acne mit Schwefel und Campher (Flor.
sulfur. 50.0: Camphor. Irit. 2.0; S eine Messerspitze voll mit etwas Wasser ange-
rührt über Nacht aufzulegen und Morgens mit warmem Seifen wasser abzuwaschen)
liis>t sich leider an den Augenlidern nicht anwenden: dagegen ist sie nie zu ver-
säumen, wo gleichzeitig mit Chalazium Acne rosacea im Gesichte vorhanden ist.
Atherome sind an den Augenlidern recht selten : sie sind meistens
angeboren und habeu dann ihren Sitz da . wo zwei Knochen durch
Nähte mit einander verbunden sind, namentlich zwischen Stirnbein und
Nasenbein und zwischen Stirnbein und Jochbein. Fast immer sind
sie an diesen Stellen mit dem Periost fest verwachsen, was bei der
Entfernung zu berücksichtigen ist. Selten überschreiten sie die Grösse
III. Erkrankungen der Augenlider.
einer Kirsche. Ihr Inhalt ist der gewöhnliche: doch kommen auch alle
Uebergänge zu wirklichen Dermoid Cysten mit Papillarkörper und
Haaren vor. Zuweilen ist an der betreffenden Stelle eine Knochenlücke
vorhanden.
■hr häufig findet man Milien an der Haut der Augenlider, ver-
stopfte und ausgedehnte Drüschen von Steeknadelkopfgrösse und dar-
über, deren dünne Decke den weisslichen oder gelblichen Inhalt, be-
stehend in fettig degenerirten Epithelien und Cholestearin , durch-
schimmern lässt. Man ritzt sie mit der Messerspitze an und drückt
sie aus. wobei nicht einmal ein Tröpfchen Blut fliegst, da ihre epitheliale
Decke keine Capillaren enthält. Kleine wasserhelle Epithelbläscheii
am freien Lidrand, die das Gefühl eines Fremdkörpers verursachen, sind
überaus häufig: durch Anstechen mit einer Nadel werden sie be-
seitigt.
Der Herpes febrilis an den Augenlidern zeigt keine Eigentüm-
lichkeiten : wichtiger ist der allerdings seltene Herpes zoster. Fast
immer ist der erste Ast des Trigenimus betroffen. Im Anfang ähnelt
die Affection einem Erysipel, wofür sie auch meist gehalten wird. Das
obere Lid und die Stirne bis an die behaarte Kopfhaut sind geröthet
und geschwollen, eventuell auch der Nasenflügel unterhalb des Nasen-
beins (Verlauf des Nasena-t Nervus nasociliaris). Die Schmerzen
sind sehr verschieden, meist aber viel heftiger, als bei Erysipel; das
Fieber ist. wo vorhanden, viel mäfsiger, und die Affection schneidet
genau in der Mittellinie ab. Ebenso fehlt natürlich das Wan-
dern. Schon jetzt läs>t sich oft eine Temperaturdifferenz der ergriffenen
und gesunden Seite constatiren und ist mehr oder weniger vollständige
Anaesthesie der erkrankten Hautparthie vorhanden. Nach einigen
Tagen kommt es zu Herpeseruptionen im Gebiet des afficirten Nerven,
mit öfteren Nachschüben: der Inhalt der Bläschen vertrocknet zu bräun-
lichen Krusten, unter denen sich tiefe Geschwüre bilden, die nur lang-
sam heilen und bleibende strahlige Narben zurücklassen. Im ganzen
Verlaufe steigern sich die neuralgischen Schmerzen häufig zu uner-
träglicher Höhe, und diese quälenden Neuralgien können noch Jahre
lang zurückbleiben, nachdem alle Entzündungserscheinungen längst ab-
gelaufen sind und nur noch die characteristischen Narben der einen
Stirnhälfte die vorausgegangene Erkrankung erkennen lassen. Häufig
ist die Hornhaut miterkrankt, wovon später.
Als anatomische Grundlage wurde Entzündung des Ganglion Gasseri
und ciliare, sowie der zu denselben fuhrenden Nerven nachgewiesen
ttler).
Erysipel. Pustula maligna. 77
Die Therapie ist ziemlich ohnmächtig: während des Verlaufes
Morphiuminjectionen bei allzu heftigen Schmerzen. Auch gegen die
zurückbleibenden Neuralgien bleibt Electricität und sogar die Nerven-
durchschneidung oft erfolglos: auch hier sind gelegentliche Morphium-
injectionen fast das einzige, was man zur Linderung der Leiden thun
kann, die schon mehrfach zu Selbstmord geführt haben. Glücklicher-
weise sind wenige Fälle so hartnäckig, und ausnahmsweise verläuft
auch einmal einer in relativ kurzer Zeit.
Erysipel zieht bekanntlich sehr häufig über die Augenlider hin-
weg, die dabei unförmlich anschwellen; nicht selten ist hier die Form
des Erysipelas bullosum und gangränosum. Es können secundäre Abscesse
in den Augenlidern auftreten, zuweilen auch Infiltration. Thrombosi-
rungen und Eiterungen in der Orbita. die durch Compression und
Atrophie des Sehnerven oder Vereiterung des Auges dessen bleibenden
Verlust verursachen können.
Abscesse der Lider aus anderen Gründen, ausgenommen Ver-
letzungen, gehören zu den grössten Seltenheiten, wenn man die Fälle
begreiflicherweise ausschliesst. wo der Eiter von Periostitis oder Caries
der Orbitalwände oder von einer perforirten eitrigen Thränensackent-
zündung herrührt.
Insectenstiche (Bienen. Wespen u. s. w.) machen ähnliche Er-
scheinungen, wie ein Hordeolum, nur concentriren sich die Symptome
um die Stichstelle; die Behandlung (Bleiwasser) ist die gleiche.
Die Milzbrandinfection, Pustula maligna, Oedema m a 1 i g n u m .
localisirt sich relativ häufig an der zarten Haut der Augenlider. Ihr
Verlauf ist derselbe, wie an anderen Orten; doch kommt es oft zu
brandiger Zerstörung der Lider in so hohem Mafse, dass das Auge
wegen mangelnder Bedeckung zu Grunde gehen kann. Leider läs-t
sich die locale energische Desinfection oft nicht in der gern gewünschten
Ausdehnung anwenden, da man fürchten muss, allzuviel zu zerstören:
die Aetzwirkung in dem lockeren, verschieblichen Bindegewebe läs>t
sich nicht immer genügend einschränken. Ausbrennen und antisep-
tische Umschläge mit 3 1 2 ° iger Bor- oder 2 1 S Q „iger Carbolsäure sind
auch hier am Platze. Die nach der Heilung restirenden ausgedehnten
Substanzverluste erfordern oft umständliche plastische Operationen in
grossem Mafsstabe, die natürlich je nach dem einzelnen Falle sehr ver-
schieden auszuführen sind. Einige Anhaltspunkte hierfür sind am
Schlüsse dieses Kapitels zu finden.
Brandige Zerstörung des unteren Augenlides ist als Theilerschei-
mrag von Noma eine schwere Complication acuter Infectionskrank-
78 HI. Erkrankungen der Augenlider.
heiten, namentlich des Typhus abdominalis und der Masern. Bei dem
fast immer tödlichen Verlaufe kann meist nur von symptomatischer
Behandlung die Rede sein. Kommt ein Fall zur Heilung, so gilt das
nämliche, wie nach geheilter Pustula maligna. Gelegentlich kommt
spontane Lidgan graen allein als Nachkrarikheit acuter Infections-
krankheiten vor. So sah ich nach Masern bei einem einjährigen Kinde
einen Theil der Hautfläche beider Lider gangraenesciren ; die Affection
heilte mit tiefen Narben ohne grosse Entstellung, da die freien Lid-
ränder verschont blieben.
Zu erwähnen wäre auch, dass bei Variola nicht selten Pusteln
am freien Lidrande vorkommen, die später an der betreffenden Stelle
eine Einwärtskehrung des Lides (partielles Entropium) mit Einwärts-
stellung der Wimpern, die beständig auf dem Auge reiben (Trichiasis),
verursachen. Zur Beseitigung der dadurch hervorgebrachten Störungen
genügt es meist nicht, die Wimpern mit der Cilienpincette auszu-
reissen, da sie immer wieder nachwachsen; meist ist eine kleine Ope-
ration nothwendig, wovon später.
Kleine Warzen am Lidrande sind recht häufig; wo sie belästigen,
halte man sich nicht lauge mit Aetzen auf, sondern schneide sie aus.
Das Nämliche gilt für kleine gutartige Tumoren aller Art, von denen
namentlich Teleangieetasien und cavernöse Tumoren, letztere
manchmal gestielt, Naevi pigmentosi und vasculosi, in seltenen
Pillen auch Cornu cutaneum, Fibroma molluscum, plexi-
formes Neurom u. s. w. an den Augenlidern vorkommen. Die Ge-
fasegeschwülste aller Art sind recht häufig angeboren, oft von kleinen
Anfangen zu einer gewaltigen Ausdehnung anwachsend. Wenn dess-
halb ein Wachsthum derselben constatirt ist, so empfiehlt sich mög-
lichst frühzeitige Entfernung. Zuweilen genügt mehrfaches Durch-
stechen mit glühenden Nadeln, wonach Schrumpfung eintritt; Aetzungen.
Ergotininjectionen und was dergleichen Surrogate weiter sind, können
weniger empfohlen werden.
Der freie Lidrand ist ein Lieblingssitz für das Epithelialcarcinom,
• las an seinem characteristischen Aussehen leicht zu erkennen ist. Eine
Verwechselung ist einzig möglich mit dem primären syphilitischen
Geschwür, dem harten Schanker, der in sehr seltenen Fällen gleich-
falls am freien Lidrande beobachtet wird. Anamnese und Verlauf wer-
den bald die richtige Diagnose stellen lassen; weniger mafsgebend ist
• las Alter, da das Cancroid, besonders im inneren Augenwinkel, auch
bei jugendlichen Individuen vorkommt. Bei genauem Zusehen nacli
vorheriger sorgfältiger Reinigung des Geschwürsgrundes wird man
Lupus. Xanthelasma. 7<i
jedoch die Comedonen-ähnlicheD, weisslichen Epithelzapfen des Cancroids
erkennen. In zweifelhaften Fällen ist eine kurze Beobachtungszeit oder
der Versuch einer antispecifisehen Behandlung gestattet. Lymph-
drüsenschwellungen können bei beiden Ail'ectionen vorhanden sein. Für
die Entfernung eine- Cancroids ist natürlich rücksichtsloses Operiren
im Gesunden erstes Gebot: doch ist dies zuweilen recht schwierig,
namentlich bei Geschwülsten im inneren Augenwinkel, welche relativ
früh die Knochen ergreiten und im Thränensack. auch in der Nasen-
iin«l Highmore's Höhle weiterwuchern. Desshalb pflegen sie auch hier
häufig zu recidiviren. während bei frühzeitig und energisch vorge-
nommener Entfernung von Cancroiden am freien Lidrand vielfach Hei-
hingen beobachtet worden sind. Fast immer wird eine grössere Plastik
die Operation beschliessen müssen, wovon später.
Häufiger als das Ulcus durum ist an den Lidrändern das Ulcus
molle, das bei seinem characteristischen Aussehen nicht zu verkennen
(et; seine Behandlung ist die gleiche wie an anderen Orten, natürlich
mit Berücksichtigung des Auges. Ebenso werden aller Art seeun-
pftr syphilitische Bauterkrankungen, sowie <iummata an
|en Lidern beobachtet.
Lupus in seinen verschiedenen Formen, meist als Theil ein»- Gte-
sichtslupus, ist an den Augenlidern keine seltene Erscheinung. Er
kann zu den umfänglichstell Narbenbildungen mit Verlust der Augen-
lider und Blosslegung der Conjunctiva und des Auges fuhren. Seine
Behandlung ist dieselbe, wie anderswo. Etwa wünschbare plastische
Operationen gelingen bei dem schlechten Operationsboden nur schwierig;
natürlich dürfen sie erst nach vollständiger Heilung der lupösen Atl'ection
gewagt werden. Auch Lupus erythematodes kommt an den Augen-
lidern vor (Schmetterlingsform).
Eine den Augenlidern eigenthümliche Geschwulstbildung ist das
sogenannte Xanthelasma. Bei bejahrten Leuten, namentlich Frauen
im Klimacterium, bildet sich, zuerst am oberen Lid gegen den inneren
Augenwinkel hin. später auch am unteren eine wenig prominirende.
leicht höckerige, schmutziggelbe oder schmutzig orangefarbene An-
schwellung, die mit der Haut verschieblich und gegen die Nachbar-
schaft gut begrenzt ist. Diese „Flecken" vergrössern sich im Laufe
der Jahre mit vorwiegender Ausdehnung in die Quere des Lides ohne
Sehmerzen und ohne irgend welche weiteren Beschwerden und können
schliesslich namentlich am oberen Lid den grössten Theil der freien
Fläche der Lidhaut einnehmen. Zuweilen auch bilden sich von der
Ausgangsstelle getrennte Heerde, die später confiuiren; meist geschieht
80 HL Erkrankungen der Augenlider.
die Entwickelung lediglich in continuo. Vom freien Lidrand und von
den Augenbrauen bleibt das Xanthelasma immer mindestens 5 mm ent-
fernt. Die Affection ist stets doppelseitig, wenn auch nicht an beiden
Augen genau zur gleichen Zeit beginnend und desshalb von verschiedener
Ausdehnung; das obere Lid ist das erstergriffene und zeigt auch bei
weitem umfangreichere Entwickelung des Xanthelasma, als das untere.
Untersucht man feine Schnitte nach vorausgegangener Tinction mit dem
Microscop, so sieht man zwischen feinen Fasern eingebettet grosse, feinkörnige,
mit zahlreichen Kernen versehene Protoplasmaklumpen oft von recht bizarren
Formen. Aus dem Vergleiche zahlreicher Schnitte mit einander ergibt sich, dass
die capillaren Bindegewebsspalten stark erweitert und mit diesem kernhaltigen
Protoplasma, in dem sich keine einzelnen Zellen abgrenzen lassen, ausgefüllt sind.
Dadurch, dass die Schnitte bald senkrecht, bald schräg fallen, werden die Formen
grosser vielkerniger Zellen vorgetäuscht. An anderen, offenbar den ältesten Stellen,
fehlt das Protoplasma; wir finden nur wirr durcheinanderlaufende, stark licht-
brechende Fasern, die in dickeren Schichten deutlich gelbe Farbe zeigen. An der
Peripherie kann man oft deutlich sehen, wie die Protoplasmamasse spitze Ausläufer
in's normale Bindegewebe vortreibt, ähnlich der continuirlichen Vergrösserung beim
Epithelialcarciuom. Oifenbar handelt es sich um eine Erkrankung des capillaren
Lymphapparates, das scheinbare Protoplasma ist geronnene Lymphe und die Kerne
desselben sind diejenigen von eingeschlossenen Lymphkörperchen und von Endothe-
lien, die sich losgelöst haben; nicht selten kann man an ihnen Kerntheilungen
in ihren verschiedenen Stadien beobachten. Stellenweise kommt es zur Verfettung
und Resorption, während an anderen Orten die Veränderung weiterschreitet. Wir
haben es demnach mit einem localen Processe zu thun, der mit gewissen elephan-
tiastischen Vorgängen eng verwandt ist. Auch Perivasculitis und Endarteriitis
wurde an den betreffenden Stellen gefunden.
Die Affection ist absolut harmloser Natur und bringt wesentlich
kosmetische Nachtheile. Auf Wunsch der Patienten ist man aber
immerhin berechtigt, die Stellen zu excidiren, da dies ganz gefahrlos
geschehen kann. Kleinere Partieen exstirpirt man so knapp als mög-
lich, bei grösseren hüte man sich, zuviel zu entfernen, weil sonst die
Lider nicht mehr völlig geschlossen werden können. Man schneide eine
quere Ellipse aus dem Xanthelasma heraus, nachdem man sich durch
Aufheben einer entsprechenden Falte vorher vergewissert hat, dass auch
bei Fehlen des betreffenden Stückes ein bequemer Lidschluss möglich
ist. Die stehengelassenen Partieen normalisiren sich zum Theil; im
schlimmsten Falle kann man später, wenn die Haut nachgiebiger ge-
worden ist, auch den Eest entfernen. Mit 2 oder 3 feinen Hautnähten
und einem antiseptischen Verband ist die Wunde in 48 Stunden geheilt.
Nie mache man die Operation auf beiden Augen gleichzeitig, damit
immer ein Auge noch benutzt werden kann. Vernünftige Patienten
können ambulatorisch operirt werden.
Lidoedem. Ptosis adiposa. 81
Als Seltenheiten wären noch Ichthyosis und Avirkliche Ele-
phantiasis der Lider zu nennen, die colossale Geschwülste verur-
sachen kann; Lepraknoten haben einen Liebliugssitz in Lidern und
Augenbrauen. Auch leukämische Tumoren der Lider kommen
gelegentlich zur Beobachtung u. s. w.
Von Parasiten an den Lidern sind zu erwähnen der P h t h i r i u s
pubis, dessen „Nissen" die Cilien wie schwarz bestäubt erscheinen
lassen und der Cysticercus cellulosae, dessen Diagnose aber
selten mit Sicherheit zu machen ist; meist wird er wohl für einen
Abscess oder ein Atherom gehalten und erst bei der Operation erkannt,
wenn die bläulich durchscheinende, kirsch- bis nussgrosse, meist in
etwas Eiter schwimmende Blase entleert wird. Gegen Phthiriasis ist
sorgfältige Reinigung und graue Salbe am Platze.
Lidoedem, seröse Schwellung des ganzen Lides, oft mit mehr oder
weniger zelliger Infiltration, ist meist nur eine secundäre Erscheinung.
Erkrankungen der Lidhaut (Hordeola, lnsectenstiche), der Conjunctiva,
der benachbarten Knochen, des Thränensackes sowie der Orbita können
Lidoedem veranlassen ; in letzterem Falle wird die Lidschwellung scharf
durch die Orbitalränder begrenzt. Lidoedem darf nicht mit stärkerer
Prominenz des Bulbus verwechselt werden, die gerade bei Orbital-
erkrankungen nicht selten gleichzeitig vorhanden ist. Sehr selten wird
oedematöse Verdickung der Lider als selbständige Erkrankung ange-
troffen; manchmal hatte sehr intensive Kälte vorher längere Zeit auf
die Lider eingewirkt, in andern Fällen war keine Veranlassung zu
eruiren. Wenn Bepinselung mit Jodtinctur nicht zum Ziele führt, kann
die Excision einer queren Hautfalte nöthig werden.
Spontanes Lidoedem wird nicht selten bei hochgradig
Anaemischen, sowie bei Nierenleidenden angetroffen; ebenso
bildet es ein Frühsymptom bei Trichinose.
Nicht zu verwechseln mit Lidoedem ist eine meist beiderseits auf-
tretende diffuse Lipombildung des obern Lides, sogenannte Ptosis adiposa.
Anfangs scheint das Lid nur verdickt zu sein, später bildet sich eine
mehr abgegrenzte, rundliche, weich anzufühlende Erhabenheit. Wenn
das Lipom weiter wächst, so hängt das obere Lid sackförmig über die
Wimpern herüber, ist in seiner Bewegung gehemmt und kann Seh-
störung verursachen. Zuweilen schimmert das Fettgewebe mit gelblicher
Farbe durch die verdünnte Lidhaut durch, in andern Fällen ist letztere
normal oder massig geröthet. Nur eine Operation kann Heilung bringen,
die natürlich, so lange es sich nur um kosmetische Nachtheile handelt,
nur auf Wunsch des Patienten auszuführen ist. Mit zwei flachen Bogen-
Knies, Augenheilkunde. P>
82 III. Erkrankungen der Augenlider.
schnitten umschneidet man querelliptisch die überschüssige Haut
und entfernt sie mit dem neugebildeten Fettgewebe. Man hüte sich,
allzuviel von letzterem zu entfernen , das sich fortwährend von
allen Seiten in die Wunde vordrängt, desinficire gut, lege einige
Hautnähte an und mache einen festliegenden antiseptischen
Verband, um eine Nachblutung in die Wundhöhle zu verhindern. Wäh-
rend kleinere Geschwülste ambulatorisch operirt werden können, ist bei
grösseren 2 — 3tägige Bettruhe wünschenswerth. Chloroform ist meist
nicht nöthig. In 3 bis 4 Tagen pflegt die Heilung vollendet zu sein;
kommt es zur Eiterung, was allerdings nicht eintreten sollte, so kann
dieselbe durch Fortpflanzung in die Orbita höchst unliebsame Dimen-
sionen annehmen. D esshalb ist strenge Antisepsis und eher etwas zu
viel Vorsicht geboten.
Lähmung des obern Lides (Ptosis, Herabgefallensein) kommt voll-
ständig und unvollständig vor; sie kann angeboren sein und ist dann
zuweilen Folge des vollständigen Fehlens des Musculus levator palpebrae
superioris. Meist ist sie alleinige oder Theilerscheinung einer Oculo-
motoriuslähmung. Bleibt die entsprechende Behandlung: Jodkalium,
Electricität u. s. w. erfolglos, so bleibt als Palliativmittel die Ope-
ration, die natürlich bei der angeborenen Ptosis das einzige Auskunfts-
mittel ist. Man verkürzt das Lid 4urch Ausschneiden einer queren
Hautfalte in solcher Ausdehnung, dass gerade noch ein genügender
Verschluss der Lidspalte möglich ist; es ist desshalb nöthig, sich den
Hautschnitt vorzuzeichnen, um sicher zu gehen. Eine Verkürzung
des Levator palpebrae ist schwierig auszuführen und natürlich nur da
möglich, wo ein solcher vorhanden ist. Sie kann sehr günstig wirken bei
unvollständiger Lähmung, bei der man aber selten zu operiren nöthig
hat, und nur da, wo eine definitive Heilung auszuschliessen ist. Bei
completer Ptosis leistet die Operation nicht mehr als die einfache Ex-
cision einer Hautfalte.
Eine besondere Form unvollständiger Ptosis ist die bei Sympathicus-
lähmung; meist ist gleichzeitig Miosis, einseitiges Schwitzen u. s. w.
vorhanden (siehe Seite 50).
Lähmung des Orbicularis palpebrarum führt allmälig zu
Auswärtswendung des untern Lides mit Verlängerung desselben. Durch
den mangelhaften Anschluss des Augenlides an den Bulbus kommt es
zu Thränenträufeln, ungenügendem Schutz des Auges gegen äussere
Einflüsse und Traumen und theilweisem Offenbleiben desselben im
Schlafe : Hasenauge oder L a g o ph t h a 1 m u s. Es kann schliesslich eine
Operation nöthig werden (siehe unten Seite 90).
Blepharospasmus. Nictitatio. 83
Tonischer Krampf des Orbicularis palpebrarum (Blepharospasmus)
ist fast immer eine Folge von Erkrankung oder Verletzung der Con-
junctiva und namentlich der Hornhaut und verschwindet mit der Heilung
dieser. Klonische Krämpfe dieses Muskels: Nictitatio bilden dagegen
eine eigentümliche Krankheit. In leichten Fällen kommt es anfalls-
weise zu minutenlangen Zuckungen, namentlich des untern Augenlides,
die ein lästiges, zupfendes Gefühl hervorrufen. Sie können mehrmals
im Tage oder in grösseren Zwischenräumen auftreten. Im Anfang kann
nicht selten eine Lid- oder Conjunctivalkrankheit als Ursache eruirt
werden, mit deren Beseitigung die Nictitatio aufhört; oft aber ist das
aetiologische Moment völlig unklar. In schweren Fällen schliesst sich
an das Zucken der Lider krampfhafter Verschluss derselben, Mit-
betheiligung des andern Auges, des Nervus facialis u. s. w. an, ja es
kann sogar der Sterno-cleido-mastoideus in Mitleidenschaft gezogen
werden. Diese oft minutenlang dauernden, ohne vorausgehende An-
kündigung mitten in der Beschäftigung auftretenden Krämpfe können
höchst störend sein. Zuweilen können die krampfhaft geschlossenen
Lider vom Patienten noch mit Hülfe der Finger gewaltsam geöffnet
werden, in andern Fällen ist dies nicht möglich.
Die Prognose ist um so besser, je jünger das Individuum ist, je
kürzer die Krankheit besteht, und je sicherer eine bestimmte Ursache
nachgewiesen werden kann; das Aufsuchen der letzteren ist demnach
die erste Aufgabe der Therapie. Geschwüre an den Lidrändern, Ex-
coriationen an den Lidwinkeln, Trichiasis, gelegentlich einmal ein ver-
gessener Fremdkörper im Conjunctivalsack können Nictitatio verursachen ;
zuweilen besteht gleichzeitig ein schmerzhafter Druckpunkt an irgend
einem auch entfernter gelegenen Nervendurchtritt, oder Druck auf einen
solchen hebt den Krampf momentan auf. Manchmal macht es schon
Schwierigkeiten, das Auge herauszufinden, an dem der Krampf beginnt.
Obschon die Krämpfe sicherlich reflectorisch sind, so kann nach län-
gerer Dauer das Uebel auch nach Beseitigung der ursprünglichen
Ursache bestehen bleiben. Bei alten Leuten und höheren Graden ist
die Prognose überhaupt schlecht. Leichte Formen in früheren Jahren
verschwinden oft nach einiger Zeit von selber.
Die Therapie besteht dem entsprechend in der Heilung des nach-
gewiesenen aetiologischen Momentes, eventuell in einer Neurotomie bei
ausgesprochenem Druckpunkte. Lassen die localen Mittel im Stich
oder ist keine locale Ursache zu eruiren, so hat zuweilen noch die
Anwendung des constanten Stroms Heilung gebracht; viele Fälle sind
unheilbar.
6*
84 III. Erkrankungen der Augenlider.
Von Neuralgien, die dem Augenarzt zukommen, ist bei weitem
die häufigste die des Supraorbi talnerven. Sie kann sehr ver-
schieden in Auftreten und Heftigkeit sein, bis zu Thränen und Röthung
des betreffenden Auges. Häufig, auch wenn nicht Malaria als Ursache
angeschuldigt werden kann, was übrigens nicht selten der Fall ist,
kommen die Anfälle zu bestimmten Zeiten täglich oder alle zwei und
mehr Tage. In der Regel tritt die Neuralgie in den Morgenstunden
auf. Von der typischen Migräne unterscheidet sie sich durch das
Beschränktsein auf das Gebiet des Nerven, die blitzartig durchfahren-
den Schmerzen und die Schmerzhaftigkeit bei Druck auf die Stelle,
wo der Nerv unter dem obern Orbitalbogen heraustritt; Flimmern und
Schwarzwerden vor den Augen, Brechneigung u. s. w. kommt bei beiden
Affectionen vor. In vielen Fällen ist Chinin von Nutzen (Rp. Chinin,
sulfuric, Sacch. ää 0,5; doses IV. S. Morgens und Abends ein Pulver),
in andern der constante Strom, in sehr hartnäckigen die Neurotomie,
am besten nicht subcutan, sondern mit Excision eines Nervenstückchens.
In einer Anzahl von Fällen konnte Stirnhöhlencatarrh als aetiologisches
Moment nachgewiesen werden und brachte methodische Anwendung der
Nasendouche Heilung.
Neuralgien der übrigen dem Auge benachbarten Nerven sind viel
seltener und meist auch viel hartnäckiger, als die des Supraorbitalis.
Ihre Behandlung ist die gleiche, wie an andern Stellen auch.
Zu den Neurosen der Lider können wir auch rechnen das um-
schriebene Schwitzen (Ephidrosis) und den einigemale beobachteten
blauen Schweiss derselben {Chromhidrosis); der Farbstoff ist
Indigoblau.
Ausser den schon erwähnten Naevi und Teleangiectasien, sowie
der angeborenen Ptosis trifft man noch einige andere con genitale
Abnormitäten an den Lidern.
Zunächst den Epicanthus. Die sehr verbreiterte Nasenwurzel
dehnt sich nach beiden Seiten als halbmondförmige Falte über den
innern Lidwinkel aus, manchmal die Lidspalte nur zur Hälfte frei-
lassend. Dadurch wird eine sehr eigentümliche Physiognomie bedingt,
die vom Laien gewöhnlich als „Schielen" bezeichnet wird, weil beim
Fixiren ein Auge mehr oder weniger versteckt ist.
Ein geringer Grad von Epicanthus ist übrigens Regel beim Neugeborenen;
sehr häufig findet sich beiderseits die verticale Falte am innern Winkel ganz deutlich
sichtbar ; abnorm wird sie erst, wenn sie wirklich einen Theil der Lidspalte überdeckt.
In der Mehrzahl der Fälle gleicht sich diese Abnormität mit fort-
schreitendem Wachsthum und zunehmender Prominenz der Nasenwurzel
Epicanthus. Verletzungen. , 85
aus. Man beeile sich desshalb ja nicht mit einer Operation, deren
hässliche Narbe auf dem Nasenrücken zeitlebens sichtbar bleibt, sondern
warte damit bis mindestens zum 6. Lebensjahre ; je länger, desto besser.
Die Operation selber besteht im Ausschneiden eines senkrecht ellip-
tischen Hautstückes auf dem Nasenrücken und sorgfältigem Vernähen,
da die Fäden eine ziemlich beträchtliche Spannung auszuhalten haben.
Recht selten kommen angeborene Spaltbildungen: Colobome an
den Lidern vor, zuweilen gleichzeitig mit andern Bildungsanomalien,
z. B. Dermoiden am Auge oder in seiner Umgebung. Es sind dies
mehr oder weniger tiefgehende Einkerbungen eines oder beider Lider
ungefähr an der Stelle zwischen innerem und mittlerem Drittel der
Lidspalte. Ihre Heilung erfordert eine Operation nach dem Princip
der Hasenschartenoperation, damit nicht eine entstellende Einziehung im
freien Lidrande zurückbleibt.
Zu erwähnen wäre noch eine Art von congenitaler Einwärts-
drehung des untern Lides eines oder beider Augen, als deren
Ursache sich eine quere, vom äussern zum innern Lidwinkel etwa 6 mm
unterhalb des freien Lidrandes ziehende Hautfalte ergibt. Die nicht
mit der Spitze, sondern mit dem nach aussen gebogenen Schaft auf der
Hornhaut reibenden Wimpern machen auffallend wenig Reizung. Für
die Beseitigung gilt das gleiche, wie bei Entropium aus andern Ursachen.
Höchst wichtig für den practischen Arzt sind die Verletzungen
der Lider. Am häufigsten sind Sugillationen, verursacht durch
stumpfe Gewalt, das sogenannte „blaue Auge". In 8—14 Tagen pflegt
bei Anwendung von kalten Umschlägen unter dem bekannten Farben-
wechsel Alles geheilt zu sein , falls keine Complicationen bestehen.
Sind gleichzeitig Hautschür fungen vorhanden, so kommt es nicht
selten, wenn dieselben vernachlässigt werden, zu Abscessen. Zu
beachten ist, dass auch bei stumpfer Gewalt häufig ganz glatte
Hautwunden längs der Orbitalränder entstehen, indem die
scharfe Knochenkante die dagegen gepresste Haut von innen heraus
zerschneidet. Dies Verhalten ist namentlich in gerichtsärztlicher Be-
ziehung wichtig.
Wird durch stumpfe Gewalt einer der Orbitalknochen subcutan
gebrochen und damit eine der lufthaltigen Knochenhöhlen — Highmore's
Höhle, Thränensack oder Nasenhöhle mit ihren verschiedenen Anhängen
— eröffnet, so kommt es recht häufig zu Luftaustritt unter die Haut,
zu subcutanem Emphysem, das beträchtliche Dimensionen an-
nehmen und bis zum Halse sich ausdehnen kann. Meist allerdings be-
schränkt es sich auf die Lider. Dieselben erscheinen geschwollen.
III. Erkrankungen der Augenlider.
eigenthümlicb gelblich-körnig (lungenähnlich) aussehend und geben unter
dem tastenden Finger das bekannte .knisternde Gefühl*. Drückt man
mit dem Finger längs der Orbitalränder, so wird man leicht eine um-
schriebene schmerzhafte Stelle, eventuell sogar eine massige Verschieb-
lichkeit der Bruchenden constatiren können. Die Luft lässt sich meist
ausdrücken, erneuert sich aber bei Husten. Schneuzen, Pressen u. s. w.
sofort wieder. Alles dieses ist natürlich möglichst zu vermeiden: im
Uebrigen genügen kalte oder Bleiwasserüberschläge und nur bei Hin-
länglicherem Emphysem ist ein Druck verband nöthig.
Stumpfe Gewalt gegen die Augenlider hat recht häufig auch
Lähmung des Levator palpebrae superioris : Ptosis traumatica zur
Folge: Sugillationen können hierbei vollständig fehlen oder vorhanden
sein. Die Progi it zweifelhaft: manchmal erfolgt Heilung von
wr, in andern Fällen ist alle Therapie. Beizmittel. Jodkalium, Elec-
tricität u. s. w.. ohne Erfolg. Die Ptosis traumatica darf nicht ver-
wechselt werden mit Herabhängen und Unbeweglichkeit des obern Lides
lediglich durch einen massenhaften Bluterguss. nach dessen Besorption
die Beweglichkeit mit der normalen Form wieder zurückkehrt.
Durch eine stärkere, an den Lidrändern ansetzende Gewalt, z. B.
ss mit einer Begenschirmspitze und dergl.. kommt es zuweilen zu
umfänglichen Zerreissungen und Abreissungen der Lider. Das
Abreissen geschieht meist in der Xähe der Thränenpunkte. mit oder
ohne Durchtrennung der Thränenröhrchen. und kann bo vollständig sein.
dass das ganze Lid nur noch durch eine schmale Brücke mit der
übrigen Haut zusammenhängt. Die Topographie ist zuweilen sehr
schwierig und ist es schon vorgekommen, dass Augenbrauen und Wimpern
verwechselt und das Lid verkehrt angenäht wurde. Erst nach voll-
ständiger Beinigung und Desinfection, sowie nach completer Blutstillung
darf man zur Vereinigung schreiten, die in der Mehrzahl der Fälle
gelingt, wenn nicht einzelne direct gequetschte Partien der Lidhaut
necrotisiren. Besonders sorgfältig hat die Vereinigung am freien Lid-
rande zn geschehen: auch ist es oft nöthig. die zerrissene Conjunctiva
noch besonders zu nähen, um Verwachsungen zwischen Augenlid und
Bulbus (Symblepharon) zu vermeiden.
Quere Lidwunden heilen leicht: bei senkrechten hat man.
Bobald dieselben den freien Lidrand erreichen, mit grösster Sorgfalt zu
nähen, namentlich auch im intermarginalen Theil die Conjunctiva be-
sonders zu vereinigen, da sonst eine bleibende Einkerbung zurückbleibt und
hässliche Verunstaltung bewirkt. Hundebiss oder der Schnabelhieb eines
Hahnes führen nicht gerade selten zu verticalen. das ganze Lid durch-
Verbrennungen. 87
trennenden Verletzungen. Ist das Augenlid nicht in seiner ganzen Dicke
durchtrennt. so ist die Sache viel einfacher und eine Entstellung nicht
zu fürchten. Blieb aber nach der Heilung eine Einkerbung zurück, bo
ist dieselbe, wie ein angeborenes Colobom, nach Analogie der Hasen-
scharte zu operiren. damit nicht der Xarbenzug wieder die gleiche
Entstellung herbeiführt.
Ausgedehntere Oberflächenverletzungen kommen entweder durch
Verbrennungen — Pulver, Dynamit, heisses Wasser und heisser Dampf,
geschmolzene Metalle — oder durch ätzend wirkende Chemikalien,
wie Aetzkalk, Säuren. Laugen u. s. w.. zu Stande. Nach sorgfältiger
Keinigung und wo nöthig Desinfection wird Anfangs am besten ein
Kaikliniment (Ol. olivar.. Aq. calcis ää 50.0). mehrmals täglich mit
einem Pinsel aufgetragen, namentlich, wo es sich mehr um oberflächliche
Verbrennungen handelt. Pulververbrennungen, die häutigste Form, heilen
unter Anwendung dieses Mittels sehr rasch und hüte man sich, allzuviel
an den einzelnen Körnern herumzukratzen. da die grosse Mehrzahl von
selber eliminirt wird. Nicht selten kommt es bei Pulver- und mehr
noch bei Dynamitverbrennungen später noch zu zahlreichen grösseren
und kleineren Abscessen und Furunkeln, wodurch eingedrungene Fremd-
körper, wie Steinstückchen u. s. w.. heraus eitern.
Kam es zu umfänglichen Zerstörungen, so hat man durch con-
tinuirlich angewandte warme Lösungen von Desinficientien. namentlich
Bor- oder Salicylsäure, die Abstossung der abgestorbenen Gewebstheile
zu beschleunigen. Man kann diese Umschläge bis zur vollständigen
Heilung fortsetzen. Doch hat man bei Zeiten Vorkehrungen zu treffen.
um die Auswärtsdrehung der Lider möglichst zu verhüten. Entweder
transplantire man reichlich Hautstückchen auf die gereinigten Granu-
lationen, oder man frische die Lidränder hinter den AVimpern mit dem
Messer an und vernähe das obere und untere Lid. Den innern und
äussern Winkel hat man etwa einen Centimeter weit freizulassen, damit
sich nicht Thränen und Conjunctivalsecret hinter den Lidern anstauen
können. Jetzt bilden die vernähten Lidränder den festen Punkt, und durch
die Xarbencontraction wird die Haut von allen Seiten zur Deckung der
AVunde herbeigezogen. Es liegt auf der Hand, dass man auch in
diesem Falle durch ausgiebige Transplantationen die Heilung beschleu-
nigen kann. Später, wenn keine weitere Zugwirkimg der Narbe zu
fürchten ist. trennt man die vereinigten Lider auf der Hohlsonde oder
mit der Scheere.
Trotz aller Sorgfalt misslingt aber häutig die Operation, indem die
Lidränder nicht prima intentione sich vereinigen oder, wenn vereinigt.
88 III. Erkrankungen der Augenlider.
wieder auseinandergehen, und nach der Ausheilung sind ausgedehnte
plastische Operationen nöthig.
Wir haben uns jetzt noch mit einigen Folgezuständen nach Lid-
erkrankungen zu beschäftigen. Einwärtswendung der Lider (Entropium)
wird meist durch Schrumpfungs Vorgänge in der Conjunctiva, am freien
Lidrand, oder im Lidknorpel bedingt, und je nachdem ist die Therapie
verschieden In leichten Fällen genügt es, eine Fadenoperation zu
machen. Mann sticht mit grossen gekrümmten, doppelt eingefädelten
Nadeln im Intermarginaltheil des Lides ein, fährt unmittelbar unter der
Haut durch und sticht etwa 3 — 4 cm weiter unten aus. Die Fadenenden
werden über Glasperlen stark angezogen und geknotet (Sn eilen' sehe
Naht). Meist genügen drei Nadelpaare, wobei die Einstiche in einem
Abstand von nicht ganz einem Centimeter zu machen sind. Lässt man
die Fäden bis zu beginnender Eiterung der Stichcanäle liegen, so ist
der Erfolg viel dauerhafter, da jetzt Narbencontraction in der Richtung
der angelegten Naht stattfindet.
Fasst man in der Mitte des untern Lides eine senkrechte Hautfalte . so
wird in den meisten Fällen das Entropium ausgeglichen. Es kann desshalb auch
durch Excision eines senkrecht-elliptischen Hautstückes und queres Vernähen geheilt
werden, doch ist im Ganzen die erstere Methode vorzuziehen.
Nicht selten ist bei Entropium gleichzeitig theilweise Verwachsung
der Lidränder im äussern Winkel vorhanden: Blepliarophimose, die
dann ebenfalls beseitigt werden muss. Sie kommt zu Stande durch
reizendes Conjunctivalsecret, das zu Excoriationen der Haut im Lidwinkel
-führt, Nicht der freie Lidrand ist verwachsen, sondern die Hautfläche
unmittelbar oberhalb und unterhalb desselben, so dass gleichsam eine
Hautfalte den äussern Augenwinkel überdeckt. Man operirt die Blepha-
rophimose (Canthoplastik), indem man mit einer starken geraden
Scheere durch einen 1— 2 cm langen Schnitt die Lidspalte verlängert.
Conjunctiva und äussere Haut werden dann durch feine Seiden- oder
Catgutnähte vereinigt, was namentlich sorgfältig im äusseren Wund-
winkel ausgeführt werden muss; meist kommt man mit drei Nähten
aus Da der Hauptübelstand bei Entropium das Reiben der Wimpern
auf der Hornhaut ist, so hat man auch einfach den Cilienboden ab-
getragen (Flarer) oder transplantirt ( Jäsche- Arlt). Kommt das
Entropium durch Verbiegung des Knorpels zu Stande, so genügt eine
Hautoperation allein nicht ; man muss den Knorpel quer durchschneiden
oder ein keilförmiges Stück desselben excidiren und ihn dann in der
gewünschten Stellung wieder zusammenheilen lassen (Snellen). Im
Ganzen sind diejenigen Operationen vorzuziehen, bei denen die Wimpern
Operation des Entropium.
89
erhalten bleiben und bei denen möglichst wenig oder gar keine Haut
entfernt wird. Sind nur einzelne Cilien in abnormer Stellung (partielle
Trichiasis) und führt Ausziehen derselben nicht zum Ziel, so ist es am
besten, die Wurzeln derselben mit dem Glüheisen — z. ß. mit einer
über einer Spirituslampe glühend gemachten Stricknadel, die in einem
Korkpfropfen steckt — zu zerstören. Für partielles Entropium gelten
die gleichen Regeln, wie für das totale, nur beschränkt sich natürlich
die Operation auf die fehlerhaft stehende Lidpartie.
Bei der Flar er' sehen Operation wird mittelst einer Hornplatte das Lid
gespannt und vom Intermarginaltheil aus mit einem Beer'schen Staarmesser in eine
äussere (Haut und Cilien) und innere (Conjunctiva und Tarsus) Platte gespalten.
Von ersterer wird dann ein ungefähr 3 mm breites, die Haarwurzeln der Cilien
enthaltemies Stück abgeschnitten; Naht ist nicht nöthig. Bei der Operation nach
Jäsche-Arlt wird gleichfalls diese Spaltung in zwei Platten vorgenommen, statt
des freien Lidrands aber ein querelliptisches Hautstück oberhalb desselben aus-
geschnitten und dann die Hautränder zusammengenäht. Man kann auch statt
Haut zu excidiren, einen brückenförmigen Streifen derselben loslösen und zwischen
Cilienrand und Intermarginalrand verpflanzen, wobei keine Haut verloren geht
(Fig. 22 a und b).
Zur Ausführung der S n e 1 1 e n ' sehen Operation (Fig. 22 c), die nur am obern
Lid ausgeführt wird, benutzt man die Knapp'sche Lidklemme. Sechs Millimeter
Fig. 22.
oberhalb des Cilienrandes und parallel mit diesem macht man einen queren Haut-
schnitt über die ganze Länge des verkrümmten Lides und unterminirt die Haut
etwas nach oben und unten. Der in die Wunde fallende Theil des Musculus orbi-
cularis palpebrarum wird mit der Scheere entfernt und aus dem jetzt blossliegenden
90 HI. Erkrankungen der Augenlider.
Tarsalknorpel (in der Figur sehraffirt) ein flaches Stück von dreieckigem Querschnitt
s hnitten. dessen Basis an der vordem und dessen Spitze an der hintern
Knorpelfläche liegt. Beim Vernähen fasst man die Knorpelränder mit und stellt
dadurch das Lid gerade; zum Verhüten des Durchschneidens knüpft man über
Glasperlen. Xoch besondere Hautnähte sind nicht nothwendig. und man kann nach
zwei oder drei Tagen die Fäden entfernen. In dieser Zeit pflegen unter einem
einfachen antiseptischen Schlussverband die sämmtlichen genannten Operationen
geheilt zu sein.
Auswärtskehrung de- Lides, Ectropium, hat verschiedene Ur-
sachen. Wucherungsvorgänge an der Conjunctiva können das Lid um-
stülpen oder Zug von aussen diese Wirkung hervorbringen, nicht selten
wirken innere und äussere Ursachen zusammen. So kann chronisch«
Conjunctivalkatarrh durch Auflockerung des Gewebes günstig disponiren,
während das. durch überlaufendes Secret bedingte. Eczem den Zug ver-
anlag w.
Erste Folge von Ectropium ist Thränenträufeln. wenn die Thränen-
puukte vom Auge entfernt werden (Eversion der T h r ä n e n p u n k t e) ;
weiterhin wirkt die Reizung der blossliegenden Conjunctiva durch die
Atmosphärilien und der mangelnde Schutz des Auges schädlich.
Die Therapie hat zwei Indurationen : Das Lid in die richtige
Stellung zu bringen, und die stets vorhandene Verlängerung des
ectropischen Lides zu corrigiren. da sonst letztere- auch nach der
n dem Bulbus nicht anliegt.
In leichten Fällen genügt es. die Thränen consequent in der Wei
abwischen zu lassen. Lid dabei energisch gehoben wird,
von der Wange gegen den innem Augenwinkel hin. Namentlich bei
Ectropium in Folge von Conjunctivalerkrankungen wirkt diese Methode
ausgezeichnet und vermag, wenn consequent durchgeführt, beträchtliche
Grade in wenigen Wochen zur Heilung zu bringen. Selbstverständlich
ist gleichzeitig das Conjunctivalleiden entsprechend zu behandeln. In
Thränenträufeln die Folge von Eversion der Thränenpunkte. so empfiehlt
h. das untere Thränenröhrchen bis zum Thränensack zu spalten,
nügen diese Hilfsmittel nicht, so legt man eine Naht an. ähnlich
der bei Entropium angegebenen, man führt aber die Fäd^n jetzt vom
intermarginalen Theil des Lidrandes hinter dem Tarsus unmittelbar
unter der Conjunctiva durch und zieht nach Bedarf mehr oder weniger
kräftig an. In vielen Fällen muss man wegen der nicht mehr anders
zu beseitigenden Verlängerung des untern Lides die Verkürzung
der Lidspalte ausführen, indem man aus dem ganzen Lid oder
r nur aus der Haut am äussern Winkel ein entsprechend g:
Dreieck mit der Spitze nach unten ausschneidet und vernäht. Xoch
Blepharoplastik.
re Wirkung erzielt man. wenn gleichzeitig die Lidspalte
verlängert und das obere Lid einige Millimeter weit angefrischt wird,
worauf man die Xähte. wie in Fig. 22 d angegeben, zu legen hat;
hierdurch wird gleichzeitig die Hebung des untern Lides befordert.
Faeialisparalyse mit Lähmung des Orbicularis palpebrarum führt
nach längerer Zeit immer zu mehr oder weniger bedeutendem Ectropium
mit sehr auffallender Verlängerung des untern Lides ; die Therapie
richtet sich nach den gleichen Principien. wie bei andern Ectopien
gleichen Grades. Sind gleichzeitig umfangreichere Defecte und Xarben-
bildungen in der Lidhaut vorhanden, so genügen natürlich die ange-
gebenen Methoden nicht, sondern sen umfangreiche plastische
Operationen (Blepharoplastik) gemacht werden. Bestimmte Directiven
hier zu geben ist nicht möglich, da kein Fall wie der ander'
mit Verschiebung, oder mit gestielten Lappen operirt werden soll, woher
in letzterem Falle die Haut zu nehmen und wohin der Stiel zu verlegen
1» eventuell Transplantation mit benutzt werden kann, darüber ist
von Fall zu Fall zu entscheiden. Um dauernde Erfolge zu erzielen,
muss man unmittelbar nach der Operation einen übermässigen
Erfolg haben. Desshalb ist auch jede Operationsmethode, bei
der Haut verloren geht, unbedingt fehlerhaft. Oft ist
eine ganze Eeihe delicater Operationen nöthig. um einen befriedigenden
Endefteet zu erzielen und gehören dieselben zu den schwierigsten Auf-
gaben der plastischen Chirurgie. Zu bemerken ist noch, dass bei der
Blepharoplastik eine Conjunctivalfläche vorhanden sein muss. und das-.
wo normale Conjunctiva fehlt, diese durch Schleimhaut oder äussere
Haut zu ersetzen ist . welch letztere nach einiger Zeit den Charaeter
einer Schleimhaut annimmt.
Verwachsung der freien Lidränder mit erhaltenem Conjunctivalsack
(Ankyloblepharon) kommt in seltenen Fällen angeboren vor (epitheliale
Verschmelzung), kann aber auch auf traumatischem Wege entstehen.
Die Therapie besteht in einfacher Trennung der Lider mit der Scheere
und macht keine Schwierigkeiten. Verwachsung der Lider mit dem
Bulbus (Symblepharon) gehört zu den Conjunctivalerkrankungen.
92 IV. Erkrankungen der Thränenorgane.
IV. Erkrankungen der Thränenorgane.
Die Thränenorgane bestehen aus der Thränendrüse, den T h r ä n e n p u n k t e n
und Thränenröhrchen, dem Thränensack und dem Thränennasengang.
Die Thränendrüse liegt hinter dem äussern Orbitalrand, den sie theilweise überragt,
und wird durch das Ligamentum palpebrarum externum in eine grössere obere und
kleinere untere Hälfte getheilt. Die zahlreichen Ausführungsgänge münden in d
Conjunctivalsack. Die Thränenwege beginnen mit den beiden Thränenpunkten und
Thränenröhrchen. deren Verlauf aus Fig. 21 (S. 67) zu ersehen ist. Letztere münden zu-
sammen oder für sich in den Thränensack, der hinter dem Ligamentum palpebrarum
internum liegt und dieses nach oben etwas überragt. Von hier aus führt der
Thränennasengang. dessen untere zwei Drittel allseits von Knochen umgeben sind.
in die Nase, wo er an der äussern Seite oder auf der Höhe des untern Nasen-
ganges ausmündet. Die ganzen Thränenwege sind mit einer bindehautähnlichen
Schleimhaut überzogen ; dieselbe zeigt nicht selten klappenähnliche Falten an der
Mündung der Thränenröhrchen, am Uebergang des Thränensacks in den -nasengang
und an der Mündung des letzteren in die Nasenhöhle.
Entzündung der Thränendrüse wird von den Meisten für
selten gehalten ; nach Schweigger kommt sie häufiger vor. Sie soU
ähnliche Erscheinungen machen, wie Blennorrhoe der Conjunctiva. die
Erscheinungen sollen sich aber auf die äussere Hälfte des Bindehaut-
sacks und die Thränendrüsengegend concentriren, und die geschwollene
Drüse soll beim Blick nach innen unten sichtbar werden. Meist trete
unter warmen Umschlägen Zertheilung ein, zuweilen komme es aber
auch zu Eiterung, die sich dann gewöhnlich in den Conjunctivalsack
entleere.
Thränendrüsen fisteln können nach Verletzungen und Ge-
schwürsbildungen in der Thränendrüsengegend zurückbleiben; bei Ver-
stopfung derselben treten Entzündungserscheinungen auf, was sich öfter
wiederholen kann. Zur Heilung führt man nach Bowman von der
Fistel aus einen mit zwei Nadeln armirten Faden derart in den Con-
junctivalsack, dass eine Brücke von einigen Millimetern Breite zwischen
beiden bleibt. Ist in Folge Durchschneidens des Fadens Abfluss nach
der Conjunctiva möglich, so verschliesst man die Fistel durch Naht
oder durch Betupfen mit dem Glüheisen.
Erweiterung eines Ausführungsganges der Thränendrüse mit Stauung
des Secrets heisst Dacryops. Die in der äussern Lidwinkelgegend
sitzende Cyste, die characteristischer Weise bei vermehrter Thränen-
secretion anschwillt, bringt man zur Heilung, indem man ein Stück
der Wandung ausschneidet oder einen Faden durchzieht und durch-
schneiden lässt.
Angeborene Fisteln. 93
Von Geschwülsten der Thränendrüse kommt Hypertrophie,
Uancroid, Adenom 11. s. w. vor, alle aber recht selten. Die Ent-
fernung der Drüse — die für das Auge ohne Nachtheil ist — nimmt
man am besten vor durch einen dem äussern obern Orbitalrand ent-
sprechenden Schnitt.
Die Erkrankungen der Thränenableitungswege schliessen sich
theils an die der Conjunctiva. viel häufiger an solche der Xasen-
achleimhaut an, was für die Therapie von Wichtigkeit ist.
Die Thränenpunkte können angeboren fehlen oder mehrfach vor-
handen sein; zuweilen bleibt eine losgelöste Cilie oder ein, ähnlicher
Fremdkörper in denselben stecken und muss mit der Pincette entfernt
werden. In seltenen Fällen bilden sich Concretionen im Thränen-
röhrchen, aus Kalksalzen und Pilzen bestehend, die dasselbe erweitern
und zu eitriger Secretion anregen ; häufig treten hierbei auch intercurrente
Entzündungen der Nachbarschaft: der Carunkel, Lidränder und Con-
junctiva auf. Durch Spalten des Thränenröhrchens mit der Scheere und
Entfernung des Concrementes ist leicht Heilung herbeizuführen.
Nach chronischen Conjunctivalerkrankungen kommt es nicht selten
zu Verschluss, bei beginnendem Ectropium zur A u s w ä r t s w e n d u n g
(Eversion) des untern Thränenpunktes ; in beiden Fällen muss das
Thränenröhrchen geschlitzt und offen gehalten werden, um das schädliche
Thränenträufeln zu beseitigen.
Viel wichtiger sind die Erkrankungen des Thränensacks. Auch
hier kommen angeborene Anomalien vor in Form von congenitalen
Fisteln. Dieselben sind äusserst fein, nur für dünnste Sonden durch-
gängig, oft mit blossem Auge kaum oder gar nicht sichtbar und mani-
festiren sich dann nur dadurch, dass ab und zu durch sie ein Tropfen
klarer Flüssigkeit austritt. Diese Fisteln befinden sich über der Gegend
des Thränensacks, unterhalb des Ligamentum canthi internum und sind
absolut harmlos; auf Wunsch kann man sie zum Verschluss bringen,
am besten durch Betupfen der Fistelöffnung mit einem feinen Glüheisen.
Von Conjunctivalerkrankungen sind es Lupus, Tu bereu lose
und granulöse Wucherungen, die sich gelegentlich bis in
den Thränensack fortsetzen und an dessen Stelle eine prominente,
prall anzufühlende Geschwulst verursachen, die sich nicht wegdrücken
t&sst; sehr selten wurden Schleimhautpolypen im Thränensack
beobachtet. In allen diesen Fällen ist eine Heilung nur herbeizuführen,
wenn man den Thränensack von aussen eröffnet und mit einem feinen
scharfen Löffel Alles auskratzt; eventuell kann noch nachträglich geätzt
werden, wie bei der Exstirpation des Thränensacks.
94 IV. Erkrankungen der Thränenorgane.
Die Thränensackerkrankungen sind sehr häufig Fortsetzungen von
Erkrankungen der Nasenschleimhaut, namentlich bei eczematöser und
luetischer Ozaena; nicht selten ist gleichzeitig der Knochen mit er
krankt, wodurch die Prognose bedeutend verschlimmert wird.
Die primäre acute Dacryocystitis ist vorwiegend eine Erkrankung
des Kindesalters und wird häufig mit Erysipel verwechselt, mit dem sie
einige Aehnlichkeit hat ; nicht selten treten aber auch bei Erwachsenen
im Verlauf einer chronischen Dacryocystitis acute Exacerbationen auf.
In Zeit von ein bis zwei Tagen entwickelt sich starke Röthung und
Schwellung der Lider, die nach dem innern Augenwinkel hin
culminirt, sich hart anfühlt und auf Druck sehr empfindlich ist.
Manchmal kann man durch die Thränenröhrchen Eiter ausdrücken, was
aber äusserst schmerzhaft ist. Nach einigen Tagen spitzt sich die
Geschwulst an einer Stelle zu, wird fluctuirend und mit der Entleerung
des angesammelten Eiters fällt sie rasch zusammen. Die zurückbleibende
Fistel, durch die noch eine Zeit lang Eiter ausfliesst schliesst sich all-
mälig wieder, aber mit einer eingezogenen, oft sehr hässlichen Narbe
über dem Thränensack, meist unterhalb des Ligamentum canthi internum.
Kecidive nach längerer oder kürzerer Zeit sind nicht selten; zuweilen
kommt die Affection gleichzeitig auf beiden Seiten vor. In vielen Fällen
durchbricht der Eiter den Thränensack subcutan, und es treten mehr
oder weniger ausgedehnte Eitersenkungen auf, meist längs des untern
Orbitalrandes, wo der Eiter an einer beliebigen Stelle zum Vorschein
kommen kann; sehr selten ist Perforation gegen die Orbita. Da nach
subcutaner Eröffnung des Thränensacks die Erscheinungen am innern
Augenwinkel geringer werden, ist äusserlich jetzt ziemliche Aehnlichkeit
mit gewissen Formen von Zahnabscessen vorhanden, deren Differential-
diagnose aber nicht schwierig ist.
Kommt man frühzeitig dazu und sind die Thränenröhrchen noch durch-
gängig, so ist Spaltung eines Thränenröhrchens bis in den Thränensack hin-
ein und Herauslassen des Eiters das Beste; doch ist dies verhältnissmäfsig
selten ausführbar. Man lässt dann cataplasmiren, fleissig ausdrücken und
erst wenn die Schwellung ganz zurückgegangen ist, sucht man ein fast
immer gleichzeitig vorhandenes Abflusshinderniss im Thränennasengang
durch regelmässiges Sondiren zu beseitigen. Ist Spaltung der Thränen-
röhrchen nicht möglich, so lässt man recht heisse Cataplasmen machen
und entleert, sobald Fluctuation vorhanden ist, den Eiter, um Senkungs^
abscesse zu verhüten. Der Einstich geschieht am besten gerade unter-
halb des Ligamentum canthi internum mit einem spitzen Messer, dessen
Schneide nach unten und etwas nach aussen gerichtet ist; er soll
Dacryocystoblennorhoe. 95
mindestens eine Länge von 8 mm haben. Es wird jetzt fleissig aus-
gedrückt und weiter cataplasmirt. Hat die Schwellung nachgelassen,
so wird erst durch die Fistel, später nach Spaltung des obern Thränen-
röhrchens vom Thränensack aus sondirt. Die Fistel darf erst zuheilen,
wenn der Thränennasengang vollständig durchgängig ist. Ist es zu
Senkungsabscessen gekommen, so muss gleichfalls der Thränennasengang
von oben her wegsam gemacht werden, worauf die Fisteln bald von
selber heilen. Das Sondiren muss in allen Fällen noch längere Zeit
fortgesetzt werden, circa ein bis zwei mal in der Woche, da ein Abfluss-
hinderniss im Thränennasengang sofort Recidive hervorrufen kann.
Die chronische Dacryocystitis (Dacryocystoblennorhoe) kommt
fast ausschliesslich bei Erwachsenen zur Beobachtung. Zuweilen hat
sie sich an eine acute Dacryocystitis angeschlossen; in den meisten
Fällen lässt sich keine bestimmte Anfangszeit angeben. Es besteht
Empfindlichkeit gegen Wind und Staub, Thränenträufeln, Trockenheit
der Nase auf der betreffenden Seite und allmälig entwickelt sich
chronisches Lidrandeczem, das, wenn einseitig, fast mit
absoluter Sicherheit auf Erkrankung des Thränensacks schliessen lässt.
Drückt man mit der Spitze des Zeigefingers energisch
auf die Gegend des Thränensacks, so lässt sich eine
schleimig-eitrige Flüssigkeit oder reiner Eiter durch
eines oder beide Thränenröhrchen ausdrücken. In seltenen
Fällen entleert sich dabei das Secret ausschliesslich nach der Nase zu,
was vom Patienten deutlich gefühlt wird. Immer besteht ein Abfluss-
hinderniss in den Thränenorganen , mag dies nun lediglich durch
Schwellung oder Klappenbildung der Schleimhaut, oder durch eine narbige
oder knöcherne Strictur bedingt sein. Zersetzung des stagnirenden
Secrets, das eine wahre Bacterienzucht darstellt, gibt dann Veranlassung
zur Entzündung der Schleimhaut. In lange bestehenden Fällen hat die
Wand des Thränensacks ihre Elasticität verloren (Atonie des Thränen-
sacks), und es kommt zu Ectasie desselben, wodurch bis kirschgrosse
am innern Augenwinkel liegende, oft durch das Ligamentum canthi
internum eingeschnürte Geschwülste gebildet werden. Dieselben lassen
sich meist durch Druck entleeren und enthalten, wenn gerade keine
entzündlichen Processe vorhanden sind, eine klare, wässerige oder
schleimige Flüssigkeit. Die Heilung des Thränensackleidens wird hier-
durch bedeutend erschwert; nicht selten muss dann der Thränensack
verödet oder exstirpirt werden. Häufig ist bei einseitiger Dacryocysto-
blennorrhoe die Nase krumm, convex nach der afficirten Seite, das
betreffende Nasenloch enger, was natürlich das Zustandekommen eines
96 IV. Erkrankungen der Thränenorgane.
Abflusshindernisses begünstigt, wenn die übrigen Bedingungen ge-
geben sind.
Nicht selten kommt es. wie schon bemerkt, im Verlaufe der Krank-
heit zu mehr oder weniger acuter Dacryocystitis, die oft erst den
Patienten zum Arzte führt; immer aber kann man bei Erwachsenen
dann uachweisen, dass schon längere Zeit die Erscheinungen der chro-
nischen Entzündung vorausgegangen waren.
Als aetiologisches Moment müssen, wie schon gesagt, in der
Mehrzahl der Fälle Erkrankungen der Nasenschleimhaut an-
gesehen werden, namentlich chronisches Eczem, das sich in den Thränen-
canal fortsetzt, oder dessen Krusten die Nasenöffnung des letzteren
verschliessen. Ausserordentlich häufig findet man desshalb Combination
mit Ozaena. Doch kann auch angeborene und erworbene Syphilis
zur Dacryocystoblennorrhoe führen, wobei oft die dem Thränencanal
anliegenden Knochen das primär erkrankte Organ sind. Auch secundär
können bei lange bestehender Dacryocystoblennorrhoe die Knochen in
Mitleidenschaft gezogen werden, oder roh ausgeführte Sondirungsversuche
können den gleichen Effect haben. Sind die Knochen betheiligt, so ist
die Prognose recht übel, da vor Ausstossung sämmtlicher necrotischer
Knochenpartikel keine Heilung zu erwarten ist und häufig knöcherne
oder bindegewebige Obliteration der Thränenwege eintritt. Nicht gerade
selten ist Variola ein ursächliches Moment für acute und chronische
Dacryocystitis, wahrscheinlich durch das Auftreten von Pockenpusteln
in den Thränenwegen oder an deren Ausmündung in die Nase.
Die Behandlung der Dacryocystoblennorrhoe erfordert
zuerst Spaltung eines Thränenröhrchens bis in den Thränensack. Wenn
irgend möglich, wähle man das obere; es ist zwar etwas schwieriger
zu spalten, aber seine Bedeutung für die Thränenresorption ist geringer,
als die des unteren, und der Mechanismus des Sondirens nachher wird viel
einfacher. Man ziehe mit dem umwickelten Daumen der linken
Hand das obere (resp. untere) Lid stark nach aussen und gehe dann
in den Thränenpunkt mit der stumpfen Spitze des Weber 1 sehen Thränen-
sackmessers (Fig. 4, 1) ein. Gelingt dies nicht ohne Weiteres, so er-
weitere man den Thränenpunkt zuerst mit einer feinen conischen Sonde.
Entsprechend dem Verlauf des Thränenröhrchens führt man das Messer
(und die Sonde) etwa 2 Millimeter weit senkrecht auf den freien Lidrand
ein, stellt dann das Instrument horizontal und führt es unter fort-
währender Anspannung des Lides in den Thränensack ein, bis es an
dessen innerer Wand anstösst. So lange man noch nicht bis in den
Thränensack gekommen ist, verschiebt sich die Lidhaut bei Bewegungen
Sondiren. <»7
des Instrumentes. Wenn man das Lid stark anspannt und den Griff
des Messers rasch senkt, so hat man das Thränenröhrchen in seiner
ganzen Länge gespalten und kann leicht und vollständig den Inhalt
des Thränensacks ausdrücken. Meist thut man besser, erst in etwa
3 Tagen mit dem Sondiren zu beginnen. Man benutzt dazu irgend
eine der gebräuchlichen Thränensacksonden, etwa die Bowman'schen,
die überall gleiche Dicke haben und von denen No. 1 — 6 im Gebrauch
sind. Sie sind von Silber oder Neusilber, je zwei an einer kleinen
Platte vereinigt, und können nach Belieben gekrümmt werden ; am besten
gibt man ihnen eine ziemlich starke Bogenkrümmung. Nachdem man
die Sonde durch das gespaltene Thränenröhrchen in den Thränensack
eingeführt hat, stellt man sie senkrecht und führt sie, ohne jede
Anwendung von Gewalt, in der Kichtung des Thränencanals nach
unten. Fühlt man ein Hinderniss, so suche man es wegen möglicher
Divertikel über Stricturen durch einiges Zurückziehen und Drehen der
Sonde zu umgehen, verzichte lieber das erste Mal aufs Gelingen, als
dass man gewaltsam vorgeht. Man vermeide die ganz feinen Sonden
No. 1 und 2, die leicht falsche Wege machen; am häufigsten wird
man No. 5 und 6 anzuwenden haben. Ist das Sondiren gelungen, die
Sonde bis auf den Boden der Nasenhöhle gedrungen, so lasse man sie
10—15 Minuten liegen und entferne sie dann wieder. Am besten
wiederholt man das Sondiren ungefähr zwei Mal in der Woche. Sollte
das geschlitzte Thränenröhrchen wieder verwachsen sein , was nicht
gerade selten ist, so kann man es mit der stumpfen Sonde wieder auf-
stochern, eventuell muss von Neuem geschlitzt werden. Gleichzeitig
vorhandener Conjunctivalcatarrh u. dergl. muss entsprechend behandelt
werden.
Man kann auch lediglich mit einer conischen Sonde den Thränenpunkt bis
auf Sonde No. 6 erweitern und dann ohne weitere Spaltung mit No. 5 sondiren
(Becker); diese Procedur ist aber auch ziemlich schmerzhaft und muss nicht ge-
rade selten bei jeder Sondirung wiederholt werden. Das Verfahren eignet sich be-
sonders zu Probesondirungen. Das Sondiren des Thränenganges von der Nase aus
ist gegenwärtig nicht mehr gebräuchlich.
Gewaltsames Sondiren kann durch Perforation des Thränensacks ausgedehnte
Hämorrhagien veranlassen; es kann zu Emphysem der Lider führen, sogar Absce-
dirungen in denselben veranlassen. Wird durch einen falschen Weg der Eiter des
Thränensacks in die Orbita geleitet, so können auch dort Abscesse entstehen, die
gelegentlich durch Betheiligung des Sehnerven Erblindung veranlasst haben. In
andern Fällen wird durch unvorsichtiges Sondiren das Periost vom Knochen los-
gelöst und jetzt erst Necrose desselben veranlasst. Namentlich der Anfänger sei
dchen Fällen lieber zu vorsichtig.
Knies, Augenheilkunde. 7
IV. Erkrankungen der Thränenorgane.
In vielen Fällen wird man durch Spalten, flei Ausdrücken
und mehrwöchentliches regelmässiges Sondiren dieDacryoeystoblennorrhoe
zur Heilung bringen. Etwas Thränenträufeln und Empfindlichkeit gegen
Rauch und Staub wird meistens zurückbleiben. In andern Fällen,
namentlich wenn der Knochen angegriffen ist, genügt dies nicht, und
man muss zu Ausspritzungen des Thränenganges mit antiseptischen
oder adstringirenden Lösungen schreiten ; es ist gut, vorher einige Male
warmes Salzwasser ( 3 / 4 °/ ) durchzuspritzen. um die Schleimhaut von
allenfalls anhaftenden Krusten zu befreien. Dazu dient eine Sonden-
canüle. die Gestalt und Krümmung einer B o w m a n 'sehen Sonde hat
und die mit einer kleinen Spritze, Heber Vorrichtung oder Irrigator, in
Verbindung gesetzt werden kann. Man benutzt am meisten Lösungen
von Tannin (l°/ ), schwefelsaurem Zink (Vt°/o) lm & übermangansaurem
Kali ( l 10 %); dieselben müssen bei vorgehaltenem Kopf durch die
wieder ausrliessen. Man zieht nach jedesmaliger Injection die
Canüle um etwa einen Centimeter zurück, damit alle Theile des Thränen-
canals von der Lösung bespült werden. Auch diese Einspritzungen
-n mehrere Wochen lang etwa alle zwei Tage ausgeführt werden:
doch ist es erlaubt, bei guter Durchgängigkeit des Thränencanals die-
selben auch öfter zu machen. E< ist selbstverständlich, dass eine gleich-
zeitig bestehende Erkrankung der Xasenschleimhaut ebenfalls behandelt
werden muss: sorgfältige Reinigung durch Aufschnupfen von warmem
Salzwasser und nachher von adstringirenden Lösungen von Alaun.
Tannin u. s. w. ; gerade für solche Fälle ist das Ausspritzen des Thränen-
sacks vorzüglich geeignet und ersetzt geradezu die Nasendusche.
Führt dies alles nicht zum Ziel, ist der Thränensack bleibend
eetatisch oder besteht undurchdringlicher Verschluss des Thränennasen-
gangs, knöcherner oder bindegewebiger Xatur. so bleibt als letztes
Mittel die Exstirpation und die Verödung des Thränensacks. Bei
letzterer spaltet man beide Thränenröhrchen und die conjunctivale Wand
des Thränensacks. schützt das Auge gut durch Watte und Dringt etwas
Chlorzink (mit Amylum zu einem Stäbchen geformt) in den Thränen-
sack: man darf dies am dritten Tage eventuell wiederholen. Man kann
auch das Auge durch eine Hornplatte schützen und mit einem kleineu
Galvanocauter oder Pasquelin den ganzen Thränensack ausbrennen, was
nicht einmal besonders schmerzhaft und. sicherer ist, als das Aetzen.
Außerdem lässt sich hierbei die zerstörende Wirkung besser einschränken.
als bei dem zerfliessenden Aetzmittel.
Zur Exstirpation eröffnet man den Thränensack von aussen
unterhalb de> Ligamentum canthi internum und präparirt so gut als
Dacryostenose. Epiphora. 99
möglich die Schleimhaut heraus, schabt den Rest mit einem scharfen
Löffel aus und kann überdies noch ätzen oder brennen. Man legt eine
kleine Drainageröhre ein und lässt ausheilen. Das Endresultat ist eine
hässliche eingezogene Xarbe, während nach gut ausgeführter Verödung
lediglich eine eingesunkene Stelle in der Gegend des Thränensacks zu-
rückbleibt. Etwaige Knochenleiden müssen natürlich bei Exstirpation
und Verödung vorher ausgeheilt sein; eventuell werden necrotische
Knochenstückchen hierbei mitentfernt, sonst kommt es nachträglich
wieder zum Autbrechen und zu Fistelbildungen.
Besteht ein Abflusshinderniss in den Thränenwegen . ohne dass
hierbei eitriges Seeret vorhanden ist. so spricht man von Dacryostenose.
Das Hinderniss kann im Thränensack oder im Thränennasengang liegen,
am häufigsten an den Seite 92 angegebenen Stellen, wo öfter Schleim-
hautfalten vorkommen. Meist ist es klappenförmiger Natur ohne or-
ganische Veränderung der Schleimhaut der Thränenwege. Als subjec-
tives Symptom ist mehr oder weniger lästiges Thränenträufeln vorhanden,
stärker bei Kälte. Wind. Staub und im Freien, geringer bei warmer
Luft und zu Hause. Drückt man auf die Gegend des Thränensacks,
so entleert man eine klare, wässerige Flüssigkeit, und beim Versuch
zu sondiren, findet man ein Hinderniss. Die Therapie besteht in regel-
mässigem Sondiren, das aber gerade hier besonders delicat zu geschehen
hat. um nicht Anstoss zu Entzündungsprocessen zu geben. Thränen-
träufeln ohne nachweisbares Hinderniss in den Thränenwegen nennt
man Epiphora: ist es durch Eversion der Thränenpunkte bedingt
(siehe oben Seite 93), so muss das betreffende Thränenröhrchen geschlitzt
und das Lid reponirt werden. Ist kein Grund für das Thränenträufeln
(Conjunctivalcatarrh. Xasenpolypen. Hypertrophie der Carunkel u. s. w.)
zu finden, so ist die Therapie sehr ohnmächtig; in verzweifelten Fällen
hat man sogar die Thränendrüse exstirpirt, wozu wohl selten die Not-
wendigkeit vorliegt. Zuweilen ist das Thränenträufeln ein entschieden
nervöses Symptom, z. B. bei Hysterischen. Nützlich ist hierbei
Einträufelung von Cocain nach Bedürfniss. welches die Schleimhaut des
Thränensackes und die Conjunctica anästhesirt. wodurch die Reflexe
auf äussere Reize wegfallen. Ebenso lasse man immer die Thränen
in der Richtung nach dem inneren Xasenwinkel abwischen (siehe Seite 90).
um nicht Ectropium des unteren Lides zu verursachen.
Die Gefahr der Thränensackleiden mit mehr oder weniger eitrigem
Seeret beruht, abgesehen von den dadurch veranlassten Unannehmlich-
keiten, hauptsächlich darauf, dass letzteres in hohem Grade infectiös
ist. Eine grosse Anzahl verschiedenster Microorganismen ist schon im
100 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Secret des entzündeten Thränensackes nachgewiesen, darunter Strepto-
coccus und verschiedene Staphylococcus pyogenes. Eine an und für
sich unbedeutende Verletzung der Hornhaut kann sehr verhängnissvoll
werden. Man hat desshalb die Thränensackerkrankungen immer äusserst
sorgfältig und gründlich zu behandeln, wenngleich dies häufig für
Patienten und Arzt eine grosse Geduldsprobe ist. Ebenso hat man sich
vor der Vornahme einer Augenoperation zu vergewissern, ob kein
Thränensackleiden besteht; eventuell ist dasselbe vorher zu beseitigen.
Bei Verletzungen der Thränenröhrchen — z. B. bei Abreissen
der Lider — wird es trotz sorgfältiger Naht selten gelingen, die Durch-
gängigkeit zu bewahren. Man wird ein abgerissenes Thränenröhrchen
am besten von der Wunde aus bis in den Thränensack schlitzen un<
offen erhalten.
Verletzungen des Thränensackes führen häufig zu Emphysem der
Lider (siehe Seite 85).
V. Erkrankungen der Bindehaut,
An der Bindehaut haben wir verschiedene Theile zu unterscheiden, die meist
bei Erkrankungen nicht gleichmässig ergriffen sind. Am intermarginalen
Theil, unmittelbar vor dem Uebergang in die Schleimhaut, münden die
Meibom 'sehen Drüsen, 30—40 im oberen, 25 — 35 im unteren Lid. Die Con-
junctiva palpebrarum ist in ihrem tarsalen Theil durch sehr straffes submueöses
Bindegewebe mit dem darunter liegenden Lidknorpel verbunden und lässt im nor-
malen Zustande die Meibom'schen Drüsen deutlich durchsehen. Oberhalb, resp.
unterhalb des Tarsus, wo zahlreiche kleine traubige (Krause 'sehe) Schleimdrüsen
in einer horizontalen Reihe angeordnet liegen, wird das submueöse Bindegewebe
quellungsfähiger, ebenso in den Uebergangsfalten. Im Bereich der Conjunctiva
bulbi ist dies noch bedeutender der Fall, was die freie Verschiebbarkeit bei Be-
wegungen des Auges begünstigt. Ausser Conjunctiva tarsi, bulbi und den Ueber-
gangsfalten wird zweckmäfsig eine Lidspaltenzone unterschieden; es ist der
Bezirk der Bindehaut, der bei normal geöffneter Lidspalte sichtbar ist. Derselbe
ist Verletzungen aller Art besonders ausgesetzt.
Die Conjunctiva ist eine Schleimhaut mit geschichtetem Pflasterepithel, analog
der in Pharynx, Nase und Urogenitalsystem. Unter demselben findet sich eine
feine Basalmembran und das mehr oder weniger straffe oder lockere subconjunctivale
Bindegewebe. Eigentliche Papillen kommen normalerweise nicht vor; dagegen be-
stehen niedrige horizontale (Conj. palpebrar.) und concentrische (Conj. bulbi) Leisten-
systeme, die bei Schnitten Papillen vorzutäuschen vermögen. Gegen den Corneal-
rand hin besteht eine leichte Verdickung des subconjunctivalen Gewebes und des
Hyperaemie. \Q\
Epithels. Der Gefässreichtlmm ist verschieden ; grösser im palpebralen und Ueber-
sfaltentheil , geringer in der Conjunctiva bulbi. Ob normalerweise Follikel
in der Conjunctiva vorkommen, ist streitig; jedenfalls darf man nicht aus verein-
zeltem Vorkommen derselben auf pathologische Verhältnisse schliessen. Die Haupt-
lymphgefässe verlaufen über den Ansätzen der vier geraden Augenmuskeln gegen
die Peripherie des Auges hin und in den beiden Uebergangsfalten. Das normale,
mehr noch das pathologische, Conjunctivalsecret enthält gelegentlich eine ganze
Sammlung pathogener und unschädlicher Microorganismen, deren Bolle bezüglich
der Aetiologie infectiöser Conjunctivalleiden noch sehr unvollkommen gekannt ist.
Die Erkrankungen der Conjunctiva sind conform denen an andern
Schleimhäuten mit geschichtetem Pflasterepithel; ausserdem besteht
andererseits auch wieder eine gewisse Analogie mit den Hauter-
krankungen. Soweit möglich sind diese Verhältnisse bei der Benennung
der Conjunctivalkrankheiten zu berücksichtigen.
Das Umklappen des oberen Lides soll bei vermutheten Conjunctival-
erkrankungen nie unterlassen werden, da sonst die folgenschwersten
Irrthümer, namentlich dem Anfänger, begegnen können.
Von diffusen Schleimhauterkrankungen der Conjunctiva wäre zu-
nächst die Hyperaemie hervorzuheben; acut kommt sie bei vielen
andern Erkrankungen symptomatisch vor, die chronische Form beschränkt
sich hauptsächlich auf die Conj. palpebrar. Der Patient verspürt
Brennen und leidet an asthenopischen Erscheinungen ; besonders Morgens
beim Oeffnen der Augen besteht das Gefühl von Schwere und Trocken-
heit in den Augenlidern, weshalb diese Affection auch als Catarrhus
siccus bezeichnet wird. Im Verlaufe des Tages geht es besser, doch
besteht Empfindlichkeit gegen Rauch und Staub und Abends gegen
künstliche Beleuchtung. Beim Umklappen der Lider ist kaum eine
Veränderung zu sehen, nur nach längerem Bestand findet man die Con-
junctiva leicht rauh, die MeibonTschen Drüsen etwas verschleiert,
was aber häufig eher auf vorangegangene anderweitige Erkrankungen
der Conjunctiva zurückzuführen ist. Häufig besteht etwas Köthung der
Conjunctiva bulbi gegen die Lidwinkel hin und ein eigenthümlich
verschlafener Ausdruck durch unvollständiges Oeffnen der Lidspalte.
See r et ist keines vorhanden, die Lider Morgens nicht verklebt;
der Patient hat den Eindruck „als ob das Auge schlecht geschmiert
sei." Wirkliche Sehstörung ist nicht vorhanden, wohl aber kann Con-
junctivalhyperaemie andere Augenleiden mit Sehstörung compliciren.
Die Hyperaemie der Conjunctiva ist eine recht häufige Erkrankung.
Sie kann spontan auftreten, oder durch übermässiges Arbeiten bei Licht,
lange Nachtwachen, viel Aufenthalt in überfüllten oder rauchigen Räumen
und ähnliche Schädlichkeiten erworben werden. Recht häufig kommt
102 V., Erkrankungen der Bindehaut.
sie bei Refraetionsanomalien. besonders während der Entwicklung von
Myopie vor, und sehr oft bleibt sie nach Conjunetivalerkrankungen zurück,
die seiner Zeit eingreifeud behandelt worden sind. Es sind namentlich
folliculare Erkrankungen, die als „Granulosa" lange mit dem Kupferstift
behandelt wurden, bei denen dies der Fall ist. Sehr häutig leiden
anae mische und chlor o tische Individuen an sehr hartnäckiger
Conjunctivalhyperaemie.
Die Behandlung hat an erster Stelle die Beseitigimg der genannten
Schädlichkeiten anzustreben, für gesunde Luft und genügend Schlaf zu
sorgen. Ein gutes Mittel ist verdünnte Opiumtinctur (Bp. Tinct. opii
crocat. 10.0 :Aq. dest. 10—20.0; vor dem Gebrauch gut umzuschüttein),
von der man Abends etwa 10 Minuten vor dem Schlafengehen einen
grossen Tropfen mittelst eines Pinsels in den Conjunctivalsack bringen
lässt. Noch besser wirkt Cocain (Cocain, mur.. Morph, mur. ää 0,15: lo.O
Aqua), das mehrmals täglich nach Bedürfniss eingeträufelt wird. Die
Behandlung muss gewöhnlich längere Zeit fortgesetzt werden. Streng
zu vermeiden ist jede eingreifendere Behandlung mit
Adstringentien und Causticis, die das Uebel nur schlimmer
machen. Becidive sind häufig, wenn die Patienten sich von Neuem
den schädlichen Einflüssen aussetzen ; recht hartnäckig ist auch die nach
Ueberätzung der Conjunctiva zurückbleibende Hyperaemie.
Der Catarrh der Coiijuiictiva characterisirt sich durch das Auf-
treten von Secret. das besonders Morgens die Lider ver-
klebt. Die Hyperaemie concentrirt sich auf die Conjunctiva palpe-
brarum und auch dann, wenn die Conjunctiva bulbi in erheblichem
Maasse mitergriffen ist. last sich jedesmal eine Abnahme gegen
den Cornealrand hin constatiren. Die Lidwinkel, namentlich der
innere, sind oft recht auffallend geröthet.
Der acute Catarrh beginnt meist mit etwas Schwellung der Lider
und Conjunctiva (Oedem). nicht selten unmittelbar nach directer Ein-
wirkung von Schädlichkeiten. Oft wird Erkältung als Ursache ange-
geben: sehr häutig ist er Theilerscheinung eines Catarrhs der Xasen-
Rachenhöhle oder gehört zum Symptomen complex einer acuten In-
fectionskrankheit (Masern. Influenza). Bald beginnt das Auge zu fliessen;
das Secret ist Anfangs wässrig und nimmt nach und nach eine schlei-
mige Beschaffenheit an, mit mehr oder weniger Beimischung von Eiter-
zellen. Das überlaufende Secret macerirt die Haut und führt zu
Excoriationen, vorwiegend im äusseren Lidwinkel; es verklebt die
Lider am Morgen und sammelt sich namentlich im inneren Winkel,
wo es zu gelben Krusten vertrocknet. Empfindlichkeit gegen äussere
Catarrh. 103
Einflüsse und ein grösserer oder geringerer Grad von Asthenopie ist
regelmässig vorhanden; heftigere Schmerzen sind selten, meist besteht
nur Brennen und Beissen. Die Sehschärfe ist normal, höchstens
durch ein auf der Cornea klebendes Schleimflöckchen für Augenblicke
etwas herabgesetzt.
So lange nur Schwellung der Lider mit wässriger Secretion besteht,
darf man fleissig zu wechselnde, recht kalte Ueberschläge an-
wenden. Werden sie nicht exact gemacht, sodass sie sich auf dem
Auge erwärmen, so ist es besser einstweilen gar nichts zu thun. Erst
wenn das Secret schleimig oder schleimig-eitrig geworden ist. darf mau
adstringirende Lösungen von Zincum sulfuricum ( l 2 ° ), Plumb. aceticum
(1° ) oder Tannin (1° ) zwei- bis dreimal täglich ins Auge träufeln. |
Stärkere Mittel, wie Höllensteinlösung (1° auf die umgeklappten
Lider aufgepinselt und mit Wasser wieder abgespült), sind selten nöthig,
können aber zuweilen den Verlauf abkürzen. Mit den Adstringentien
ist fortzufahren bis zur Heilung. Dieser Ausgang ist beim acuten
Catarrh die Regel ; seiteuer ist der Uebergang in die chronische Form.
Beim chronischen Conjunctivalcatarrh, der viele Jahre lang
bestehen kann, ist neben asthenopischen Beschwerden, das hervor-
stechendste Symptom, dass die Augenlider am Morgen mehr oder weniger
verklebt sind. Ist das eingetrocknete Secret entfernt, „sind die Augen
ausgerieben ", so sind die Beschwerden den Tag über meist gering:
Lichtempfindlichkeit in geringem Grade, erheblichere Empfindlichkeit
gegen Wind, kalte Luft. Rauch und Staub, die Thränen veranlassen,
etwas Brennen und Beissen in den Winkeln ; häufig findet man Schaum
in den Lidwinkeln durch vermehrten Lidschlag bedingt. Abends bei
künstlicher Beleuchtung pflegen die unangenehmen Empfindungen meist
zuzunehmen und treten namentlich die asthenopischen Beschwerden in
den Vordergrund. Allmälig treten tiefere Veränderungen auf; das über-
fliessende Secret verursacht Excoriationen an den Lidrändern und um
die Cilien, die allmälig den Verlust derselben herbeiführen können. Im
äussern Augenwinkel führt die Geschwürsbildung zu Verwachsung der
Lider von aussen her, zu Blepharophimose und dadurch zu Einwärts-
stehen der Cilien (Trichiasis). In andern Fällen erschlafft durch lang-
jähriges Bestehen eines chronischen Conjunctivaleatarrhs das Gewebe
des untern Lides und dieses verlängert sich. Dadurch kommt es zum
Abstehen desselben vom Auge (Eversion der Thränenpunkte) und weiter-
hin zu Ectropium, welches durch das fortwährende Herabziehen des
Lides beim Abwischen des überlaufenden Secretes noch begünstigt wird.
Die der Luft ausgesetzte Conjunctiva des untern Lides ist immer stark
104 V. Erkrankungen der Bindehaut.
geröthet (Triefaugen) und kann bedeutend anschwellen und granuliren
(Ectropium sarcomatosum).
Nicht selten kommt es im Verlauf eines chronischen Catarrhs zu
acuten Exacerbationen, namentlich veranlasst durch äussere Schädlich-
keiten oder bei Auftreten eines Schnupfens. Die Secretion und die sub-
jectiven Symptome nehmen zu, kehren aber nach einiger Zeit wieder
zum gewöhnlichen Maass zurück.
Klappt man beim chronischen Conjunctivalcatarrh das obere Lid
um, was nie versäumt werden darf, um Verwechslungen mit schwereren
Erkrankungen zu vermeiden, so springt weuiger die Hyperaemie in die
Augen, als die Undurchsichtigkeit des Gewebes, das die Meibom 'sehen
Drüsen kaum noch oder gar nicht durchschimmern lässt. In lange
dauernden Fällen erhält die Conjunctiva ein mehr oder weniger sammt-
artiges Aussehen : papilläre Hypertrophie. Der Sitz des Catarrhs
ist die Conjunctiva palpebrarum, viel weniger die Uebergangsfalte. so
gut wie gar nicht die Conjunctiva bulbi, die noch seltener, als beim
acuten Catarrh, eine Köthung zeigt, welche wie bei diesem, immer gegen
den Hornhautrand hin abnimmt.
Microscopisch findet man das Gewebe der Conjunctiva in verschiedenem Grade
von Wanderzellen durchsetzt, ebenso das Epithel, das durch Ausfall oberflächlicher
Zellen eine unregelmässige Fläche darbietet. Hyperaemie ist an ausgeschnittenen
Stückchen wenig mehr sichtbar. In alten Fällen wachsen die normal vorhandenen
leichten Conjunctivalunebenheiten zu langen Papillen aus und bedingen dadurch
das sammtartige Aussehen der Conjunctivaloberfläche.
Kecht häufig kommt es im Verlaufe chronischer Conjunctivalcatarrhe
zu Betheiligung der Hornhaut, zu sogenannten catarr haiischen
oder besser Randgeschwüren derselben. Ziemlich plötzlich entsteht
stärkeres Fliessen des betreffenden Auges, erhöhte Empfindlichkeit,
Kratzen und Stechen im Auge. Bei der Untersuchung findet man
etwas violette Injection um die Hornhaut, enge Pupille, die sich auf
Atropin langsam, aber vollkommen erweitert, und etwa l 1 /, Millimeter
vom Hornhautrand entfernt ein oder mehrere punktförmige graue Trü-
bungen, namentlich oft am untern Rande. Diese Infiltrate können con-
fluiren und bilden dann concentrische Geschwüre in der Nähe des
Hornhautrandes, da wo bei alten Leuten der Arcus senilis zu liegen
pflegt. Nehmen sie einen grossen Theil des Hornhautumfangs ein, so
nennt man sie King- oder Annularge schwüre. Durch Fort-
schreiten in die Tiefe können sie zur Eröffnung der vordem Kammer,
durch eitrige Infiltration und Flächeuausbreitung zu umfangreicher Zer-
störung der Hornhaut führen, falls sie nicht entsprechend behandelt
Catarrh. 10.*)
werden. Die Häufigkeit der Hornhaiiterkrankuiig hei Conjunctival-
eatarrh nimmt mit dem Alter zu; bei jugendlichen Individuen ist
sie selten.
In einfachen Fällen von chronischem Conjunctivalcatarrh genügt
es. das Auge von dem verklebenden öecret zu reiuigeu und zwei- his
dreimal träglich, längere Zeit hindurch, einige Tropfen Zinklösung
(Zinc. sulfuric. 0,15: Aq. dest. 30,0) in den Conjunctivalsack einträufeln
zu lassen. Sehr vortheilhaft ist es, etwa 5 — 10 Minuten später ganz
wenig von irgend einer fetten Salbe in Lidränder und Wimpern ein-
reiben zu lassen, damit das überlaufende Secret die Haut nicht macerirt.
Man nimmt dazu am besten Flor, zinci 0,5, weissen oder gelben Praeci-
pitat 0,1 auf 10,0 Unguentum leniens. Bei älteren Leuten ist
läufig eine l°/ ige Tanninlösung oder eine Combination von Zink und
Tannin (Zinc. sulfuric. 0,5; Tannin pur. 1,0; Aq. dest. 80.0; Aq.
foenicul. 20,0 S. Augenwasser) vorzuziehen, die man Morgens und Abends
anwenden lässt. Sind Geschwüre am Lidrand oder Excoriationen in
den Lidwinkeln vorhanden, so bepinselt man diese täglich bei ge-
schlossenen Augen energisch mit einer 2°/ igen Höllensteinlösimg;
streicht man diese Lösung hierbei gehörig in die Augenwinkel ein, so
gelangt davon genügend viel in den Conjunctivalsack, um eine besondere
adstringirende Behandlung desselben überflüssig zu machen. Bei Ver-
längerung des untern Lides und beginnendem Ectropium ist energisches
l] m porstreichen gegen den inneren A u g e n w i n k e 1 beim Ab-
wischen der Thränen am Platze: bei Blepharophimose und Trichiasis
hat die bei den Liderkrankungen angegebene Behandlung einzutreten.
Sind Hornhautgeschwüre aufgetreten, was sich namentlich durch
eigentümlich stechende Schmerzen ankündigt, so beherrschen diese die
Situation; jede reizende Behandlung ist sofort auszusetzen. Kleinere
Geschwüre kann man durch warme Umschläge mit Kamillenthee oder
einer nicht reizenden antiseptischen Lösung in wenigen Tagen zur Hei-
lung bringen; bei tieferen, die Perforation herbeizuführen drohen, muss
gleichzeitig Eserin angewandt werden, wie bei den Hornhauterkrankuugen
später ausführlich abgehandelt wird. Die aus serliche Behandlung
von Lidrandgeschwüren und -excoriationen mit Höllensteinlösung kann
bei der Behandlung der Hornhautgeschwüre fortgesetzt werden.
Die Aetiologie des chronischen Conjunctivalcatarrhs ist eine sehr
verschiedene ; er kann nach einem acuten zurückbleiben oder die Fort-
setzung einer ähnlichen Erkrankung der Nasen- und Thränensackschleim-
haut sein. Sehr häufig wird er durch atmosphärische Einflüsse aller
Art. langedauernden Aufenthalt in Rauch, Staub, verdorbener Luft u. s. w.
106 V. Erkrankungen der Bindehaut.
hervorgerufen. Desshalb ist er fast immer doppelseitig; einseitige Er-
krankung, namentlich verbunden mit Lidrandeczem, erregt sofort den
Verdacht eines Thränensackleidens.
Die Differentialdiagnose des Conjunctivalcatarrhs ist für den pr ac-
tischen Arzt ausserordentlich wichtig; man hüte sich vor dem sehr ge-
bräuchlichen Schlendrian, wenn man keine genügende Ursache für die Klagen eines
Patienten findet, in dubio Conjunctivalcatarrh anzunehmen und dem entsprechend zu
behandeln. Die gelbröthliche Injection der Conjunctiva nimmt, wenn sie sich über-
haupt auf die Conjunctiva bulbi miterstreckt, gegen den Hornhautrand continuirlich
ab und unterscheidet sich dadurch scharf von der durch Hornhaut- und Uvealerkran-
kungen bewirkten b 1 au rothen Injection, die sich um den Hornhautrand concentrirt
(Ciliarinjection). Eine Sehstörung ist beim Catarrh nicht vorhanden.
Zuweilen werden vorübergehend um Lichter farbige Kinge gesehen, wenn eine
dünne Schleimschicht die Hornhaut bedeckt. Die asthenopischen Beschwerden
sind oft denen bei Refractionsanomalien sehr ähnlich; sind sie desshalb hervor-
ragendes Symptom, so ist immer auch auf solche zu untersuchen. Sicher gestellt
ist die Diagnose des Catarrhs erst durch das Vorhandensein des Secretes, das
Morgens die Augenlider verklebt und während des Tages in den Augenwinkeln und
an den Wimpern festsitzt. Hält man dieses genau fest, so wird man sich vor un-
liebsamen Verwechslungen hüten, namentlich mit Erkrankungen der Hornhaut und
Regenbogenhaut; besteht irgend ein Zweifel, so hat man desshalb auch sorgfältig
mit seitlicher Beleuchtung die Abwesenheit letzterer sicherzustellen, die natürlich
auch mit Conjunctivalcatarrh complicirt sein können.
Eitrige Conjunctivitis ist die Folge einer Ansteckung mit
gonorrhoischem Secret; dieselbe findet am häufigsten statt während
der Geburt und kurz nachher, sodann wieder vom zeugungsfähigen
Alter an; zwischen diesen beiden Zeitpunkten ist sie äusserst selten.
Da die Keaction darauf in so verschiedenen Altersstufen, die durch ein
langes, fast freies Intervall getrennt sind, gleichfalls eine verschiedene
ist, so kann man zwei in Vielem differente Krankheitsbilder auf-
stellen: die Blennorr hoea neonatorum und die Conjunctivitis
gonorrhoica der Erwachsenen.
Die ßlennorrhoea neonatorum beginnt in den ersten Tagen,
frühestens 36 — 48 Stunden nach der Geburt, und kann sehr verschie-
denen Grades sein, wobei sowohl die Intensität der Infection, als auch
individuelle Verschiedenheiten eine Rolle spielen. Ganz leichte Fälle
sind kaum von einem Catarrh verschieden, der übrigens bei Neugeborenen
sehr selten ist und heilen in 8 bis 14 Tagen von selber oder mit einem
leichten Zinkwasser. Gewöhnlich beginnt die Affection mit mehr oder
weniger bedeutender Anschwellung und Röthung der Augenlider, die
sich heiss anfühlen. Die Conjunctiva palpebrarum ist stark serös durch-
tränkt, glatt und gespannt; die Uebergangsfalten, namentlich die obern,
bilden grosse Wülste, die sich beim Umklappen in die Lidspalte
Blennorrhoea neonatorum. 107
drängen, und auch die Conjunctiva bulbi ist hyperaemisch, oedematös
geschwellt und umgibt wallartig die Hornhaut (Chemosis). Das
Secret ist zu dieser Zeit spärlich, wässerig oder etwas gelblich ge-
färbt. Nach zwei, drei Tagen, oft schon früher, manchmal später,
wird das Secret flockig und nimmt allmälig eine eitrige Beschaffenheit
an; es ist dann Von intensiv gelber, grünlicher (Icterus neonatorum)
oder röthlicher Färbung (beigemischter Blutfarbstoff). Nicht selten gerinnt
am umgeklappten Lide das Secret durch den Einfluss der Luft zu fibrin-
artigen Membranen, die leicht abgewischt werden können und sich rasch
wieder erneuern; diese Erscheinung ist ohne weitere Bedeutung. Die
Schwellung der Lider pflegt jetzt nachzulassen, die Conjunctiva ist
intensiver geröthet, succulent aber nicht mehr so prall gespannt, zeigt
im Gegentheil leichte Fältelung. Die eitrige Secretion kann Wochen,
ja Monate lang anhalten, wobei die Anfangs sammtartige Conjunctiva
später gröbere, flache, unregelmässige, leicht blutende Excrescenzen
zeigt. Mehr oder weniger Absonderung schleimiger oder schleimig-
eitriger Natur kann noch sehr lange bestehen bleiben, hört aber all-
mälig von selber auf. Die ganze Affection kann spontan ausheilen,
ohne dass es zu mehr als etwa leichter milchiger Trübung der Con-
junctivaloberfläche kommt ; eine tiefer gehende Vernarbung tritt hierbei
nicht ein. In schweren Fällen kommt es durch Circulationsstörungen
zu Blutungen in's Schleimhautgewebe, zu punktförmigen in der Con-
junctiva palpebrarum und in der Uebergangsfalte, zu grösseren in der
Conjunctiva bulbi. Sehr selten sind wirkliche, oberflächliche Gewebs-
necrosen (Diphtheritis im anatomischen Sinn), doch ist schon eine förm-
liche Epidemie gerade dieser Form beobachtet worden. Häufig lässt
eine profuse Blennorrhoe während des Verlaufes fast plötzlich nach.
Die Nachforschung ergiebt dann gewöhnlich, dass der kleine Patient
an Diarrhoe erkrankt ist, nach deren Beseitigung die Secretion von
Neuem beginnt. Auch bei marastischen Säuglingen oder bei heran-
nahendem Tode aus irgend einer Ursache pflegt das Fliessen der Augen
nachzulassen oder völlig zu verschwinden.
Die Gefahr der Blennorrhoea neonatorum beruht im Auftreten von
Hornhautaffectionen. Sehr häufig besteht schon im Beginne eine leichte
diffuse oberflächliche Trübung (Maceration des Epithels) der Cornea,
die übrigens nicht verwechselt werden darf mit derjenigen, die leicht
beim Umklappen der Lider durch Druck auf das Auge entsteht. Die
eigentliche Hornhauterkrankung beginnt als Epithel Verlust in der
untern Hälfte der Hornhaut und wird wohl ausnahmslos durch eine
traumatische Einwirkung veranlasst. Unzartes Oeffnen der Lidspalte,
108 V. Erkrankungen der Bindehaut.
ungeschickte Reinigung des Conjunctivalsacks, aber auch ein Aetzschorf
der Conjunetiva nach voreiliger Cauterisation sind die Veranlassung
hierzu.
Durch diesen, Anfangs scheinbar unbedeutenden oder ganz über-
sehenen Epithelverlust findet eine Infection des Hornhautgewebes statt;
die Cornea trübt sich rasch in grossem Umfange, der Substanzverlust
vergrössert sich und wird zu einem eitrig inflltrirten Geschwür, das
schnell in die Tiefe greift und zur Eröffnung der vorderen Kammer
führt. Im günstigen Falle demarkirt sich jetzt die Entzündung und
der Process kommt zur Heilung, allerdings mit grosser, meist central
gelegener Hornhautnarbe, mit der die Iris in grösserer oder geringerer
Ausdehnung verwachsen sein kann. Es kann aber auch die ganze Horn-
haut zerstört werden, und das Auge geht durch secundäre Vorgänge
(Staphylom u. s. w., wovon später), viel seltener durch acute eitrige
Uvealentzündung zu Grunde. Auch dann, wenn es gelingt, den Horn-
hautprocess vor der Perforation zum Stillstand zu bringen, bleibt ein
umfangreicher centraler, das Sehen störender, Hornhautfleck zurück, der
jedoch, glücklicherweise nicht gerade selten, bis auf geringe Spuren
im Laufe der Zeit verschwinden kann.
Ist es im Verlauf der Blennorrhoe zur Eröffnung der vorderen
Kammer gekommen, so entwickelt sich später fast ausnahmslos eine
eharacteristische Form von Linsentrübung; die sogenannte vordere
Polarcataract.
Im Bereiche und in der Ausdehnung der Pupille treten Wucherungsvorgänge
im Epithel der vorderen Linsenkapsel auf. Schon nach wenigen Tagen findet man
unmittelbar unter der Linsenkapsel eine Anhäufung rundlicher Zellen, die später
spindelförmig werden und schliesslich ein faseriges verkalkendes Gewebe bilden,
dessen concentrisch wirkende Narbenschrumpfung zu einer circa Stecknadelkopf-
grossen, kreideweissen Hervorragung im Pupillargebiete führt ; dieselbe ist von der
vielfach gefältelten Kapsel überzogen. Später bildet sich gewöhnlich nach innen
von dem faserigen Gewebe wieder eine regelmäfsige Epithelschicht, so dass
die Linsentrübung zwischen der hyalinen Kapsel und dem vorderen Linsenepithel
gelegen ist. Ist die vordere Kammer längere Zeit offen geblieben, so kann der
vordere Linsenpol mit der Hinterfläche der Hornhaut verwachsen, und bei Wieder-
herstellung der Kammer zieht sich diese Verwachsung zu einem langen weissen
Faden aus, der persistiren oder später abreissen kann. Sehr häufig ist hinter der
vorderen Polarcataract, durch durchsichtige Zwischenmasse getrennt, noch eine
zweite weissliche Trübung von ungefähr gleichem Umfange sichtbar, die nicht
selten mit ersterer durch einen Faden zusammenhängt. Es ist bei tiefen Horn-
hautgeschwüren auch schon beobachtet worden, dass sich typische vordere Polar-
cataract entwickelte, ohne dass es je zur völligen Perforation kam, doch sind dies
Ausnahmen.
Blennorrhoea neonatorum. 1Q9
Obschon die vordere Polarcataract auch angeboren vorkommt und
au und für sicli Nichts beweist, als die stattgefundene Perforation der
Cornea in sehr früher Zeit, so ist sie doch ein fast sicheres Zeichen
der überstandenen Blennorrhoea neonatorum, da Hornhautperforationen
aus anderer Ursache in diesem Alter höchst selten sind.
Eine von Anfang an richtig behandelte Blennorrhoe sollte nicht zu
Hurnhauterkrankung führen. Dieser Satz ist um so wichtiger, weil ein hoher
Procentsatz der Blinden namentlich da, wo die sogenannte ägyptische Augenentzün-
dung nicht heimisch ist. durch Blennorrhoe der Neugeborenen das Augenlicht verloren
haben. Eine richtige Behandlung aber ist nur dann möglich, wenn der Arzt min-
destens alle 24 Stunden den Patienten zu sehen bekommt; Ausnahmen hiervon
sind nur in den leichtesten Fällen gestattet. Leider wird man häufig erst zu spät
gerufen, nachdem allerhand unvernünftige Manipulationen, harmlose und gefähr-
liche Hausmittel zur Anwendung kamen. Die Behandlung darf nicht der
Hebamme überlassen bleiben.
Eine Prophylaxe der Ulennorrhoe ist in neuester Zeit (Crede) vielfach an-
gestrebt worden. (Selbstverständlich ist eine Vaginalblennorrhoe der Mutter, wenn
irgend möglich, vor der Geburt zu heilen.) Jedem Neugeborenen wird unmittelbar
nach der Geburt 2°/oige Höllensteinlösung in die Augen geträufelt. Dadurch ge-
lang es den Procentsatz der Erkrankungen an Blennorrhoe sehr bedeutend herunter-
zudrücken; ganz verschwand sie nicht, da immerhin eine Anzahl Neugeborener
erst nach der Geburt inficirt wird. Begreiflicherweise lässt sich dieses Princip
nur in Anstalten durchführen; es kann aber auch, wenn ungeschickt ausgeführt,
gerade erst recht zur Infection führen. Wenn der Ausbruch nach dem 3. Tage
geschieht, hat fast ausnahmslos nachträgliche Ansteckung stattgefunden. Zu-
dem ist die Mutter nicht die einzig mögliche Ursache der Infection. Ich habe schon
förmliche r Hebammenepidemien " in der Clientel einer einzelnen Hebamme erlebt.
Ist die Krankheit ausgebrochen, so genügt in ganz leichten Fällen
Reinlichkeit und die täglich zweimalige Anwendung von Zinktropfen
etwa vom dritten Tage an. Immer müssen die Angehörigen von der
grossen Ansteckungsfähigkeit des Secretes benachrichtigt w r erden und
die Schwämme, Handtücher u. s. w., die bei dem Erkrankten benutzt
werden, dürfen zu nichts Anderem gebraucht werden. Von einem Schutz
des allenfalls noch nicht erkrankten zweiten Auges wird wohl immer
abgesehen werden, da er kaum strenge durchzuführen ist.
Bei schweren Fällen ist, so lange das Secret wässerig, Lider und
Conjunctiva stark gespannt sind, consequente Eisbehandlung am besten
(siehe Seite 4). Indem man etwa alle halbe Stunde die Lider aus-
einanderzieht und melkende Bewegungen macht, entfernt man das an-
gesammelte Secret und kann es mit etwas Wundbaumwolle wegwischen.
Jede Berührung des Auges selber muss hierbei ängstlich vermieden
werden. Erst wenn das Secret rein eitrig ist, darf man zu Adstrin-
gentien und Causticis übergehen. Am raschesten wird die Heilung
1 10 V. Erkrankungen der Bindehaut.
herbeigeführt, wenn man mit mitigirtem Höllensteinstift (Argent. nitricj
und Kai. nitric. ää) die ectropionirten Ueb ergangsfalten be-
streicht und sofort mit Kochsalzlösung neutralisirt ; natürlich muss die
Hornhaut hierbei gut geschützt sein. Der gebildete Aetzschorf muss
nach 24 Stunden*) vollständig abgestossen sein, und dann kann die
Procedur wiederholt werden. Unmittelbar nach der Aetzung lässt man
2 — 3 Stunden Eisumschläge, wie vorher, anwenden; später braucht das
Auge nur öfter ausgewaschen zu werden. Obschon diese Behandlung
sich am wirksamsten gezeigt hat, ist sie nur gestattet, wenn bei guter
Assistenz die Uebergangsfalten wirklich in toto ectropionirt werden
können ; sonst nützt sie Nichts und kann durch Anätzung der Hornhaut
sogar nachtheilig wirken. Auch die Application von Höllensteinlösung
(2%) muss auf Conjnnctiva palpebrarum und Uebergangsfalte beschränkt
bleiben, wenn sie nicht Schaden anstiften soll. Der practische Arzt
wird sich desshalb bei ausgesprochener Eiterung auf Adstringentien be-
schränken müssen und eine Lösung von Zincum sulfuricum (0,1:20,0),
Argent. nitr. (V 2 — 1 / ), Cuprum sulfuricum (0,1:25.0) u. s. w. mehrere
Wochen lang bis zur Heilung täglich 2 — 3 mal einträufeln lassen, nach-
dem vorher -das Secret aus dem Conjunctivalsack gut „ausgemelkt"
war. Von den viel angewandten antiseptischen Lösungen habe ich nach
ausgebrochener Blennorrhoe nie eine Abkürzung des Verlaufes bemerkt ;
leichte Fälle heilen natürlich, schwere ziehen sich unendlich in die
Länge, so dass schliesslich doch noch zur adstringirenden oder causti-
schen Behandlung gegriffen werden muss. Letztere ist auch am Platze
bei den granulationsähnlichen Excrescenzen alter unbehandelter oder ver-
nachlässigter Blennorrhoen, wo aber auch gelegentlich Touchiren mit
einem Kupfervitriolkrystall in Substanz auf die gut ectropionirten Lider
mit nachherigem sorgfältigem Abtupfen gestattet ist.
Bei Eintritt einer Hornhautaffection ist sofort Eserin anzu-
wenden, im Uebrigen die Behandlung, wenn möglich, aber mit sorg-
fältigstem Schutz der Hornhaut, fortzuführen. Das Umklappen der Lider
muss mit der höchsten Behutsamkeit geschehen, um Perforation der Horn-
haut zu vermeiden. Hat letztere bereits stattgefunden, so gelten für
deren Behandlung, sowie für die der restirenden Hornhautflecken und
*) Sitzt nach 24 Stunden der Aetzschorf noch fest, so ist dies ein Zeichen,
dass zu früh geätzt wurde; in solchen Fällen veranlasst der als Fremdkörper
wirkende Schorf sehr leicht Hornhautaffection. Ist die Eiterung dagegen sehr
profus, so stösst sich der Schorf auch viel früher ab, und es darf in diesem Falle
sogar zweimal an einem Tage geätzt werden.
Gonorrhoische Conjunctivitis. Hl
Pupillenverwachsuugeii die gleichen Principien, wie bei den gleichen
Zuständen aus anderen Ursachen.
Die gonorrhoische Conjunctivitis der Erwachsenen ist eine un-
vergleichlich schwerere Erkrankung, namentlich wegen fast ausnahms-
loser Betheiligung der Hornhaut. Ausser Individuen, die selber mit
Tripper behaftet sind, werden namentlich Mütter und Pflegerinnen von
blennorrhoekranken Neugeborenen betroffen. Nach ein- bis zweitägigem
Incubationsstadium beginnt die Krankheit mit gewaltiger brettartiger
Schwellung der Lider, wobei das obere klappenartig über das untere
herabhängt.
Gelingt es, dasselbe umzudrehen, was sehr schmerzhaft ist, so
zeigt sich die Conjunctiva palpebrarum stark hyperaemisch und ge-
schwellt, von zahlreichen Hämorrhagien durchsetzt, die Uebergangs-
falten als pralle Wülste, die Conjunctiva bulbi gleichfalls von Hämor-
rhagien durchsetzt, blasenartig gespannt und wallartig die Cornea über-
ragend, von der manchmal kaum der dritte Theil noch zu sehen ist.
In allen Abschnitten der Conjunctiva sieht man weissliche, im Gewebe
festsitzende Einsprengungen (Diphtheritis), manchmal nur vereinzelt,
oft den ganzen Conjunctivalsack durchsetzend und grosse confluirende
Plaques, namentlich auch auf der Conjunctiva bulbi, bildend. Nur
selten werden sie völlig vermisst. Das Anfangs wässerige Secret wird
bald trüb und flockig, später rein eitrig, und kann in enormer Menge
abgesondert werden. Nach einigen Tagen stossen sich die diphtheriti-
schen Stellen ab, und die Substanz Verluste müssen durch Wundgranu-
lation zur Heilung kommen.
Fast regelmäfsig kommt es zu Hornhautaffectionen, seltener aber,
wie bei der Blennorrhoea neonatorum in der Lidspaltenzone. Unter den
überhängenden Wülsten der Conjunctiva bulbi (Chemosis) stösst sich
das macerirte Hornhautepithel, etwa ein bis zwei Millimeter vom Kand
entfernt, ab, gewöhnlich zuerst am oberen Umfang der Cornea. Der
mehr oder weniger vollständig ringförmige Substanzverlust greift in
die Tiefe und Breite, die Hornhautlamellen blättern sich ab, ohne sich
nur vorher zu infiltriren, und nur wenn man das Licht sorgfältig über
die Hornhautfläche spiegeln lässt, bemerkt man die Grenzen des
ausgedehnten Substanzverlustes in dem fast durchsichtigen Gewebe. Da
die verdünnte Cornea unter dem normalen Augendruck sich vorbaucht
und scheinbar in normalem Niveau steht, wird das Uebersehen einer
Hornhautaffection noch erleichtert, und Mancher war schon höchst er-
staunt, am Morgen keine Cornea mehr zu finden, während sie Abends
vorher scheinbar noch normal war. Hat sich die Hornhaut in toto ab-
112 V. Erkrankungen der Bindehaut.
gestossen, so ist das Auge verloren ; es geht gewöhnlich durch Staphy-
lombildung, wovon später, viel seltener durch Vereiterung zu Grunde.
Nur wenn ein erheblicher Theil der Hornhaut erhalten bleibt, darf
man hoffen, später noch Sehvermögen zu retten.
Nach Abstossung der diphtherischen Stellen werden die Lider
weicher und leichter zu ectropioniren, die Eiterung nimmt zu, es bilden
sich wirkliche Granulationen auf den Substanzverlusten der Schleim-
haut, die mit oberflächlicher Xarbenbildung heilen und zu aller-
hand Verwachsungen im Conjunctivalsack. zwischen Lid und Bulbus
(Symblepharon) Veranlassung geben; dagegen kommt es nicht zu Ver-
krümmung der Lider durch tief greifende Vernarbung.
Obschon die Conjunctivitis gonorrhoica gelegentlich auch in leich-
teren Formen vorkommt, so ist sie doch im Ganzen eine der gefähr-
lichsten Augenkrankheiten um so mehr, als es mehrfach vorgekommen
ist. dass ein zerstörtes Auge das gesund gebliebene andere noch nach-
träglich durch sogenannte sympathische Entzündung zu Grunde ge-
richtet hat. Im Allgemeinen ist die Prognose um so bedenklicher, je
älter das betroffene Individuum ist. aber schon bei drei- und vier-
jährigen Kindern — meist Mädchen, die gleichzeitig an Vaginal-
blennorrhoe leiden — ist diese Conjunctivitis eine höchst gefährliche
Erkrankung.
Die Behandlung hat sich in erster Linie mit dem Schutz des noch
nicht erkrankten Auges durch einen impermeabeln Verband zu befassen
(siehe Seite 10). Ist die Krankheit auf dem zweiten Auge unter dem
Verband binnen 3 Tagen nicht ausgebrochen, so bleibt es verschont;
nicht selten aber wird es vorkommen, dass ein anscheinend gesundes
Auge verbunden wird und nach 24 Stunden der Eiter schon unter dem
Verbände hervorquillt. In diesem Falle wird er natürlich entfernt.
Sonst lässt man ihn bis zum völligen Ablauf der Krankheit, etwa
4 bis 6 Wochen, liegen; gut ist es. ihn alle 3 Tage zu erneuern.
Die eigentliche Behandlung besteht in der continuirlichen An-
wendung des Eises, entweder in besonderen Augeneisbeuteln oder in
Form von alle Minute zu wechselnden, auf Eis liegenden Compressen,
die Tag und Nacht zu erneuern sind. Ausserdem ist das oft sehr
massenhafte Secret fieissig auszuwaschen, und es ist sehr vortheilhaft,
alle paar Stunden auch den ganzen Conjunctivalsack mit einer leicht
antiseptischen Lösung (von Bor- oder Salieylsäure) sorgfältig auszu-
spülen. Dies niuss aber vom Arzte selber geschehen unter peinlichster
Schonuno- der Hornhaut, die nicht einmal von einem Wasserstrahl be-
Conjunctivitis gonorrhoica. 113
rührt werden darf, um nicht in dem macerirten Epithel einen Substanz-
verlust zu veranlassen.
Sind die Lider, namentlich das obere, bretthart gespannt, so wirkt
schon der directe Druck derselben auf das Auge schädlich und begün-
stigt das Zustandekommen von Circulationsstörungen (Hämorrhagien
und Diphtheritis) und Hornhautaffectionen. In solchen Fällen thut
man gut, die Lidspalte zu erweitern. Man geht mit der stumpfen
Branche einer starken geraden Scheere in den äusseren Lidwinkel so
weit als möglich ein und spaltet die äussere Commissur genau in der
Richtung der Lidspalte durch einen kräftigen Scheerenschnitt. Zwar
wird die ganze Schnittwunde gewöhnlich diphtheritisch, aber abgesehen
von der günstigen Wirkung der meist ziemlich erheblichen localen Blut-
entziehung, lassen die Schmerzen nach, das obere Lid kann besser um-
geklappt und der Conjunctivalsack exacter gereinigt werden. Im
Uebrigen verheilt die Wunde später wieder ohne bleibende Erweiterung
der Lidspalte. Bei sehr praller Chemosis erweisen sich zuweilen Scari-
ficationen der Conjunctiva in Form von oberflächlichen Einschnitten
nützlich, doch erwarte man nicht zu viel davon. Heftige Schmerzen
können Morphiuminjectionen nöthig machen.
Die Eisbehandlung wird fortgesetzt, bis sich alle diphtheritischen
Stellen vollständig abgestossen haben, bis die Schwellung der chemoti-
schen Conjunctiva zurückgegangen ist, dieselbe weicher wird und wieder
Falten wirft, namentlich sichtbar an der Conjunctiva bulbi concentrisch
zum Hornhautrand. Jetzt erst lässt sich der Verlauf erheblich ab-
kürzen durch Bestreichen der Conjunctiva, besonders der Uebergangs-
falten mit 2°/ iger Höllensteinlösung oder mit dem mitigirten Höllen-
steinstift (1 : 1) und sofortiger Neutralisation mit Kochsalzlösung unter
sorgfältigem Schutz der Cornea. Dies wird fortgesetzt, so lange eine
erhebliche eitrige Secretion besteht, doch hüte man sich vor zn ener-
gischen Aetzungen, die tiefer gehende Vernarbungen veranlassen können.
Nie darf eine Aetzung wiederholt werden, ehe die Wirkung der vorher-
gehenden vorüber ist und der Schorf sich abgestossen hat. Im Zweifels-
falle wende man sie lieber zu spät, als zu früh an. Nach Ablauf der
Eiterung können Adstringentien benutzt werden, welche auch vorher
anzuwenden sind, falls der Arzt die immerhin sehr delicate caustische
Behandlung nicht zu übernehmen wagt.
Das Auftreten von Hornhautgeschwüren erfordert die Anwendung
von Eserin, wobei im Uebrigen möglichst die Behandlung der Conjunc-
tiva fortgesetzt wird. Bleibt nach Zerstörung der Hornhaut der Augen-
stumpf empfindlich und entzündet, so muss er entfernt werden. Die
Knies, Augenheilkunde. 8
1 14 V. Erkrankungen der Bindehaut.
sehliessliche Gebrauehsfähigkeit des Auges hängt von dem Verhalten
der Hornhaut und von den Verwachsungen im Conjunetivalsack ab;
über eventuell mögliche operative Eingriffe hierbei siehe später. Bett-
ruhe des Kranken ist während der ganzen Behandlungsdauer selbst*
verständlich. Die benutzten Schwämme. Läppchen oder Wundbaum-
wolle müssen sofort vernichtet werden: im Uebrigen gilt das schon bei
der Blennorrhoe Gesagte.
Die nach Xeisser für das Tripperseeret charaeteristischen Diplo-
coccen in den Epithelien und Eiterzellen sind auch bei Blennorrhoea
neonatorum und Conjunctivitis gonorrhoica aufgefunden worden.
Croup der Conjunctiva (nicht zu verwechseln mit dem an der Luft
gerinnenden Secret in gewissen Stadien von Blennorrhoea neonatorum)
ist eine ziemlich seltene Erkrankung. Eine leichte Form wird fast aus-
schliesslich bei Kindern beobachtet Aeusserlich zeigt sich nur mehr
oder weniger erhebliche Lidschwellung. Ectropionirt man die Lider,
so ist die Conjunctiva palpebrarum wie mit Milch Übergossen, und ist
dies Aussehen bedingt durch Auflagerung einer mehr oder weniger
dicken weiblichen Membran, die sich mit einer Pincette leicht in einem
Stück abziehen lässt. Unter der Membran, die aus abwechselnden
Schichten von Fibrin und Rundzellen besteht, ist die Conjunctiva fast
normal oder etwas hyperaemisch und leicht blutend. Schon nach
wenigen Minuten hat sich wieder ein neues Häutchen gebildet, wobei
aber ein irgendwie erhebliches anderweitiges Secret nicht vorhanden ist.
Die Affection pflegt in 8—14 Tagen unter kalten Bleiwasserüber-
schlägen vorüberzugehen, ohne dass es zu Complicationen kommt; da-
gegen hüte man sich vor jeder eingreifenden Behandlung.
Zuweilen kommen schwerere Formen zur Beobachtung, auch bei
Erwachsenen. Es besteht sehr bedeutende Lidschwellung und stärkere
Hyperaemie der Conjunctiva. Der ganze Conjunetivalsack ist von einem
mehrere Millimeter dicken soliden Gerinnsel ausgefüllt, das einen voll-
ständigen Abguss desselben darstellt und in toto aus der Lidspalte
herausgezogen werden kann, worauf es sich in kurzer Zeit wieder er-
neuert. Microscopisch zeigen diese Abgüsse den gleichen Bau, wie die
dünnen Membranen. In solchen Fällen können dann auch, wahrschein-
lich traumatische. Hornhautgeschwüre auftreten, die sich inficiren und
dem Auge Gefahr drohen. Auch hier ist irgendwelche eingreifendere
Behandlung absolut verwerflich und sind nur kalte oder Eisüber-
schläge, eventuell Auswaschen des Conjunctivalsacks mit nichtreizen-
den aseptischen Lösungen am Platze. Jede Aetzung steigert den Process
und begünstigt das Auftreten von Hornhautaffectionen. Auch diese
Diphtheritis. 115
schweren Formen lassen in zwei bis drei Wochen nach, ohne dass es
je zu einer stärkeren Secretion kommt; in anderen Fällen wird später
IVbergang in einen catarrhalischen Zustand beobachtet, der einige Zeit
anhält und die gewöhnlichen Mittel verlangt.
Croup der Conjunctiva ist ansteckend, wenn auch nicht in sehr
hohem Grade, da oft nur ein Auge erkrankt. Die Incubationsdauer ist
sehr kurz und beträgt nach meiner Beobachtung eines Falles, wo die
Affection sich unter aseptischem Schlussverband entwickelte, noch keine
24 Stunden.
Diffuse Diphtheritis der Conjunctiva ist die schwerste Conjunc-
tivalerkrankung des Kindesalters und wird gewöhnlich zwischen dem
! zweiten und sechsten Jahre beobachtet. Aeusserlich gleicht die Affection
den schweren und schwersten Formen gonorrhoischer Infection, von
denen sie im Anfange nicht zu unterscheiden ist, nur ist Schwellung
und Härte der Lider eher noch gewaltiger. Gelingt es, das wie ein
Brett herabhängende obere Lid umzuklappen, so ist ein mehr oder
weniger grosser Theil sämmtlicher Abschnitte der Conjunctiva oder
auch diese in toto graugelblich necrotisirt, wie nach gewissen Ver-
brennungen, und lassen sich diese Stellen nicht abwischen. Wo noch
Inseln von nicht diphtheritischer Conjunctiva vorhanden sind, zeigen
e starke Schwellung und Hämorrhagien und prominiren gegenüber den
diphtheritischen Stellen. Anfangs ist nur wenig wässeriges trübes Secret
vorhanden, das allmälig immer mehr eitrig wird ; zugleich stossen sich
die necrotisirten Schleimhautparthieen, die mehr und mehr eine gelbe
Färbung annehmen, ab, die kleineren in einigen Tagen, während bei
ausgedehnteren Plaques dieser Process eine Woche und länger in An-
spruch nimmt. An Stelle der diphtheritischen Parthieen besteht jetzt
ein mehr oder weniger tiefer Substanzverlust, der unter Wundgranu-
lation und Eiterung zur Narbenbildung führt. Je nach der Ausdehnung
und Lage kann diese Entropium, Symblepharon oder völlige Oblite-
ration des Conjunctivalsackes zur Folge haben ; in mehreren, aber leich-
teren Fällen beobachtete ich nachträglich Cysten in der unteren Ueber-
gangsfalte, die sich als quere, beim Umklappen des Lides prominirende,
durchscheinende, mit klarer Flüssigkeit gefüllte Wülste darstellten.
Wohl ausnahmslos kommt es zur Hornhautbetheiligung, bei aus-
gedehnter Diphtheritis der Conjunctiva bulbi vorwiegend zu den von
der gonorrhoischen Conjunctivitis her bekannten Kandgeschwüren mit
Abblätterung der fast durchsichtig bleibenden Cornea, sonst ebenso-
häufig zu traumatischen Lidspaltengeschwüren der Hornhaut, die sich
diphtheritisch inficiren und gleichfalls zur Zerstörung derselben führen.
116 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Je ausgebreiteter die Diphtheritis ist, um so übler ist die Prognose
auch bezüglich der Hornhaut.
Die diffuse Diphtheritis der Conjunctiva kommt theils als selbst-
ständige Erkrankung, theils als Theilerscheinung einer allgemeinen
Schleimhautdiphtheritis in Nase, Kachen und Kehlkopf vor; in letzte-
rem Falle ist tödlicher Ausgang nicht selten. Im Norden von Deutsch-
land und an den Seeküsten sind namentlich die schweren Formen
heimisch, während diese in Süddeutschland und in der Schweiz sehr
selten sind.
Wenn nur ein Auge erkrankt ist, so hat man, wenn möglich, das
andere durch einen impermeabeln Schlussverband (siehe Seite 10) zu
schützen. Local ist consequente Eisbeliandhmg bis zur völligen Ab-
stossung der diphtheri tischen Stellen anzuwenden. Durch China, Wein
und kräftige Nahrung die Kräfte der kleinen Patienten zu heben, ist
wohl wichtiger, als die oft beliebte Mercurialisation. Die gleichfalls vor-
geschlagenen Scarificationen der Schleimhaut werden diphtheritisch und
vermehren die Narbenbildung, während die an und für sich oft indicirte
Erweiterung der Lidspalte nur bei älteren Kindern zulässig ist, die diese
Blutentziehung besser vertragen können. Von antiseptischen Mitteln
ist im allerersten Anfang das Auswaschen mit einer Combination von
Salicyl- und Borsäurelösung zu empfehlen (Rp. Acid. boric. 3,0; Acid.
salicylic. 1,0 ; Aq. dest. 100,0); später nützen sie nichts mehr. Die An-
wendung von Wärme ist zu verwerfen, da sie dem Fortschreiten der
diphtheriti sehen Infection Vorschub leistet. Sind alle necrotisirten
Stellen abgestossen, so sucht man durch Zinkwasser ( 1 / 2 °/ ) °der 1 °/ ige
Höllensteinlösung die Ausheilung der granulirenden Wundflächen zu be-
schleunigen; jede eingreifendere caustische Behandlung wirkt durch
Vermehrung der Narbenbildung nachtheilig. Die Therapie der Horn-
hautaffection muss sich auf Einträufelungen von Eserin beschränken,
um die nachträgliche Staphylombildung möglichst in Schranken zu
halten. Ist der ganze Process abgelaufen und die Vernarbung vollendet,
so können je nach dem Verhältniss des einzelnen Falles die manch-
fachsten therapeutischen Aufgaben zu erfüllen sein, wovon später.
Vereinzelte diphtherische Einsprengungen kommen, wie schon gesagt, ge-
legentlich bei Blennorrhoea neonatorum, fast regelmäfsig und viel ausgedehnter
bei der gonorrhoischen Conjunctivitis der Erwachsenen vor. Eine andere recht
häufige Form ist diphtherische Infiltration, ausgehend von Eczemeruptionen am •
Lidrand, von wo sie sich auf den Tarsaltheil der Conjunctiva fortsetzt und zu
bleibenden Narbenbildungen, häufig mit partiellem Entropium, führt. Selten wird
hierbei eine weitere Ausdehnung beobachtet; in der Eegel beschränkt sich der
Process auf die Conjunctiva tarsi. Trotzdem ist auch hier Schutz des anderen
Follikel. 117
Auges, Auswaschen mit Salicyl-Borsäurelösung und Eisbehandlung bis zur Ab-
stossung aller necrotischen Parthieen angezeigt. Im Uebrigen ist dieses eine rela-
tiv leichte Form und veranlasst selten Hornhautaffectionen, obschon häufig gleich-
zeitig Eczemeruptionen auf der Cornea vorhanden sind, deren Verlauf indess nicht
■weiter modificirt wird.
Die Entwicklung von Follikeln in der Conjunctiva in grösserem
Umfange modificirt die Erkrankungen derselben in eigenthümlicher Weise.
Im normalen Zustande werden, wie schon gesagt, keine oder nur ver-
einzelte Lymphfollikel angetroffen, unter gewissen Verhältnissen aber
entwickeln sie sich massenhaft. Man sieht dann beim Umklappen der
Lider zahlreiche, bis stecknadelkopfgrosse, durchscheinende Prominenzen
in der Conjunctiva sitzen, mehr vereinzelt, kleiner und von rundlicher
Eorm in der Conjunctiva tarsi, viel zahlreicher, grösser, queroval und
zu mehreren horizontalen Reihen wie Perlenschnüre angeordnet in den
Uebergangsfalten, fast gar nicht in der Conjunctiva bulbi. Die Binde-
haut selbst ist hierbei normal oder schwach hyperaemisch, die sub-
jectiven Beschwerden sind ähnlich denen bei Conjunctivalhyperaemie
und meist gering: etwas Brennen, leichte Entzündung und geringe
Empfindlichkeit der Augen. Oft sind es andere Krankheiten, Refractions-
anomalien u. dergl., die den Patienten zum Arzt führen, und die Con-
junctivalfollikel werden nur beiläufig entdeckt. Nur in Ausnahmsfällen
erreichen die Follikel ohne Complication eine excessive Grösse bis 3 mm
lang und l^mm breit, ohne dass gleichzeitig noch andere Conjunctival-
veränderungen vorhanden sind, und machen dann auch mehr Beschwerden.
Microscopisch kann man nachweisen, dass die Follikel zu Stande kommen
durch Anhäufungen von Rundzellen im lymphoiden Gewebe der Adventitia kleiner
Arterien. Haben sie eine gewisse Grösse erreicht, so drängen sie sich an die Ober-
fläche, platten sich gegenseitig ab und bilden die beschriebenen Reihen in den
Uebergangsfalten.
Eine eigene Wandung besitzen diese Follikel nicht, dagegen bildet das zu-
sammengeschobene verdrängte Nachbargewebe eine Art Kapsel um die Zellhaufen.
Fast ausnahmslos kann man das Vorhandensein von dünnwandigen Capillaren in
den Follikeln nachweisen.
Die Entwicklung von Follikeln in der Conjunctiva geschieht endemisch
unter Einfluss gewisser noch nicht näher gekannter Schädlichkeiten. An den
Seeküsten, in Holland, Norddeutschland, Italien u. s. w. ist die AfFection
weit verbreitet, erst seit wenigen Jahren in Süddeutschland und in der
Schweiz. In Kasernen, Schulen, Waisenhäusern u. dergl. findet man oft nur
wenige Procente follikelfreier Conjunctiven. Bei länger dauernder Anwendung
von Alcaloidlösungen (Atropin, Eserin, Duboisin u. s. w.) beobachtete man früher
nicht selten acutes Auftreten von Follikeln. Es existiren aber hier die grössten
individuellen Verschiedenheiten, indem z. B. Atropingebrauch Jahre lang vertragen
wurde, in andern Fällen schon nach wenig Wochen zur Entwicklung von Follikeln
HS V. Erkrankungen der Bindehaut.
rührte. Seit ich die Alcaloide nur iu aseptischen Lösungen anwende, habe ich
g -ehen. Die Follikel können Jahre lang Yorhanden sein,
ohne mehr als ganz unbedeutende Symptome zu verursachen und können s
spontan wieder verschwinden. Eine eingreifende Behandlung ist hierbei absolut
zu verwerfen: es genügt viel Bewegung in frischer Luft und Abhaltung von
Schädlichkeiten.
nd die Follikel stark entwickelt, so ist allenfalls erlaubt, täglich
ein Augenwasser zu benutzen aus Plumb. acetie. 1,0; Aq. dest. 1
Aq. Launroeenfl - oder eine Salbe aus Plumb. acetie. 0,2; Amylo-
^lycerin oder Vaselin 15,0 einstreichen zu lassen. Auch Jodoform 1.0
auf 15.<» Vaselin. allenfalls mit 0.05 Cumarin parfümirt. täglich einmal
eingestrichen und gut im Conjunctivalsack verrieben, wirkt häufig
günstig. In letzter Zeit habe ich nur noch Cocainlösung mit Morphium
(ää 0.05 : Aeid. borie. 0.15 : Aq. dest. 6,0) mehrmals täglich einträufeln
D und bin mit dieser Behandlung sehr zufrieden. In einem Falle
von ganz excessiver Entwicklung von Follikeln ohne sonstige Bethei-
ligung der Conjunctiva habe ich mit sehr gutem Erfolg Jodtinctm]
direct auf die wulstigen, hahnenkammähulichen Uebergangsfalten auf-
gepinselt und sofort wieder aufgetupft. In solchen Fällen i-t auch
geradezu die Ex^tirpation der Uebergangsfalten am Platze. Das häufig
bei uncomplicirten Follikeln beliebte Bestreichen mit Kupfervitriol
in Substanz wirkt schädlich und hinter! sehr lange andauernde
Empfindlichkeit der Augen mit asthenopischen Beschwerden.
Tritt zu vorhandenen Follikeln der Conjunctiva catarrhalische Er-
krankung derselben hinzu, so reden wir von Follieularcatarrh (Schwel-
lungscatarrh). Das Bild desselben combinirt sich aus dem der Follikel
und dem des Catarrhs. Der Beginn pflegt acut zu sein: Schwellung
der Lider, Röthung und Schwellung der Conjunctiva sind wie beim
iinlichen Catarrh. ebenso ist das Secret Ajrfangs wässerig. >päter
schleimig oder schleimig-eitrig. Beim Eetropioniren der Lider sieht
man ausser den catarrhalischen Schleimhautveränderungen die höckerigen,
von Follikelreihen durchsetzten Uebergangsfalten: selten sind einzelne
Follikel auf der Conjunctiva palpebrarum zu entdecken.
Die Behandlung ist ähnlich wie beim acuten Conjunctivalcatarrh,
nur milder. Es empfiehlt sich, in den ersten Tagen nur kalte Blei-
wasserüberscbläge anzuwenden. Ist da^ S hleimig oder schleimig-
eitrig geworden, so bepinselt man täglich die umgeklappten Lider mit
einer Lösung von Plumb. acetie. (1,0 : 25,0). Lassen die catarrhalischen
Erscheinungen nach, so behandelt man die restirenden Follikel wie
oben angegeben. Hornhautaffectionen sind beim Follieularcatarrh nicht
häufiger wie beim gewöhnlichen und zeigen ähnliche Formen imd ahn-
F Ilicularcatarrh. \\(j
liehen Verlauf. Die Follicularentwicklimg beim Gebrauch von Alcaloiden
ist meist gleichzeitig mit Catarrh verbunden und erfordert .-.
eventuell Vertauschen mit einem andern Präparate
analog wirkenden Medicamente, im Uebrigen die nämliche Behandlung
•nst.
Xach öfteren ßecidiven kommt es nicht selten zu sehr exe-
Entwicklung der Follikel, wodurch schliesslich die Excision der degene-
rirten Uebergangsfalten nahe gelegt und mit gutem Erfolg ausgeführt
wird. Zu tieferen ( ränderungen der Conjunctiva und zu Schrum-
pfungen in ihrem Gewebe kommt es auch bei sehr langem Bestehen von
Follikeln und Follicularcatarrh nicht.
Die Follikel bewirken Circulationsstörung im Lvmphgefässsystem. Verlang-
samung des Stoffwechsels im Gewebe nnd dadurch auch Verlangsamung der R--
actionsfähigkeit des letzteren. Dadurch werden die Conjunctivalerkrankungen in
die Länge gezogen; ein allenfalls verursachter Aetzsch:: h nur langsam
ab und wirkt lange Zeit als Fremdkörper, veranlasst desshalb leicht Hornhaut-
erkrankung. Daraus ergibt sich auch, dass die Behandlung der Conjunctivaler-
krankungen beim Vorhandensein zahlreicher Follikel eine weniger eingreifen ~
als ohne dieselben.
Diene Sitze gelten auch für die Infection einer folliculär entc
Conjunctiva mit blennorrhoischem Secret (Conjunctivitis granulös*,
aegvptiaca. militaris. chronische Blennorrhoe, auch häufig schlechtweg
Trachom. Rauhigkeit, genannt), die man desshalb am besten als Folli-
cnlarblennorrhoe bezeichnet.
Die Follicularblennorrhoe ist nur dort heimisch, wo die folliculäre
Entartung der Conjunctiva endemisch ist: letztere mi raus-
gehen, wie z. B. in Süddeutschland und der Schweiz direct beobachtet
werden konnte. Hier sind auch die Uebergänge zur rein gonorrhoischen
Conjunctivitis häufig, wenn eben noch relativ wenig Follikel vorhanden
waren. Umgekehrt scheint nachträgliche Follicularentwicklung bei chro-
nischer Blennorrhoe kaum vorzukommen : denn nach Blennorrhoea neo-
natorum und Conjunctivitis gonorrhoica entwickeln sich nicht die für
die Follicularblennorrhoe characteristischen Veränderungen. Bei kleinen
Kindern kommt Follicularblennorrhoe nie vor.
Es liegt auf der Hand, dass direct von der erkrankten Urethral- oder
Vaginalschleimhaut relativ selten eine Infection der Conjunctiva stattfindet;
desshalb ist die gonorrhoische Conjunctivitis eine im Ganzen seltene Erkrankung.
Viel leichter wird dagegen die Uebertragung. viel mannigfaltiger werden die Möglich-
keiten derselben, wo eine sehr lange dauernde in: : g e n erkrankung be-
steht, die zudem zeitweise relativ geringe Beschwerden macht; namentlich ist dies
der Fall, wo durch enges Zusammenleben vieler Menschen. Gebrauch der
lien u. s. w. die Uebertragung begünstigt wird. Dies ist nun eben bei der
120 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Follicularblennorrhoe der Fall; wo sie einen gut vorbereiteten Boden — durch
endemische Follicularentwicklung der Conjunctiva — antrifft, gehört sie zu den
allerhäufigsten Erkrankungen, beträgt V3 — 1 l-2 särnmtlicher Augenkrankheiten.
Der unmittelbare Effect der blennorrhoischen Infection einer folliculär ent-
arteten Conjunctiva ist weniger heftig, als bei einer normalen, die unmittelbaren
Gefahren sind geringer. Dagegen ist die Wirkung viel nachhaltiger, da der In-
fectionsstoff nicht durch energische Reaction der Gewebe eliminirt wird. Es sind
hauptsächlich die secundären Processe, die dem Auge Gefahr drohen.
Der Beginn der Affeetion ist acut und ähnelt sehr dem einer
gonorrhoischen Conjunctivitis, nur sind die Symptome im Ganzen weniger
heftig: Diphtheritis kommt so gut wie nicht vor. während sie bei
letzterer die Eegel ist. Lider und Conjunctiva sind geschwellt, letztere
ist stark hyperaemisch ; die Uebergangsfalten sind geschwollen und ge-
röthet. zeigen aber wegen allgemeiner Infiltration des Gewebes kaum
Andeutungen der in ihnen enthaltenen Follikel. Letzere sind leichter
auf dem Tarsus zu sehen, wo das submucöse Gewebe viel straffer ist.
Sie bilden kleine grauweisse Knötchen auf der gleichmässig gerötheten
Conjunctiva. Sehr bald zeigt sich das obere Lid in toto verlängert
und leicht verdickt, so dass es weiter als gewöhnlich herabhängt.
Microseopisch findet man zu dieser Zeit eine diffuse, tiefgehende, am
Lid bis auf und in den Tarsalknorpel reichende, rundzellige Infiltration,
die die Conjunctiva beträchtlich verdickt und in der nur mit Mühe die
einzelnen Follikel zu entdecken sind. Am leichtesten noch sind letztere
zu erkennen, wenn man durch Druck auf das Deckglas die Schnitte
zerquetscht; Capillaren sind in ihnen selten nachzuweisen wegen der
diffusen, prallen, zelligen Infiltration. Das Epithel ist zu dieser Zeit
vorhanden, aber unregelmässig und von Kundzellen durchsetzt. Das
Anfangs wässerige Secret wird bald trüb, schleimig, schleimig-eitrig,
ohne je so massenhaft zu werden, wie bei gonorrhoischer Conjunctivitis.
Allmälig. während die Beschaffenheit des Secretes die gleiche bleibt,
entwickelt sich papilläre Hypertrophie der Conjunctiva zwischen den
Follikeln, die namentlich auf dem Tarsus sehr ausgesprochen ist, während
die lockere Conjunctiva der Uebergangsfalten mehr gleichmässig ge-
schwollen bleibt. Die tiefen Thäler zwischen den wuchernden Papillen
wurden von Berlin und Iwan off für neugebildete Drüsen angesehen
und für das Wesentliche des Processes erklärt, aber mit Unrecht. Die
papilläre Hypertrophie kann bedeutenden Umfang annehmen, ähnlich
wie bei chronisch gewordener Blennorrhoea neonatorum; allmälig aber
treten Schrumpfungs- und Degenerationsprocesse ein. Die Follikel ver-
fallen der theilweisen Xecrobiose, verfetten und nehmen ein gelbliches,
sulziges Ansehen an; die Papillen atrophiren durch die narbige Con-
Follicularblennorrhoe. 121
traction des zellig infiltrirten submucösen Gewebes. Dadurch treten
die Follikel besser hervor. Verwachsungen zwischen den Spitzen der
Papillen, oft durch die Behandlung bedingt, führen zur Bildung von
Cysten, welche Anhäufungen von Epithelien und eingedicktes Seeret.
in Form von bräunlichen krümlichen Massen enthalten.
Die bis in den Tarsus sich erstreckende Infiltration des submucösen
Gewebes führt bei ihrer Schrumpfung zur Verkleinerung des Anfangs
vergrösserten Lides und zur Verbiegung des Tarsalknorpels. Letzterer
wird am oberen Lide ca. 5 mm von seinem freien Rande, da wo mehrere
Gefässe denselben in einer horizontalen Linie durchsetzen (Fuchs),
förmlich abgeknickt und dadurch die Cilien gegen das Auge gekehrt,
wo sie durch Läsion der Hornhaut dem Auge Gefahr bringen. Am
unteren Lide ist die Einknickung nicht so auffällig; aber auch hier
kommt es zur Einwärtswendung der Cilien. Man bezeichnet diesen
Vorgang als „kahnförmige Verbiegung des Tarsalknorpels". Ausserdem
obliteriren meist schon früh die Thränenpunkte und sind zuweilen gar
nicht mehr aufzufinden.
Mit beginnender Schrumpfung vermindert sich die Secretion; die
Schleimhaut des Tarsus wird blasser, glättet sich und zeigt sich von
zahllosen sich kreuzenden Narbenlinien durchsetzt. Die Schrumpfung
der Conjunctiva kann so hohe Grade erreichen, dass es zu völliger
Atrophie derselben mit Schwielenbildnng des Epithels im Lidspalten-
gebiet (Xerose der Conjunctiva), schliesslich zu völliger Obliteration
des Conjunctivalsacks kommt, wodurch das Auge functionell zu Grunde
gerichtet ist. Auch die im Beginn so hypertrophischen Uebergangs-
falten schrumpfen mitsammt ihren Follikeln und sind später manchmal
gar nicht mehr nachzuweisen.
Von grosser Bedeutung ist bei der Follicularblennorrhoe die Be-
theiligung der Hornhaut. Auch auf der Conjunctiva bulbi werden
sulzige Follikel häufig beobachtet, zuweilen bis zum Hornhautrand hin ;
doch wird hierdurch die Hornhaut nicht direct afficirt. Sehr häufig
findet man schon recht früh einzelne oder zahlreiche Infiltrate etwa
1 — 2 mm vom Hornhautrande entfernt, namentlich nach oben. Selten
führen dieselben zur Perforation der Hornhaut und ihren Folgen; meist
heilen sie, nachdem sich vom Rande her Gefässe von der Conjunctiva
bis zu ihnen entwickelt haben. Wir können diese Geschwürsbildungen
wohl für analog mit den catarrhalischen Randgeschwüren halten, doch
ist ihr Sitz am oberen Hornhautumfang und die constante Gefässent-
wicklung characteristisch für die Follicularblennorrhoe. Oft sind sie
sehr klein und zahlreich, nur bei seitlicher Beleuchtung zu erkennen,
122 V. Erkrankungen der Bindehaut.
häutig grösser und ganz vom Ansehen arinularer Geschwüre. Indem
sich neue Infiltrate und Geschwüre entwickeln, werden die Gefässe nach-
gezogen und bedecken bald das obere Drittel oder die Hälfte der Horn-
haut. Auch treten nicht selten in dem schon vascularisirten Gebiete der
Hornhaut die gleichen Geschwüre auf, die aber, wie die andern, fast
immer heilen, ohne in die Tiefe zu greifen. Hat sich die Gefässent-
wicklung mit vorausgehenden Geschwüren über einen grösseren Theil
der Hornhaut ausgebreitet (Pannus), so ist die Hornhaut weniger
widerstandsfähig und gibt dem Augendrucke bis zu einem gewissen
Grade nach; die betroffene Partie dehnt sich aus, was bei grösserem
Umfange der pannösen Entartung leicht zu constatiren ist. Später tritt
Geschwürsbildung und Gefässentwickelung auch in den anderen Partien
der Hornhaut ein.
Im Stadium der Conjunctivalschrumpfung und der Einwärtskehrung
der Lider kommt noch hinzu der Reiz der auf der Hornhaut reibenden
Wimpern. Auch hierdurch werden Infiltrate und Geschwüre herbeige-
führt, die unter Gefässentwicklung zur Heilung kommen. Nach längerer
Zeit ist die ganze Hornhaut oberflächlich mit Gefässen überzogen und
durch die von den Infiltraten übrigbleibenden Flecken mehr oder weniger
getrübt, so dass das Sehvermögen sehr bedeutend vermindert ist. Nicht
selten kommt es im späteren Verlauf auch noch zu stellenweiser Epithel-
verdickung (Schwielenbildung), namentlich im Bereich der Lidspalte:
X er osis Corneae. In den schlimmsten Fällen, wo der ganze Con-
junctivalsack obliterirt ist, wachsen die Lider über der Hornhaut zu-
sammen.
Prophylactisch wäre in erster Linie die Infection zu vermeiden,
was namentlich für Gegenden wichtig ist, wo die folliculare Entartung
der Conjunctiva endemisch vorkommt. Wenn möglich, suche man die
Follikel auszuheilen, was am besten durch längeren Aufenthalt in ge-
sunder Luft, in einer Gegend, wo die Conjunctivalfollikel nicht heimisch
sind, geschieht. Eine solche prophylactische Behandlung der Follikel
wird aber nur in den seltensten Fällen durchführbar sein; meist wird
man sich auf die oben angegebenen Regeln beschränken müssen. Wegen
der langen Dauer der Krankheit und da fast immer die Follikel beid-
seitig vorkommen, lässt sich die Erkrankung selten auf ein Auge
isoliren; eben wegen der langen Dauer des Processes ist es auch
nicht möglich, am allenfalls noch nicht ergriffenen, nur Follikel auf-
weisenden Auge einen impermeabeln Schutzverband anzulegen.
Hat einmal die blennorrhoische Infection wirklich stattgefunden,
so sucht man ihre Ausdehnung möglichst zu beschränken, indem man
Follicularblennorrhoe. 123
in den ersten Tagen Eis- oder kalte Bleiwasserüberschläge machen lässt.
Sobald sich eine stärkere schleimige oder schleimig-eitrige Secretion
einstellt, touchire man vorsichtig die umgeklappten Lider mit einer
1— 2°/ igen Höllensteinlösung mit sorgfältiger Schonung der Hornhaut.
Wenn darauf hin die Secretion nachlässt, so ist Bestreichen des
ectropionirten obern Lides mit einem rundgeschliffenen Krystall
von Kupfervitriol am Platz. Das Lid muss aber hierzu wirklich um-
gedreht werden, was gewöhnlich bei Follicularblennorrhoe sehr leicht
ist, es darf nicht, wie ich es schon gesehen habe, mit dem Krystall ein-
fach unter das obere Lid gefahren werden.
Die Wirkung des Kupfervitriols ist nicht direct ätzend, aber besonders im
Anfange sehr schmerzhaft; dadurch wird ein starker Afflux zur Conjunctiva hervor-
gebracht, die Secretionsströmung nach der Oberfläche, die Reaction des Gewebes
verstärkt und möglicherweise werden in Folge hiervon eingedrungene Infections-
keime theils mechanisch, theils in Rundzellen eingeschlossen ausgeschwemmt.
Nach längerem Gebrauch des Kupferstiftes (statt dessen kann man
auch Cuprum sulfuricum in Lösung (0,5 : 25,0) oder in Salbenform
(0,1 — 0,2 : 10,0—15,0 Vaselin) anwenden) verliert derselbe seine Wirkung:
die Conjunctiva ist dann eigenthümlich trocken und anämisch. Die
Papillarhypertrophie ist jetzt sehr gering. Dagegen springen die sulzigen
Follikel Froschlaich-ähnlich hervor. Unter diesen Verhältnissen ist es
besser, auszusetzen und ein paar Tage lang warme Ueberschläge machen
zu lassen, bis die Conjunctiva wieder succulenter und die Secretion besser
im Gange ist. Dann kann wieder Höllensteinlösung, später wieder
Cuprum sulfuricum in Gebrauch genommen werden.
Zu verwerfen ist jede Behandlung, welche geeignet ist, die bei
der ganzen Follicularblennorrhoe am meisten zu fürchtende Narben-
bildung in Conjunctiva und Tarsus zu vermehren. Hierher gehören
tiefgehende Aetzungen jeder Art, deren Schorfe sich zudem nur langsam
abstossen und als Fremdkörper schädlich wirken; sodann tiefere Scari-
ficationen. Man hat vielfach versucht, die Follikel, die man als das
eigentlich Schädliche ansah, zu zerstören und dadurch den Verlauf ab-
zukürzen, bis jetzt aber mit wenig Erfolg. Man hat sie angestochen
und ausgedrückt, was ziemlich leicht geht, man hat sie mit spitzem
Höllensteinstift zerstört oder mit kleinen Glüheisen ausgebrannt, ohne da-
durch viel zu erreichen. Nicht die Follikel, deren Schrumpfung
ja nur den früheren Zustand wieder herstellen würde,
sondern die durch blennorrhoische Infection herbeige-
führte mächtige Infiltration der Schleimhaut selber,
des submucösen Gewebes und des Tarsus, die sich nach-
124 V. Erkrankungen der Bindehaut.
träglich in Narbengewebe umwandelt, ist das Gefährliche.
Je länger die Follicularblennorrhoe unbehandelt bestanden hat, um so
sicherer tritt Schrumpfung ein ; je früher wir sie in geeignete Behandlung
nehmen, um so eher lässt sich hoffen, dass sie vermieden werden könne.
Die Behandlung muss fortgesetzt werden, bis die netzförmige Narben-
bildung in der Conjunctiva tarsi die Beendigung des Processes anzeigt,
womöglich bis zum vollständigen Verschwinden der Follikel.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern die so häufigen Hornhaut-
affectionen. Oft entstehen sie ohne nachweisbare Ursache, nicht selten
aber werden sie durch eine zu eingreifende Therapie hervorgerufen.
Vor Allem ist jegliche reizende Behandlung auszusetzen und durch
warme Umschläge die Heilung der Infiltrate und Geschwüre zu be-
schleunigen.' Sind die Geschwüre progressiv, namentlich in die Tiefe,
was aber selten ist, so wäre gleichzeitig Eserin anzuwenden. Die Horn-
hautaffectionen bei Follicularblennorrhoe kündigen sich durch die gleichen
Symptome an, wie die Randgeschwüre bei Catarrh ; man achte sorg-
fältig darauf, damit man sie nicht übersehe und durch Fortsetzung der
bisherigen Behandlung noch vergrössere. Ist die Conjunctivalerkrankung
ausgeheilt, so werden die Hornhautaffectionen genau so behandelt, wie
wenn sie aus andern Gründen entstanden wären, mit gelber Praecipitat-
salbe u. s. w. Sehr hartnäckigen Pannus bringt man zuweilen durch directes
Bestreichen der Hornhaut mit 2°/ iger Höllensteinlösung, täglich wieder-
holt, zum Schwinden, da die vascularisirte Hornhaut viel weniger empfind-
lieh ist und nicht so leicht secundär erkrankt, wie die durchsichtige. In
ganz verzweifelten Fällen hat man schon nach völligem Ablauf der
Erkrankung gonorrhoisches Secret eingeimpft und dadurch zuweilen Auf-
hellung der Hornhauttrübungen erreicht; sicher ist aber dieser Effect
keineswegs, und obschon die Reaction der gefässbedeckten Hornhaut
hierauf geringer ist, als im gesunden Zustande, so ist das Auge doch
in grosser Gefahr. Aehnliches wird durch Bepinseln mit einer Mace-
ration der Paternostererbsen (Jequirity von Abrus precatorius) erreicht.
Wenn es häufiger gelingt, durchsichtig bleibende Thiercornea in die
menschliche einzuheilen (v. Hippel), so würde dies von unendlich
segensreichem Erfolg für die an totalem Pannus nahezu Erblindeten sein.
Die secundäre Lidverkrümmung ist nur auf operativem Wege zu
beseitigen, und das Nöthige hierüber ist schon bei den Liderkrankungeu
mitgetheilt (siehe Seite 88). Gegen die Obliteration des Conjunctival-
sackes sind wir ziemlich ohnmächtig. Man hat versucht, durch mensch-
liche und Kaninchenbindehaut die fehlende Conjunctiva zu ersetzen, und
diese Transplantation gelang in vielen Fällen. Doch kam es ausnahmslos
Follicularblennorrhoe. 125
in kürzerer oder längerer Zeit zur Schrumpfung des eingeheilten Con-
junctivalstückes, womit der frühere Zustand wieder hergestellt war.
Eher könnte man sich von der Bildung eines Conjunctivalsacks aus
äusserer Haut einen Erfolg versprechen, doch sind diese Operationen
äusserst schwierig und entsprachen bis jetzt nicht den gehegten Er-
wartungen. Palliativ wird gegen die lästigen Symptome der Xerose,
der Conjunctiva und Cornea das Einträufeln von Milch angewendet, das
mehrmals täglich nach Bedürfniss zu wiederholen ist.
Das Kapitel von den folliculären Entzündungen gehört zu den verwirrtesten
in der ganzen Augenheilkunde, wie schon die zahlreichen Benennungen, namentlich
bei der von uns so genannten Follicularblenmrrhoe anzeigen. Wo dieselbe seit
langem einheimisch ist, sind der Mischformen so viele, dass man sich schwer
zurechtfinden kann. Am lehrreichsten sind Beobachtungen aus Gegenden, wo sie
erst aufzutreten beginnt. Hier erkennt man, dass die folliculare Entartung der
Conjunktiva viel früher sich verbreitet, als es zur Entwicklung der gefährlichen
Formen kommt. Die Follikel, die vorwiegend in den Uebergangsfalten , sehr
gewöhnlich aber, wenn auch vereinzelt und meist kleiner auf der Conjunctiva tarsi
und bulbi angetroffen werden, sind Anfangs ganz durchscheinend ; nach mehrfachen
Heizungen catarrhalischer Natur pflegen sie vergrössert und weniger durchsichtig,
von graulicher Färbung zu sein. Auch nach sehr langem Bestand und bei
colossaler Entwicklung verschwinden sie aber, ohne das Dazutreten einer blennor-
rhoischen Infection spurlos, ohne Abnormitäten zu hinterlassen, namentlich auch
ohne eine Spur von Narbenbildung herbeizuführen. Diese Formen von reiner
Follikelentwicklung und Follicularcatarrh (Schwellungscatarrh) werden gegenwärtig
in Süddeutschland in grosser Verbreitung in Schulen, Waisenhäusern u. s. av., aber
auch beim Militär angetroffen. Wegen viel geringerer Schwellung der Schleimhaut
beim Follicularcatarrh sind auch bei acutem Beginn und starker Secretion die
einzelnen Follikel namentlich in der Uebergangsfalte deutlich von einander abzu-
grenzen. Schon diese reine Follikelentwicklung stellt offenbar eine Infections-
krankheit dar. (Sattler's und Michel's Diplococcus?)
Tritt aber blennorrhoische Infection hinzu, was immer in mehr oder weniger
acuter Form der Fall ist, so sind wegen der beträchtlichen diffusen Infiltration
und Verdickung der Schleimhaut die Follikel in den Uebergangsfalten viel weniger
genau zu erkennen. Letztere bilden grosse Wülste, in denen oft kaum eine An-
deutung von folliculärer Structur zu erkennen ist, was auch für die microscopischen
Präparate gilt. Dagegen sind jetzt die kleinern Follikel auf der viel straffer an-
gehefteten Conjunctiva tarsi wegen ihrer Blutleere als graue Punkte deutlich
sichtbar. Sie wurden sogar (Sae misch) für das Characteristische des ganzen
Processes gehalten, für specifische Neubildungen (Granulationen) erklärt, und die
Follicularblennorrhoe darnach Conjunctivitis granulosa genannt. Dieses Hereinziehen
des Namens Granulationen oder Granula hat viel Unheil angerichtet, namentlich
da, wo die Follicularblennorrhoe nicht vorkam. Die geringste Entwicklung einiger
armseliger Follikel wurde für „Granulationen" erklärt und unbarmherzig mit
Kupferstift behandelt. Von wirklichen Granulationen, Wundgranulationen ist dabei
übrigens gar nicht die Rede ; solche kommen nur nach wirklichen Substanzverlusten
der Conjunctiva (Verbrennungen, tiefe Aetzungen, Diphtheritis u. s. w.) vor und,
126 V. Erkrankungen der Bindehaut.
wenn sie zu narbigen Yerbiegungen führen, so ist dies in wenigen Wochen ab-
gelaufen. Man thut desshalb am besten, den Namen Granulös a gar nicht zu
gebrauchen, obschon er gegenwärtig w..hl der gebräuchlichste ist. D
übrigens bei Follicularblennorrhoe nicht um specifische Neubildungen handle, ist
schon Ton Baumgarten und Jacobson überzeugend nachgewiesen worden.
Andrerseits ist von Arlt der blennorrhoische Character dieser Krankheit
besonders betont, dieselbe einfach als chronische Blennorrhoe bezeichnet worden.
Eine reine chronische Blennorrhoe verläuft aber ganz anders, wie wir dies häufig
nach Blennorrhoea neonatorum und gonorrhoischer Conjunctivitis sehen können. Die
H<>rnhautaffectionen treten in andrer Form auf und. wo es zu Vernarbungen kommt,
sind diese Folge von wirklichen Granulationen nach Diphtheritis. Gerade das
Praeexistiren der Follikel modificirt die blennorrhoische Infection in eigentüm-
licher Weise und desswegen scheint der von uns gewählte Xame Follicularblennorrhoe
am bezeichnendsten. Wahrscheinlich handelt es sich übrigens bei der Infection um
ein modificirtes. etwa verdünntes gonorrhoisches Beeret. Was intercurrente Ent-
zündung genannt wird, die häufig sehr heftig sei. ist meist gerade die unmittelbare
Wirkung der stattgefundenen Infection: jetzt erst pflegen die Patienten zum Arzt
zu kommen, und von nun an nimmt die Affection ihren gefährlichen Lauf.
Darüber, wie die Follikel den blennorrhoischen Process modificiren. können
wir nur Vermuthungen hegen. Die Follikel sind offenbar analog kleinen Lymph-
drüsehen, und Infectionsstoffe pflegen sich mit Vorliebe auch anderwärts in den
Lymphdrüsen festzusetzen. Sattler hat desshalb auch nicht mehr im Beeret,
aber in den Follikeln pathologische Diplococcen nachweisen kennen, die. wie an
andern Orten, zu stärkerer Schwellung der Drüsen mit späterein necrobiotischem
Zerfall fuhren. Auch Michel hat aus Follikeln Diplococcen gezüchtet, die. auf
gesunde Conjunctiva übertragen. Follikelentwicklung zur Folge hatten. Beide
ähneln dem Weisser sehen Gonococcus in manchem, sind aber kleiner. Die Bac-
teriologie der Conjunctivalkrankheiten überhaupt liegt leider noch sehr im Argen,
und doch wird sich später die ganze Eintheilung der infectiösen Bindehautleiden
nach derselben richten müssen. Bedeutend erschwert wird sie durch das gleich-
Vorkommen zahlreicher mehr oder weniger gleichgültiger Formen und durch
individuell sehr verschiedene Eeaction auf den gleichen Ent-
zündungserreger.
r die Iwanoff-Berlin'schen Drüsen, welche das Primäre sein sollen,
on gesprochen worden. Im ersten Stadium, dem der diffusen Infiltration,
sind sie noch gar nicht sichtbar, sondern erst im zweiten, dem der papillären
Hypertrophie.
Dass gelegentlich bei erstmaliger Untersuchung eines Patienten Irrthümer
möglich sind, liegt auf der Hand; es gibt leichte blennorrhoische und schwere
catarrhalische Erkrankungen. Auf die Behandlung hat dies weiter keinen Einfluss.
und auch die Prognose wird nach kurzer Zeit keine Schwierigkeiten mehr machen.
: die Follikel , die spurlos verschwinden können , noch die papilläre Hyper-
trophie, die auch bei Blennorrhoea neonatorum und chronischem Catarrh vorkommt
und gleichfalls ohne Xachtheile geheilt werden kann, ist das zu Fürchtende, sondern
die tiefe Bundzelleninfiltration der Conjunctiva. der Submucosa und des Tarsus, die
bei ihrer Umwandlung in Xarbengewebe die Lidverkrümmung herbeiführt. Wäh-
rend eine follikelfreie Conjunctiva auf blennorrhoische Infection mit oberflächlicher
diphtherischer Xecrose reagirt. kommt es bei der verlangsamten Keactionsfähigkeit
Frühjahrscatarrh . 127
der follicular entarteten nur zu dieser tiefliegenden, dichten zelligen Infiltration
mit späterer Necrobiose und Atrophie. Je nach dem Grad der Follikelentwicklung
werden gelegentlich auch Zwischenformen beobachtet.
Nehmen wir in der beschriebenen Weise eine Doppelinfection an, so muss
das Secret der Krankheit, auf normale oder follikelarme Conjunctiva übertragen,
eint der gonorrhoischen Conjunctivitis näher stehende Affection verursachen
(chronische Blennorrhoe, Ar lt); ist die Bindehaut dagegen follicular degenerirt.
so werden die schweren, zu Schrumpfung führenden Formen auftreten. Das Sicht-
barsein von Follikeln auf der Conjunctiva tarsi (Sämisch's Granulationen), wo
sie weniger reichlich, als in den Tebergangsfalten, vorhanden zu sein pflegen, kann
demnach prognostisch wichtig für die schweren Formen sein; denn bei der diffusen
Schwellung der Uebergangsfalten sowohl im Beginne von gonorrhoischer Conjuncti-
vitis, als auch von Follicularblennorrhoe. lässt es sich im Anfang nicht entscheiden,
ob Follikel in denselben enthalten sind oder nicht.
Merkwürdigerweise kommt auf der Conjunctiva eine Affection vor.
welche der Warzenbildung auf der äusseren Haut völlig analog
ist. der sogenannte Frühjahrscatarrh (Sä misch). Er betrifft meistens
Kinder um die Pubertätszeit, etwa vom 10. — 16. Jahr, vorwiegend Knaben;
doch habe ich die Affection gelegentlich schon bei einer vierzigjährigen
Dame gesehen. Die subjectiven Symptome sind ziemlich genau die-
jenigen der Conjunctivalhyperaemie. während ein die Lider verklebendes
Secret nicht vorhanden ist. Objectiv fällt zunächst ein leichtes Herab-
hängen der obern Lider auf, wodurch ein eigentümlich schläfriges
Aussehen hervorgebracht wird. Die subjectiven Beschwerden sind
namentlich heftig in der wärmeren Jahreszeit, nicht gerade genau im
Frühjahr, mit sehr auffälliger Remission, wenn es wieder kälter wird.
Gewöhnlich hat der Patient schon mehrere solche Perioden durchgemacht,
ehe er zum Augenarzte kommt.
Betrachtet man die Conjunctiva palpebrarum, so erscheint dieselbe
im Beginn oberflächlich bläulichweiss getrübt, wie mit Milch Übergossen,
bedingt durch Wucherung und beträchtliche Verdickung des Epithels.
Später wird die Conjunctivalfläche rauh ; es bilden sich warzige Promi-
nenzen, die sich aber durch den Druck gegen das Auge abflachen und
namentlich am obern Lid die Form von plattgedrückten Pilzen an-
nehmen, die gleichfalls mit dem milchig getrübten und verdickten
Epithel überzogen sind. Sehr oft ist diese Veränderung am ausge-
prägtesten am obern Rande des Tarsus, dagegen sind die Ueber-
gangsfalten, abgesehen von leichter Epitheltrübung,
absolut normal, zeigen keine Vergrösserung und nament-
lich auch keine Spur follicularer Entartung, wenngleich
die Möglichkeit eines zufälligen Zusammentreffens letzterer mit der
Epithelveränderung nicht in Abrede gestellt werden kann.
128 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Am auffälligsten pflegt die Affection zu sein, wenn die Warzen-
bildung auch auf die Conjunctiva bulbi übergreift, wo sich die Excres-
cenzen im Lidspaltengebiet frei entwickeln können. Diese Fälle wurden
Anfangs allein als Frühjahrscatarrh bezeichnet; die Epithelveränderung
auf der übrigen Conjunctiva wurde erst später entdeckt. Am Horn-
hautrand entwickeln sich blass fleischröthliche, grobhöckerige, im Uebrigen
glatte, etwas auf die Cornea übergreifende Wucherungen, über denen
bei einiger Aufmerksamkeit die leichte Trübung des verdickten Epithels
gleichfalls zu erkennen ist. Anfangs sitzen diese Wucherungen innen
und namentlich aussen am Hornhautrand, später können sie die ganze
Hornhaut umgreifen und im Lidspaltengebiet der Conjunctiva besonders
aussen umfangreiche Geschwülste darstellen. Dieselben bestehen aus
einfacher Hypertrophie des Schleimhautgewebes, welche von dem um's
Drei- und Mehrfache verdickten Epithel bedeckt ist. Letzteres zeigt
mehrfach Zapfenbildungen, zuweilen sogar ausgebildetere Verzweigungen.
Die einzelnen Epithelzellen sind etwas grösser als normale Conjunctival-
epithelien und zeigen häufig sehr ausgesprochen den Kiff- oder Stachel-
zellentypus. Zahlreiche Epithelien, namentlich gegen den Band der
Wucherungen hin, befinden sich in schleimiger Degeneration (Becher-
zellen) und bieten dann offenbar das Material zu den zähen Schleimfäden,
die gewöhnlich im Conjunctivalsack angetroffen werden, während ein
sonstiges Secret nicht vorhanden ist. Unter dem verdickten Epithel ist
die hypertrophische Schleimhaut im Uebrigen normal oder massig von
Zellen durchsetzt. Diese Kundzelleninfiltration ist nur dann in erheb-
lichem Mafse vorhanden, wenn längere Zeit mit Reizmitteln behandelt
wurde.
Die Epithelveränderung und Warzenbildung kann auf der Conjunctiva
tarsi sehr ausgeprägt sein und auf der Conjunctiva bulbi fehlen und
umgekehrt.
Die anatomische Analogie mit Warzenbildung ist auch klinisch
vorhanden : Abgesehen von einem Falle, wo gleichzeitig eine ausgedehnte
„ miliare" Warzenbildung auf der Stirnhaut auftrat, stimmt mit letzterer
überein das Alter der Betroffenen, Verlauf, Prognose und Therapie.
Die Affection dauert gewöhnlich mehrere Jahre, nicht selten 10,
20 und länger, dagegen ist die Prognose absolut günstig insofern, als
nie bedenkliche Complicationen eintreten; eine Ansteckung findet nie
statt. Schliesslich kommt es zur Spontanheilung ohne jeden Rückstand,
als ein etwas schläfriges Aussehen wegen geringer Verlängerung des
obern Lides; höchstens bleibt einmal eine leichte, dem Arcus senilis
ähnliche, Randtrübung der Hornhaut zurück, oder die Gegend der
Eczem. 129
Conjunctivalwucherungen im Lidspaltengebiet zeigt noch eine Zeit lang
etwas Pigmentirung.
Der Name Frühjahrscatarrh ist demnach auch nicht passend, da es sich ab-
solut um keine catarrhalische Affection handelt, wenn man von den paar zähen,
zwischen den Rauhigkeiten haftenden Schleimfäden absieht. Besser und charac-
teristischer ist direct der Name Conjunctivalwarzen, Verrucae oder verru-
cositas conjunctivae. Die Störungen sind wesentlich mechanische, indem
die Bewegungen des Auges und der Lider durch die Rauhigkeiten der Bindehaut
erschwert werden.
Auch die Therapie zeigt die enge Verwandtschaft mit Warzen-
bildungen : Je milder, desto besser ; nur nicht reizen ! Bleisalbe, Kupfer-
vitriol- und Jodoformsalbe, Blei-, Zink- und Kupferlösungen u. s. w.
zeigten alle keinen rechten Erfolg; ebenso wenig leisteten innere Mittel,
wie Arsenik. Von eingreifenderen Mafsregeln, wie Touchiren mit
Höllensteinlösungen oder mit dem Kupfersüft sieht man nur Vermehrung
der subjectiven Beschwerden. Am häutigsten noch wirkt verdünnte
Opiumtinctur , wie sie bei Conjunctivalhyperaemie angewendet wird,
günstig und noch günstiger die Behandlung mit Cocain nach Bedarf;
durch die locale Anaesthesie wird die spontane Kückbildung der Warzen
offenbar begünstigt. Ebenso erweist sich die Exstirpation der Wuche-
rungen als wirkliches Heilmittel; nur ist es nicht erlaubt, zuviel Con-
junctiva auf einmal wegzunehmen.
Die Differentialdiagnose ist prognostisch und therapeutisch wichtig.
Am häufigsten wird die Affection als Follicularblennorrhoe behandelt,
namentlich solche Fälle, wo die Veränderungen auf der Conjunctiva
bulbi fehlen, doch ist die Unterscheidung nicht schwer, wenn man
Verlauf, Mangel des Secretes, Beschaffenheit der Uebergangsfalte u. s. w.
berücksichtigt. Eher sind Verwechslungen mit Geschwulstbildungen
möglich, die auch mit Vorliebe ihren Sitz am Hornhautrande in der
Lidspaltenzone haben, wie Epitheliome und Dermoide, wovon später.
Eczem*) der Conjunctiva ist eine sehr häufige Erkrankung und
*) Die in Rede stehende Affection hat verschiedene Benennungen, z.B. Con-
junctivitis scrophulosa (Arlt), Herpes conjunctivae (Stellwag) Phlyc-
taenen (Bläschen) der Conjunctiva oder Conjunctivitis phlyctaenulosa,
Conjunctivitis lymphatica u. s. w. Der Name Eczem ist deswegen gewählt,
weil er der analogen Hautkrankheit entspricht; doch wäre auch gegen die Be-
zeichnung Phlyctaenen nichts einzuwenden. Mit Herpes besteht keinerlei Verwandt-
schaft und kommt das Eczem zwar häufig bei Scrophulösen, nicht selten aber auch
bei sonst ganz Gesunden vor, die man wegen einiger Eczembläschen doch nicht
ohne Weiteres als scrophulös bezeichnen darf. Es ist mir höchst wahrscheinlich,
dass diese klinisch sonst gut abgegrenzte Krankheitsform, ebenso wie die gleich-
artige der Hornhaut, aetiologisch verschiedene Affectionen umfasst, worüber exacte
bacteriologische Untersuchungen später vielleicht Licht werfen werden.
Knies, Augenheilkunde 9
130 V. Erkrankungen der Bindehaut.
kommt vorwiegend im Kindesalter vor, etwa von der ersten Dentition
an, früher verhältnissmäfsig selten. Gleichzeitige Eczemeruptionen an
andern Hautstellen: Mundwinkel, Nase, Lider, Ohren sowie auf der
Cornea kommen oft zur Beobachtung. Gelegentlich wird auch Conjunc-
tivaleczem im höhern Alter beobachtet, doch findet von der Pubertätszeit
an eine rasche Abnahme der Häufigkeit statt.
In vielen Fällen wird gemeinsam mit Eczem des Gesichts einfacher
Catarrh der Conjunctiva beobachtet, der zuweilen sehr hartnäckig, oft
recht intensiv auftritt und der wegen seiner Beziehung zum Eczem recht
wohl als eczematöser Catarrh bezeichnet werden kann. Die Be-
handlung ist dieselbe, wie beim gewöhnlichen Catarrh, doch bediene
man sich mehr der milderen Mittel, wie Blei- oder Boraxlösungen ; bei
gleichzeitigem Lidrandeczem genügt energisches äusserliches An-
streichen mit 2°/ iger Höllensteinlösung, da hierbei genügend von der
Lösung in den Conjunctivalsack gelangt.
Die Eczembläschen unterscheiden sich von denen der äussern Haut
dadurch, dass die Epitheldecke sehr bald schon abgestossen wird;
wir haben es also fast immer mit Eczemgeschwüren zu thun. Die-
selben kommen einzeln oder in grösserer Anzahl fast immer auf der
Conjunctiva bulbi, selten und meist vom Lidrand her fortgepflanzt auf
der Conjunctiva palpebrarum, fast nie auf den Uebergangsfalten vor.
Es sind gewöhnlich ca. stecknadelkopfgrosse Epithelverluste auf hyper-
aemischer, leicht infiltrirter Conjunctiva. Die Hyperaemie ist eine
umschriebene, auf die Umgebung des Geschwüres beschränkte und
erstreckt sich nur einige Millimeter weit. Kleinere Geschwürchen sind
nicht selten, doch kommen umgekehrt auch solche von 3 — 4 mm und
grösser vor, so dass man dann recht wohl von einem Eczema impetigo
sprechen kann. Catarrh der Bindehaut kann gleichzeitig vorhanden sein
oder fehlen.
Der Verlauf ist meist Heilung in einigen Tagen; doch kommen
sehr häufig längere Zeit Eecidive zur Beobachtung, besonders wenn
gleichzeitig chronisches Eczem der Nasenschleimhaut vorhanden ist.
Nur bei Eczem der Conjunctiva palpebrarum, kommt es zirweilen
durch Infection von aussen her zu eingesprengter Diphtheritis , die
durch Narbenbildung Stellungsanomalien an Lidrand und Wimpern ver-
ursachen kann.
Die Therapie besteht in täglich einmaligem Einstäuben von Calomel
vapore paratum. Dasselbe muss sehr gut trocken sein und darf keine
Knollen haben, die Aetzschorfe veranlassen können. Es empfiehlt sich
desshalb nicht, das Mittel den Eltern nach Hause zu geben. Sehr
Pinguecula, 131
wichtig ist die Localbehandlung der Nase, die auch nach Heilung der
Bindehauterkrankimg zur Verhütung von Recidiven fortzusetzen ist.
Hierüber und über die Allgemeinbehandlung gilt das bei den Lid-
erkrankungen Mitgetheilte.
Die Wirkung des Calomel besteht offenbar darin, dass in Berührung mit den
kochsalzhaltigen Augenflüssigkeiten sich geringe Mengen von Sublimat bilden.
Dennoch haben Sublimatlösungen nicht die gleiche Wirkung, wohl weil sie sofort
wieder ausgespült werden, während die Sublimatwirkung bei dem im Conjunctival-
sack verbleibenden Calomel eine nachhaltigere ist. Bei innerlichem Jodkalium-
gebrauch kann Calomel durch Bildung von Jodquecksilber Aetzungen veranlassen,
wesshalb der gleichzeitige Gebrauch beider Mittel zu vermeiden ist.
Von sonstigen Exanthemen sind Variolapusteln zu erwähnen, die meist
am Hornhautrand vorkommen, aber wegen der gleichzeitigen Lideruptionen sehr
häufig erst dann entdeckt werden, wenn sie auf die Hornhaut übergegriffen und
dieselbe ganz oder theilweise zerstört haben.
Pemphigus der Conjunctiva ist ein sehr seltenes Vorkommniss. Es bilden
sich entsprechende Blasen der Conjunctiva; doch wird man gewöhnlich nur die
Geschwüre nach Abstossung des Epithels zu Gesicht bekommen. Die Diagnose
kann nur bei gleichzeitigen Pemphigusblasen an andern Orten mit Sicherheit ge-
macht werden. Der Ausgang war in den bekannten Fällen völlige Verödung des
Conjunctivalsackes.
Als Lidspalten fleck — Pinguecula — bezeichnet man eine
eigentümliche Veränderung der Conjunctiva in der Lidspaltenzone innen
und aussen von der Cornea : dieselbe kommt meist bei älteren Individuen
vor, selten vor dem 20. Lebensjahr, und zeigt sich als ein citronengelber
oder mehr in's Orangefarbene spielender, oft etwas eingesunkener
dreieckiger Fleck mit der Basis gegen die Hornhaut gekehrt. Derselbe
entwickelt sich ganz allmählich ohne je Beschwerden zu machen und ist
bis auf den cosmetischen Nachtheil durchaus harmloser Natur. Meist
wird die Pinguecula beiderseits innen und aussen von der Hornhaut
angetroffen, wenn auch nicht immer an allen Orten gleich ausgesprochen ;
innen von der Hornhaut pflegt sie früher aufzutreten und sich stärker
zu entwickeln. Microscopisch ist der Lidspaltenfleck ein regelloses Ge-
wirr von Fasern, die in dickerer Schicht deutlich eine gelbliche Färbung
zeigen; das Epithel darüber ist unverändert. Offenbar handelt es sich
hierbei um einen Schrumpfungsprocess, denn ich sah mehrmals zwischen
Pinguecula und Hornhautrand zahlreiche erweiterte Lymphgefässe*).
*) Erweiterte Lymphgefässe der Conjunctiva bulbi als steck-
nadeldicke, durchsichtige, wasserhelle, mit der Conjunctiva verschiebliche Hervor-
ragungen, radiär zum Hornhautrand, oder mehr concentrisch zu demselben gegen
die untere Uebergangsfalte hin, kommen nicht selten bei allerhand entzündlichen
Conjunctivalerkrankungen zur Beobachtung, zuweilen auch ohne diese. Beim An-
stechen, das übrigens nicht indicirt ist, collabiren sie und verschwinden spurlos.
9*
132 V. Erkrankungen der Bindehaut.
was nur durch Compression derselben in der Pinguecula erklärt wer-
den kann.
Der Lidspaltenfleck verdankt seine Entstehung wahrscheinlich häufig
einwirkenden leichten Traumen . doch entwickelt er sich offenbar nicht
bei allen Individuen gleich leicht. Entzündet sich die Conjunctiva stärker,
so erscheint die Pinguecula als dreieckige, deutlich blassere Vertiefung.
Eine Therapie ist bis jetzt nicht bekannt; ist die Pinguecula sehr auf-
fallend, so kann man sie auf besondern Wunsch des Patienten entfernen
und die Conjunctivalwunde durch einige Nähte vereinigen.
Sehr selten ist eine umschriebene Xerose der Conjunctiva an den
gleichen Stellen, wo auch die Pinguecula angetroffen wird. Die Con-
junctiva ist hier kreideweiss. oder fettig glänzend, leicht körnig und
legt sich bei Bewegungen des Auges wegen Verlustes ihrer Elastieität
in concentrische Falten. Häufiger kommt Xerose bei herabgekommenen,
-chlecht genährten Individuen vor, sowie bei ungenügender Befeuchtung
der Conjunctiva. Oft besteht dann gleichzeitig Nachtblindheit (Seite 59).
In den fettig glänzenden Epithelien und im Secret wurden Bacillen ge-
funden, deren Ueberimpfung aber erfolglos blieb (Frank und Fränkel).
Nach Fick sollen dieselben auch häufig auf der normalen Conjunctiva
gefunden werden.
Hämorrhagien in und unter der Conjunctiva sind nicht selten;
häufig sind sie Theilerscheinung einer sehr heftigen Conjuuctivalent-
zündung. namentlich der gonorrhoischen Conjunctivitis. Ausserdem
kommen sie. namentlich an der Conjunctiva bulbi. zur Beobachtung —
•Suffusio oder Hyphaema conjunctivae — welche dann in grösserer
oder geringerer Ausdehnung eine glänzend tiefrothe Färbung zeigt.
Iten kommt es zu einer grössern Ansammlung von Blut, welche die
njunctiva sackartig vortreibt: meist wird im Verlaufe von 8 — 14 Tagen
unter vorheriger gelblicher Verfärbung das Blut resorbirt. Ursachen
^ind. abgesehen von Traumen und Operationen, entweder vorübergehende
Circulationsstörungen wie bei Keuchhusten. Pressen bei hartem Stuhl-
gang, bei Geburten u. s. w. oder abnorme Brüchigkeit der Gefässe. In
letzterer Beziehung sind spontane recidivirende Conjunctivalblutungen
bei alten Leuten von einer gewissen prognostischen Bedeutung und nicht
selten Vorläufer von Hämorrhagien an andern Orten, namentlich im
Gehirne.
Eine Behandlung ist unnöthig. Man kann durch kalte Ueberschläge
die Resorption etwas beschleunigen: auch sollen Calomeleinstreuungen
«len gleichen Effect haben. Nur die letztgenannten Hämorrhagien geben
gelegentlich zu ärztlichen Erörterungen Anla-- %
- hwülste.
Oedem der Conjunctiva . Chemosis genannt, ist meist Theil-
erscheinung von acut entzündlichen Conjunctivitiden oder tiefer sitz
Augen- und Orbitalerkrankungen, wird aber auch bei Hordeolum, bei
Insectenstichen oder nach Traumen angetroffen. Die Chemosis stellt
lieh dar als durchscheinende, blasse Anschwellung der Conjunctiva. die
nur bei heftiger Conjunctivitis auch Hyperaemie zeigt: sie verschwindet
mit Aufhören der Ursache von selber. Doch kommt es auch vor. da->
z. B. nach intensiver Kälteeinwirkung beträchtliches Oedem der Con-
junctiva im Lidspaltenbezirk jahrelang bestehen bleibt.
Pigmentirangen der Conjunctiva sind selten. Es kommen angeborene Pig-
mentflecke vor. entweder disseminirt im Xiveau der Conjunctiva. was 1
Säugethieren. z. B. beim Schwein, normal ist. -der als kleine, deutlich prominente
Xaevi pigmentosa Erstere lassen sich nicht gut entfernen, da die Pigmentirung
oft auch die Selen mitbetrifft j bei letzteren ist sie indicirt. sobald ein Wachsthum
bemerklich ist. da sie gelegentlich sich später in Sarcome umwandeln. Ausserdem
findet sich nicht selten Pigmentirung um die durchtretenden Scleralgefässe in der
Nähe des Hornhautrandes nach langedauernden entzündlichen Erkrankungen des
innern Auges oder bei Anwesenheit eines Aderhautsarcoms. Einmal sah ich in
einem Falle, wo die Iris durch ein Trauma in toto unter die Conjunctiva dislocirt
war. sich nachträglich tiefschwarze Pigmentirung der Conjunctiva nach innen bis
zur Karunkel und nach unten bis zur Uebergangsfalte einstellen.
Künstlich wird nicht gerade selten eine abnorme Pigmentirung der Conjunc-
tiva hervorgerufen durch zu lange locale Application von Höllenstein, während
bei innerlichem Gebrauche desselben die Veränderung weniger in die Augen springt
l A r g y r o s i s oder Argvria conjunctivae). Die Conjunctiva nimmt hierbei
allmählich eine schmutzig gelbe, später mehr bräunliche Färbung an durch zahllose
Körnchen von Silberoxydul oder metallischem Silber, die sich namentlich in den
Bindegewebsspalteu anhäufen und aller Therapie widerstehen. Bei Anwendur i
Argentuni nitricum auf die Conjunctiva ist desshalb Vorsicht geboten, und darf
dieselbe nicht ohne Xoth länger als 4 — 6 Wochen fortgesetzt werden.
Geschwülste der Bindehaut sind im Ganzen recht selten. Schleiru-
polypen der Uebergangsfalten und gestielte Lipome werden leicht
durch einen Scheerenschnitt entfernt. Angeborene Dermoide >itzen
fast immer am äussern Hornhautrand gegen den äussern Augenwinkel
hin als derbe, tieisehrothliche. nicht scharf abgegrenzte G-eschwülstchen.
auf deren Oberfläche man mit der Loupe die Mündungen von 1
drüsen und einzelne pigmentlose, verkümmerte Härchen sieht. Bei
ihrer Entfernung achte man darauf, vor dem Xähen >orglaltig zu
desinrlciren. am besten mit Borsäurelösung.
Von deu wirklichen Granulationen nach Substanzverlust war
schon früher die Rede: nach Operationen mit Trennung der Conjunctiva.
namentlich nach Enucleationen und Schieloperationen entwickeln sich
134 V. Erkrankungen der Bindehaut.
zuweilen, wenn nicht genäht wurde, bis über erbsengrosse, gestielte
Granulationsknöpfe, die mit einem Scheerenschnitt exstirpirt werden
müssen. Was als recidi vir ende Granulome beschrieben wurde,
scheint meistens ein geätztes Epithelialcarcinom gewesen zu sein.
Lupus der Conjunctiva ist fast immer von der äussern Haut
fortgesetzt und führt zur Verschrumpfung des Bindehautsackes mit Bloss-
legung des jetzt allen traumatischen Einwirkungen ausgesetzten Auges.
Doch kommt er auch primär an der Conjunctiva vor unter der Gestalt
umfangreicher Geschwüre, deren Boden von leicht blutender Granu*
lationsmasse erfüllt ist ; wohl immer wird erst der weitere Verlauf die
Diagnose sichern. Die Behandlung besteht in der Zerstörung der Ge-
schwüre, wonach dieselben meist nach längerer oder kürzerer Zeit mit
stark zusammenziehender, gitterförmiger Narbe heilen. Möglicherweise
sind einzelne der Fälle, welche als locale Tu bereu lose der Conjunctiva
bezeichnet werden, als primärer Lupus hypertrophicus der Bindehaut auf-
zufassen, da ich einmal bei einem typischen Falle nachträglich auch Lupus
im Gesichte auftreten sah. Bei wirklicher Tuberculose ist die Conjunctiva
gewöhnlich des obern Lides befallen ; sie zeigt sich in eine grobhöckerige,
fungösen Granulationen ähnliche Masse umgewandelt, stellenweise mit
Geschwürsbildung und blossliegenden „verkästen" Stellen und enthält
meist am Rande mehr oder weniger zahlreiche miliare Knötchen. Zuweilen
zeigt sich auch der Thränensack mit ähnlichen Wucherungen erfüllt, prall
anzufühlen und sogar prominent. Die Lymphdrüsen vor und hinter dem
Ohr und am Unterkiefer der betreffenden Seite sind geschwollen, zuweilen
sogar sehr beträchtlich. Meist ist Anfangs Uebergangsfalte und Con-
junctiva tarsi angegriffen; später können sich die Wucherungen auch
auf die Conjunctiva bulbi ausdehnen und allerhand Hornhauterkrankungen
veranlassen. Am besten entfernt man die fungösen Massen mit Messer,
Scheere oder einem kleinen scharfen Löffel und bestreut die Wund-
fläche mit Jodoform in Substanz. Innerlich empfiehlt sich am meisten
die Solutio Fowleri, die aber, wenn auch mit zeitweisen Intervallen, sehr
lange fortgebraucht werden muss. Die Differentialdiagnose wird sowohl
bei Lupus, als auch bei Tuberculose oder bei den seltenen syphilitischen
Ulcerationen der Conjunctiva im Anfang meist ungewiss und erst durch
Nachweis der Tuberkelbacillen sicher sein.
Bei amyloider Degeneration ist die Conjunctiva in mehr
oder weniger grosser Ausdehnung verdickt, uneben und von blasser bis
gelblichweisser Färbung; ausgeschnittene Stückchen zeigen zahlreiche
Körperchen, welche mit Jod und Schwefelsäure eine dem Amyloid
analoge oder ähnliche Reaction geben. Die Affection ist äusserst selten
Geschwülste. 135
und bildet gewöhnlich den Endausgang einer lange bestandenen Folli-
cularblennorrhoe ; auch der Tarsalknorpel kann mitbetheiligt sein.
Durch Cysten der Conjunctiva zieht man am besten einen Faden,
den man leicht knotet und durchschneiden lässt; sollte einmal ein
Cysticercus angetroffen werden, so wäre er operativ zu entfernen.
Ein nicht seltenes Vorkommniss sind Infarcte der Meibom'schen
Drüsen, gewöhnlich vorwiegend am obern Lid; sie machen die Symp-
tome eines Fremdkörpers im Conjunctivalsack. Beim Betrachten der
Conjunctiva tarsi sieht man in verschiedener Zahl bis stecknadelkopf-
grosse, prominente weisse Stellen, die der Ausbuchtung einer Meibom'schen
Drüse entsprechen. Am besten entfernt man diese kalkigen, sich zwischen
den Fingern wie ein Sandkörnchen anfühlenden Concremente, wenn man
mit einer breiten Nadel auf sie einsticht und sie dann mit einem kleinen
löffelartigen Instrument heraushebelt. Besonders heftig sind die sub-
jectiven Symptome, wenn die Infarcte spontan ihre Conjunctivaldecke
usurirt haben und bei Bewegungen des Auges direct auf der Cornea
reiben. Man findet die Infarcte nach vorausgegangenen, lange dauernden
Conjunctivae und Lidrandaffectionen , nicht selten aber auch ohne eine
solche Ursache.
Die bösartigen Geschwülste der Conjunctiva sind theils vom
Lidrand her fortgesetzte, wie die Epithelialcarcinome dieser Gegend,
theils aus dem Augeninnern durchgebrochene, wie die Sarcome der
Aderhaiit und Iris und die Gliome der Netzhaut, selten an Ort und
Stelle entstanden. Der Hornhautrand in der Lidspaltenzone ist Prae-
dilectionsstelle. Es kommen hier sowohl pigmenti rte Sarcome,
die zuweilen aus angeborenen Pigmentflecken hervorgehen, als Can-'
croide vor. Erstere machen keine diagnostischen Schwierigkeiten;
sobald ein Pigmentfleck zu wachsen beginnt oder sich eine pigmentirte
Geschwulst zeigt, ist möglichst frühzeitige Exstirpation indicirt. Schon
sehr früh ist Neigung vorhanden, in die Tiefe zu dringen, namentlich
da, wo Hornhaut und Sclera zusammenstossen, wesshalb man an dieser
Stelle auf den unscheinbarsten Pigmentpunkt Acht zu geben hat. Tritt
ein Kecidiv ein, so muss das Auge mitentfernt werden, auch wenn es
noch vollständig sehtüchtig ist; das Gleiche ist bei einigermafsen
grössern Geschwülsten als lebens rettende Operation vorzunehmen,
da schon sehr frühzeitig Lebermetastasen auftreten.
Die Cancroide der Cornea-Scleralgrenze stellen im Beginne röthlich-
gelbe, höckerige Geschwülstchen dar, die etwas über die Hornhaut
hinübergreifen, aber sich nicht, wie die später zu besprechenden Pterygien
als Faltenbildung der Conjunctiva erweisen. Nicht selten sieht man an
1
136 V. Erkrankungen der Bindehaut.
der Oberfläche kleine Geschworenen und weissliche eoinedonenähnliehe
Epithelzapfen, welche die Diagnose sichern. Vom microscopischen Befund
wäre hervorzuheben, dass die bedeutend grössern Epithelzellen der Ge-
schwulst sieh allseitig scharf vom normalen Epithel abgrenzen und ihre
Kerne sich mit Hämatoxylin viel intensiver färben. Die Cancroide
zeigen mehr Xeigung zur Flächenausdehnung und erlauben auch bei
Kecidiven eher noch einen Versuch, das betroffene Auge zu erhalten.
Im Uebrigen sind sie möglichst frühzeitig und ausgiebig zu entfernen
mit nachfolgender plastischer Deckung des Defectes. Eine microscopische
Bestätigung der Diagnose ist bei kleinen Geschwülsten immer rathsam.
Die Wucherungen des sogenannten Frühjahrscatarrhs zeigen auch wenn
sie höckerig sind, eine viel glattere Oberfläche : die Diagnose kann aber
schwierig sein, wenn nicht gleichzeitig an andern Stellen Warzen bildung
aufgetreten ist. und sie ist eventuell nur mit dem Microscop zu machen.
Bei den Warzen handelt es sich um Wucherungen des normalen
Epithels (atypische Epithelwueherung), bei Cancroiden um Wucherungen
epithelialer Zellen, die von den normalen verschieden und von
letztern scharf abzugrenzen sind. Xur beim Cancroid sind bis jetzt Perl-
kugeln beobachtet.
Die Conjunctiva ist traumatischen Reizungen sehr ausgesetzt und
begreiflieherwei-H besonders ihre Lidspaltenzone. Schon eine abnorm
weite L i d s p a 1 1 e kann gelegentlich bei fortgesetzter Einwirkung von
Piauch. Staub und ähnlichen Schädlichkeiten Beschwerden verursachen,
die denen der Conjunctivalhyperaemie ähnlich und manchmal nur durch
Verengerung der Lidspalte (siehe Seite 90) zu beseitigen sind.
Die Traumen können sehr verschiedener Art sein. Nach mecha-
n Einwirkungen finden wir nicht selten mehr oder weniger aus-
gedehnte Blutungen, die unter kalten Umschlägen in 8 — 14 Tagen
birt werden. Zuweilen auch bleibt längere oder kürzere Zeit Oedem
,en. welches die gleiche Behandlungs weise erfordert. Wunden der
Conjunctiva erfordern sorgfältiges Auseinanderfalten der eingerollten
Bindehautlappen mit zwei feinen Pineetten. gründliche Desinficirung
mit Borlösung imd genaue Naht mit feinen Carbolseide- oder Catgütfäden.
Ein Verband ist dann meist nur 2 — 3 Tage lang nöthig. Bei Wunden,
die durch das ganze Lid hindurchgehen, ist die Conjunctiva womöglich
ndera zu nähen.
Fremdkörper kommen theils der Conjunctiva aufliegend, theil>
in deren Gewebe vor. und sind namentlich erstere ein ungemein häufiges
Vorkommnis?. Ihr Liebliugssitz ist die Conjunctiva tarsi des obern
Lides. Sandkörnchen. Asche. Sägmehl, Kohlestückchen auf der Eisen-
Fremdkörper. 137
bahn, kleine Käfer u. s. f. pflegen mit Vorliebe dort festzusitzen. Die
Symptome sind sehr verschieden und oft so heftig, dass auch dar
brauch des andern Auges unmöglich ist. In vielen Fällen wird der
Fremdkörper durch den Lidschlag allmählich nach dem innern Augen-
winkel befördert und dort eliminirt. was man durch Streichen mit den.
Finger von aussen gegen die Nase hin begünstigen kann. Sehr gemildert
oder ganz aufgehoben können die Symptome werden, wenn man durch
einen festen Verband das Auge immobilisirt.
Die Entfernung geschieht leicht, indem man das obere Lid um-
klappt und den Fremdkörper wegwischt. Sollte das Umklappen
Empfindlichkeit des Patienten nicht gelingen, so träufle man vorher
Cocain ein. Schwieriger ist es oft. Fremdkörper, die sich in der obern
Uebergangsfalte festgesetzt haben, namentlich Getreidegrannen, zu ent-
fernen. Sie machen dort weniger Symptome, werden nicht selten
vergessen, jahrelang getragen und können dann an der betreuenden
Stelle zu umfangreichen Granulationen mit eitriger Secretion führen.
Das Gleiche gilt von sogenannten Krebsaugen, die als Volksmittel, zur
Entfernung anderer Fremdkörper im Conjunctivalsack. unter das obere
Lid gebracht und dann vergessen werden. Oft müssen zuerst die den
Fremdkörper umwuchernden Granulationen mit der Scheere weggeschnitten
werden, ehe es gelingt, zu demselben zu gelangen und ihn zu entfernen.
Nach seiner Wegnahme tritt auffallend schnell Restitutio in integrum ein.
Fremdkörper, die in's Gewebe der Conjunctiva eingedrungen sind,
namentlich Pulverkörner und Sandkörnchen bei Explosionen, lässt man.
wenn sie keine Beschwerden machen, ruhig stecken. Auf Wunsch ent-
fernt man sie zusammen mit einem kleinen Stückchen Conjunctiva durch
einen Scheerenschnitt. da ein Ausgraben nicht gelingt. Bei Pulverkörnern
hat man übrigens darauf zu achten, ob sie nicht unter der Conjunc-
tiva in der Selera sitzen, in welchem Falle man sie besser nicht
anrührt: >ie müssen mit der Conjunctiva verschieblich sein.
Durch rein mechanische Einwirkung auf die Conjunctiva kommt
es selten zu catarrhalischen Erscheinungen, sehr häufig dagegen nach
chemischen Reizen und Temperatureinflüssen. Von Kälteoedem war
schon die Rede. Die Conjunctivitis traumatica acuta durch
heisse Dämpfe. Gase, ätzende Flüssigkeiten, die nur kurze Zeit einge-
wirkt haben, wird am besten mit Kälte behandelt: erst wenn diese>
nicht zum Ziele führt, etwa nach 3 oder 4 Tagen, geht man zu einer
adstringirenden Behandlung über. Die chronischen Formen, durch
häufig wiederholte, nicht sehr intensive Schädlichkeiten bedingt, werden
wie andere Conjunctivitiden behandelt.
138 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Liegt die Conjunctiva bloss (bei Auswärtsdrehung der Lider oder
mangelndem Lidschlag) und wird die verdunstende Flüssigkeit nicht durch
den Kreislauf ersetzt, so vertrocknet dieselbe und nimmt eine grau-
bräunliche Farbe an, wie man dies in der Lidspaltenzone bei Cholera-
kranken, bei diarrhoekranken Kindern kurz vor dem Tode und in ähn-
lichen Fällen nicht selten beobachten kann. Unter normalen Kreis-
laufsverhältnissen dagegen tritt starke Hyperaemie und später eitrige
Secretion ein, wenn die Conjunctiva fortwährend der Einwirkung der
Luft ausgesetzt ist. Nach und nach schwillt die Bindehaut immer
mehr an, Anfangs mehr oedematös ; später intiltrirt sich das ganze Con-
junctivalgewebe zeliig, und man nennt diesen Zustand Ectropium
sarcomatosum (fleischiges Ectropium, hat mit Sarcom nichts zu thun).
Die Anschwellung der Conjunctiva bildet ein Hinderniss der Reposition,
namentlich bei lichtscheuen Kindern, wo durch krampfhafte Contractu!
des Orbicularis palpebrarum sich die Lider zuweilen von selber um-
stülpen und in Folge des gleichzeitig vorhandenen Circulationshinder-
nisses in kurzer Zeit ganz gewaltig anschwellen. Ein Verband allein
führt dann nicht zum Ziele, da jedes Pressen und Schreien die Lider
wieder umstülpt; es muss vorher durch Erweiterung der Lidspalte
mittelst eines Scheerenschnittes die Muskelwirkung wenigstens zum
Theile paralysirt werden. Auch Ectropiumoperationen können durch
starke Wucherungsvorgänge in der biossliegenden Bindehaut sehr er-
schwert werden.
In vielen Fällen verursachen Traumen directe Zerstörung des Con-
junctivalgewebes in verschiedenem Umfang. Es sind dies namentlich
Verbrennungen und Aetzungen durch flüssige Metalle (Blei, Zink, Eisen),
durch Chemiealien (Säuren, Laugen), vielleicht am häufigsten durch
Kalk. Die grauverfärbten — nur bei Salpetersäureätzung gelben —
necrotischen Partien müssen sich abstossen, und Heilung tritt, wie nach
Diphtheritis, durch Granulationen mit Narbenbildung ein. Die Prognose
ist Anfangs oft schwierig, da es schwer zu beurtheilen ist, wie weit
die Zerstörung in die Tiefe geht, wobei die Flächenausdehnung der
Verbrennung nicht mafsgebend ist. Weil alle Nervenendigungen zer-
stört sind, besteht Unempfindlichkeit innerhalb des betroffenen Gebietes.
Da es sich lediglich um Beschleunigung der Abstossung necrotischer,
nicht infectiöser Gewebspartien handelt, so ist gleich von vorn-
herein die Anwendung feuchtwarmer Cataplasmen die beste Behandlung.
Selbstverständlich ist vorher der Conjunctivalsack gründlich zu reinigen,
und sind allenfalls in ihm befindliche Fremdkörper, Mörtelstückchen iL s. w.
zu entfernen, am besten durch Abwischen der umgekehrten Lider mit
Symblepharon. 139
einem feinen Pinsel oder etwas Wundbaumwolle. Das gegen Kalkver-
brennungen vielfach anempfohlene Auswaschen mit Zuckeiiösung hat
nur in der allerfrühesten Zeit einen Sinn ; später genügt, wie bei andern
Verbrennungen, mehrfaches Ausspülen mit Wasser oder schwacher Koch-
salzlösung. Sind die zerstörten Partien abgestossen, so werden die jetzt
vorhandenen Wundgranulationen am besten adstringirend behandelt;
stärkere Aetzungen sind zu vermeiden, da sie die Narbencontractur ver-
mehren helfen. Zuweilen gelingt es, durch tägliches Trennen mit einer
Sonde in der Vernarbungsperiode, die Verwachsungen zwischen Bulbus
und Lid zu verhindern , wenn nicht allzuviel zerstört ist ; oder man
erreicht das Gleiche, wenn man ein kleines Stanniolplättchen zwischen
die correspondirenden granulirenden Stellen einlegt und bis zur Aus-
heilung liegen lässt. vorausgesetzt dass die Uebergangsfalte noch er-
halten ist.
Sehr häufig sind die Folgezustände von Aetzungen und Ver-
i brennungen der Conjundiva. die denen nach Diphtheritis völlig analog
siud, Gegenstand der Behandlung. Es sind dies mehr oder weniger
ausgedehnte Verwachsungen zwischen Bulbus und innerer Lidfläche:
Symblepharon. Die dadurch bedingte Beweglichkeitshemmung des
Auges kann auch die Function des andern nicht betroffenen stören,
entweder durch Doppelbilder oder indem die beabsichtigten Bewegungen
des Auges schmerzhaft empfunden werden. Sind die Verwachsungen
nur strangförmig, so sind sie leicht zu beseitigen durch einfache Trennung
und tägliche Verhinderung des Wiederverwachsens oder continuirliches
Zwischenlegen eines Stanniolplättchens. Dünne Verwachsungen kann man
auch unterbinden und den Faden durchschneiden lassen. Flächenförmige
Verwachsungen machen immer eine plastische Operation nöthig, wobei
Herstellung* einer Uebergangsfalte das Schwierigste ist. Desshalb unter-
scheidet man auch Symblepharon anterius, wo die Uebergangsfalte
noch erhalten ist, von Symblepharon posterius, wo dieselbe mit zerstört
ist. Man hat zu versuchen, wenigstens auf einer Seite, auf dem Bulbus oder
am Lid eine Bindehautfläche herzustellen. Ist noch genügend normale Con-
junctiva vorhanden, so ist dies in der Regel nicht schwierig; im andern
Falle hat man auch Lappen aus der Gesichtshaut benutzt, die nach
einiger Zeit das Ansehen von Schleimhaut erlangen. Die vielfachen
Versuche, Transplantationen von Bindehaut von menschlichen und Thier-
augen zu bewerkstelligen, sind zwar insofern geglückt, als die Au-
heilung mit Leichtigkeit gelingt. Nach und nach indess verschrumpft
das übergepflanzte Stück und es stellt sich ziemlich der frühere Zustand
wieder her.
140 V. Erkrankungen der Bindehaut.
Bei totalem Symblepharon ist eine Therapie ohne Erfolg; zudem
ist hierbei ausnahmslos auch die Hornhaut in einer Art und Weise mit-
betheiligt, dass das Sehvermögen auf quantitative Lichtempfindung oder
Fingerzählen in der Nähe eingeschränkt ist. Zuweilen kommt es nach
Verbrennungen (wie nach Diphtheritis conjunctivae) zu Cystenbildung,
namentlich in der untern Uebergangsfalte. Ausschneiden eines Stückes
der Wandung, oder Durchführen eines Fadens, den man durchschneiden
lässt, führt in kurzer Zeit Heilung herbei.
Die Karnnkel pflegt meist im Zusammenhang mit der übrigen
Conjunctiva erkrankt zu sein. Sie ist das Analogon der Palpebra tertia
bei Thieren; ihre Grundlage ist ein rudimentärer Knorpel. Ausserdem
enthält sie ein Häufchen Talgdrüsen und an ihrer freien Fläche wimper-
ähnliche Haare.
Eine umschriebene Entzündung ist nicht gerade selten; die
Karnnkel und der innere Augenwinkel ist dann geröthet und erstere
etwas angeschwollen. Dabei besteht ein lästiges Gefühl von Fremd-
körper im innern Augenwinkel und meist wird daselbst auch etwas
vertrocknetes Secret gefunden. Tritt diese Entzündung acut auf, so
empfehlen sich kalte Bleiwasserüberschläge, bei mehr chronischem Ver-
lauf Zinktropfen. Die zuweilen vorkommenden Abscesse sind wohl mit
dem Hordeolum in Analogie zu setzen und ebenso die gelegentlich zur
Beobachtung kommenden Cysten denen der Liddrüsen. Erstere eröffnet
man, sobald sie sich zuspitzen; durch letzere zieht man einen Faden
oder excidirt ein Stück der Cystenwand.
Hypertrophie derKarunkel veranlasst Thränenträufeln, weil
die Mündungen der Thränenröhrchen vom Auge abgedrängt werden ; es
kann Exstirpation nöthig werden. Lästige, abnorm gestellte oder ab-
norm entwickelte Haare entfernt man mit der Cilienpincette. An-
geborene Anomalien der Karunkel sind sehr selten; es wurde unter
anderem Translocation derselben auf das untere Lid beobachtet.
Von bösartigen Geschwülsten kommen C an er oide undSarcome
vor, welch letztere in der Kegel pigmentirt sind ; frühzeitige und rück-
sichtslose Entfernung ist hierbei indicirt; die Entfernung der Karunkel
hat keine functionellen Nachtheile zur Folge.
Anatomie der Hornhaut. 141
VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Die Hornhaut, deren Fasern sich in diejenigen der Sclera continuirlich fort-
i setzen, wird gebildet durch ein System sich durchflechtender Fasern und Lamellen
von leimgebendem Gewebe, zwischen denen sich unvollständige Endothelschichten
befinden. Ihre äussere Begrenzung ist ein mehrschichtiges Plattenepithel, völlig
analog dem, welches auch die Conjunctiva überzieht, welch letztere indess am
Hornhautrand endigt. Direct unter dem Epithel befindet sich die sogenannte
, Bowman'sche Membran; sie wird durchbrochen von den Nervenendfasern, die im
Epithel endigen.
Die Bowman'sche Membran endigt am Hornhautrand; dieselbe ist beim
f Säugling sehr wenig entwickelt, beim Embryo kaum angedeutet und findet ihre
i Ausbildung erst beim Erwachsenen. Sie ist nur schwer und nur in einzelnen Fetzen
; abzupräpariren. Die Hinterfläche der Hornhaut wird von einem continuirlichen,
einschichtigen, von polygonalen Zellen gebildeten Endothel überzogen; vor diesem
befindet sich die leicht zu isolirende Descemet'sche Membran. Continuitätstren-
| nungen, analog den Nervenperforationen an der vordem Glasmembran der Hornhaut,
sind bei der DescemeVschen Membran noch nicht nachgewiesen worden. Am
Hornhautrande fasert sich dieselbe auf und bildet die Sehne für die Longitudinal-
oder Meridionalfasern des Ciliarmuskels ; an dieser Stelle ist der endotheliale Belag
nicht so vollständig wie an der freien Fläche.
Die Cornea- Scleralgrenze und .deren Nachbarschaft ist von grosser physio-
logischer und pathologischer Wichtigkeit. Fig. 23 (a. f. S.) gibt die Verhältnisse wieder.
Das Maschenwerk von Fasern, welches am Irisansatz zur Sehne des Ciliarmuskels
und zur Descemet'schen Haut geht, umschliesst den sogenannten Fontana'schen
Raum F. Nach aussen vom Ansatz des Ciliarmuskels umzieht ein unvollständiger
mehrfacher Venenring den Hornhautrand (Leb er 'scher Venenplexus) ; die grösste
Vene, die dem Ciliarmuskel unmittelbar anliegt, aber auch nicht auf allen Schnitten
gefunden wird, heisst Schlemm'scher Kanal S. Aus beiden kann man gelegentlich
Venenstämmchen nach aussen in's subconjunctivale Gewebe und nach innen gegen
den Ciliarkörper ziehen sehen.
Gefässe enthält die Hornhaut normalerweise keine; nur die in der Conjunc-
tiva gelegenen „Randschlingen" stehen in gewisser Beziehung zu ihr. Auch in
der Tiefe endigen die Capillaren am Hornhautrand (tiefes Randschlingennetz).
Die am Rand eintretenden, dem ersten Ast des Trigeminus entstammenden
Nerven verlieren alsbald ihr Mark und bilden feine oberflächliche und tiefergelegene
Netze. Aus ersteren stammen die Nervenendigungen im Hornhautepithel, während
die Endigungen aus den tiefergelegenen Netzen noch nicht zweifellos festgestellt
sind (Kerne der Endothelien?).
Die Ernährung der Hornhaut *) geschieht normalerweise vorwiegend von
*) Die Verhältnisse bezüglich der Hornhauternährung und des normalen Stoff-
wechsels im Auge sind noch sehr streitig ; in mehrerem sind die Meinungen direct
entgegengesetzt, und doch kann nur eine richtig sein. Die alltägliche klinische
Erfahrung wird vielfach, einzelnen Experimenten gegenüber, viel zu gering an-
geschlagen.
142
VI. Erkrankungen der Hornhaut.
der vordem Kammer aus, in erster Linie also aus dem Uvealgebiete. Die Nah!
flüssigkeit dringt durch die Kittleisten des Endothels der Descemet 'sehen Membi
in's Hornhautgewebe ein, imbibirt die Grundsubstanz und bewegt sich innerhall
der Lymphspalten wesentlich centrifugal nach dem Scleralrand und in's subconjunc
tivale Gewebe. Von hier aus wird die Gewebsflüssigkeit durch Lymphgefäss
die sich namentlich auf der Aussenfläche der geraden Augenmuskeln sammeln, in
die gröberen Lymphstämme im innern und äussern "Winkel und in den Veber-
gangsfalten abgeführt. Im F ontana'schen Raum, wo die Descemet 'sehe
Membran aufgefasert und wo der Endothelbelag lückenhaft ist, dringt die Flüssig-
keit leichter ein und bewegt sich innerhalb der gerade hier sich vielfach kreuzenden
Bindegewebsspalten nach aussen bis zur Tenon'schen Kapsel, von wo die Weiter-
beförderung durch die Lymphgefässe der Orbita und die Adventitia der Arterien
Fig. 23.
H Hornhaut, E Epithel derselben, B Bow man 'sehe, D Descemet 'sehe Haut, F Fontana'scher
Raum, S sogenannter Schlemm 'scher Canal, C Conjunctiva, Sei Sclera, P Petit 'scher Canal,
K Kernzone der Linse, m meridionale, r radiäre Fasern des Ciliarmuskels, S p Sphincter pupillae.
stattfindet. Die Geschwindigkeit der parenchymatösen Flüssigkeitsströmung ist
normaler Weise sehr gering; es bedarf Stunden bis ein Molecül aus der vordem
Kammer durch die Hornhaut bis in die abführenden Lymphgefässe gelangt.
Feste Partikel und Wanderzellen dringen nur vom Iriswinkel und von der
Sclera her in die unverletzte Hornhaut ein, nicht durch die intacte Descemet 'sehe
Membran.
Das Eandschlingennetz der Hornhaut betheiligt sich normaler Weise wenig
Arcus senilis. ■ 143
doch ändert sich dies unter pathologischen Verhältnissen sehr erheblich, wovon
später.
Diff erente Stoffe dringen aucli auf umgekehrtem Wege in die Hornhaut
und in's Kammerwasser ein und, wie experimentell bewiesen ist, um so rascher
und leichter, je centraler sie auf die Hornhaut applicirt werden. Selbstverständlich
kann man dies nur an Stoffen zeigen, die noch in minimalster Quantität nach-
weisbar sind, wie Atropin, Jodkalium und gewisse fluorescirende Farbstoffe. Ist
die Flüssigkeitsströmung in der Cornea beschleunigt, z. B. durch Substanzverlust
im vordem Epithel oder gar durch Eröffnung der vordem Kammer, so ist dadurch
das Eindringen derartiger Stoffe von aussen selbstverständlich sehr erschwert, wie
dies auch die klinische Erfahrung zeigt.
Denjenigen Bezirk der Hornhaut, innerhalb dessen der Einfluss der Rand-
capillaren hervortritt, bezeichnen wir als Randzone; im Mittel können wir
IV2 Millimeter als deren Breite annehmen. Zweckmässig ist es auch, wie bei der
Conjunctiva, von einer Lidspaltenzo\ie zu sprechen, die natürlich den trau-
matischen Einwirkungen am meisten ausgesetzt ist.
Zunächst haben wir einige Altersveränderungen der Cornea nam-
haft zu machen. Da, wo die Randzone der Hornhaut aufhört, wo das
Ernährungsgebiet der Kandschlingen an das des Kammerwassers grenzt,
erscheint bald früher, bald später, selten aber vor den vierziger Jahren,
eine graue Trübung des Hornhautgewebes, die man als Gr eisen-
bogen, Arcus senilis, Gerontoxon bezeichnet; die äussere Peri-
pherie der Hornhaut bleibt dabei durchsichtig. Offenbar durch mangel-
hafte Ernährung bedingt, tritt hier eine partielle fettige Degeneration
des Hornhautgewebes ein. Die Veränderung ist zuerst oben und unten
als graue sichelförmige Trübung sichtbar und nimmt mit der Zeit an
Intensität zu; selten aber bildet sich ein vollständiger Ring, meist
bleibt innen und aussen ein heller Zwischenraum übrig. Während der
Greisenbogen im hohen Alter kaum pathologisch genannt werden kann,
obschon er auch hier nicht selten fehlt, erregt auffallend frühzeitiges
Auftreten desselben vor dem 40. oder gar 30. Jahre Bedenken betreffs
der Resistenzfähigkeit des Hornhautgewebes, namentlich wo Operationen
in Frage kommen. Oberflächliche umschriebene Necrosen im Arcus
senilis, auch bei leichten oberflächlichen Augenentzündungen sind übrigens
keine Seltenheit ; ihre Behandlung ist die gleiche, wie die anderer ober-
flächlicher Hornhautgeschwüre: feuchte Wärme.
Ein weiteres Vorkommniss im höheren Alter sind Drusenbil-
dungen an der Descemet'schen Membran. Dieselben werden
in der Nähe des Iriswinkels als höckerige Prominenzen der Glashaut
angetroffen, über denen bei einiger Grösse das Endothel zu fehlen
pflegt. Wegen des gleichen Brechungsvermögens von Hornhaut und
Kammerwasser sind sie am Lebenden nicht nachzuweisen, und da sie
144 ' VI. Erkrankungen der Hornhaut.
klinisch ohne jede Bedeutung sind, haben sie nur pathologisch-ana-
tomisches Interesse.
Die Erkrankungen der Hornhaut sind theils oberflächliche,
theils parenchymatöse: letztere sind im Grunde genommen Uveal-
und Scleralaffectionen. die in das Hornhautgebiet hinüberspielen.
Die oberflächliche Hornhauterkrankungen sind entweder durch Conjunctival-
affectionen inducirt. oder diesen letzteren analoge Exantheme, oder Traumen. Wir
unterscheiden den Epithel- und den Substanz verlust der Hornhaut: bei
letzterem ist die Bowman'sche Membran und das Hornhautgrundgewebe mit von
dem Defect betroffen. Bei einer Ansammlung von Rundzellen im Gewebe sprechen
wir von einem Hornhautinfiltrat, und hat dieselbe zu einer Zerstörung des
Gewebes geführt, ohne die Epitheldecke darüber zerstört zu haben, was jedenfalls
äusserst selten ist. von einem Hornhautabscess. Durch Eröffnung eines Horn-
hautabscesses oder durch zellige Infiltration eines Substanzverlustes entsteht das
Hornhautgeschwür und. wenn gleichzeitig eine Infection stattgefunden hat,
das inficirte Hornhautgeschwür.
Mit Eröffnung des Hornbautgewebes treten wichtige Aenderungen im Stoff-
wechsel ein: es findet ein allgemeiner und beschleunigter Flüssigkeits-
strom nach der betreffenden Stelle statt, und durch diesen wird zugleich das Material
zur Wiederherstellung geliefert. Da die Secretion der Augenflüssigkeiten nicht,
oder doch nicht in entsprechendem Mafse zunimmt, so resultirt daraus sehr häufig
eine fühlbare Verminderung des Augendrucks. Inficirt sich der Substanzverlust,
so kommt es zur Auswanderung aus den Randgefässen, wodurch eine demarkirende
Entzündungszone gebildet wird, die. wenn die Zerstörung der Hornhautsubstanz
nicht gar zu rasch fortschreitet, die Infectionskeime eliminirt und die Heilung
einleitet.
Bleibt der Substanzverlust längere Zeit bestehen, so kommt es, je jünger
Jas Individuum ist. um so rascher zu Neubildung von Gefässen aus dem Rand-
schlingennetz der Conjunctiva (Pannus). Dadurch, dass nach der offenen Stelle
hin der Seitendruck des Gewebes auf die Capillaren aufgehoben ist. tritt an der
nächstliegenden Stelle des Hornhautrandes erst Hyperaemie, dann eine umschriebene
Auswanderung von Rundzellen ein. Diese letzteren lockern und erweichen das
Gewebe an dem betreffenden Orte und es kommt dort zu Sprossenbildungen der
ne, an deren Spitze immer eine kleine Anhäufung von Rundzellen den Weg
durch das Gewebe bahnt. Hierdurch erklärt es sich, dass man bei microscopischen
Querschnitten die Gefässe unter dem Epithel in einer Rinne der Hornhautsubstanz
in rundzellenhaltiges, scheinbar neugebildetes Gewebe eingebettet findet Später
findet Umwandlung in Spindelzellen und eine Art Vernarbung statt wodurch sich
in vielen Fällen die Gefässe wieder zurückbilden. Haben die Gefässe ein Ge-
schwür erreicht, so wird fast immer der weiteren Zerstörung Einhalt gethan; die
Bildung ist ein günstiges Zeichen und muss vorkommenden Fall
fördert werden. Der günstige Einfluss der Gefässe auf die Resorption erklärt sich
durch den in den perivasculären Lymphräumen verkehrenden Säftestrom.
Bei intensiver Infection behält diese die Oberhand über die demarkirende
Thätigkeit des Gewebes, und es tritt progressive Zerstörung desselben ein. In den
rapidest verlaufenden Fällen, z. B. bei gonorrhoischer Conjunctivitis mit Hornhaut-
Allgemeines. 14.">
affection. blättert die Hornhaut geradezu ab, ohne sich auch nur zu trüben, ehe
noch die Eeaction des Gewebes zu Stande kommt. In weniger intensiven Fällen
offenbaren sich die progressiven Stellen durch eine stark eitrige Infiltration. Ist
dies allseitig der Fall, so wird die ganze Hornhaut zerstört und stösst sich an der
Stelle des Arcus senilis ab. wo das directe Bereich der Randgefässe beginnt; die
Iris liegt in toto frei zu Tage (totaler Iris v orf all). Beschränkt sich die Zer-
störung der Hornhaut auf eine Stelle und geht dort in die Tiefe, so liegt schliesslich
die Descemet'sche Membran bloss, baucht sich durch den Augendruck vor und
ist als spiegelnde, ca. stecknadelkopfgrosse Prominenz sichtbar (Keratocele).
Wird auch sie durchbrochen und ist die vordere Kammer eröffnet (Hornhaut-
perforation), so fliesst das Kammerwasser ab, die Iris wird hyperaemisch, die
Pupille verengert sich, und es tritt jetzt noch viel intensiverer Zufluss nach der
Geschwürsstelle und noch viel energischere Drainage des Gewebes ein. als vorher.
Dadurch wird sehr oft der Anstoss zum Stillstand des Pr geben und
Heilung herbeigeführt. Man benutzt diese Erfahrung, indem es nicht selten gelingt,
durch künstliche Perforation der Hornhaut einen progressiven infectiösen Process
zum Stillstand zu bringen. Selbstverständlich ist nach Eröffnung der Kammer der
Augendruck auf ein Minimum herabgesetzt, das Auge fühlt sich .matsch* an. Liegt
die Hornhautperforation central, so füllt sie sich allmälig durch Granulatioiisge-
webe aus. durch dessen Vernarbung die Kammer wieder hergestellt und die Heilung
vollendet wird. Bleibt die Perforationsöffnung längere Zeit bestehen und in Folge
dessen die Kammer aufgehoben, so spricht man von einer Hornhautfistel. Ist
die Perforation nicht central, so legt sich zunächst die Iris an und wird durch
das hinter ihr sich wieder ansammelnde Kannnerwasser vorgebaucht: Irisprolaps.
Derselbe bedeckt sich nach und nach mit Granulationen, durch deren Xarbencon-
tractur die Prominenz ausgeglichen wird. Mit der gebildeten Hornhautnarbe bleibt
die Iris verwachsen (vordere Synechie der Iris). Doch kann, indem sich der
Irisprolaps zwischen die Wundränder wie ein Pressschwamm einlegt, die Heilung
sehr verzögert werden. Bei tiefen Geschwüren, namentlich wenn schon Keratocele
besteht, kann jeder Druck auf das Auge. Bücken. Pressen mit den Lidern die Per-
foration herbeiführen. Geschieht dies sehr brüsk, so spritzt das Kammerwasser im
Strahle heraus, und es kann die Kapsel der sich plötzlich nach vorn drängenden
Linse platzen, worauf sich grauer Stau entwickelt, was eine sehr missliche Compli-
cation ist. Bei tiefen Geschwüren ist desshalb äusserste Vorsicht für Arzt und
Patient unerlässlich. um diese Eventualität zu vermeiden. Von der bei Perforation
im Säuglingsalter eintretenden vorderen Polarcataract war schon bei der Blennorrhoea
neonatorum die Rede.
Hat sich ein Substanzverlust mit Epithel überdeckt, so resultirt zunächst ein
Hornhautabschliff oder eine Hornhautfacette und erst allmälig gleicht
sich der Niveauunterschied wieder aus. Hatte Infiltration in irgend erheblichem
Mafse stattgefunden, so bleibt eine Hornhauttrübung zurück, die je nach Form
und Stärke als Trübung. Nubecula, oder Hornhautfleck, Macula corneae
bezeichnet wird. Diese pflegen sich im Laufe der Zeit noch mehr oder weniger
aufzuhellen, um so bedeutender, je jünger das betreffende Individuum ist. Eine sehr
dichte Hornhauttrübung wird Leucoma genannt, wenn sie sich über die ganze
Hornhaut erstreckt Leucoma totale, und wenn mit derselben die Iris in Form
vorderer Synechien verwachsen ist Leuo o m a ad h aere n s. Durch grosse Leucome
wird in Folge der Xarbenzusammenziehung eine Abflachung und Verkleinerung der
Knies, Augenheilkunde. 1(")
140 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Hornhaut bedingt Nichtsdestoweniger pflegt das Xarbengewebe, aus dem sie be-
stehen, relativ nachgiebig zu sein, namentlich wenn die Iris mit der Hinterfläche
Ausdehnung verwachsen ist, und es kommt unter normalem oder patho-
logisch erhöhtem Augendruck sehr häufig zu Ectasien der Leucome, zur Bildung
sogenannter Xar benstaphylome. die partiell oder total sein können. Das
Epithel über Leucomen und Staphylomen ist verdickt, mit sehr ausgesprochenen
Riff- oder Stachelstellen und sendet mehrfach Fortsätze in das unterliegende Xarben-
gewebe. Später treten dann nicht selten partielle V er kreidungen und um-
schriebene Epithelverdickungen (Schwielenbildung) über Leucomen und Staphy-
lomen auf. Geht ein grosser Theil der Hornhaut oder dieselbe in toto zu Grunde,
so kommt es, namentlich wenn ein infectiöser Process vorhanden ist, sehr häufig
zur Weitel verbreitung der Entzündung auf Iris. Corpus ciliare und Choroidea. zur
Vereiterung des Auges (Choroiditis suppurativa) mit nachfolgender Schrum-
pfung desselben (Phthisis bulbi). Auch ohne Perforation wird nicht selten,
besonders bei infectiösen Processen, eine Entzündung der Iris eingeleitet, die sich
durch Trübung derselben, Verwachsungen ihres Piandes mit der vordem Linsen-
kapsel (hintere Synechien) oder gleichzeitig auch durch Ansammlung von Eiter
in der vordem Kammer (Hypopyon) manifestirt.
Je jünger und kräftiger ein Individuum ist, desto rascher und vollständiger
heilen die Homhautprocesse, da die Reactions- und Widerstandsfähigkeit der Ge-
webe gerade bei der gefässlosen Hornhaut von grösster Wichtigkeit ist; desshafl
ist auch eine gefässhaltige pannöse Hornhaut trotz der Functionsstorang viel
widerstandsfähiger gegen Inf'ectionen. weil sie intensiver ernährt ist und weil die
Xähe der Capillaren die Pieaction dagegen beschleunigt.
Von den durch Conjunctivaler krank ungen veranlasste!
Hornhaut affectionen war eigentlich schon bei ersteren die Bede.
Es sind theils Bandgeschwüre an der Stelle, wo der Arcus senilis
aufzutreten pflegt, theils traumatische Epithel- undSubstanz-
ver laste in der Lidspaltenzone, die sich inficiren. Bei acuter
Affection droht proportional der Heftigkeit die Gefahr der Ausbreitung
und Zerstörung, bei chronischer kommt es eher durch häufige Wieder-
holung zu mehr oder weniger ausgedehnten Trübungen, womit Gefäss-
entwicklung (Pannus) verbunden sein oder fehlen kann.
Die Behandlung ist in erster Linie eine prophylactische, indem
man auf das Sorgfältigste jede mögliche Epithelverletzung vermeidet.
Bei oberflächlichen Geschwüren fahren, wenn der Conjunctivalprocesi
ein chronischer und wenig infectiöser ist, also beim Conjunctivalcatarrh
und hei den Hornhautaffectionen im spätem Verlauf der Follicular-
blennorrhoe. warme Uebersehläge oder Cataplasmen am raschesten zur
Heilung. Die Behandlung der Conjunctivalkrankheit muss einstweilen aus-
zt werden. Droht Perforation der Hornhaut, so ist Eserin — nur
bei centralen Geschwüren A tropin! — (2—3 mal täglich ein Tropfen
einer o o Lösung) anzuwenden; ist sie eingetreten, so muss bis
Eczem. 147
zur Verheilung ein täglich zu wechselnder antiseptischer Druckverband
angelegt werden.
Bei acut infectiösen Conjunctivalprocessen hat man womöglich die
Behandlung der Bindehaut fortzusetzen, doch vermeide man eine Schorf-
bildung, da ein solcher wie ein Fremdkörper wirkt und häufig Ver-
schlimmerung herbeiführt. Feuchte Wärme und Verband sind selten
anwendbar, weil dadurch zugleich die Intensität der Infection gesteigert
wird, und so muss man sich dann meist auf täglich mehrmaliges Ein-
träufeln von Eserin und häufiges sorgfältiges Ausspülen des Conjunctival-
sackes mit milden antiseptischen Lösungen von Bor- oder Salieylsäure
beschränken. Wo wegen der Conjunctivalkrankheit Kälte anzuwenden
wäre, muss dies fortgesetzt werden. Von der Behandlung der Folge-
rostände wird später noch besonders die Bede sein.
Die nicht traumatischen Oberflächenerkrankungen der Hornhaut
sind exanthematischer Natur. Obschon anatomisch von einer Conjunc-
tiva corneae nicht eigentlich die Rede sein kann, so besteht doch
klinisch eine völlige Analogie mit den entsprechenden Conjunetival-
atfectionen ; es ist desshalb auch empfehlenswerth, die analoge Nomen-
clatur durchzuführen. Häufig besteht gleichzeitig die nämliche Er-
krankung auf Bindehaut und Hornhaut, aber die Hornhautaffection be-
herrscht die Situation.
Bei weitem die häufigste und wichtigste exanthematische Erkrankung
der Hornhaut ist das Eczem derselben, auch Keratitis phlyctaenulosa,
von St eil wag fälschlich Herpes corneae genannt. Dasselbe ist vor-
wiegend Kinderkrankheit. Von der ersten Dentition an nimmt die
Häufigkeit sehr rasch zu. während es vorher sehr selten ist, um gegen
die Pubertät hin wieder weniger häufig zu werden. Doch kommt es
auch noch in den zwanziger Jahren vor, gelegentlich sogar in sehr
schweren Formen. Von den dreissiger Jahren an wird es nur wenig
mehr angetroffen. Viele Kranke, aber bei Weitem nicht alle, zeigen
Zeichen von Scrophulose, Drüsenschwellungen, anderweitige Eczem-
eruptionen im Gesichte, unförmliche Anschwellung von Xase und Oberlippe
in Folge von Eczem der Nasenschleimhaut u. s. w. Andere Patienten
sind sehr zart, mit feiner Haut, ohne übrigens krank zu sein, andere
sind bis auf das Augenleiden kerngesund und kräftig.
Die einzelne Eruption beginnt als rundliches graues Infiltrat, punkt-
förmig bis zu einigen Millimetern Durchmesser, über dem die Epithel-
decke etwas erhoben ist, sich aber sehr bald abstösst, worauf ein
infiltrirter Substanz verlust, ein eczematöses Geschwür übrig bleibt.
Zur Bildung einer eigentlichen Pustel kommt es dabei so wenig, wie
10*
148 "VI. Erkrankungen der Hornhaut.
auf der Conjunctivae Diese eczematösen Geschwüre können einzeln und
mehrfach auftreten; immer besteht gleichzeitig mehr oder weniger
intensive blauröthliche pericorneale Injection des subconjunctivalen Ge-
webes, sogenannte Ciliar injection, die sich nur bei Randphlyctaenen
auf die Nachbarschaft des ergriffenen Bezirks beschränkt, in den andern
Fällen die ganze Cornea umgibt. Die Randphlyctaenen sind meist
zahlreich und klein, die mehr central gelegenen mehr vereinzelt und
grösser, doch kommt auch das umgekehrte Verhältniss vor. Nicht
selten sind gleichzeitig noch alte Hornhautflecken von früheren Eruptionen
her vorhanden. Gifford und Burchardt haben aus Hornhaut-
phlyctaenen Coccen gezüchtet.
Die subjectiven Symptome können sehr unbedeutend und sehr heftig
sein. Schmerzen, Thränen und Lichtscheu können in verschiedenem
Grade vorhanden sein und fehlen, ohne dass dies \ r om Umfange der
Hornhautaffectionen abhängig wäre. Sehr oft überwiegt die Lichtscheu.
Die erkrankten Kinder schliessen krampfhaft die Lider, suchen die
dunkelsten Winkel auf, liegen fortwährend auf dem Gesicht und drücken
die Hände vor die Augen, alles Momente, wodurch der Ausbreitung
des Eczems auf Conjunctiva und Gesicht Vorschub geleistet wird. Zu-
weilen ist die krampfhafte Contractu!* des Musculus orbicularis palpe-
brarum- so gross, dass die Lider sich von selbst oder bei dem Versuch,
sie zu öffnen, umkrempen und nur mühsam und, wenn der Zustand
einige Tage gedauert hatte und die blossliegende Conjunctiva infiltrirt,
oedematös und in eitrige Secretion gerathen ist, fast gar nicht mehr
reponirt werden können.
Iwanoff hat gezeigt, dass es sich bei einer einzelnen Phlyctaene
um zellige Infiltration um ein feines Nervenstämmchen unmittelbar
unter der Bowman'schen Membran handelte. Hierdurch findet die oft
so heftige Lichtscheu mit Orbiculariskrampf als Reflexwirkung ihre
Erklärung. Da die Lichtscheu aber auch von Anfang an fehlen kann,
so ist es wahrscheinlich, dass die Infiltrate auch an andern Orten vor-
kommen können. Das vordere Epithel ist an der betreffenden Stelle
von Rundzellen durchsetzt und abgehoben. Bildet sich das -Geschwür,
so wird entweder nur das Epithel abgestossen, worauf baldige Heilung
eintritt, oder es wird auch die Bowman'sche Membran zerstört, und
diese regenerirt sich nur langsam und unvollständig. Bei der Heilung
resultirt dann zunächst ein mehr oder weniger ausgedehnter und ge-
sättigter Fleck, der sich später grösstenteils wieder aufhellt, um so
leichter, je weniger tiefgehend die Erkrankung und je jünger das Indi-
viduum ist.
Eczem. 149
Therapeutisch ist im Beginne das unzweckmäfsige Verhalten des
Patienten energisch zu bekämpfen. Er darf nicht im Dunkeln bleiben,
nicht das Auge berühren und soll im Bett auf dem Kücken liegen,
■was unter Umständen zu erzwingen ist. Sehr zweckmäfsig gegen die
Lichtscheu ist das Tauchen des ganzen Gesichtes. 15 bis 20 Secunden
lang, in ein grosses Waschbecken voll Wasser von Zimmertemperatur,
worauf mit einem trockenen Handtuch das Gesicht energisch abgerieben
wird. Diese Procedur kann G bis 8 mal täglich wiederholt werden;
meist werden schon nach dem erstenmale die Augen spontan ge-
öffnet. Zur Milderung der Schmerzen und der Empfindlichkeit ist es
gut, einige Tropfen Atropinlösung einzuträufeln, bis die Pupille gut
erweitert ist ; warme Umschläge von Kamillenthee, etwa dreimal täglich
je eine Stunde lang und fleissig zu wechseln, oder Cataplasmen, so
heiss sie vertragen werden, befördern bedeutend die Separation der
Geschwüre. Ausserdem sorgt man für frische Luft, regelmässige Er-
nährung und behandelt sorgfältig ein gleichzeitig bestehendes Eczem
der Nasenschleimhaiit, das sonst die Quelle endloser Recidive abgeben
kann. Die Wirkung einer antiscrophulösen Behandlung, die häufig zu
gleicher Zeit indicirt ist, ist zu fernliegend, um auf eine bestehende
Hornhautaffection einen directen Einrluss auszuüben.
In den meisten Fällen kommt man mit der angegebenen Behand-
lung zum Ziel; in andern aber, namentlich wenn zur gleichen Zeit ein
heftiger eczematöser Conjunctivalcatarrh besteht, inficiren sich die Ge-
schwüre, ihr Rand wird gelblich, die graue Infiltration in der Nachbar-
schaft vergrössert sich (Hoftrübung), kurz sie werden progressiv.
Entweder breiten sie sich vorwiegend in die Fläche oder vorwiegend
in die Tiefe aus. In ersteren Fällen sind nicht selten Randgeschwüre
der Ausgangspunkt, und es kann sich der grösste Theil der Hornhaut
hierbei trüben, während die eitrige gelbe Infiltration des Geschwürs-
randes sich gleichfalls ausbreitet. Die Hornhautoberfläche ist dann
nicht mehr glatt und glänzend, sondern matt und wie gestichelt wegen
Unregelmässigkeiten im vordem Epithel Nicht selten betheiligt sich
dabei auch die Iris unter Bildung von hinteren Synechien und von
Hypopyum, das bei Kindern übrigens sehr rasch auftritt und wieder
verschwindet. Die zellige Infiltration kann hierbei vorwiegend unter
Epithel und Bowman'scher Membran liegen, während das Geschwür
von dem sie ausging, relativ klein blieb. Diese schweren eczematösen
Erkrankungen sind sehr gefährlich; die Hornhaut kann in mehr oder
weniger grosser Ausdehnung zu Grunde gehen mit nachfolgender Leucom-
und Staphylombildung, mindestens bleiben ausgedehnte Hornhauttrü-
150 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
bangen zurück. Warme Umschläge genügen hier meistens nicht. Die
Behandlung besteht in der Einträufelung von Eserin und in der Appli-
cation eines sorgfältigen antiseptischen Schnürverbandes, der
täglich zu wechseln ist und wodurch es nicht selten gelingt, eine schwer
bedrohte Hornhaut zu retten. Ist eine Stelle des Geschwüres sehr
tief und droht Perforation, so ist die künstliche Eröffnung des Geschwürs!
grundes mit einer Paracentesenadel oder mit einem Graefe 'sehen
Staarmesser von Nutzen, wobei aber Linsenverletzung und zu rascher
Abfluss des Kammerwassers (der zudem sehr schmerzhaft ist) zu ver-
meiden sind. Als Nachbehandlung wird Eserin und antiseptischer Ver-
band bis zur Heilung angewandt, die nach der künstlichen Perforation
meist bald erreicht wird. Das Hypopyum an sich erfordert bei Kindern
keine besondere Behandlung.
Ueberwiegt beim eczematösen Geschwüre das Fortschreiten in die
Tiefe, so haben wir ein sogenanntes trichterförmiges Geschwür.
Es kommt zu Keratocele und Perforation, mit welch letzterer gewöhn-
lich die Heilung sich einzuleiten pflegt. Sie kann künstlich herbei-
geführt werden, wenn sich der Process ohne Besserung zu sehr in die
Länge zieht. Auch hier besteht die Behandlung in Eserin und Verband.
Kommt es bei peripher gelegenen Geschwüren zu Irisprolaps, so setzt
man zunächst die gleiche Behandlung fort. Vergrössert sich derselbe
aber, so kann man ihn zur Schrumpfung bringen, wenn man ihn mit
dem Galvanocauter oder mit einem spitzen Höllensteinstift betupft (mit
sofortiger Neutralisation durch Kochsalzlösung). Meist ist es besser,
ihn mit einem Graefe'schen oder B e e r 'sehen Staarmesser zu spalten
oder mit demselben nach oben oder unten einen kleinen Lappen zu
bilden und ihn mit der Scheere abzuschneiden. Eventuell ist dieses
zu wiederholen, im Uebrigen fährt man mit Eserin und Verband bis
zur Heilung fort.
Bei längerem Bestehen eczematöser Geschwüre kommt es fast
immer zu Gefässentwicklung (Pannus). Waren zahlreiche kleine Rand-
phlyctaenen vorhanden, so zeigt dies noch lange nachher der Rand-
pannus der betreffenden Stelle an, lauter kleine Gefässchen, die sich
gleichweit in die Hornhaut hineinerstrecken, selten aber weiter als
2 Millimeter. Aehnliches sieht man bei älteren Leuten nach häutig
reeidivirenden sogenannten catarrhalischen Randgeschwüren. Aber auch
zu central gelegenen Geschwüren bilden sich oft Gefässe, und nach
öfteren Recidiven findet man die ganze Hornhautoberfläche von zahl-
reichen Gefässen überzogen : Pannus eczematosus (oder s c r o p h u -
losus). Fast immer ist dann auch die Hornhaut in grösserem Um-
Büschelförmige Keratitis. 151
fange getrübt, zuweilen aber hat sie sich während des Bestehens der
Gelasse soweit aufgehellt, dass man im durchfallenden Licht den
.schwarzen Gefässbaum auf rothem Grunde zu sehen bekommt. Aehn-
liches kommt gelegentlich auch bei Pannus aus anderen Ursachen,
z. B. nach Follicularblennorrhoe oder nach parenchymatösen Hornhaut-
erkrankungen vor.
Bei den eczematösen Hornhauterkrankungen sind Eecidive ausser-
ordentlich häufig, namentlich wenn gleichzeitig noch Eczem der Nasen-
schleimhaut oder im Gesicht besteht. Diese Affectionen sind desshalb
sehr sorgfältig zu behandeln, auch dann noch, wenn die Hornhaut-
erkrankung zur Heilung gebracht worden ist. Ebenso begünstigt das
Weiterbestehen von eczematösem Catarrh das Auftreten von Hornhaut-
recidiven und ist desshalb gleichfalls sorgfältig auszubehandeln. Nicht
selten werden eczematöse Hornhautaffectionen und zwar gerade recht
schwere Formen als Nachkrankheit von Scharlach und besonders von
Masern beobachtet; auch in der Reconvalescenz nach schweren Krank-
heiten oder Wochenbetten kommen sie gerne vor.
Das Endresultat eczematöser Hornhauterkrankungen ist je nach
dem Grad und der Ausdehnung derselben eine Trübung, ein Flecken,
Leucom, Pannus, Leucoma adhaerens, partielles oder totales Staphylom,
von deren Behandlung später noch die Rede sein wird.
Die Differentialdiagnose stützt sich darauf, dass das Eczem bei
weitem die häufigste Hornhauterkrankung im kindlichen Alter ist, ferner
auf das Vorhandensein noch anderer Eczemeruptionen auf der Gesichts-
haut, Nasenschleimhaut und Conjunctiva und auf die rundliche Form der
einzelnen Infiltrate und Geschwüre, die zwar mehrfach vorhanden sein
können, niemals aber, wie bei Herpes, zusammengehörige Gruppen bilden.
Eine besondere Form eczematöser Hornhauterkrankung ist die so-
genannte büschelförmige Keratitis (Keratitis fascicularis) : Zu
einem grösseren Randgeschwür hin hat Gefässentwicklung stattgefunden.
Anstatt aber, dass jetzt desselbe zur Heilung neigt, bleibt der centrale
Geschwürsrand prominent und infiltrirt und wandert gegen das Horn-
hautcentrum, indem er ein Bündel parallel laufender Gefässe nach-
zieht. Im Bereiche der Gefässe ist die B o w m a n ' sehe Membran
zerstört; dieselben liegen in einer mit Rundzellengewebe ausgefüllten
Hornhautrinne und pflegen sich mit der Vernarbimg desselben zurück-
zubilden, wonach eine characteristische Trübung zurückbleibt, die am
Kopfe der büschelförmigen Keratitis am dichtesten ist. Unterdessen
kann aber das Geschwür bis zum Hornhautcentrum und darüber ge-
wandert sein und schwere Sehstörung veranlassen. Zuweilen wird beim
152 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Erreichen der Hornhautmitte ein winkliges Umbiegen in der Fort-
pflanzungsrichtimg beobachtet. Häufig ist die Affection auf beiden
Augen gleichzeitig oder nach einander, sehr selten gleichzeitig mehr-
fach auf einem Auge allein vorhanden.
Man hat alle Ursache, das Fortschreiten dieser Affection so früh-
zeitig als möglich aufzuhalten. Nur wenn zufällig gerade der Kopf
die Hornhautmitte erreicht hat, ist es zweckmäfsig, ihn etwas weiter
wandern zu lassen, da sonst gerade an der für das Sehen wichtigsten
Hornhautstelle die intensivste Trübung zurückbleibt. Geräth der Process
nicht durch täglich einmalige Application einer starken gelben Salbe
(0,3 gelbes Quecksilberoxvd auf 10,0 Vaselin) in Stillstand, so ätzt
man am besten den progressiven Kand bei guter Fixation des Auges
möglichst umschrieben mit einem spitzen Höllensteinstift und
neutralisirt sofort mit Salzwasser oder zerstört ihn mit dem Galvano-
cauter; darnach lässt man ein paar Stunden kalte Umschläge machen.
Eventuell darf man die Procedur nach einigen Tagen wiederholen. Das
Durchschneiden der Gefässe am Eintritt in die Cornea, das meist wieder-
holt werden muss, führt nicht so sicher zum Zieh
A^on andern Exanthemen kommen die beiden Herpesformen auf
der Cornea vor. Der gewöhnliche Herpes, auch Herpes febrilis
genannt, ist nicht gerade selten. Meist nach einem leichten Unwohl-
sein, Husten, Schnupfen, im Verlaufe einer Pneumonie, oft aber
auch ohne eine solche Veranlassung, kommt es mit oder ohne gleich-
zeitige Herpeseruption an andern Orten, Nase, Oberlippe, Augenlider
u. s. w. unter stechenden Schmerzen und Gefühl von Fremdkörper im
Auge zum Auftreten einer Gruppe von wasserhellen Bläschen auf der
Hornhaut. Characteristisch ist deren eigenthümliche Gruppirung in
Keinen und häufig mit Verzweigungen. Dies tritt noch mehr hervor,
wenn die Bläschen, was sehr bald geschieht, platzen und durch
Confluiren nicht zu verkennende lineare Epithelverluste bilden, die
durch zahlreiche Ausbuchtungen ihre Entstehung aus einzelnen
Bläschen documentiren. Nur mit gewissen traumatischen Epithelab-
schürfungen ist eine Verwechslung möglich, vor der aber die Anamnese
schützt. Ciliarinjection kann last völlig fehlen, oder in erheblichem
Grade vorhanden sein; die Pupille ist verengert. In sehr günstigen
Fällen kann mit Atropin und Verband in einigen Tagen Heilung ein-
treten; meist kommt es zu mehr oder weniger erheblicher Infiltration
des biossliegenden Cornealgewebes und zur Geschwürsbildung. Häufig
ist dabei die Empfindlichkeit der Hornhaut herabgesetzt, Die Heilung
wird dann sehr hinausgezogen und kann Wochen und Monate in Anspruch
Herpes. 153
nehmen, besonders wenn sich die Geschwürsränder eitrig infiltriren und
gleichzeitig die Betheiiigimg der Iris sich durch Verwachsungen mit
der Linsenkapsel und Hypopyum documentirt. Zu wirklich progressiven
Processen und zu Perforation der Hornhaut kommt es jedoch bei ein-
fachem Herpes nur sehr selten, auch wenn sich die Heilung sehr in die
Länge zieht. Immer bleibt darnach eine dichte Hornhauttrübung zurück,
die eventuell bedeutende Sehstörung veranlassen kann, liecidive auf
dem gleichen Auge, selbst mehrfache wurden beobachtet; das Auftreten
gleich von Anfang an doppelseitig oder nach einander auf beiden Augen
ist sehr selten.
Die Behandlung besteht in der Anwendung von Atropin, nur dann,
wenn Perforation drohen sollte, von Eserin ; sodann in der abwechselnden
Application eines guten Schlussverbandes und von Umschlägen mit
warmen Bor- oder Salicylsäurelösungen. Bald wird das Eine, bald das
Andere besser vertragen. Jedenfalls thut man gut, den Patienten auf
die möglicherweise lange Dauer des Processes aufmerksam zu machen.
Wenn Herpes zoster des ersten Astes des Trigeminus mit
Eruptionen auf der Hornhaut sich combinirt, so stellt dies eine viel
schwerere Erkrankung dar, als die eben besprochene. Der Beginn ist
ähnlich, doch kommt es fast ausnahmslos zu sehr umfangreichem
Infiltrate des Substanzverlustes und seiner Nachbarschaft. Die Anfangs
noch gesonderten Geschwüre confluiren, erhalten einen gelben, infiltrirten.
progressiven Band und vergrössern sich zu ganz unregelmäfsigen Sub-
stanzverlusten auf der . noch weithin infiltrirten Hornhaut , die dann
nichts mehr für Herpes Characteristisches darbieten. Diese progressive
Eiterung in die Fläche und Tiefe nimmt häufig ihren Ausgang in mehr
oder weniger umfangreiche Perforation, mit ihren Folgen. Bald schon
zeigen hintere Synechien und Hypopyum die Betheiligung der Iris an;
das Auge ist weich, die Hornhaut gefühllos. Selbstverständlich
besteht der Hornhautaffection entsprechend bedeutende Ciliarinjection,
zuweilen auch starke Hyperaemie und Oedem der übrigen Conjunctiva
bulbi. Die neuralgischen Schmerzen sind in Stärke und Dauer die
gleichen, wie bei Herpes zoster ohne Hornhautaffection und können den
Patienten zur Verzweiflung bringen. Lediglich dadurch und durch
einen schleppenderen Verlauf, der sich auf viele Wochen ausdehnen kann,
unterscheidet sich der Herpes zoster der Hornhaut von einer andern
Krankheit derselben, welche wir später als neuroparalytische Keratitis
kennen lernen werden.
Die Behandlung besteht in der Anwendung von Morphium-
injectionen in die Schläfe, so oft diese nöthig erscheinen, und in der Anwen-
151 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
dung warmer antiseptischer Umschläge oder von Jodoformeinstäubungei
oder eines antiseptischen Verbandes, der leider häufig recht schlecht ver-
tragen wird. Droht Perforation, so ist Bserin einzuträufeln, im Uebriged
fortzufahren. I)i<" Beilung kann in jedem Stadium eintreten, und die
Behandlung der Folgezustände ist die gleiche, wie nach andern Hornl
hauterkrank ungen.
Auch bei Variola kann die Hornhaut betheiligt werden, und zwar
geschiehl dies in einem zwar wechselnden, aber ziemlich bedeutenden
Procentsatz der Erkrankungen. In Ländern, wo die Blattern herrschen
liefern sie ein sein- bedeutendes Contingent zu den Erblindungen. Xaeli
Borner beginnt die A.ffection als Conjunctivalpustel am HornhautrandJ
in deren Nachbarschaft sich sehr rasch die Hornhaut inriltrirt. Das
ursprüngliche Conjunctivalgeschwür breitet sieh aui die Eornhaui aus]
bekommt dort einen gelben, eitrigen progressiven Rand und kann die
ganze Bornhaut zerstören, worauf es zu totalem [risprolaps und weiterhin
entweder zu Staphylombildung oder zu Phthisis bulbi kommt. Das
Bornhautgeschwtir kann auch wesentlich nur in die Tiefe sieh aus-
breiten, wonach Perforation und nur umschriebener Irisvorfall eintritt,
der heilen kann, ohne d;iss nothwendig das Lüge zu Grunde geht.
Findet keine Perforation statt und hört das Portschreiten des Proc
auf, so findet man nach der Beilung eine characteristische sichelförmig^
Hornhauttrübung.
Die Behandlung muss sich auf öfteres Auswaschen des Conjune^
tivalsackes mit milden antiseptischen Lösungen beschränken, wobei Vor-
sicht anzuwenden ist, um nicht das Walzen der verdünnten geschwungen
Bornhaut ZU veranlassen. Ausserdem läSSt man zwei- bis dreimal täglich
einen Tropfen Eserinlösung einträufeln. Umschläge und Verband I
sich wegen der Blatterneruption auf den Lidern nicht anwenden.
Als Keratitis aenosa sind verschiedentlich Hornhautaffectionen bezeichnet
worden, <li<- bei Acne im Gesichl auftraten and besondere Eigentümlichkeiten zu
zeigen schienen. So entsinne ich mich einer Patientin in den dreissiger Jahren«
wo im Laufe vieler Jahre ab und zu rundliche Infiltrate in derHornhaul auftraten,
die sich allmählich zurückbildeten und eine Trübung zurückliessen, ohne das
zu einer Geschwürsbildung gekommen wäre. Allmählich war die ganze Hornhaut
beiderseits vollständig von Trübungen bedeckt, zu denen theilweise Gefässe zogen,
wobei eine sehr merkliche Abflach un^ zu constatiren war; jede Behandlung erwiet
sich auf die Dauer als erfolglos. Wahrend der ganzen Dauer der Hornhaut-
erkrankung traten ab und zu ausgedehnte Acneeruptiomn im Gesichl auf. Von
andern Autoren werden hiervon gänzlich verschiedene Hornhautaffectionen als aenöse
Keratitis bezeichnet, so dass man bis aui' Weiteres von der Aufstellung einer
Keratitis aenosa als besonderer Erkrankungsform absehen muss. Ebenso verhält es
sich mit dm- Aufstellung einer Keratitis lupo
Verletzungen. |;V)
Verwundungen und Verletzungen der Hornhaut sind ein sehr
häufiges Vorkommniss. Epithelverluste pflegen je nach der Aus-
lehnung in 24 Stunden oder längstens in einigen Tagen unter einfachem
nde sich vom Kande aus zu überhäuten. Sollte stärkere Ciliar-
bjection bestehen oder Empfindlichkeit vorhanden seid, so kann man
fclocain oder Atropin geben. Ist der Verlauf ganz rein, so tritt an 'lern
pcharfen oft zackigen Epithelverlust eine eben nur mit seitlicher Be-
leuchtung sichtbare Trübung auf, die nach vollendeter Heilung spurlos
ii windet.
Besteht ein wirklicher Substanzverlust der Hornhaut, oder eine
tiefere, gerissene oder Lappenwunde, so ist naturlich die Heilungsdauer
. Das offen liegende Hornhautgewebe trübt sich durch l.'uud-
Jelleneinwanderung (Wundkeratitis), und diese graue Trübung erstreckt
sich auch noch ober die Nachbarschaft des Substanzverlustes in ver-
Ichieden grosser Ausdehnung. Bei zweckentsprechender Behandlung
sieht man von Tag zu Tag den scharf abgegrenzten Band des Epithels
weiter vorrucken, womit, der Umfang dev Trübung abnimmt. Schliess-
lich ist der ganze Substanzverlust epithelüberdeckt, aber noch vertiert
bte), und die Ausgleichung der Niveaudifferenz pflegt noch längere
Zeit, in Anspruch zu nehmen. Die Trübung kann grösstenteils wieder
-winden, bei irgend wie erheblicheren Substanzverlusten bleibt
aher eine Macula zurück. Während des ganzen Verlaufes besteht
Ciliarinjection und enge Pupille, doch kommt es nicht zur Betheiligung
der Iris an der Entzündung.
Die Behandlung besteht in einem antiseptischen Schlussverband,
täglich gewechselt und bis zur vollständigen Qeberdeckung des
jSubstanzverlustes mit Epithel werden muss. Atropin kann
lach Bedürfnis ungewandt werden. Bei frischen Fällen wirken Jodo-
formeinstäubungen sehr günstig.
Bei perforirenden Wunden fliessl das Kammerwasser ab, und
gewöhnlich liegt die Iris In mehr oder weniger grosser Ausdehnung in
der Wunde, mit di hon nach wenigen Stunden verklebt ist. [«i
nicht der Fall, so können glatte Schnittwunden schon nach wenigen
Minuten wieder so fest zusammenhalten, dass rieh die Kammer her-
stellt. Nach einigen Stunden tritt eine Leichte graue Trübung der
Schnittränder ein, die sich nach einigen Tagen wieder verliert; es bleibt
nher eine sichtbare Lineare Narbe zurück. Vorsichtigerweise wird man
einige Tage einen Verband trügen lassen, um Wiederaufgehen der
vordem Kammer thunlichst zu vermeiden.
156 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Liegt die unverletzte Iris in der Wunde und kommt man ganz
frisch dazu, so gelingt es zuweilen, nach Einträuflung einiger Tropfen
Kserin und sorgfältiger Desinfeetion des CoDJunctivalsackes und der
vorliegenden Iris, letztere mit einem Spatel oder einer Sonde wieder
zu reponiren und unter Anwendung- von Kserin und Schlussverbal
völlige Heilung zu erzielen. Sobald aber die Verletzung- einige Stunden
alt ist, bleibt nichts übrig, als die vorliegende Iris, aber unter Verl
m ei d u n g j e d e n Z u g e s d a r a n und b ei so r g f ä 1 tiger Fixation
Bulbus, mit einer feinen Seheere abzukappen: daraufwendet man
Kserin und antiseptisdien Schlussverband bis zur Heilung an. die unter
Bildung einer mit der Iris adhaerirenden Hornhautuarbe vor sieh geht.
die Iris nur in der Hornhautwunde und ist nicht prolabirt, so
braucht man dieselbe nur dann abzuschneiden, wenn ein nachträglich
sich bildender Irisvorfall eintritt.
Quetschung der Hornhaut kann rein oder mit Wunden derselben
complicirt vorkommen. In beiden Fällen kommt es zu ausgedehnten
wolkigen Hornhauttrübungen, die sehr hartnäckig sind und sich zuweilen
erst nach Monaten vollständig oder auch nur theilweise wieder aufhellen.
l>t die Hornhaut noch genügend durchsichtig, so hat man im durch-
fallenden Lichte den Kindruck, als ob die Hornhaut leicht gefältelt
wäre. Da aber an deren Oberfläche, abgesehen vielleicht- von etwas
unregelmäfsigem Epithel, nichts Derartiges zu sehen ist. so handelt es
sich lediglich um Hohlräume im Hornhautgewebe, die mit Flüssigkeit
gefüllt sind (vergl. die sog. Streifenkeratitis nach der Staaroperation.
besser streifenförmiges Quetschungsoedem genannt). Der Augendruck
ist fast immer vermindert, und nicht selten ist die Empfindlichkeit der
Hornhaut längere Zeit herabgesetzt. Ein gequetschtes Auge kann
wochenlang etwas injicirt sein und bei der geringsten Anstrengung roth
werden und thränen. welcher Zustand sich dann nur sehr allmählich
verliert. Atropin und Schlussverband sind die anzuwendenden Mittel:
auf die Hornhauttrübung können wir nur sehr wenig einwirken.
War gleichzeitig mit der Quetschung auch ein Epithel- oder Sub-
stanzverlust der Hornhaut verbunden, so pflegt im Allgemeinen die
leration sich bedeutend zu verzögern. Durch Immigration aus
dem Conjunctivalsack können seamdäre Infiltrationen der Hornhaut ein-
treten, die meist in concentrischer Form sich um den Epithelverlust
gruppiren. Auch diese Arfeetionen sind äusserst hartnäckig. Indicirt
<iud Atropin und antiseptischer Schlussverband bis zur Ueberhäutung
- Sabstanzverlustes. Später kann man zu warmen Ueberschlägen.
ncch später zu gelber Quecksilberoxydsalbe (0,15:10,0 Vaselin) oder
Verletzungen. \~~ {
zu Calomeleinstäubungen übergehen, wenn alle Reizerscheinungen ver-
schwunden sind. Die restirende Hornhauttrübung ist sehr hartnäckig:
es kann im weiteren Veilauf wochenlang zu blasiger Erhebung des
Epithels über derselben kommen, theils mit, theils ohne Druckerhöhuncf
im Auge, oder es treten nachträglich Schwielenbildungen und Ver-
kalkungen im Epithel auf, die ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen.
Eine ausgedehntere Hornhautquetschung ist fast ausnahmslos eine schwere
Augenerkrankung von langer Dauer.
In die gleiche Kategorie der Quetschungen mit Epithelverlust ge-
hören auch die so häufigen Fälle, wo ein. kleines Kind der Mutter oder
der Pflegerin, die es trägt, in's Auge greift. Obschon die Quetschung
hier relativ unbedeutend sein muss. da es selten zu Hornhauttrübung
kommt, so zieht sich die Heilung des Epithelverlustes nicht selten ganz
auffallend in die Länge, namentlich dann, wenn die Sache Anfangs für
unbedeutend angesehen und vernachlässigt wurde. Cocain oder Atropin
und Schlussverband sind hier am Platz, die, wenn gleich von vornherein
angewendet, in einigen Tagen die Mehrzahl der Fälle zur Heilung bringen.
Aehnliche Verzögerungen im Heilverlauf beobachtet man durch andere analoge
Verletzungen, die gleichfalls Anfangs nicht gehörig beachtet werden, wenn z. B.
beim Gehen im Walde ein kleiner Zweig in's Auge schlägt. Sehr heftige Schmerzen
können in beiden Fällen das auffälligste Symptom sein, ohne dass sie sich aus dem
Befund genügend erklären lassen. Nicht selten treten Schmerzreeidive mit oder
ohne Veränderung an der verletzten Stelle ein, was sich über Wochen und Monate
erstrecken kann und ausgiebigen Gehrauch von Morphium und local Cocain verlangt.
Aetzungen und Verbrennungen geschehen an der Cornea
mit den gleichen Substanzen , wie an der Conjunctiva , welch' letztere
fast immer in grösserem oder geringerem Grade und Umfange mitergriffen
Die Hornhaut ist dabei in der Ausdehnung der Verletzung von
getrübtem Epithel bedeckt und unempfindlich. Letzteres ist auch
der Fall, wenn die Verbrennung nur ganz oberflächlich ist. wegen der
Zerstörung der Nervenendigungen. Bald stösst sich das abgestorbene
Epithel in Fetzen ab und allmählich auch die necrotisch gewordene
Hornhautsubstanz; die Regeneration findet relativ langsam statt. Je
nach der Tiefe und Ausdehnung der Zerstörung kommt es zu Restitutio
in integrum, wenn nur das Epithel oberflächlich zerstört war. zu Flecken.
Leucom oder, nach mehr oder weniger vollständiger Abstossung der
Hornhaut, zu Irisprolaps, Leucoma adhaerens, Staphylombildung, ge-
legentlich auch, wenn sich die Wunde inficirt, zu eitriger Uvealent-
zündung mit nachfolgender Phthisis bulbi. Combinirt sind diese End-
ausgänge eventuell mit denen in Folge gleichzeitiger Zerstörung der
Conjunctiva, also mit Symblepharonbildung in verschiedenster Aus-
158 VI Erkrankungen der Hornhaut.
dehnung. iwer. oft geradezu unmöglich, gleiei
Anfang an die richtige Prognose zu stellen. Manchmal heilt eine an-
hwere Verbrennung in wenigen Tagen: ein andermal ruh
eine scheinbar leichte zu Zerstörung der Hornhaut. Man thut desshalb
gut. sich in den ersten Tagen vorsichtig auszusprechen. Gerade
den so häufigen Kalk Verbrennungen kann man sich nach beiden Richtungen
sehr leicht täuschen. Zeigt sich die Hornhaut nach Abstossung
Epithels nur wie angehaucht, ist ihre Empfindlichkeit nicht ganz v<
lore die Prognose günstig zu stellen: es wird sich der norm
Zustand oder nur eine leichte Trübung herausbilden. Je gesättigter
die Trübung ist. um so tiefer geht im Allgemeinen die Zerstörung und
um so zweifelhafter ist der Ausgang.
Die Schmerzen und die sichtbare entzündliche Reaetion ist 2
wohnlich unmittelbar nach der Verbrennung relativ unbedeutend. Ei
nach einiger Zeit -teilt sich Thränen. Ciliarinjeetion u. s. w. ein und
treten Schmerzen auf, die gerade bei schwerer Hornhautzerstörung sehr
ing sein können.
Diebeste Behandlung besteht nach Reinigung des Conjunctivae aekes
und Entfernung allenfalls noch in demselben freiliegender Fremdkörper.
Mörtel- oder Metallstückchen u. s. w.. gleich von Anfang an in warmen
Ueberschlägen. Man nimmt dazu entweder Chamillen oder Cataplas-
men. am besten aber eine warme antiseptische Lösung (z. B. ".
Salicylsäurelösung oder 3 ° ige Borsäurelösung zu gleichen Theilen mit
| . die continuirlich bis zur Heilung anzuwenden ist.
Bei heftigen Schmerzen gibt man einige Tropfen Cocain, bei drohender
Perforation Eserin. beides nur nach Bedürfniss. Einfache Epithel-
regeneration über der Hornhaut nimmt etwa 14 Tage in Anspruch.
bald mehr, bald weniger. Bei tieferer Zerstörung der Hornhaut ist
immer eine mehrwöchentliche Behandlungsdauer in Aussicht zu stellen.
In Folge von häufig sich wiederholenden und auf die Lidspalten-
zone der Hornhaut einwirkenden Schädlichkeiten tritt eine eigenthümliche
Affection auf. das Hinüberwachsen einer Bindehautfalte auf die Cornea,
sogenannte Flügel feil oder Pteryginm.
Dasselbe beginnt als dreieckige Conjunctivalfalte am innern oder
äussern Hornhautrand, die sich vergrössert. wobei ihre Spitze gegen
den Hornhautmittelpunkt vorrückt. Dieses U'achsthum geht übrigens
sehr langsam, und es dauert mehrere Jahre, bis das Pupillargebiet
erreicht ist und damit eine Sehstörung eintritt. Häufig findet man. als
Folge der Einwirkung der gleichen Schädlichkeiten auf das Lidspalten-
Pterygium. 159
gebiet der Bindehaut, eine mehr oder weniger entwickelte Pinguecula
(Seite 131).
Wir haben uns vorzustellen, dass zuerst ein kleines Hornhautgeschwür am
Rande auftritt, einige Zeit besteht und dass der Geschwürsgrund bei der Heilung
mit der benachbarten Conjunctiva verwächst und eine kleine Falte derselben
herüberzieht. In der kleinen Rinne zwischen diesem Kopfe des Pterygium's und der
anliegenden normalen Hornhaut setzen sich nun leicht Staubpartikelchen oder
andere kleine Fremdkörper fest und bedingen kleine Geschwürchen, bei deren Ver-
narbung die Conjunctiva wieder etwas weiter auf die Hornhaut herübergezogen
wird. Dies sind die ab und zu auftretenden entzündlichen Exacerbationen, bei
denen man häufig an der Spitze des Pterygiums ein kleines Geschwür oder ein
kleines Infiltrat nachweisen kann. Subjectiv sind, abgesehen von den Exacerbationen,
während deren die Symptome einer catarrhalischen Keratitis, Thränen und stechende
Schmerzen vorhanden sind und, abgesehen von der kleinen Entstellung, keine
Beschwerden vorhanden. Erst beim Vorrücken über das Pupillengebiet tritt
Sehstörung ein.
Das Pterygium ist meist gleichzeitig auf beiden Augen vorhanden,
wenn auch in verschiedenen Entwicklungsphasen. Das am innern Horn-
hautrande pflegt ceteris paribus am meisten vorgeschritten zu sein. Es
verzieht die Karunkel, deren drüsige Elemente auf die Conjunctivalfläche
ausgebreitet erscheinen, gegen die Cornea, so dass bei oberflächlicher
Betrachtung eine Karunkel zu fehlen scheint. In seltenen Fällen ent-
steht eine Pterygium auch an andern Orten der Hornhaut, am häufigsten
wohl noch nach unten.
Von oben und unten her lässt sich eine Sonde leicht unter das
Pterygium bis zu dessen Mittellinie vorschieben (siehe Fig. 24). Das-
selbe bildet darnach zwei
Taschen, da nur in der Aus- // \ \ /
dehnung der Spitze, also 1 // s* — \ y \ Y/ ^\
bis 2 mm weit, Verwachsung c/\^--\ \ \^\Tr^^^ ]
mit der Cornea eintritt und -^PU ) >^rj|^^ /
die übrige Conjunctiva ledig- ^^^_^ \v|\ (\>— ^
lieh aus der Nachbarschaft J \ I \
herbeigezogen ist. Ueber der / \ \
Cornea ist auch an der Unter- '
fläche der Conjunctivalfalte Fig '' 24 ' Fig ' 25>
das Epithel vorhanden und mit dem der Cornea verschmolzen, was sich
leicht aus der Entwicklung des Pterygiums erklärt.
Bei microscopischer Untersuchung besteht das Pterygium aus demselben Ge-
webe, wie die Conjunctiva; stellenweise kann man auch die wirr durcheinander
liegenden Fasern der Pinguecula nachweisen. Durch das Verschieben der zwei
Conjunctivalflächen an einander entsteht in der Mitte eine Art seröser Höhle, die
]<i<» VI. Erkrankungen der Hornhaut.
mit der Neubildu] _ _ lleimbeutel in Analogie zu setzen wäre. <_Me;_ r '-ntlich I
gibt -ie Veranlassung zu Cystenbildung im Ptengium.
Die Therapie besteht in Vermeidung aller Schädlichkeiten, die zur
Gesehwünentwickliiiig auf der Hornhaut Veranlassung geben können.
Da aber die subjectiven Symptome so äusserst gering sind, so wird
man in dieser Beziehung selten viel erreichen. Ist gerade ein Ge-
schwürchen vorhanden, so lässt man ein paar Tage warme Uebersehläge
machen. Kleine Pterygien lässt man unberührt oder exstirpirt sie nur
auf besonderen Wunsch des Patienten mit einem rhomboidalen Stück
Conjunctiva. Bei grossen (siehe Fig. 25 a. v. S.) sucht man die Bindehaut
innerlichst zu erhalten, da bei einer Exstirpation zu viel davon verloren
länge. Man legt den Sperrelevateur ein. fasst den Hals des Pterygiums
mit einer Hakenpincette. präparirt dasselbe mit einem Graefe 'sehen oder
Beer'schen Staai: rgfältig von der Hornhaut ab und lös
noch einige Millimeter weiter. Alsdann spaltet man die Conjunctiva
nach abwärts mit einem Scheerenschnitt an der Basis des Pterygiums
und näht in die hierdurch entstehende Lücke den Kopf desselben ein,
worauf man auch die übrige Conjunctiva vereint. Man kann auch
«las Pterygium in der Mittellinie spalten und je eine Hälfte nach oben
und nach unten vernähen (Knapp); das Princip aller Operationen ist,
iien den Kopf des Pterygiums und die Hornhaut normale Bindehaut
zu verlagern. Macht man zu dem Zwecke Entspannungsschnitt
deren Convexität gegen die Cornea gerichtet sein, da man
sonst die Conjunctiva über der letzteren zusammenziehen würde. Unter
antiseptischem Schlussverband tritt in einigen Tagen Heilung ein. doch
kommen auch bei unmittelbar gutem Erfolg oft Recidive vor.
Fremdkörper auf und in der Hornhaut sind ein sehr häufiges Vor-
kommniss. Entweder sitzen sie locker auf. wie Kohlenstückchen, Sand-
körnchen. Sägemehl. Flügeldeckel von kleinen Inseeten. Samenhülsen
L 3. w.. oder sie sitzen fest, wie z. B. Metallsplitter, die mehr oder
weniger tief in die Hornhaut eindringen, ja in die vordere Kammer
hineinragen können. Sobald der Fremdkörper über die Hornhautfläche
hervorragt und eine rauhe Oberfläche hat. sind die Symptome (Schmerzen,
sich steigernd bei der geringsten Bewegung, Thränen, enge Pupille,
Ciliarinjection) recht heftig, im andern Falle können sie vollkommen
fehlen.
Liegt der Fremdkörper oberflächlich, so entfernt man ihn leicht
mit einer Staarnadel oder mit einem kleinen scharfen Hohlmeisel. nach-
dem man vorher einige Tropfen Cocain eingeträufelt hat. Ein oder
zwei Tage Verband genügen zur Heilung.
Fremdkörper. [ß\
Bei einiger Uebung wird man die Fremdkörper auf der Hornbaut
leicht bei gewöhnlichem Tageslicht erkennen, dunkle am besten, wenn
man sie auf die Iris, durchsichtige, wenn man sie auf die schwarze
Pupille projicirt. Ist der Fremdkörper klein oder durchsichtig (Glas-
splitter), so ist seitliche Beleuchtung nicht zu entbehren, die auch bei
der Entfernung nothwendig sein kann.
Bleibt der Fremdkörper längere Zeit auf der Hornhaut sitzen, so
infiltrirt sich seine Umgebung, und er kann schliesslich durch Eiterung
eliminirt werden ; doch ist dies nicht gerade häufig. Gewöhnlich bleibt
er im Geschwür sitzen, hindert dessen Heilung, ermöglicht dadurch
Infection aus dem Conjunctivalsack und muss schliesslich doch noch
entfernt werden, widrigenfalls Hornhautperforation eintreten kann. Samen-
hülsen sitzen gewöhnlich mit der concaven Seite auf der Hornhaut, und
da ihre convexe Oberfläche glatt ist, so machen sie wenig oder keine
subjectiven Symptome, werden auch gelegentlich für etwas Anderes
gehalten, z. B. für Irisprolaps. Die Infiltration pflegt nicht bedeutend
zu sein, doch erstrecken sich nach einiger Zeit ausnahmslos Gefasse
vom Hornhautrand zum Fremdkörper (umschriebener Randpannus). Der-
artige Fremdkörper können wochen- und monatelang getragen werden:
schliesslich veranlassen sie aber doch Usur der Hornhaut an der be-
treffenden Stelle bis zur Perforation, worauf das ausfliessende Kammer-
wasser die Samenhülse wegspült. Ist das Geschwür schon sehr tief,
so kann schon ein leichter Druck aufs Auge, z. B. bei beabsichtigter
Entfernung des Fremdkörpers, die Perforation veranlassen. Ist dies
geschehen, so ist Eserin und Verband anzuwenden, um Verwachsung
der Iris mit der Hornhaut womöglich zu verhüten.
Eisensplitter fliegen sehr häufig in glühendem Zustande gegen
das Auge, brennen sich in die Hornhaut ein und sind dann von einem
sogenannten Rosthofe — einer durch Eisenoxyd braun gefärbten necro-
tischen Hornhautzone — umgeben. Wenn möglich sollte dieser mit dem
Eisensplitter entfernt werden, was aber nicht immer gelingt, namentlich
nicht bei frischen Fällen. Dieser Rosthof kann eine bleibende rostfarbene
Trübung verursachen, oder sich nach einigen Tagen als kleiner brauner
Ring abstossen. wonach aber ebenfalls eine Macula zurückbleibt.
Sitzt ein Fremdkörper in der Hornhautsubstanz, oder ragt er gar
in die vordere Kammer, so ist <eine Entfernung viel schwieriger.
Namentlich in letzterem Falle sind Extractionsversuche mit Pincetten
oft gefährlich, weil dadurch der Fremdkörper nicht selten in die vordere
Kammer gestosscn wird, von wo seine Entfernung äusserst schwer oder .
gar unmöglich werden kann. Es ist desshalb anzuratheu, den Fremd-
Kni es, Augenheilkunde. \\
162 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Körper — fast immer ein Metallsplitter — mit einem passenden, hinter
denselben gebrachten Instrument herauszuhebein. Nach Einlegung des
Sperrelevatenrs iixirt man den Bulbus und schneidet mit einem Staar-
r soviel von der Hornhautsubstanz neben dem Fremdkörper weg,
bis man hinter denselben gelangen kann, worauf die Entfernung nicht
mehr schwer ist. Ragt der Fremdkörper in die vordere Kammer. ■
verfährt man ähnlich, nachdem man vorher eine krumme Lanze hinter
dem Fremdkörper in die Kammer eingeführt hat. Mittelst dieser lässt
man dann den Fremdkörper durch einen Assistenten gegen die Hornhaut
andrücken. Schwierig wird die Sache, wenn schon vor Einführung der
Lanze das Kammerwasser abgelaufen ist. Zuweilen thut auch jetzt noch
eine spateiförmige Sonde die gleichen Dienste, doch lassen sich all-
gemeine Kegeln nicht angeben. Es gibt übrigens auch Fälle, wo eine
Extraction erst gelingt, nachdem man den Fremdkörper in die vordere
Kammer gestossen hat. Zweckmässig wartet man dann ein paar Minuten,
bis sich die Kammer wieder hergestellt hat, falls dies nach der Art
der Verletzung überhaupt möglich ist.
Falls man momentan nicht in der Lage ist, einen Fremdkörper
ans der Hornhaut entfernen zu können, so lege man einstweilen einen
festen, das Auge immobilisirenden, eventuell antiseptischen Verband an.
unter demselben pflegen sich gewöhnlich die Reizerscheinungen sehr
bedeutend zu vermindern, und man kann oft einen oder mehrere Tage
zuwarten, bis Zeit oder Gelegenheit günstiger geworden ist.
Inficirte Geschwüre haben wir schon bei den blennorrhoischen Con-
junctivalprocessen kennen gelernt, wo sie, je nach der Intensität des
letztern, mehr oder weniger rasch einen grösseren oder geringeren Theil
der Hornhaut zerstören. Das Zeichen der stattgehabten Infection ist
der progressive Rand. Während unter normalen Verhältnissen ein Ge-
schwür auf grau infiltrirtem Boden scharf den glänzenden Epithelrand
erkennen lässt , ist letzterer beim inficirten Geschwür an einer oder
an mehreren Stellen, oder im ganzen Umfang gequollen und in Folge
eitriger Infiltration von gesättigt graugelber Farbe. An der betreffende!
Stelle ist das Hornhautgewebe abgestorben und. offenbar aus dem Con-
junctivalsack. von Kitorzellen infiltrirt ; die eingedrungenen Organismen
finden sich nicht hier, sondern weiter gegen das Gesunde . wo sie die
Saftcanalchen der Hornhaut erfüllen und erweitern. Hieran schliesst
sich dann noch peripherer die Keaotionseinwanderung von weissen Blut-
körperchen aus den Randgefässen an. An der Stelle, wo der Geschwtirs-
cand eitrig infiltrirt ist. isi das Geschwirr progressiv, vorwiegend in die
Fläche, weniger rasch in die Tiefe. Ans diesem Grunde hat man auch
Ulcus serpens. 163
die Attection Ulcus s e r p e n s (S ä m i s c h) genannt. Sehr bald zeigen
hintere Synechien, Trübung des Kammerwassers und Eiter in der
vordem Kammer (Hypopyum) die Mitbetheiligung der Iris an, wesshalb
auch der Name Hypopyumkeratitis (Kos er) üblich ist.
Im Anfang zeigt sich der Eiter nur auf dein Boden der vordem Kammer und
ichliesst die gelbe Färbung mit einer horizontalen geraden Linie ab, Allmählich
er höher und höher, erreicht das Pupillargebiet und kann die ganze vordere
Kammer erfüllen, l'eber seine Herkunft, ob aus der Hornhaut, ob aus der Iris,
vb aus dem Ciliarkörper , ist man noch nicht einig. Zuweilen sieht man an der
Hinterwand der Hornhaut Streifen, wie wenn der Eiter vom Geschwür» 1 aus auf
den Boden der Kammer herabsänke. Dennoch ist die Herkunft aus dem Geschwüre
nicht anzunehmen, da die Descemet 1 sehe Membran für Zellen nicht durchgängig
ist. Ein Herabsinken im Gewebe der Hornhaut, vor der Descemet' sehen Membran
kann nicht wohl stattfinden, und so ist es denn am wahrscheinlichsten, dass die
Eiterzellen aus dem Uvealgebiet stammen. Dieselben werden von dem vermehrten
Flüssigkeitsstrome gegen das Geschwür hin und an die Hinterfläche der Hornhaut
mitgefühlt, und sinken von da, weil sie die Descemet 'sehe Membran nicht durch-
dringen können, langsam auf den Boden der vordem Kammer.
Das Ulcus serpens kann in jedem Stadium zur Heilung kommen;
ohne Kunsthülfe ist dies jedoch nur selten der Fall, ehe nicht ein
grosser Theil der Hornhaut, oder auch diese ganz zerstört ist. Immer
ist während des Verlaufes starke Injection der Conjunetiva bulbi, nicht
selten mit ausgedehnter Chemosis vorhanden. Dagegen sind die Schmerzen
auffallend gering oder fehlen ganz, sowie ein Mal die Infection statt-
gefunden hat. Da sie Anfangs, so lange es sich um einen Substanz-
verlnst, eine Wunde oder ein einfaches Geschwür der Hornhaut handelte,
gewöhnlich vorhanden waren, so wird deren Wegbleiben sehr häufig vom
Patienten irrthümlich für eine spontane Besserung angesehen, und die
Affection jetzt erst recht vernachlässigt. Es ist desshalb gerade keine
grosse Seltenheit, dass man die, vorwiegend aus der ärmeren Bevölkerung
stammenden, Patienten erst dann zu Gesicht bekommt, wenn die Horn-
haut schon zum grössten Theil zerstört ist, oder wenn das Hypopyum
schon die ganze Kammer ausfüllt.
Das typische Ulcus serpens kommt mir bei Erwachsenen vor. Offenbar
'ist der regere Stoffwechsel in der jugendlichen Bornhaut einer Infection
von aussen nicht günstig. Bypopyum wird gelegentlich auch bei eitrigen
Hornhautaffeetionen im kindlichen Alter angetroffen, verschwindet aber
häufig spontan und ist keineswegs von so schwerwiegender Bedeutung,
wie später. Das Hauptcontingent stellen die Altersklassen von 4— (>
Decennien. Veranlassung ist gewöhnlich eine kleine, oft kaum beachtete
Verletzung durch eine Getreidegranne während der Ernte oder durch
ein Zweiglein beim Hol/suchen im Walde und dergl. [Jebrigens kann
11*
164 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
jeder Epithel- oder Substanzverlust der Hornhaut bei entsprechender
Vernachlässigung sich infieiren und in ein Ulcus serpens übergehen,
z. B. Randgeschwüre, eczematöse Geschwüre. Verbrennungen u. s. w.
In vielen Fällen ist eine lnfeetionsquelle nicht nachweisbar, oft hat
wohl gleich im Momente der Verletzung eine Infection stattgefunden.
Manchmal besteht chronischer Conjunctivalcatarrh . sehr häutig aber,
etwa in der Hälfte der Fälle, wird Dacryocystoblennorrhoe ange-
troffen, die durch einseitiges Lidrandeczem wahrscheinlich gemacht
und durch Ausdrücken von Eiter aus dem Thränensack mit Sicherheit
nachgewiesen wird.
Die Prognose ist immer zweifelhaft, auch bei scheinbar günstigen Fällen,
da sich der Grad einer etwaigen Quetschung, der offenbar Ton grosser Bedeutung
ist. nicht abschätzen lässt. Im Allgemeinen ist die Prognose um so günstiger, je
jünger und kräftiger das Individuum, je umschriebener der progressive Band
und je kleiner das Hypopvum ist. Dacryocystoblennorrhoe verschlimmert im Ganzen
die Prognose, aber nicht absolut, da es sowohl leichte Fälle mit. als auch schwere
ohne Thränensackerkrankung gibt. Man täuscht sich leicht über den Umfang und
namentlich auch über die Tiefe hwürs. da der verdünnte Geschwürsgrund
sich vorbaucht und im Niveau der gesunden Hornhaut liegen kann. Als Ausgang
ist auch im günstigsten Falle ein centrales Leucom zu erwarten, das sich übrigens
später oft noch recht bedeutend aufhellt. In vielen Fällen gehen die Augen durch
Staphvlombildung und Eiterung zu Grunde, und eine grosse Anzahl einseitig Blinder
kommt auf Rechnung des „ traumatischen inficirten Lidspaltengeschwürs der Horn-
haut."
In leichten Fällen ohne Mitbetheiligung des Thränensacks kann
man mit sorgfältiger Reinigung des Conjunctivalsackes und mit Ueber-
schlägen von warmen antiseptischen Lösungen auskommen; in andern
wird ein gut angelegter, täglich zu erneuernder, nasser antiseptischer
.Schlussverband besser vertragen und kann gleichfalls zum Ziele führen.
Ist Dacryocystoblennorrhoe vorhanden, so muss ein Thränenröhrchen
gespalten, täglich sondirt und womöglich auch täglich der Thränensack
mit warmen antiseptischen oder adstringirenden Lösungen gehörig aus-
itzt werden. Beim antiseptischen Verbände — Umschläge sind in
diesen Fällen nicht zu empfehlen — comprimirt man die Gegend des
Thränensacks noch besonders durch einen aufgelegten Wattebausch, da-
mit kein Secret aus demselben zurückfliessen kann. Nach Becker
s noch wirksamer, wenn die ganze Gegend der Karunkel mit
Jodoform ausgefüllt wird. Führt dieses nicht zum Ziele, so kann
man den progressiven Rand zu zerstören suchen, entweder durch
Aetzung mit einem in Carbolsäure oder starke Chlorzinklösung ge-
tauchten feinen Pinselchen, oder durch Auskratzen mit einem kleinen
artigen Instrument, oder auf galvanocaustischem Wege, worauf
Ulcus serpens. Iß5
wieder antiseptisch zu verbinden ist. In vielen Fällen thut ein- bis
zweimal im Tage dick eingestreutes Jodoform, wobei man das Auge
offen lässt, sehr gute Dienste. Womöglich soll der Patient zu Bette
liegen, und nur in den leichtesten Fällen darf hiervon abgesehen werden.
Schreitet trotz Allem das Geschwür fort, so macht drohende Per-
foration zunächst Eserin nothwendig. Ausserdem haben wir noch in
der künstlichen Spaltung des Geschwürs ein äusserstes Mittel an der
Hand, ein schwer bedrohtes Auge zu retten. Diese wird nach Sämisch
mit einem Graefe'schen Staarmesser ausgeführt; dasselbe wird im Ge-
sunden eingestochen, hinter dem Geschwür durch- und wieder im
Gesunden ausgeführt, worauf man unter sorgfältiger Vermeidung einer
zu raschen Druckänderung langsam und vorsichtig den Schnitt vollendet.
Man hat es so einzurichten, dass die hauptsächlichsten progressiven Stel-
len gerade in die Schnittrichtung fallen. Das Ausfliessen des Kammer-
wassers und die dadurch bewirkte Hyperaemie im Auge pflegen sehr
schmerzhaft zu sein, doch tritt gewöhnlich bald ein Nachlass ein. Das
Hypopyum liegt meist als zusammenhängender Klumpen in der Wunde
und muss häufig noch besonders mit der Pincette entfernt werden.
Es wird dann ein nasser antiseptischer Verband angelegt, aber so lange
sich wieder ein Hypopyum ansammelt und so lange ein progressiver
Rand vorhanden ist, muss die Hornhautwunde täglich mit einer Sonde,
oder einem kleinen Spatel, oder mit dem Knopfe eines Weber'schen
Thränensackmessers wieder aufgestochert werden. Es wäre falsch, gleich
von vornherein auch das unbedeutendste Ulcus serpens mit der Spal-
tung zu behandeln, da in solchen Fällen manchmal die Schnittnarbe
fast das einzige Residuum des ganzen Processes sein kann. Diese Opera-
tion muss für die schweren Fälle vorbehalten bleiben, umsomehr. da
trotz vor- und nachheriger Anwendung von Eserin sehr häufig vordere
Synechien zurückbleiben, die schon an und für sich späterhin dem Auge
gefährlich werden können, und da häufig später Linsentrübung auftritt.
Ulcus corneae rodens, fressendes Hornhautgeschwür, nannte
man gewisse dem Ulcus serpens verwandte Formen, wo an vielen kleinen
Stellen ein progressiver Rand vorhanden ist, der an andern wieder
ausheilt. Die gleichen Stellen der Hornhaut können mehrmals betroffen
werden, Hypopyum kann fehlen. Es besteht wesentlich Neigung zur
Ausdehnung in die Fläche, während die Tiefe des Geschwürs selten
bedeutend ist. Ich sah einigemale derartige Formen bei herunter-
gekommenen Individuen aus gewöhnlichen Randgeschwüren bei Con-
junctivalcatarrh durch Infection sich entwickeln. Die Behandlung dieser
sehr hartnäckigen Affection ist ziemlich machtlos; die schliesslich
166 VI Erkrankungen der Hornhaut.
resultirende, mehr oder minder dichte Trübung erstreckt sich fast über
die ganze Hornhaut. Warme Umschläge mit schwach antiseptischen
Losungen sind am meisten zu empfehlen; nächstdem wäre noch am
ehesten Jodoform zu versuchen.
Als ein traumatisches inficirtes Geschwür müssen wir auch die
sogenannte Neuro paralytische Keratitis auffassen, d. h. diejenige
Entzündungsform, die bei Anaesthesie der Hornhaut aufzutreten pflegt.
Aus Thierexperimenten hatte man gefolgert, dass der erste Ast des
Trigeminus besondere trophische Nerven für di£ Hornhaut enthalte
neben den sensibeln, besonders desshalb. weil, w r enn bei Durchschneidung
Trigeminus iu der Schädelhöhle bei Kaninchen die zu innerst ge-
gelegenen Fasern zufällig stehen geblieben waren, trotz Anaesthesie
der Hornhaut die Entzündung nicht eintrat. Ausserdem kommt bei
Facialislähmung , wo das Auge äusseren Traumen besonders aus-
/t ist, nichts Derartiges vor. Sn eilen hat aber gezeigt,
wenn man traumatische Einwirkungen auf das Auge ver-
hindert, die neuroparalytische Entzündung trotz langen Bestandes
der Empfindungslosigkeit der Hornhaut nicht auftritt; dieser Satz
gilt für Thierexperimente und entspricht auch den klinischen Er-
fahrungen. Leichte Traumen der Hornhaut werden nicht gefühlt und
desshalb auch nicht beachtet und vernachlässigt. Dieses erleichtert die
Infection der Wunde, und nur insofern zeigt der Verlauf etwas Eigen-
thümliches. als wegen Anaesthesie der Hornhaut die reflectorisch»' Re-
action gegen die Entzündungserreger sehr vermindert ist, oder ganz
ausbleibt Daher der fast unaufhaltsame Verlauf, der für die neuro-
paralytische Keratitis characteristisch ist. Die Invasion, Infiltration und
consecutive Zerstörung findet wesentlich von aussen statt, während die
■bsreaction ausbleibt. Trotzdem kann auch diese Affection in jedem
Stadium ausheilen. Verlauf und Endausgänge sind die des Ulcus serpens,
nur mit schleppenderem Verlauf.
Die Behandlung findet verschiedene Schwierigkeiten. Am meisten
bewährt es sich noch, die Lider durch oberflächliche Nähte zusammen-
zuhalten, was man bei Durchschneiden der Fäden wiederholen kann.
Vorher kann man den Conjunctivalsack mit leicht antiseptischen Lösungen
auswaschen. Bei drohender Perforation ist Eserin einzuträufeln. Ver-
bände und Ueberschläge wirken oft schädlich, da das Auge unter ihnen
geöffnet wird, und die Hornhaut sich bei Bewegungen reibt, was bei der
Anaesthesie nicht gefühlt wird und natürlich die Substanzverluste im
Epithel und damit die Eingangspforten für Infection vergrössert und
vermehrt. Wegen mangelnder Keaction des Gewebes ist der Ausgang
Folgezustände. 167
meist ein unglücklicher: Verlust des Auges durch Staphylombildung
oder Phthisis bulbi.
Zur neuroparalytischen Keratitis gehört auch die häufig bei Herpes zoster Ophthal-
mitis und zuweilen bei Basedowscher Krankheit auftretende Hornhaufaffection ;
auch bei diesen pflegt die Cornea unempfindlich zu sein. Weiterhin gehört hierher
die marantische oder xerotische Keratitis, wie sie bei Kindern mit erschöpfenden
Diarrhoen, bei Erwachsenen namentlich nach Cholera, gelegentlich aber auch bei
anderen schweren Erkrankungen angetroffen wird. Bei dem apathisch mit halb-
geöffneten Augen ohne Lidschlag daliegenden Patienten, wo Berührung der Cornea
keine Reflexe mehr auslöst, vertrocknet Conjunctiva und Cornea im Lidspalten-
gebiet zu einer gelblichen oder bräunlichen Kruste, durch deren Bisse die Pilz-
infection stattfindet. Hebt man sie ab, so liegt die Hornhautsubstanz bloss und
zeigt sich grau infiltrirt, vorwiegend durch Bacterien in den Saftcanälchen, aber
auch durch Rundzellen aus dem Conjunctivalsack. Die relativ niedrige Temperatur
der vertrocknenden Partien scheint übrigens einer raschen Bacterienentwicklung
nicht besonders günstig zu sein. Meist sterben derartige Kranke ; erholen sie sich,
so kann beim Erwachen der Gewebereaction Heilung in jedem Stadium eintreten.
Die Behandlung ist dann wie beim Ulcus serpens. Eine mehr oder weniger um-
fangreiche Trübung bleibt aber mindestens zurück, die sich jedoch, namentlich bei
Kindern, im Laufe der Zeit noch unerwartet aufhellen kann. Je nach der Aus-
dehnung der Yertrocknungsnecrose auf der Conjunctiva können aber auch noch
andere Schädigungen zurückbleiben.
Die bei Facialislähmung meist beobachteten Hornhautaffectionen
sind wiederholt eintretende traumatische Keratitiden, vorwiegend an
dem beim Schlafe nicht gedeckten untern Hornhautrand. Ihr Verlauf
zeigt nichts Abnormes; nach öfterer Wiederholung findet man Rand-
pannus an der betreffenden Hornhautstelle.
Es empfiehlt sich, die Folgezustände der bisher besprochenen
Entzündungen der Hornhaut im Zusammenhange zu besprechen, da es
gleichgültig ist, auf welche Art dieselben entstanden sind. Zunächst
handelt es sich um Hornhautfacetten, d. h. epithelüberdeckte
Substanzverluste mit durchsichtigem Grunde, und um Hornhaut-
flecken (Nubeculae, Maculae, Leucomata), d. h. epithelüberdeckte
Stellen mit ' unterliegendem getrübtem Hornhautgewebe (bindegewebige
Narbe). Sind sie frisch, so kann eine bedeutende oder vollständige
Niveauausgleichung, resp. Aufhellung noch stattfinden, um so eher, je
jünger und kräftiger das Individuum und je geringgradiger die Ver-
änderung ist. Die Aufhellung pflegt in den ersten Tagen und Wochen
am meisten sichtbar zu sein und später weniger mehr in die Augen zu
fallen. Befördert wird sie durch täglich einmaliges Einstreichen von gelber
Salbe (Hydrarg. oxydat. flav. via humida parat. 0,1 — 0,2 auf 10,0
Vaselin), die dann im Conjunctivalsack gut verrieben wird. Dies sollte
mindestens 4 bis 6 Wochen fortgesetzt werden. Will man noch länger
168 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
mit einer Behandlung fortfahren, was besonders bei ausgedehnten
Trübungen nach multipler eczematöser Keratitis oft wünschenswert!
erscheint, so kann man die Salbe mit Terpenthinöl (Ep. Ol. Terebinth.
rectificativ. Ol. olivar ää 15,0; S. täglich einen grossen Tropfen in's
Auge zu thun), oder mit einer Jodkaliumlösung vertauschen (Ep. Kai.
jodat. 0,2; Natr. bicarbonic. 0,5; Aq. dest. 20,0; S. drei bis viermal
täglich einen Tropfen in's Auge zu thun). Es ist gut, von Zeit zu
Zeit abzuwechseln, oder etwa nach 6 Wochen für 14 Tage auszusetzen
und dann wieder fortzufahren, weil sich die Cornea sonst zu sehr an
das betreffende Mittel gewöhnt. Die Eeaction muss in längstens einer
•halben Stunde vorüber und das Auge muss am nächsten Tage völlig
reizlos sein, wenn man die Anwendung des betreffenden Mittels wieder-
holen soll. Ueber die sogenannte Electrolyse der Hornhautflecken be-
sitze ich keine eigene Erfahrung.
In sehr vielen Fällen haben die Hornhauttrübungen ein für die
vorangegangene Affection characteristisches Aussehen. Dies gilt nament-
lich für Herpes, büschelförmige Keratitis, Yariolapusteln , Operations-
narben u. s. w.
Die Sehstörung durch Hornhautflecken im Pupillenbereich ist je
nach der Ausdehnung derselben verschieden und wird als unregel-
mässiger Astigmatismus bezeichnet. Leichte diffuse Trübungen bringen
bedeutendere Sehstörung hervor, als sehr dichte, aber scharf um-
schriebene. Ausserdem kommt bei gesättigten Trübungen, bei Leucom,
auch noch die Entstellung in Frage.
Das Sehen kann bedeutend verbessert werden durch Ausschneidung
eines Stückes Iris, wenn irgendwo in der Peripherie noch völlig durch-
sichtige Hornhaut vorhanden ist: optische Iridectomie.
Bei maximal erweiterter Pupille muss bedeutende Verbesserung der Sehschärfe
constatirt werden. Man prüft dann mittelst eines vor das Auge gehaltenen etwa
IV2 mm breiten Spaltes, in welchem Meridian, eventuell mit Zuhülfenahme von
Gläsern, die Sehschärfe am grössten ist. In dieser Richtung hat man die Iridec-
tomie anzulegen. Man thut gut, sich dieselbe durch Yergleichung mit benach-
barten Conjunctivalgefässen genau zu merken , da das Auge bei dem Versuche , es
zu fassen, nach oben flieht und dabei Drehbewegungen ausführt. Nach Einlegung
des Sperrelevateurs und Fixation des Bulbus mit einer Fixirpincette , mit welcher
man möglichst viel Conjunctiva nahe an der Hornhaut und möglichst gegenüber
der anzulegenden Iridectomie fasst, sticht man mit einer schmalen krummen
Lanze genau am Hornhautrande horizontal zur Hornhautbasis ein; der Schnitt
soll womöglich nicht grösser als 4 Millimeter sein. Beim Herausziehen
legt man den Griff des Instrumentes stark zurück und zieht es langsam mit leichter
Seitendrehung , die Iris als Deckung für die Linsenkapsel benutzend, zurück. Die
vorgefallene Iris fasst man mit einer gekrümmten Irispincette, zieht sie nur leicht an.
Optische Iridectomie. Tätowiren. 109
drückt dagegen die Scheere (oder das Weck er 1 sehe Iridotom) beim Schneiden gegen
den Bulbus, um ein genügendes Stück Iris zu bekommen. Fällt die Iris nicht
gleich von selber vor, so bewirkt man dies, indem man mit der geschlossenen Iris-
pincette einen leichten Druck auf die periphere Wundlippe ausübt. Selten braucht
man die Iris mit der Pincette aus der Kammer zu holen, ausser, wenn sie durch
hintere oder vordere Synechien festgehalten ist. Man führt dann die geschlossene
Irispincette bis 1 mm vom Pupillarrand ein, lässt sie klaffen, soweit es die Wunde
erlaubt, schliesst sie wieder und schneidet das herausbeförderte Stück Iris ab, unter
Vermeidung jedes stärkeren Ziehens daran, wesentlich durch Druck der Scheeren-
branchen gegen die Wunde.
Es empfiehlt sich, zur eigentlichen Iridectomie die Fixirpincette dem Assi-
stenten zu geben und die Iris selber abzuschneiden, nicht das Abschneiden durch
den Assistenten besorgen zu lassen und beide Pincetten zu behalten. Gehen die
Irisecken bei leichtem Reiben der Hornhaut mittelst des oberen Lides nicht spontan
zurück, so reponirt man sie vorsichtig mit Hülfe eines kleinen Spatels, bis sie ihre
richtige Lage eingenommen haben. Die Blutung ist, ausser bei Synechien, gering
und nicht von schlimmer Bedeutung. Die Heilung erfolgt meist anstandslos unter
antiseptischem Verbände in etwa vier Tagen. Dann kann man das Auge offen und
den Patienten aufstehen lassen. Nach 8 Tagen kann er entlassen werden. Wäh-
rend der Operation soll weder Atropin- noch Eserinwirkung vorhanden sein, da in
beiden Fällen das spontane Zurückgehen der Iris in die vordere Kammer meist
nicht stattfindet, und auch die Reposition der narcotisirten Iris schwieriger ist.
Aus dem gleichen Grunde darf auch nur oberflächlich cocainisirt werden.
Bei auffälliger Entstellung durch ein Leucom kann man bedeutende Ver-
besserung durch Tätowiren desselben bewirken. Nachdem man in einem kleinen
Glasschälchen gute chinesische Tusche mit etwas verdünnter Salicyl- oder Borsäure-
lösung recht dick angerührt und das zu operirende Auge durch Cocain narcotisirt
hat, legt man den Sp'errelevateur ein und macht dann mit irgend welchem Tätowir-
instrument eine grosse Anzahl etwas schräge Stiche in die zu färbende Stelle.
Am einfachsten benutzt man einen gewöhnlichen Bleistifthalter, in welchen 4 gute
Nähnadeln so eingesteckt werden, dass alle Spitzen gleichweit hervorragen. Diese
taucht man in die Tusche und sieht nach etwa 20 Stichelungen nach, ob die Fär-
bung genügend ist , indem man Tusche und Thränenflüssigkeit mit etwas Wund-
baumwolle aufsaugt. Man kann ohne Schaden hundert und mehr Stichelungen
in einer Sitzung vornehmen und gewöhnlich die ganze Operation auf einmal voll-
enden. Narcose ist nicht nöthig. Die Fixation des Auges darf nur mit einer
Pincette ohne Zähne gemacht werden, da sich sonst auch die kleinen Conjunctival-
wunden färben, was Entstellung verursacht. Das Auge muss bei Vornahme der
Tätowirung absolut blass und reizlos sein, sonst wird alle Tusche in wenigen Tagen
wieder eliminirt. Ein leichter Verband während zweier Tage genügt als Nach-
behandlung. Tritt stärkere Reizung ein, so gibt man Atropin und lässt den Ver-
band fortsetzen; meist wird dann sämmtliche Tusche abgestossen. Nach 14 Tagen,
manchmal schon früher, kann die Tätowirung behufs Vervollständigung der Wir-
kung wiederholt werden.
Meist wird man sich damit begnügen, eine centrale schwarze Pupille
in einem hässlichen Leucom herzustellen. Färbungen mit andern Mitteln
zur Nachahmung einer Iris sind auch schon versucht, aber wieder ver-
170
VI. Erkrankungen der Hornhaut.
lassen worden. Zuweilen ist es auch vortheilhaft, eine durchscheinende,
nur zum Theil das Pupillengebiet deckende Trübung durch Tätowiren
undurchsichtig zu machen, falls sie nämlich bedeutende Sehstörung
durch Diffusion des Lichtes bewirkt. Doch erfordert die richtige Be-
urtheilung solcher Fälle grosse Erfahrung. Im Laufe der Zeit, bald
rascher, bald langsamer, pflegt jede tätowirte Stelle der Hornhaut
blasser zu werden.
Ueber grösseren Leucomen tritt meist mit der Zeit Schwielen-
bildung des Epithels, nicht selten zusammen mit theilweisen Ver-
kalkungen auf. Die Oberfläche ist dann rauh mit stellenweise stärkerer
Trübung und kreideweisser , gelblicher oder bräunlicher Färbung. Ab
und zu kommt es unter Ciliarinjection, Thränen und Schmerzen zu
kleinen oberflächlichen Necrosen in alten Leucomen, die aber unter
warmen Umschlägen rasch heilen. Man ist, wenn dies häufiger eintritt,
oder wenn die rauhe Hornhautoberfläche schon an und für sich Reiz-
erscheinungen verursacht, zuweilen genöthigt, den schwieligen und ver-
kalkten Epithelüberzug mit einem Graefe'schen oder Beer' sehen Staar-
messer abzukratzen (Abrasio corneae). Die Heilung erfolgt meist
leicht unter Atropin und Verband, doch muss die kleine Operation
manchmal wiederholt werden.
Nicht zu verwechseln mit Schwielenbildung und Verkalkung in
alten Leucomen sind die Bleiincru Stationen der Hornhaut, wenn
ein Hornhautgeschwür mit Bleiwasser behandelt wurde. In der schliess-
lichen Hornhautnarbe sieht man dann eine Reihe weisser, oder, wenn
dem Bleiwasser Tinctura opii crocata zugesetzt war, gelber Rauhig-
keiten, deren Herkunft durch die Anamnese sicher gestellt wird. Häufig
verursachen sie , wie Fremdkörper , lange dauernde Reizerscheinungen ;
ihre Behandlung besteht in der Abrasion. Hornhautgeschwüre
dürfen nie mit Bleiwasserüberschlägen behandelt werden!
Für Leucoma adhaerens gilt das gleiche, wie für gewöhnliche
Leucome. Bei ersterem besteht aber eine entschiedene Neigung zu
Entzündungen mit Druckerhöhung im Auge (Glaucoma seeunda-
rium), zuweilen mit Blasenbildung auf der Hornhaut. Hiervon wird
noch später bei den Uvealerkrankungen die Rede sein.
Bei Hornhautnarben, namentlich wenn sie meridional oder aequato-
rial verlaufen, beobachtet man nicht selten einen hohen Grad von
regelmässigem Astigmatismus, der durch Cylindergläser corrigirt
werden kann. In der Richtung der Narbe wird die Hornhaut stärker
gekrümmt, in der darauf senkrechten abgeflacht, doch pflegt sich dies
Pannus. Irisprolaps. 171
später meist wieder auszugleichen ; es kann sogar noch später der um-
gekehrte Effect eintreten.
Pannus, Neubildung oberflächlich gelegener Hornhautgefässe,
immer mit mehr oder minder Hornhauttrübung verbunden, kann, wie
wir gesehen haben, das Resultat der verschiedensten Hornhautaffectionen
sein. Totaler Pannus ist meist Folge von recidivirender eczematöser
Keratitis, oder von Follicularblennorhoe ; partieller kommt bei den
gleichen Affectionen, nach lange liegen bleibenden Fremdkörpern, häuti-
gen Randgeschwüren u. s. w. vor. Pannus der obern Hornhauthälfte
ist characteristisch für ein gewisses Stadium der Follicularblennorrhoe.
Nach umfänglichen traumatischen Zerstörungen sind gewöhnlich im
resultirenden Leucom mehr oder weniger reichliche Gefässe enthalten ;
gelegentlich können aus denselben kleine Blutungen in's Hornhaut-
gewebe stattlinden.
In vielen Fällen bilden sich die Gefässe wieder von selber zurück ;
in anderen genügt consequente Behandlung mit starker gelber Salbe
(0,3 : 10,0) hierzu. Reicht dies nicht aus, so kann man die Hornhaut
direct mit 2procentiger Höllensteinlösung bestreichen, da sie gegen
Traumen viel widerstandsfähiger ist, als eine nicht vascularisirte.
Zuweilen kommt man zum Ziel, wenn man die in die Hornhaut eintreten-
den Gefässe noch im Scleralgebiet durchschneidet, was eventuell wieder-
holt werden kann. ( C i r c u m c i s i o n der Hornhaut). In verzweifel-
ten Fällen kann man Jequirityinfus einpinseln; man hat sogar direct
Trippereiter in den Conjunctivalsack gebracht und eine gonorrhoische
Conjunctivitis künstlich hervorgerufen. Hiervon war schon Seite 124
die Rede.
Partieller Irisprolaps kann unter Bildung eines Leucoma adhaerens
heilen; ist er grösser, so bildet sich meistens ein partielles fiornhaut-
staphylom. Ist die ganze Hornhaut zerstört, besteht totaler Irisprolaps,
so kommt es entweder, wie auch in ungünstigen Fällen gelegentlich
bei partiellem, zu Infection der Uvea von aussen, Choroiditis suppurativa,
oder wenn sich die Entzündung auch auf das retrobulbäre Gewebe aus-
dehnt, zur Panophthalmie mit Ausgang in Schrumpfung des Augapfels
(Phthisis bulbi), oder zur Bildung eines totalen Hornhautstaphyloms.
In letzterem Falle granulirt die vorliegende Iris und producirt reich-
liches Narbengewebe, das sich vom Rande her allmählich mit Epithel
überzieht. Im fertigen Zustande wird das Staphylom gebildet durch
1—4 mm dickes Narbengewebe, innen von pigmentirten Resten des
Irisgewebes, aussen von unregelmässigem Epithel überzogen, das reich-
lich Stachelzellen enthält und zahlreiche kurze Fortsätze nach innen
172 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
sendet. Die Linse ist gewöhnlich mit der Hinterfläche des Staphyloms
verwachsen und kann normal, theilweise getrübt, oder ganz geschrumpf
sein. Wegen Verlegung der vordem Abflusswege der Augenflüssig-
keiten tritt Druckerhöhung ein, die zur stetigen Ausdehnung und Ver-
dünnung des relativ nachgiebigen Narbengewebes im Staphylom, später
auch zur Vergrößerung des ganzen Bulbus führt. «Es können inter-
ourrent Schmerz- und Entzündungsanfälle auftreten oder fehlen. Ein
derartiges staphylomatöses Auge hindert die Lidbewegung und die
associirten Bewegungen des andern Auges. Schwielenbildung, Ver-
kalkungen, oberflächliche Necrosen treten wie bei Leucomen auf, nament-*
lieh in der Lidspaltenzone, wenn beim Lidschluss ein Theil des Staphy-
loms unbedeckt bleibt. Eine oberflächliche Necrose kann durch Infection
zu suppurativer Choroiditis mit Ausgang in Schrumpfung führen; das
gleiche tritt ein, wenn durch Trauma das vergrösserte Auge platzt.
Therapeutisch kommt entweder die Entfernung des ganzen Auges
( Enucleation), oder die Abtragung des Staphyloms in Frage.
Erstere Operation, worüber später, hat den Vortheil der leichtern Aus-
führbarkeit, und dass in 8 Tagen der Patient wieder völlig arbeitsfähig ist.
Sie kann in allen Fällen ausgeführt werden; es ist aber schlechte Be-
weglichkeit eines eventuell einzulegenden künstlichen Auges vorhanden,
und bei Kindern bleibt nach Entfernung eines Auges die Orbita im
Wachsthum zurück, was nur selten durch geeignete Mafsuahmen ver-
hindert werden kann und eine auffällige Asymmetrie des Gesichtes zur
Folge hat.
Eine Staphylomabtragung kann nur an einem völlig reizlosen Auge vor-
genommen werden , da sonst suppurativa, oder, was noch schlimmer ist, chronisch
schrumpfende Choroiditis dem operativen Eingriff auf dem Fusse folgt. In tiefer
Narcose legt man den Sperrelevateur ein , durchschneidet rings um die Cornea
herum die Conjunctiva und löst sie eine Strecke weit von der Sclera los. Es wird
dann an ihr mit Czerny' scher Seide eine sogenannte Tabaksbeutelnaht angelegt und
ganz lose geknüpft. Mit einem Beer' sehen Staarmesser bildet man, in der Ebene
der Hornhautbasis durchstechend, einen grossen obern Lappen, worauf man den-
selben mit der Pincette fasst und mit einem Scheerenschnitt das ganze Staphylom
abtrennt. So wie dies geschehen ist, zieht man die Conjunctiva über den bioss-
liegenden Glaskörper — die Linse muss mit entfernt werden — zusammen und
vollendet den Knoten, womit die Operation beendigt ist. Die Nachbehandlung
besteht in einem festen, nassen antiseptischen Schlussverbande und sollte der Patient
bis zur Verheilung, 2 — 3 Wochen, zu Bette bleiben. Gewöhnlich reisst der Faden
nach einigen Tagen aus, doch hat sich dann die Wunde schon sehr bedeutend ver-
kleinert, und die weitere Heilung erfolgt anstandslos. Die Sclera selber zusammen
zu nähen, wie auch vorgeschlagen wurde, empfiehlt sich weniger, da die Spannung
eine sehr viel bedeutendere ist. Auch nach der Heilung muss der Stumpf noch
geschont werden und vor 2 — 3 Monaten kann kaum ein künstliches Auge getragen
Parenchymatöse Keratitis. 173
werden, das dann aber sehr gut beweglich ist. Vngünstig ist starke Blutung aus
der Choroidea während oder nach der Operation; es tritt dann meistens Choroiditis
suppurativa mit Ausgang in Phthisis bulbi ein. Das Gleiche ist der Fall, wenn
sich die Wunde oder der vorliegende Glaskörper auf irgend eine Weise inficirt.
Bleibt der Stumpf entzündet und auf Druck oder spontan empfindlich (Phthisis
dolorosa), so muss er entfernt werden.
Ein partielles Staphylom excidirt man am besten mit einem ellip-
tischen Schnitt und vernäht die Wundränder mit feiner carbolisirter
Seide. Meist schneiden die Fäden durch, weil das verdickte, starre
Staphylomgewebe sich schlecht aneinander legt und stark spannt. Die
Nachbehandlung besteht in nassem antiseptischem Verbände bis zur
Heilung.
Ist nach ausgedehnten Oberflächenzerstörungen die Conjunctiva mehr
oder weniger weit auf das frühere Hornhautgebiet herübergezogen, so
nennt man dies Pterygium traumaticum; durch Verwachsung der
epithelentblössten Hornhaut mit der Innenfläche der Lider kommt, wie
bei der Conjunctiva, ein Symblepharon zu Stande. Für etwaige
Operationen gelten die gleichen Grundsätze, wie bei der Conjunctiva.
Meist geben nur Bewegungshindernisse, die sich auch dem gesunden
Auge fühlbar machen, zu Operationen Veranlassung; an eine Verbesse-
rung des schwer geschädigten Sehvermögens ist selten zu denken.
Von den tiefen Erkrankungen der Hornhaut ist bei Weitem die
häufigste die parenchymatöse Keratitis — K. interstitialis diffusa.
K ; profunda, K. scrophulosa (Arlt), K. syphilitica (Hutchinson) — .
gegenüber den oberflächlichen Erkrankungen aber ist sie immerhin eine
seltenere Affection. Dieselbe wird vorwiegend bei Kindern etwa vom
4. Lebensjahre au bis zur Pubertätszeit angetroffen, und zwar über-
wiegt entschieden das weibliche Geschlecht. Später wird die Krank-
heit sehr selten, doch kommt sie gelegentlich auch einmal in den
dreissiger Jahren oder gar noch später vor; eher wird gelegentlich ein
Kecidiv in späterer Zeit beobachtet.
Die parenchymatöse Keratitis beginnt am Kande unter mehr oder
weniger starker Ciliarinjection ; Lichtscheu kann hierbei von Anfang
an in sehr hohem Grade vorhanden sein , oder vollständig fehlen ;
Schmerzen sind nicht vorhanden. Eine dichte graue Trübung schiebt
sich von einer Stelle der Peripherie her über die Hornhaut; es können
noch von andern Seiten ähnliche Trübungen gegen das Hornhautcentrum
vorrücken, oder nur eine einzige, die in 2 — 3 Wochen die ganze
Hornhaut fast gleichmässig überzieht. Ihre Oberfläche erscheint wie
mattes Glas und in Folge von Unregelmässigkeiten im Epithel wie
gestichelt; häufig ist der Augendruck fühlbar vermindert, zuweilen die
174 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Empfindlichkeit der Hornhaut deutlich herabgesetzt, sehr selten wird
Blasenbildung auf ihrer Oberfläche angetroffen. In diesem Stadium ist
die Trübung meist so dicht, dass weder Iris noch Pupille gesehen
werden können, am gesättigtsten im Centrum, und dem entsprechend ist ;
auch die Sehstörung sehr bedeutend. Bei seitlicher Beleuchtung Lässf
sich, wenigstens oberflächlich, die scheinbar diffuse Trübung in eine
Unzahl feiner Strichelchen auflösen: wie die microscopische Untersuchung
zeigt, die mit Kundzellen erfüllten Saftcanälchen.
Bald nachdem die Trübung der Hornhaut ihren höchsten Stand
erreicht hat, beginnt Aufhellung von der Peripherie her; auch in den
(zentraleren Partien zeigen sich hellere Stellen, dann nehmen sie ein mehr
wolkiges Aussehen an. Unter fortschreitender Aufhellung nimmt der
ganze Process in etwa 6 — 10 Wochen ein Ende; fast immer aber bleiben
leichte wolkige Trübungen, namentlich in den centralen Hornhautpartien
zurück, die mehr oder weniger Sehstörung verursachen.
Während diese reinen Formen von parenchymatöser Keratitis
(Keratitis parenchymatosa simplex) ohne jede Spur von Gefässbildung
einhergehen, kann diese in andern Fällen einen grossen Umfang an-
nehmen. Der ursprünglichen Trübung auf dem Fusse folgend, zieht
eine Unzahl dicht gedrängter, feiner, parallel verlaufender Gefässchen
auf die Hornhaut und verleiht ihr ein fleischrothes Ansehen, das ganz
gleichmäfsig sich über die ganze Cornea ausbreiten kann (Keratitis
parenchymatosa vasculosa). In andern Fällen treten sie nur
stellenweise auf und sind weniger dicht gedrängt. Nach einiger Zeit
bilden sich die Gefässe vollständig wieder zurück, die Trübungen zum
grössten Theile, und das Endresultat ist wie in den reinen Fällen,
nur der Verlauf in die Länge gezogen (3 — 4 Monate und länger). Die
Gefässe stammen aus Scleralgefässen und liegen in den tieferen Schichten
der Hornhaut (tiefer Pannus), zuweilen sichtbar in verschiedenem
Niveau.
Nicht selten treten nach Ablauf der Krankheit Kecidive auf, die,
weil die Individuen jetzt älter sind, schleppender verlaufen und meist
verhältnissmäfsig dichtere Trübungen hinterlassen. Das Recidiv kann
mit Gefässbildung einhergehen, während dies bei der ursprünglichen
Erkrankung nicht der Fall war. In je späterem Alter die Affection
auftritt, um so sicherer tritt mehr oder weniger umfangreicher tiefer
Pannus auf.
In mindestens 4 ,- der Fälle tritt die parenchymatöse Keratitis doppelseitig
auf. selten aber auf beiden Augen gleichzeitig; ineist ist ein Zwischenraum von 4
bis 10 Wochen vorhanden. Da der Beginn der Erkrankung von den Angehörigen
Keratitis parenchymatosa. 175
häufig übersehen, und dieselbe erst bei Eintritt der Sehstörung entdeckt wird, so
gelingt es fast nur am zweiten Auge, die allerersten Anfänge zu beobachten. Ja es
kommt vor, dass sogar die einseitige Sehstörung von den Eltern nicht bemerkt wird,
und die Kranken erst dann zum Arzte gebracht werden, wenn das zweite Auge
schon erheblich gelitten hat. Da dann das im Resorptionsstadium befindliche erst-
erkrankte Auge das scheinbar weniger afficirte ist, so konnte der Irrthum eintreten,
dass man dieses für das später afficirte hielt und den Beginn der Erkrankung, der
überhaupt nicht häufig zu sehen ist, in das Hornhautcentrum verlegte.
Die Keratitis parenchymatosa kann intrauterin verlaufen und die
Ursache von angeborenen Hornhauttrübungen abgeben.
Nach dem geschilderten Verlaufe muss sie als Einwanderungs-
Keratitis aufgefasst werden, und zwar wird man nicht fehl gehen, wenn
man den Ursprung der Wanderzellen im Gebiete der Ciliararterien
sucht; bei der GefässarmutH der Sclera weniger in dieser, als in den
, anliegenden Theilen des Ciliarkörpers, wofür namentlich die Natur der
Complicationen spricht.
Nur etwa ein Drittel der Fälle verläuft ohne solche, aber nicht
alle lassen sich im Verlaufe der Krankheit wegen der dichten Hornhaut-
trübung diagnosticiren ; wir können sie oft erst nach Ablauf der Kera-
titis aus ihren Besten erkennen. Am häutigsten ist Iritis; sie
documentirt sich durch Verwachsungen des Pupillarrandes mit der Linse
(hintere Synechien) und Beschläge auf der Hinterwand der Hornhaut.
Seltener weisen Trübungen im vorderen Theil des Glas-
körpers auf exsudative Entzündung des Corpus ciliare, oder
ophthalmoscopisch sichtbare Heerderkrankungen auf Betheiligung des
vordem Abschnittes der Choroidea hin; beide gehören aber immer
noch zu den oft angetroffenen Complicationen. Auch entzündliche
Heerderkrankungen in der Sclera (Scleritis) pflegen in schweren
Fällen nicht zu fehlen. Diese Complicationen können völlig die Situa-
tion beherrschen und durch Staphylombildungen (Scleritis) oder patho-
logische Druckerhöhung, sogenanntes Secundärglaucom (Iritis), das Auge
auf's Aeusserste gefährden. In besonders schweren Fällen kann auch
ein derartiges Auge in Folge der Ciliarkörper- und Choroidalentzündung
durch concentrische Schrumpfung, Netzhautablösung u. dgl. zu Grunde
gehen. In jedem Falle verlängern Complicationen die Dauer des Pro-
cesses, und machen die Prognose entsprechend weniger günstig. Die
leichter verlaufenden Fälle sind bei Weitem die häufigsten, die
schweren Formen relativ seltenere Erscheinungen.
Schon die Thatsache, dass die Keratitis parenchymatosa gewöhnlich
auf beiden Augen und dass sie vorwiegend in einer gewissen Altersperiode
vorkommt, macht constitutionelle Ursachen wahrscheinlich. Als solche ist
176 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
nun mit aller Sicherheit congenitale Syphilis nachgewiesen worden
(Hutchinson), und etwa zwei Drittel der Fälle, in welchen man g(
nügend Nachforschungen anstellen kann, lassen dieses Moment erkennen.
Abgesehen von den Fällen, wo Syphilis zur Zeit der Zeugung bei den
Eltern direct nachgewiesen werden konnte, stützt sich der Nachweis der
congenitalen Syphilis auf zahlreiche vorausgegangene Fehlgeburten der
Mutter, auf überstandene specifische Exantheme kurz nach der Geburt,
auf Vorhandensein eines eingesunkenen Nasenrückens in Folge specifi-
scher Ozaena mit Knochenerkrankung u. dgl. Es sind meist anaemische
zartgebaute Kinder mit feiner Haut, geistig gut entwickelt; Rhagaden
oder Narben an den Mundwinkeln, Drüsennarben in der Ellenbogen-
beuge, Tophi am Schienbein , gutartig verlaufende Gelenkentzündungen
namentlich am Knie, Gaumen- und Rachengeschwüre, -Narben und
-Defecte, chronische Heiserkeit, mehr oder weniger hochgradige Taub-
heit u. s. w. können nicht selten constatirt werden. Bei älteren Indivi-
duen mit nachweisbarer congenitaler Lues sah ich einigemale Prurigo
universalis.
Die von Hutchinson*) entdeckte Zahndeformität wird bei
vielen Kranken angetroffen ; sie kann aber auch bei wirklich vorhandener
congenitaler Lues vermisst und andererseits , wenn auch selten , bei
Mangel derselben gefunden werden.
Obschon parenchymatöse Keratitis zweifellos auch ohne hereditäre
Syphilis vorkommen kann, ist, im Gegensatz zu der von Arlt ge-
wählten Bezeichnung Keratitis scrophulosa, nach meiner Erfahrung
ausgesprochene Scrophulose eine geradezu seltene Erscheinung. Die
erworbene Syphilis steht selten in Beziehung zur Keratitis paren-
chymatosa.
Was die P r o g n o s e betriftt, so empfiehlt es sich, den Angehörigen
der Patienten Mittheilung zu machen bezüglich der langen Dauer, der
Wahrscheinlichkeit der Erkrankung auch des zweiten Auges und des
verhältnissmäfsig günstigen Endausganges, wenn nicht schwere Compli-
cationen hinzutreten oder von Anfang an vorhanden sind.
Die Behandlung ist theils eine allgemeine, theils eine locale.
Betreffs ersterer ist hervorzuheben, dass eine eigentliche antispecifische
Behandlung recht selten indicirt ist und sich selten wirksam zeigt,
*) Die mittleren obern bleibenden Schneidezähne sind characteristisch . . .
Bei hereditär Syphilitischen sind diese Zähne gewöhnlich kurz und schmal mit
einer breiten verticalen Einkerbung an der Schneide und ihre Ecken sind abge-
rundet. Hutchinson.
Pyaemische Keratitis. 177
wenn die Keratitis das einzige Zeichen constitutioneller Lues ist.
Methodisch gebrauchte Salzbäder wirken häutig günstig; daneben kann
man Syrupus ferri jodati (10,0 mit Aq. Menth, und Aq. destill, ää 45,0;
S. 3 mal täglich einen Theelöffel zu nehmen) längere Zeit fortgebrauchen
lassen. Consequent und energisch angewandte feuchtwarme Ueber-
schläge, täglich mindestens vier Stunden lang, kürzen entschieden den
Verlauf ab. Daneben unterhält man Atropinmydriasis, um eine etwaige
complicirende Iritis in Schranken zu halten oder dem Auftreten einer
solchen vorzubeugen, gibt aber nicht mehr Atropin, als zum Weithalten
der Pupille nöthig ist. Gegen die übrigen Complicationen ist direct
wenig auszurichten ; bei Druckerhöhung kann die Eröffnung der vordem
Kammer mit der Punctionslanze (Fig. 4h Seite 8): Paracentese der
Hornhaut, gelegentlich sogar eine Iridectomie nöthig werden.
Verschiedenlich wurde versucht, den Process ganz im Beginne, namentlich
wenn Gefässentwicklung vorhanden war, durch Umschneidung der betreifenden
Stelle bis in die Sclera hinein abzukürzen ; die Resultate sind aber nicht er-
muthigend. Bis zu einem gewissen Grade müssen wir, ganz im Gegentheil,
die Gefässentwicklung als etwas günstiges, die Resorption beförderndes ansehen.
Jede reizende Behandlung wirkt schädlich und ist geradezu ein Kunstfehler. Erst
wenn die Krankheit abgelaufen und jede Spur von Ciliarinjection verschwunden ist,
darf man gegen die übrig bleibenden Trübungen vorgehen, und zwar beginnt man
mit den mildesten Mitteln: Jodkaliumlösung oder Terpenthinöl mit Olivenöl zu
gleichen Theilen. Erst nach weiterem Verlauf von Wochen geht man zu Calomel-
einstäubungen oder zur Anwendung einer schwachen gelben Salbe über, welche
man einen um den andern Tag abwechselnd in beide Augen einstreicht (siehe
übrigens Seite 167). Bleiben Glaskörpertrübungen zurück, so kann man deren
Resorption durch eine leichte Schwitzcur (Holzthee mit Einwicklungen, nicht Pilo-
carpininjectionen) oder durch Gebrauch eines schwachen Jodwassers zu befördern
suchen. Ueber die spätere Behandlung der Complicationen sehe man bei den be-
treffenden Krankheiten nach.
Zuweilen trifft man bei Malaria, Gelenkrheumatismus
(Arlt) und anderen Infectionskrankheiten eine Immigrationskeratitis,
die der parenchymatösen analog verläuft, aber ohne Gefässbildung ;
entzündliche Affectionen im vordem Abschnitt der Choroidea oder im
Ciliarkörper werden wohl die Ursache derselben abgeben, aber allerdings
schwer nachzuweisen sein.
Die pyaemische Keratitis ist Folge einer pyaemischen oder
puerperalen Embolie in Choroidea oder Netzhaut; auch sie ist eine
Immigrationskeratitis, aber eine septische. Die von allen Seiten ein-
wandernden Eiterzellen zerstören das Gewebe (Ringabscess) und,
wenn es der Kranke noch erlebt, so kommt es zu totaler Abstossung
der Hornhaut. Da die Prognose der Grundaffection in solchen Fällen
eine lethale ist, so beschränkt man sich auf symptomatische Behandlung.
Knies, Augenheilkunde. ]
178 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
Von der beiScleritis auftretenden Keratitis — zungenförmiges
Hovnhautinfiltrat oder sclerosir ende Keratitis — wird bei
den Erkrankungen der Sclera die Rede sein.
Iritis kann in zweierlei Art die Hornhaut in Mitleidenschaft ziehen. Bei den
meisten acuten Formen findet man eine mehr oder weniger dichte parenchymatöse
Hornhauttrübung, die im Centrum am besten sichtbar ist und eine Verschleierung
des Sehens bedingt. Bei seitlicher Beleuchtung findet man, dass sie aus zahllosen
feinen grauen Strichen zusammengesetzt ist, den erweiterten und wahrscheinlich
mit eingewanderten Rundzellen erfüllten Saftcanälchen der Hornhaut. Mit Ablauf
der Iritis verschwindet die Trübung wieder spontan, ohne Rückstände zu hinter-
lassen. Beider sogenannten Iritis serosa findet man ausserdem noch als charac-
teristischen Befund Beschläge der Hinterwand der Hornhaut, entweder
als feine graue oder bräunliche Punkte, oder als grössere rundliche Trübungen,
oder endlich als ausgedehnte confluirende weissliche Plaques, sämmtlich vorwiegend
an der untern Hälfte der Hornhaut. Alle diese Formen kommen auch bei paren-
chymatöser Keratitis mit Betheiligung der Iris vor. Kleine Beschläge verschwinden
später wieder unter geeigneter Behandlung, höchstens mit Hinterlassung einzelner
Pigmentpunkte auf der Descemet 'sehen Membran. Bei grössern Plaques pflegt sich
dagegen auch eine Trübung des davorliegenden Hornhautgewebes einzustellen, die
zu bleibenden Flecken führt. Sollte die Diagnose der Beschläge einmal Schwierig-
keiten machen, was wegen der characteristischen Form und Lage selten der Fall
sein wird, so kann man etwas Calomel einstäuben, welches das Niveau der vordem
Hornhautfläche bezeichnet und den Abstand der Beschläge von dieser sichtbar macht.
Auch die Betrachtung der Hornhaut mit der sogenannten binoculären Loupe,
einem Convexglase von etwa 6.0 D und so grossem Durchmesser, dass gleichzeitig
mit beiden Augen durchgesehen werden kann, gestattet die Wahrnehmung von
Niveauunterschieden.
Bei Druckerhöhung im Auge, wenn dieselbe erheblicheren Grades ist (so-
genannten glaueomatösen Zuständen), wird gleichfalls eine parenchymatöse Horn-
hauttrübung beobachtet. Dieselbe ist diffus, im Hornhautcentruin am gesättigtsten,
und die Hornhautoberfläche darüber matt und gestichelt, w T ie bei parenchymatöser
Keratitis. Sie bewirkt Nebligsehen bei Tage und Regenbogenfarbensehen um
Lichter bei Nacht. Sie kommt und geht mit der Druckerhöhung und entsteht
höchst wahrscheinlich nur dadurch, dass unter erhöhtem Druck mehr Kammer-
flüssigkeit in die Hornhaut gepresst wird, als unter normalen Verhältnissen. Diese
kann nicht entsprechend rasch abfliessen, erweitert, wie microscopische Präparate
zeigen, die Saftcanälchen, macht die Hornhautfasern quellen und bewirkt die
Trübung durch unregelmäfsige Lichtbrechung. Die Stichelung im vordem Epithel
ist durch Ausfall von Zellen und Flüssigkeitströpfchen in demselben bedingt
(Fuchs), die der gleichen Quelle entstammen. Am Hornhautrande, in der Nähe
der ausgiebigeren Abflusswege, kommt dies nicht zu Stande; derselbe bleibt klar.
In schweren Anfällen ist zugleich die Hornhaut unempfindlich (durch Quellung
der Nervenendigungen in Serum ?), und es kann sich das vordere Epithel mehrfach
in Blasen abheben.
Spontan entstehende Trübungen im Lidspaltengebiet der Hornhaut,
sogenannte bandförmige (v. Graefe) oder gürtelförmige (Arlt)
Angeborene Fehler. 179
Keratitis gehören meist in's Gebiet der epithelialen Schwielenbildungen
mit oder ohne Trübung der darunter gelegenen Hornhaut; auch sind
amyloide Einlagerungen nachgewiesen worden. Abgesehen von Leucomen
und Staphylomen, kommen sie auf Augen vor, die in Folge von Ent-
zündungen im Uvealgebiet erblindet sind. Eine eigentümliche Horn-
hauttrübung im Lidspaltengebiet, die in seltenen Fällen bei Greisen
spontan ohne Schmerzen und Entzündungserscheinungen auftritt, besitzt
grosse Analogie mit den Veränderungen bei Arcus senilis.
Als angeborener Fehler kommt abnorme Grösse der Hornhaut
(Megalocornea) und abnorme Kleinheit derselben vor ( Micro -
Cornea), theils mit, theils ohne entsprechende Grössenveränderung
des Auges. Auch kommen Verschiedenheiten in den Dickeverhältnissen
vor, die normalerweise etwa zwischen 1,1mm (am Rande) und 0,9 mm
im Centrum schwankt. Am Lebenden lassen sich diese letzteren nicht
unterscheiden; nur bei Operationen macht sich zuweilen eine abnorme
Dünnheit der Hornhaut unangenehm geltend, da die primäre Verklebung
der Wunden darunter leidet. Gegenstand einer Therapie sind diese
Abnormitäten selbstverständlich nie.
Anders verhält es sich mit dem sogenannten Keratoglobus, in
spätem Stadien auch als Buphthalmus (Ochsenauge) oder Hydro-
phthalmus bezeichnet, der entweder angeboren vorkommt, oder doch
in den ersten Lebensjahren auftritt und eine progressive, entzündliche
Erkrankung darstellt. Wir finden zuerst eine kuglige Vergrösserung
der Hornhaut, die sich noch scharf von der angrenzenden Sclera absetzt.
Die brechenden Medien sind klar, die Iris entsprechend mitvergrössert,
die Kammer vertieft. Von Zeit zu Zeit kommen meist schmerzlose,
entzündliche Anfälle, während welcher das Auge hart und die Hornhaut
diffus getrübt ist, mit gestichelter Oberfläche. In den Zwischenräumen
kann sich Alles wieder zurückbilden, aber nach einiger Zeit kann man,
wenn die Medien klar bleiben, Aushöhlung des Sehnerven nachweisen.
Später treten die entzündlichen Anfälle häufiger auf; die der Hornhaut
benachbarte Scleralzone verdünnt sich, wird bläulich, die scharfe Rinne
am Hornhautansatz gleicht sich aus, die Hornhaut trübt sich mehr und
mehr und das Sehvermögen nimmt ab. Der ganze Bulbus vergrössert
sich bedeutend, und die Excavation der Papille wird immer tiefer. Das
Auge wird bald nicht mehr völlig von den Lidern überdeckt; dem
entsprechend entwickeln sich Trübungen und Gefässbildungen in der
Lidspaltenzone der Hornhaut. Nach längerer oder kürzerer Zeit — es
können Jahre darüber hingehen — ist das Sehvermögen erloschen; die
ausgedehnten und verdünnten Bulbuswandungen platzen bei einem
1-2*
180 VI. Erkrankungen der Hornhaut.
leichten Trauma, und eine acute Eiterung mit Ausgang in Phthisis bulbi
macht der Affection ein Ende. Geschieht dies nicht, so treten Schwielen-
bildungen, Verkalkungen u. s. w., wie bei bandförmiger Keratitis auf.
Der Zustand kann lange bestehen bleiben; gewöhnlich kommt es aber
doch später zu dem oben genannten Ausgange, weil die Krankheit meist
doppelseitig auftritt und bei dem erblindeten Patienten sehr leicht ein
An- und Aufstossen des Auges eintritt. Oft kommt es zu oberflächlichen
Necrosen in der bandförmigen Keratitis, und auch an diese kann sich
Infection von aussen, Ulcus serpens, und weiterhin eitrige Uvealent-
zündung anschliessen.
In andern Fällen sind mehr oder weniger sichtbare Zeichen von
Entzündung der Iris und des Ciliarkörpers vor Auftreten des Kerato-
globus vorhanden; diese Formen gehören genau genommen zu den
Uvealaffectionen. Aber auch die scheinbar reinen Formen gehören in
dieses Kapitel; denn die anatomische Untersuchung zeigt ausser der
Sehnervenaffection , dass die Irisperipherie in grosser Ausdehnung mit
der Hornhaut verwachsen ist. Dadurch werden die wichtigen Abfluss-
wege im Fontana'schen Kaume verlegt und der Augendruck erhöht.
Intercurrente entzündliche Exacerbationen mit erhöhter Secretion machen
die acuten Steigerungen.
Die Behandlung besteht während leichter Anfälle in der Anwendung
des Eserin's ; ausserdem sollte möglichst früh eine Iridectomie ausgeführt
Averden, ehe sich die Rinne zwischen Cornea und Sclera
ausgeglichen hat. In spätem Stadien ist letztere Operation sehr
gefährlich und sehr häufig von Ausfliessen des verflüssigten Glaskörpers
gefolgt. In solchen Fällen schneidet die Entfernung des erblindeten
Auges (Enucleation) den ganzen Process kurzer Hand ab, während
Staphylomoperationen nicht zu empfehlen sind. Bei intereurrenten
Necrosen der Hornhautoberfläche macht man Cataplasmen, die auch
bei Vereiterung des Auges aus irgend welchem Grunde am Platze sind.
Keratoconus pellucidus heisst eine seltene Krankheit, bei der
die Hornhaut mehr oder weniger rasch deutlich sichtbare Kegelform an-
nimmt. Meist ist nur die Mitte derselben vorgebaucht und verdünnt,
zuweilen auch getrübt. Die Sehstörungen sind die excessiv starker
Myopie mit unregelmäfsigem Astigmatismus und starker Herabsetzung
des Sehvermögens, öfters Polyopie (Seite 44). Zuweilen bessern Cylinder-
gläser; auch hat man schon durch eigens geschliffene, parabolische Gläser
(Rählmann) Besserung erzielt. Die Behandlung dieser noch nicht
genügend aufgeklärten Krankheit bestand in Aetzen und Ausschneiden
der Hornhautmitte, manchmal mit recht gutem Erfolge.
Geschwülste. Igl
Geschwülste kommen fast nur am Hornhautrande vor und sind
schon bei denen der Conjunctiva besprochen worden. Nur Dermoide
bedecken zuweilen die Hornhaut selbst in grösserem Umfange. Sie sind
selbstverständlich möglichst frühzeitig zu entfernen, worauf aber ein
dichtes Leucom zurückzubleiben pflegt.
Üb man gewisse, scharf umgrenzte, graue Infiltrate der Cornea mit centraler
gelber Färbung, mitten im Hornhautgewebe unter intactem Epithel gelegen, wie
ich sie einige Male bei Syphilitischen sah . als Gummata auffassen darf, erscheint
fraglich. Diese Affectionen heilten unter Anwendung von Cataplasmen sehr langsam,
nachdem vorher Gefässentwicklung von der Peripherie her stattgefunden hatte.
Die zurückbleibende Trübung war verhältnissmäfsig gering, die Hornhautoberfläche
aber an der betreffenden Stelle deutlich eingesunken. Eine antispecifische Behandlung
hatte übrigens nicht viel Einfluss auf den Verlauf, der sich auf etwa 6 Wochen
erstreckte.
Bei Leprösen erkrankt die Hornhaut sehr häufig entweder dadurch, dass
sich wirkliche lepröse Geschwulstbildungen auf und in derselben entwickeln , oder
mehr secundär als „Keratitis punctata".
YIL Erkrankungen der Sclera.
Die Lederhaut, Tunica sclerotica, des Auges besteht aus sehr dicht verfilzten
Fasern von leimgebendem Bindegewebe, zwischen denen spärliche Bindegewebszellen
unvollkommene Endothellagen bilden. Die Fasern der Lederhaut gehen continuir-
lich in diejenigen der Hornhaut über, welch' letztere auch chemisch ähnliches Ver-
halten zeigen. Am dünnsten, etwa 0,8 mm, ist die Sclera im Aequator; nach vorn
gegen die Hornhaut nimmt sie erheblich — bis über 1,0 mm — an Dicke zu, indem
sie durch die Sehnen der geraden Augenmuskeln verstärkt wird. Diese letzteren
verflechten und verfilzen sich mit den Fasern der Lederhaut und können bis zu
deren Innenfläche in der Nachbarschaft des Schiern m 'sehen Canals verfolgt werden.
Am Sehnerveneintritt spaltet sich die Sclera in die dickere äussere (Dural-) und
dünnere innere (Pial-) Scheide des Sehnerven und hilft zugleich in Gemeinschaft
mit der Choroidea die sogenannte Lamina cribrosa des letzteren bilden, wovon
später noch die Bede sein wird. Kur hier in unmittelbarster Nachbarschaft des
Sehnerven ist die Sclerotica mit der Choroidea fest verwachsen; im L'ebrigen be-
findet sich zwischen diesen beiden Häuten das lockere, leicht verschiebliche, aus pig-
raentirten Sternzellen bestehende Bindegewebe der sogenannten Suprachoroidea,
und lediglich die in die Choroidea eintretenden, die Sclera durchsetzenden Gefässe
und Nerven vermitteln eine gewisse Verbindung beider Membranen.
Gegen die Suprachoroidea besteht keine scharfe Grenze, sondern ein allmäh-
licher Tebergang, und oft zeigen auch noch die innersten Scleralschichten pig-
mentirte Zellen.
182 VII. Erkrankungen der Selera.
Von Wichtigkeit ist die Kenntniss der Perforationsstellen der Selera. Ab-
gesehen vom Sehnerven treten Arterien, Venen und Nerven dnreh dieselbe. Die
kurzen hintern Cili arart erien . zwei nasal- und temporalwärts vom Seli-
nerven. deren Aeste einen Bing, den Zinn 'sehen oder Jäger 'sehen King, bilden,
alle anderen im hinteren Pole des Auges, hinter der Macula lutea, durchbohren die
Selera auf dem kürzesten Wege. Dazu kommen noch zwei lange hintere
Ciliararterien, je eine innen und aussen ziemlich entfernt vom Opticus.
Im Aequator des Auges treten die Venae vorticosae durch die Selera,
meist vier, in der Mitte /wischen je zwei geraden Augenmuskeln liegend. Vorn,
etwa 5 mm vom Hornhaut rande entfernt, durchbohren die vor de r en Cili arart e rien
leralgewebe, in der gleichen Gegend treten die vorderen Ciliarvenen
nach aussen. Das lymphoide Gewebe der Adventitia der ßefasse bildet eine
directe Communication zwischen den Lyraphräumen der Suprachoroidea und der
Tenon'schen Kapsel (gewissermafsen der Gelenkpfanne des Auges).
Ausser den belassen treten noch etwa ein Dutzend lange und kurze
Ciliarnerven in der Gegend des hintern Poles durch die Selera; während die
Gefasse letztere meist senkrecht auf dem kürzesten Wege durchbohren, treten die
Nerven, namentlich einzelne, oft in sehr schräger Richtung hindurch. Bei gesteigertem
intraocularem Drucke bilden die Perforationsstellen Loci minoris resistentiae. also
die Umgebung des Opticus, der hintere Pol. der Aequator und die pericorneale Zone.
Die Selera besitzt eigene Gefässe, doch nur in sehr spärlichem Mafse; ihre
Erkrankungen sind selten primär, meist von der Uvea und Cornea aus inducirt;
andrerseits rindet auch oft ein Uebergang auf diese beiden Membranen statt.
Die Scleritis, auch Episcleritis genannt, tritt immer in Heerdform
auf. In der pericornealen Zone, im Bezirk der vordem Ciliargei';i<so.
tritt ein bläuliehrother hyperaemischer Fleck auf, und es macht sich
bald darauf eine hügelartige Prominenz daselbst bemerkbar, über der
die Conjunetiva verschieblich ist. Bei leichtem Fingerdruck auf diese
Stelle lässt sich die begleitende Conjunctivalbyperaemie wegdrücken, und
es bleibt nur noch die violette Scleralhyperaemie zurück. Die hüglige
Hervorragung vergrössert sich einige Zeit lang und wird hierbei blasser,
von mehr gelblichem Farbentone; später flacht sie sich ab, oft unter
endlicher Zuvüeklassung eines sehiefergrauen Fleckes. Dieser Verlauf
pflegt 4 — 6 Wochen in Anspruch zu nehmen. Selten ist hiermit die
Krankheit abgeschlossen; meist entwickeln sich nach einiger Zeit, oft
schon, noch ehe die erste Aftection geheilt ist, in der Nachbarschaft
neue Heerde, die auf gleiche Weise verlaufen, so dass schliesslich die
ganze Hornhautperipherie umwandert wird (S c 1 e r i t i s m i g r a n s). Auf
diese Weise kann sich der Verlauf auf Monate und Jahre ausdehnen,
namentlich dann, wenn früher oder später auch das andere Auge in
gleicher Art erkrankt, was häufig der Fall zu sein pflegt. Der Augen-
druck kann normal, vermindert oder erhöht sein, doch kommen excessiye
Grade nur bei Complicationen vor.
Scleritis. 183
Die subjectiven Symptome sind sehr verschieden, oft minimal,
nur ein lästiges Gefühl oder etwas Empfindlichkeit im Auge ; in andern
Fällen sind sie sehr heftig: Quälende Schmerzen im Auge, namentlich
auch Nachts und vermehrt durch Druck aufs Auge, zu denen mehr
oder weniger intensive Kopfschmerzen hinzutreten können, hochgradige
Lichtscheu, aber keine eigentliche Sehstörung; diese wird nur bei Com-
plicationen beobachtet. Von letzteren kommt häufig Iritis vor, die
sich durch Bildung hinterer Synechien kennzeichnet. Tritt umschriebene
Choroiditis hinzu, so verwächst an der betreffenden Stelle die Cho-
roidea mit der Sclera und erstere wird atrophisch, was zuweilen mit dem
Augenspiegel nachgewiesen werden kann. Da aber auch die Sclera hier ver-
dünnt zu sein pflegt, so ist die betreffende Stelle der Bulbuswand weniger
widerstandsfähig und gibt bei normalem oder erhöhtem Augendruck
nach (partielles Scleralstaphylom). Die Betheiligung der Cho-
roidea kann aber auch eine allgemeine sein und wird durch ophthal-
moscopisch sichtbare, im Augengrund zerstreute Heerde, häufiger durch
Glaskörperflocken u. s. w. nachgewiesen. Die practisch wichtigsten
Complicationen sind aber diejenigen durch Betheiligung der Cornea,
die sogenannte sclerosirende Keratitis. Liegt ein scleritischer Heerd
nahe der Hornhaut, so ist nicht selten die letztere in ihren Randpartien
infiltrirt, und nach Ablauf der Affection bleibt die betreffende Stelle
milchglasähnlich oder porcellanartig (Arlt) getrübt, so dass, wenn
eine grössere Anzahl scleritischer Anfälle vorüber ist, die Hornhaut
scheinbar verkleinert und unregelmäfsig begrenzt ist. Dies kann fast
das einzige Residuum einer langjährigen Scleritis sein und hat, da das
Sehen nicht gestört ist, wenig zu bedeuten. In andern schweren Fällen
aber schreitet von dem scleritischen Randheerde eine zungenförmige ge-
sättigte Trübung bis zur Hornhautmitte und darüber vor, die später
nur wenig oder gar nicht sich aufhellt. In Folge mehrfacher scleritischer
Anfälle kann so allmählich der grösste Theil oder die ganze Hornhaut
in ein gesättigt trübes Gewebe verwandelt w r erden, und trotz des Fehlens
tieferer Störungen das Sehvermögen auf quantitative Lichtempfindung
beschränkt sein. Wieder in andern Fällen findet eine umfangreiche
Aufhellung, namentlich am Rande statt, so dass, abgesehen von den
mehr centralen Trübungen, scheinbar nur ein sehr ausgebildeter Arcus
senilis vorhanden zu sein scheint. Ist die Hornhaut grösstenteils oder
völlig getrübt, so ist sie deutlich abgeflacht; hellt sich ein grösserer
Theil wieder auf, so resultirt hochgradiger unregelmäfsiger, gelegentlich
auch einmal regelmäfsiger Astigmatismus, welch 1 letzterer natürlich
mit Gläsern corrigirt werden kann.
184 VII. Erkrankungen der Sclera.
Bei schweren Formen von Keratitis parenchymatosa ist
complicirende Scleritis nicht selten; hier ist dann aber immer Iris,
Corpus ciliare und Choroidea in erheblichem Mafse betb eiligt. Die
erweichten sclerochoroiditischen Stellen bilden später bläuliche Buckel um
die Hornhaut herum, oder wenn der Process mehr diffus verläuft, so
verstreicht die Cornea-Scleralgrenze, und der ganze vordere Bulbus-
abschnitt vergrössert sich. Fast immer ist in solchen Fällen auch der
intraoculare Druck fühlbar erhöht, doch braucht dies nicht nothwendig
der Fall zu sein.
Die reinen Formen von Scleritis mit und ohne Betheiligung der
Cornea kommen vorwiegend bei Erwachsenen vor; nicht selten ist
arthritische , namentlich aber rheumatische Diathese vorhanden; in
vielen Fällen aber ist keinerlei constitutionelle Ursache nachzuweisen.
Im Kindes- und Jünglingsalter spielt die hereditäre Lues (als ur-
sächliches Moment für schwere parenchymatöse Keratitis) eine Bolle.
Doch habe ich auch ohne letztere mehrfach Scleritis mit sclerosirender
Keratitis, die zu totaler Hornhauttrübung führte,[bei Personen um die
zwanziger Jahre auf hereditär-syphilitischer Basis gesehen.
Die Behandlung ist häutig recht unbefriedigend. Bei einfacher
Scleritis gebe man Atropin, gerade so viel, um eine gehörige Pupillen-
erweiterung herbeizuführen zur Verhütung von Iritis; ist letztere be-
reits vorhanden, was sich durch Bildung von Verwachsungen mit der
Linse anzeigt, so muss energischer atropinisirt werden. Trockene Wärme, in
Form sogenannter Kräutersäckchen consequent angewandt, wirkt meistens
am wohlthuendsten (Seite 5). Oft werden dadurch die Schmerzen ge-
lindert; ist dies aber nicht in genügendem Grade der Fall, so sind
Abends Morpbiuminjectionen in die Schläfe oder Chloral (1 — 1,5 : 30 Vin.
Malacens.) unentbehrlich. Wird Rheuma oder Gicht vermuthet, so
gebe man Natrium salicylicum 2,0 — 4,0 pro dosi, Abends zu nehmen.
Dieses Mittel wirkt zuweilen auch bei Fehlen dieser Constitutions-
anomalien günstig. Eine leicht abführende Behandlung ist immer em-
pfehlenswerth ; auch vergesse man nie, den Kranken auf die lange Dauer
seines Leidens und die Wahrscheinlichkeit von Rückfällen aufmerksam
zu machen. Von der localen Behandlung der Heerde durch Massage
(Pagen Stecher), die oft sehr schmerzhaft und durch Scarification
(Adamuek, Schöler), die bei verdünnter Sclera gefährlich werden
kann, sah ich bis jetzt keinen durchschlagenden Erfolg, obschon sie in
einzelnen Fällen günstig wirkten ; Andere haben damit bessere Resultate
erzielt. Glaskörpertrübungen, die nach Ablauf der Scleritis zurückbleiben,
erfordern eine Schwitzcur mit Holztrank und Einwicklungen oder mit
Staphylome. |35
Pilocarpin. Gegen die Hornhautaffection sind wir so gut wie machtlos ;
erst nach völligem Ablaufe des Processes ist es gestattet. Mittel zur
Aufhellung der Trübungen zu versuchen, z. B. Calomeleinstäubungen,
Jodkaliumein träufeln. Terpenthinöl, gelbe Salbe, doch sei man mit Reiz-
mitteln sehr vorsichtig und beginne mit dem allermildesten (Jodkalium).
Nach Horner wirkt Arsenik innerlich sehr lange fortgebraucht recht
günstig. Gelegentlich kann auch eine optische Iridectomie (siehe
Seite 168) in Frage kommen.
Bei andern Augenleiden wird durch das Hinzutreten von Scleritis
die Prognose zwar verschlechtert, die Behandlung aber selten modificirt.
Vor Verwechslung mit breiten Phlyctaenen, die nicht selten gemacht
wird, schützt der Umstand, dass die Conjunctivalhyperaemie bei letztem
leicht völlig mit dem Finger wegzudrücken ist, während dann bei Scleritis
die tiefe, bläulichrothe Ciliarinjection erst recht hervortritt. Ausserdem
ist bei einiger Aufmerksamkeit das phlyctaenuläre Geschwür, nicht zu
übersehen, während die scleritischen Buckel von glattem Epithel über-
zogen sind.
Eher kann Entzündung des Sehnenansatzes eines geraden Augen-
muskels oder Myositis eines solchen für Scleritis gehalten werden.
Diese Affection ist durch Aetiologie (Rheumatismus) und Verlauf (öfter
lange Dauer, Recidiviren, Schmerzhaftigkeit spontan und bei Berühren)
der Scleritis sehr ähnlich und jedenfalls auch nahe mit ihr verwandt.
Zu beachten ist. dass bei Myositis oder Sehnenentzündung die mehr
gelbröthliche, deutlich o e de m atöse Anschwellung sich genau auf den
Muskel oder dessen Sehnenansatz beschränkt. Die Behandlung ist üb-
rigens die gleiche ; auch können Colomeleinstäubungen sehr günstig
wirken. Selbstverständlich kommt es aber nie zu den bei Scleritis sc
häutigen Complicationen.
Ausbuchtungen der Sclera, Scleralstaphylome, sind immer Folge
einer vorausgegangenen Sclerochoroiditis. wobei sowohl die Scle-
ritis. als auch die Choroiditis, resp. Uveitis, das Primäre sein kann.
Entweder gibt das zellig inriltrirte Gewebe in Folge „entzündlicher Er-
weichung" dem normalen oder erhöhten Augendrucke nach, oder es kommt
zur Atrophie, gewissermafsen Narbenbildung in den beiden mit einander
verwachsenen Membranen und erst später, meist in Folge erhöhten
Augendruckes, zur Ausdehnung des Narbengewebes. Ist der Augendruck
normal oder vermindert, so können ausgedehnte Verwachsungen zwischen
Sclera und der dann immer atrophirten Choroidea ohne Ausbuchtung
bestehen; bei Druckerhöhung dagegen bilden diese Verwachsungsstellen
den Locus minoris resistentiae. Doch kann unter gewissen Verhält-
186 VII. Erkrankungen der Sclera.
[rissen auch ohne Druekvermehrung im Auge Staphylombildung eintreten.
Immer sind die Staphylome innen mit Resten von Choroidalgewebe
überzogen.
Je nach der Lage unterscheidet man Choroidalstaphylome,
Staphylome des Ciliarkörpers und sogenannte Intercalar-
st-aphylome; sie können einfach oder mehrfach, partiell oder total
vorkommen. Die ersten beiden Namen sind leicht verständlich. Das
Intercalar- oder eingeschaltete Staphylom sollte dem Xamen nach
zwischen Ciliarkörper und Irisansatz entstehen. Es kommt dann zu
Stande, wenn ursprünglich die Irisperipherie mit der Cornea verwachsen
und der Fontana'sche Raum obliterirl war. Wenn sich nun diese
Verwachsungsstelle mehr und mehr ausdehnt und verdünnt, so hat es
den Anschein, als ob die Iris am cornealen Rande des Staphyloms an-
gesetzt sei. während die pigmentirten Reste ihres Gewebes die Innen-
fläche des Staphyloms überziehen und microscopisch leicht bis zum
Ciliarkörper verfolgt werden können.
Therapeutisch sind die Scleralstaphylome ziemlich unnahbar.
Ist keine Druckerhöhung im Auge vorbanden, so kann das Sehvermögen,
dem Stande der brechenden Medien entsprechend, erhalten bleiben. Ist
aber von Anfang an die Spannung vermehrt, oder tritt im weiteren
Verlauf vermehrte Tension hinzu, so geht das Auge früher oder später
zu Grunde. War eine Scleritis der Ausgangspunkt und ist die Cornea
hierbei nicht in grösserem Umfange in Mitleidenschaft gezogen, so liegen
die Dinge verhältuissmäfsig günstig; sind die Staphylome secundär durch
Uvealerkrankungen bedingt, so ist die Prognose schlecht, weil dann
fast ausnahmslos schwere Complicationen vorhanden sind oder später
auftreten. Die Endausgänge sind die gleichen, wie bei den Hornhaut-
staphylomen (siehe Seite 172). und auch die Behandlung richtet sich
nach denselben Grundsätzen.
Primäre Gescliwulstbildungeii in der Sclera gehören zu den
irrössten Seltenheiten: es sind Fibrome. Knochenbildungen , Teleangi-
ektasien beobachtet worden. Auch kommen Pigmentirungen der Sclera,
namentlich in der pericornealen Zone oder an der Durchbruchsstelle
eines vorderen Ciliargefässes vor. Zu einem therapeutischen Eingriff
geben sie wohl nie Veranlassung.
Secundär kommt dagegen Geschwulstbildung in der Sclera nicht
selten vor. Es sind theils die am Cornealrande sitzenden Epithelial-
carcinome, die allmählich auch in's Gewebe des Sclera-Cornealfalzes
vordringen, theils. und viel häutiger, Sarcome der Choroidea, des Corpus
ciliare und der Iris oder Gliome der Netzhaut, welche von innen her
Verletzungen. 187
in die Sclera eindringen. Entweder wird nach vorhergehender Ver-
wachsung des suprachoroidalen Raumes das Scleralgewebe durch die
Geschwulst aufgeblättert, oder dieselbe schickt Zapfen auf dem Wege
der perforirenden Gefässe nach aussen, wonach es zur Entwicklung
grosser extrabulbärer Geschwülste kommen kann. In seltenen Fällen
sind es auch gummöse oder tuberculöse Neubildungen (Granulome) des
Uvealtractus, die Betheiligung und Perforation der Sclera herbeiführen
können. Gummata kommen auch primär in der Sclera vor und er-
heischen natürlich eine entsprechend antispecifische Behandlung, geben
aber trotzdem eine schlechte Prognose. Bei den andern Geschwülsten
besteht die einzige Therapie in der möglichst frühzeitigen Entfernung
des ganzen Auges.
Wunden der Sclera sind selten rein, fast immer mit Zerreissung
oder Quetschung des Bulbusinhaltes verbunden , welch 1 letztere die
Situation beherrschen. Einfache Wunden vernäht man nach sorgfältiger
Desinfection mit Catgut oder Seide und lässt bis zur Heilung einen
Verband tragen; meridionale klaffen bedeutend weniger, als äquatorial
verlaufende, wegen des bei letzteren wirkenden Muskelzuges. Bei
complicirten Wunden ist immer Infection des Uvealtractus zu befürchten
mit Ausgang in eitrige Entzündung oder Schrumpfung, wovon später
noch die Rede sein wird.
Von geringerer directer Gefahr [sind die subconjunctivalen
Rupturen bei Einwirkung von stumpfer Gewalt. Die Sclera reisst hierbei
in einiger Entfernung vom Hornhautrande und concentrisch zu demselben,
meist nach oben, in grösserem oder geringerem Umfange ein, und Linse
sowie Iris können durch den Riss unter die Conjunctiva austreten.
Gleichzeitig ist das Auge mehr oder weniger vollständig mit Blut
gefüllt. Durch continuirlich.es Auflegen eines Eisbeutels kann man das
Blut zur Resorption bringen und zuweilen wieder ein befriedigendes
Sehvermögen, eventuell ohne Linse und Iris, erlangen, falls Lichtschein
und Projection von Anfang an gut waren. Tritt schleichende Entzündung
des Auges ein, so muss es sobald als möglich entfernt werden. Die
unter der Conjunctiva befindliche Linse entferne man erst, wenn die
Heilung der Scleralwunde sicher angenommen werden kann, etwa nach 4 bis
6 Wochen. Iris- und Choroidalreste rührt man, wenn sie subconjunctival
liegen, am besten nicht an, obschon sie zuweilen eine umfangreiche
Pigmentirung der Conjunctiva veranlassen können.
Weit seltener als vor dem Ansätze der geraden Augenmuskeln, zer-
reisst die Sclera weiter rückwärts oder im Aequator; doch kann auch
durch solche Rupturen die Linse austreten. Hat keine umfängliche
188 VIII. Erkrankungen dos Uvealtractus.
Blutung stattgefunden, so erkennt man derartige Einrisse an der Weich!
heit des Auges und an der tiefen vordem Kammer. Iris und Linsen-
system sind zurückgesunken und schlottern bei Bewegungen, als Zeichen
stattgehabten Glaskörperaustritts. Nach einiger Zeit pflegt dann
mehr oder weniger umfangreiches gelbliches Conjunctivaloedem sich
anzuschliessen. Obschon die meisten dieser Fälle ohne weiteren Nacül
theil heilen, ist es doch gut, den Kranken Anfangs mit Ruhe und
sorgfältigem Verbände zu behandeln und einige Wochen in der Be-
obachtung zu behalten, da sich auch an solche scheinbar unbedeutende
Verletzungen schleichende Entzündungsvorgänge im Uvealtractus an-
schliessen können, die das betroffene Auge in grosse Gefahr setzen.
Reine einfache Wunden der Sclera heilen mit linearer Narbe; bei
Mitbetheiligung der Uvea bildet sich eine mehr oder weniger starke
Einziehung der betrettenden Stelle, wenn nicht durch Infeetion tief-
gehendere Entzündungsvorgänge hervorgerufen wurden.
VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Die Uvea oder Gef&sshaut ist das Haupternährungsorgan des Auges. Allerdings
besitzt auch die Netzhaut ein eigenes Gefässsvstem. welches indess bei Thieren ganz
oder theihveise fehlen kann . während es beim Menschen für die Function der
innern Netzhautsehiehten unentbehrlich ist ; doch tritt das Blutquantum der Netzhaut
gegen das in der Gelasshaut circulirende sehr zurück.
Die Uvea überzieht die Innenfläche der Sclera vom Sehnerveneintritt bis zum
Hornhautrande, wo sie sich in das frei in die vordere Kammer hängende Diaphragma
der Iris fortsetzt. Ausser am Foramen optjcum und an der Descemet'schen
Membran, „der Sehne des Ciliarmuskels", bilden nur die aus der Sclera in die
Choroidea tretenden Gefässe und Nerven eine directe Verbindung zwischen diesen
Membranen; im Uebrigen liegt zwischen beiden das lockere, leicht verschiebliche,
aus pigmentirten sternförmigen Zellen und deren Ausläufern bestehende Bindegewebe
der Supra choroidea. In ihr verlaufen gröbere Gefässe und Nerven, welche
direct vom hintern Pole des Auges nach vorn ziehen; letztere bilden stellenweise
besonders im vordem Abschnitt, feine Geflechte mit Ganglienzellen.
In der eigentlichen Choroidea oder Ader haut lassen sich mehrere
Schichten unterscheiden. Auf die Suprachoroidea folgt nach innen die Schichte
der gröberen Gefässe. zwischen welchen mehr oder weniger pigmentirtes Bindege-
webe sich befindet. Die Gefässanordnung ist characteristisch : Wesentlich meridional
verlaufende grobe Maschen (Arterien) im eigentlichen Fundus oculi, 4 — 5 stern-
förmige Büschel, Vasa vorticosa (Venen) im Aequator. Nach innen von den
grossen Gefässen liegt die Choriocapillaris, eine einfache Schichte sehr weiter
Anatomie. 189
und engmaschiger Capillaren, welche Eigenschaften am ausgesprochensten am hintern
Pole des Auges, in der Gegend der Macula lutea, zu finden sind. Nach innen von
der Choriocapillaris , unmittelbar dieser anliegend, findet man eine feine Glas-
membran, deren feinere Structur (sstreifig mit feinen Leistensystemen an der
Innenfläche) bis jetzt nur von theoretichem Interesse ist, und auf dieser das Pig-
mentepithel. Dasselbe ist eine einfache Lage platter polygonaler Zellen, die auf
dem Durchschnitt einen äussern pigmentfreien, den Kern enthaltenden, und einen
innern mehr oder weniger stark braun pigmentirten Theil erkennen lassen. Genetisch
gehört das Pigmentepithel zur Netzhaut und ist ein Theil der primären Augenblase,
während die Choroidea dem mittleren Keimblatte entstammt, ebenso wie die Pial-
scheide des Opticus ; Sclera und Duralscheide sind spätere Bildungen. Die stärkste
Pigmentirung zeigt die Choroidea am hintern Pole in der Maculagegend, woselbst
sie auch am dicksten (0,9 mm) ist ; beides nimmt gegen die Peripherie ab.
Die Perforation der Choroidea am Sehnerveneintritt ist nur eine theilweise.
Fortsätze ihres Gewebes vereinigen sich mit dem ZwischenbindegevVebe des Opticus
zur Lamina cribrosa, und hier finden gleichzeitig capillare Anastomosen zwischen
Netzhaut und Chöroidalgefässen statt.
Da, wo die Netzhaut ihren nervösen Character verliert, an der sogenannten
Ora serrata, circa 5 mm vor dem Aequator bulbi, geht die Choroidea in den Ciliar-
körper über, durch Einlagerung musculöser Elemente und Faltenbildung an der
Innenfläche. Der aus glatten Muskelfasern bestehende Ciliarmuskel liegt
zwischen Suprachoroidea und den übrigen Schichten, ist hinten flächenförmig, ge-
winnt nach vorn an Dicke und erhält durch Hinzutreten von Ringfasern (siehe
Seite 142) auf Meridionalschnitten die Gestalt eines Dreiecks. Die Schichte der
grossen Gefässe und die Choriocapillaris, welche beide nicht mehr so scharf von
einander getrennt sind, erhebt sich erst in flachen meridionalen Falten- und bildet
auf der Höhe des Ciliarmuskels die halskrausenförmigen Ciliarfortsätze, aus lockerem
Bindegewebe mit reichlich grobem und feinen Gefässen bestehend. Die Glasmembran
lässt sich als feine structurlose Membran über die Ciliarfortsätze verfolgen. Auch
das Pigmentepithel ändert sich; die Zellen werden zuerst grösser, klumpiger und
nehmen allmählich das Aussehen eines Cylinderepithels an, welches die Ciliarfortsätze
überzieht. Innen vom Pigmentepithel liegen von der Ora serrata an die hyalinen
Fasern, welche die Zonula Zinnii zusammensetzen.
Der Ciliarmuskel inserirt sich an der Descemet'schen Membran; an
seinen Sehnenfäden, in ziemlich loser Verbindung mit dem Ciliarkörper, setzt sich
die Regenbogenhaut, Iris, an. Sie besteht aus lockerem, welligem Bindegewebe mit
mehr oder weniger pigmentirten Zellen und enthält reichlich Gefässe, Capillaren
und Nervengeflechte mit Ganglienzellen. Auf der Vorderfläche lässt sich, besonders
bei jugendlichen Individuen, ein Endothelhäutchen nachweisen, welches auch die
fadenförmigen Fortsätze überzieht, welche vom Irisansatze zur Descemet'schen
Membran gehen (ligamentum peotinatum) und mit der Sehne des Ciliarmuskels zu-
sammen den sogenannten Fon tana'schen Raum bilden. An der Hinterfläche der Iris
setzt sich continuirlich von den Ciliarfortsätzen her das Pigmentepithel fort in Form von
nahezu cubischen, sehr dunkel pigmentirten Zellen, welche am Pupillarrande aufhören.
Es lässt sich nachweisen, dass das Pigmentepithel nach vorn von der Ora
serrata nur scheinbar einfach ist. Es besteht aus einer äusseren stark pigmentirten
und einer inneren pigmentlosen Zellenlage. Nur erstere entspricht dem eigent-
\\)() VIII. Erkrankungen Jos Uvealtractus.
liehen Pigmentepithel; letztere ist Jas Aequivalent der Netzhaut. Die primäre
Augenblase reicht also vom Sehnerveneintritt bis zum Bande der Pupille.
Vor dem Pigmentepithel liegt eine einfache Schicht glatter Muskelfasern, die
wesentlich radiär verlaufen und den Dilatator pupillae darstellen. In der
Nähe des Papillarrandes wird eine ringförmige, auf dem Durchschnitte dreieckig«
Prominenz der vorderen Irisfläche durch den gleichfalls aus glatten Fasern bestehen-
den Sphinctei pupillae gebildet, dessen Bündel mit denen des Dilatator
in mehrfacher Verbindung stehen. Normalerweise lassen sieh in der ganzen Uvea
nur vereinzelte oder gar keine frei im Gewehe befindlichen Wanderzellen naehweisei^F
Arterielles Blut erhält die Uvea aus den kurzen und langen hinteren und aus
den vorderen Ciliararterien. Die h i n t e r e n i 1 i a r a r fceri e n sind stark gewunden!
Aestchen der Arteria Ophthalmie*; die kurzen treten in der Umgebung des Seh-
nerven (ca. 3 — 4) und am hintern Pol des Auges in der Maculagegend (1'2— 20) zui
Choroidea. Die langen Cili a r a r teri e n , zwei an der Zahl, innen und aussen
vom Sehnerven, verlaufen in der Suprachoroidea bis zum Irisansatze, wo sie durch
Theilung in je einen oberen und unteren Ast den sogenannten Circulus arte-
riosus iridis major bilden, aus welchem Gefasse für den Ciliarkörper und die
Iris entspringen. Letztere bilden in der Nähe des Sphincter pupillae noch den meist
unvollständigen Circulus arteriös US iridis minor. Die vordere n Ciliar-
arterien entspringen, 6—10 an der Zahl, aus den Gelassen der geraden Augen-
muskeln, durchbohren nahe am Hornhautrand die Sclera und betheiligen sich anfl^
Circulus iridis major und dessen Verzweigungen.
Das venöse Blut sammelt sich grösstenteils in den Venae vorticosae.
welche im Aequator des Auges in den Zwischenräumen zwischen den geraden Augen-
muskeln liegen und in die Vena ophthalmica cerebralis einmünden. Ein kleinerer
Theil des venösen Blutes, namentlich wohl aus der Iris, sammelt sich in einem
ringförmigen Venenplexus (Leb er 'scher Venenplexus und Schlemm 'scher Canal)
in der Comeascleralgrenze gleich aussen von den Sehnenansätzen des Ciliarmuskels
an die Des cemet'sche Membran. Aus diesem entspringen mehrere nach aussen
verlaufende Stammchen, welche schon äusserlich in der Conjunctiva sichtbar sind.
Das Gefässsystem der Uvea ist in sich abgeschlossen: nur am Sehnerven-
eintritt bestehen capillare Anastomosen mit den Gelassen der Netzhaut. Wegen
sehr zahlreicher Anastomosen auch zwischen dem System der hinteren und vorderen
Ciliargefässe und der Weite der Capillaren findet bei theilweisen Circulations-
hindernissen sehr leicht und rasch ein collateraler Ausgleich statt. Wir können
nach der Gefässvertheilung in der Uvea einen vorderen und hinteren arteriellen
Bezirk unterscheiden, welche beide durch einen venösen im Aequator getrennt sind.
Innerort wird die Uvea durch die aus dem Ganglion ciliare entspringen-
den langen und kurzen C i 1 i a r n e r v e n . welche sämmtlich im hinteren Pole
und dessen Nachbarschaft durch die Sclera treten. Die sensibeln Fasern stammen
aus dem Nasociliaris (Radix longa), die motorischen aus dem zum Musculus obliquus
inferior gehenden Zweige des Oculomotorius (Radix brevis); die sympathischen
Fasern entspringen aus dem Plexus caroticus im Sinus cavernosus. Die Ciliar-
nerven bilden ganglienzellenhaltige feine Geflechte in der Suprachoroidea und in
der Ins und innerviren die Muskeln. Für Sphincter pupillae und Musculus ciliaris
verlaufen die Fasern in den Bahnen des Oculomotorius, für den Dilatator pupillae
im Sympathicus. Nach Durchschneidung sämmtlicher Ciliarnerven ist auch die
Hornhaut und ein ihr benachbarter Theil der Conjunctiva unempfindlich, aber ohne
Anatomie. ]U\
mte Grenzen und häufig nicht vollständig. I > i c Empfindlichkeit kann nach
/ oder theilweise zurückkehren.
I>io Choroidea dient zur Ernährung der äusseren Netzhautschichten, welchen
sie, ausser den Sehsubstanzen (Sehpurpur) namentlich wohl Sauerstoff liefert; die
aus ihr stammende Flüssigkeit durchströmt grösstenteils die Netzhaut und gelangt
in den Glaskörper, welcher wie die Netzhaut bei pathologischen Zustanden in der
»idea in Mitleidenschaft gezogen wird.
Die Ernährung der Linse wird hauptsächlich aus den Gefassen der Ciliar-
. welche gerade in nächster Nähe vom Linsenäquator i
:h die Wachsthumsvorgänge in der Linse wesentlich abspielen. \'>
krankungen der Choroidea und des Ciliarkörpers zeigen sieh desshalh mit
^elmäfsigkeit früher oder später pathologische Veränderungen auch im
Linsensystem. Die im Glaskörperraume befindliche Flüssigkeit filtrirt durch die
hinge, zum grosseren Theil aber durch den Petit'. sehen C'anal in die vordere
Kammer, wo sie mit der von der Iris gelieferten Flüssigkeit zusammen das Kammer-
bildet, welches zum Theil zwischen den Endothelzellen der Descemet-
Ichen Membran hindurch in die Hornhaut eindringt und nach dem subconjunctivalen
G *. zum grösseren Theil aber im Iriswinkel nach dem Tenon
Baume und von da in die Lymphgerasse der Orbita austritt.
steht demnach im Auge wesentlich mung von hinten
nach vom, wie auch experimentell bev doch ist dies offenbar nicht der einzige
Weg für die Gewebsflüssigkeit. Ein Theil gelangt auch sicher in den Suprachoroidal-
rauin. der als Lymphraum betrachtet werden mnss, und dieser communicirt durch die
Lymphscheiden der Gefasse direct mit dem gleichfalls einen Lymphraurn darstellenden
TenonVhen Raum. Durch Injectionen lässt sich ein Zusammenhang dieser beiden
auch mit dem Zwi-chenscheidenraum des Sehnerven nachweisen. Wahrscheinlich
ist auch, dass ein gewisser Theil der intraocularen Flüssigkeit durch die Lymph-
scheiden der Sehnerv • i interstiti ehe nach aussen tritt,
iberwiegt weitaus der Abfluss aus der vorderen Kammer, und die übrigen
Abflusswege können denselben in keiner Weise ersetzen.
Choroidea und Pigment epithel bedingen die Farbe
Augengrundes. Normalerweise ist dieselbe ziemlich gleich-
mäi'sig, nur im Bereiche des Macula lutea etwas dunkler, meist von
leicht körnigem Aussehen. In der Peripherie wird die Pigmenti r im 'j-
imivgelmäfsiger. Je dunkler pigmentirt ein Individuum überhaupt
iin -o dunkler ist auch der Augengrund; derselbe kann beinahe
schwarz erscheinen. Bei Hellblonden dagegen lässt das wenig pigment-
haltige Pigmentepithel die Einzelheiten der Choroidea theilweise durch-
scheinen: man sieht dann das Injectionspräparat der Choroidea, rothe
ssmaschen auf hellrothem Grunde, aber welche die Netzhautgi
hinwegziehen.
Von Altersveränderungen der Uvea wäre hervorzuheben, dass
die Pigmentirung im Allgemeinen zunimmt, wodurch Anfangs
blaue Augen später braun und ganz dunkel werden können: die Neu-
192 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
geborenen haben bekanntlich fast alle blaue Augen. Ausserdem wird
mit dem Alter die Pupille enger und die Irisbewegung im Ganzen
träger. Wie bei der üescemet'schen Membran, so treten auch an
der Glaslamelle der Cho roi d e a im vorgerückteren Altern Drusen-
Bildungen auf. rundliche confluirende warzige Excrescenzen dieser
Membran, namentlich gegen die Ora serrata hin. die aber nur micro-
scopisch sichtbar sind. AVerden sie gröe weicht über ihnen das
lentepithel auseinander, und nicht selten lagern sich Kalkmoleküle
in ihnen ab. Nur in sehr seltenen Fällen ist die Drusenbildung an
der Glaslamelle der Choroidea der Gegenstand ophthalmoscopischei
Beobachtung, wenn nämlich diese Veränderung in der Nähe des Seh-
nerven eintritt und grössere Dimensionen annimmt. Man erkennt dann
dasell ölick glänzende bucklige Excrescenzen. die wachsen und
confluiren. und es kann in solchen Fällen auch durch Druck auf die
Sehnervenfasern zu Atrophie derselben und zu Sehstörungen kommen.
Jede Therapie ist machtlos dagegen.
Als angeborene Anomalien sind abnorme Pigmentirungen zu
nennen, verschiedene Farbe beider Augen, Pigmentflecken
und kleine Melanomknötchen der Iris, die meist unverändert das
ganze Leben hindurch fortbestehen. Wie an anderen Orten entwickeln
sich aber auch gelegentlich Sarcome aus ihnen. Sie sind desshalb
möglichst frühzeitig zu entfernen, sobald mit Sicherheit ein Waehsthon
ttirt wird. Ohne Gefahr für das Auge kann dies nur bei Knöt-
chen in der Iris geschehen, die sammt benachbartem Gewebe mittelst
einer Iridectomie vollständig zu entfernen sind. An anderen Orten
ie die Gteschwnlstbildnng sicher ist. wegen der Bösartigkeit
der pigmentirten Uvealsarcome das ganze Auge entfernt werden. Um-
schriebene angeborene Pigmentflecke kommen auch in der Choroidea
vor und sind dann ophthalmoskopisch sichtbar: Gegenstand irgend
welcher Therapie sind sie nicht und machen auch keine Symptome.
Umgekehrt wird auch nicht selten abnorm schwache Pigmen-
tirung beobachtet. Albinisnms. Er kommt in den verschiedensten
Graden vor. entweder aufs Auge beschränkt oder zugleich mit abnorm
geringer Pigmentirung auch an anderen Körperstellen (Haaren u. s. w.)j
häutig ist er vererbt. In den höchsten Graden sieht das Auge wie bei
-n Kaninchen aus. die Im ist röthlich. die Sclera wird von aussen 1
durchleuchtet und bei gewissen Blickrichtungen erscheint desshalb die
Pupille roth. Bei durchfallendem Lichte erkennt man durch die Iris
hindurch die Ciliarfortsätze und deren Veränderung bei der Accom-
modation. Ophthalmoskopisch ist der Augengrund völlig pigmentlos, die
Angeborene Fehler. 193
gröberen Ciliargefässe sind sichtbar mit gelblichweissen, nicht pigmen-
tirten Zwischenräumen und geben genau das Bild eines Injections-
präparates der Choroidea, über welchem die viel dünneren Netzhaut-
gefässe oft wenig auffällig sind; nur in der Gegend der Macula
lutea ist eine mehr diffuse, bräunlichrothe Färbung des Augengrundes
vorhanden. Microscopisch sind sämmtliche Elemente der Choroidea
wohl erhalten, aber ohne Pigmentkörner. Immer ist in solchen Fällen
die Sehschärfe erheblich herabgesetzt, es besteht Nystagmus und nicht
selten ist hochgradige Hypermetropie, sowie Astigmatismus vorhanden ;
zuweilen findet man gleichzeitig noch andere angeborene Anomalien. In
anderen Fällen ist die Eefraction Anfangs um Emmetropie herum, und
es entwickelt sich im weitereu Verlauf mehr oder weniger hochgradige
Myopie. Bei geringeren Graden erscheint die Iris blaugrau, der Fundus
oculi ist nicht so absolut pigmentfrei, und es kann bei fehlendem Nystag-
mus normale Sehschärfe bestehen. Hingegen ist bedeutende Licht-
empfindlichkeit vorhanden, die durch gute Beschattung des Auges oder
dunkle Brillen bekämpft werden kann.
Der Albinismus kann auf die Choroidea oder die Iris oder auch
nur auf einzelne Theile derselben beschränkt (Macula lutea, Iris sector)
vorkommen.
Nicht zu verwechseln mit den angeborenen Pigmentdefecten ist die
sogenannte Karefication des Pigmentes, wovon später.
Von seltenen angeborenen Anomalien sind noch zu erwähnen
doppelte oder mehrfache Pupille (Polycorie), mehr oder weniger
excentrischeLage derselben (Ectopia pupillae), letzteres nicht
selten mit Lockerung der Linse und Verschiebung derselben nach der
entgegengesetzten Seite (Ectopia lentis). Auch Mangel der Iris
(Iridereniia) wird als angeborener Zustand beobachtet. Alle diese
Anomalien kommen einseitig und doppelseitig vor, nicht selten ererbt
oder mehrfach in der gleichen Familie ; die Functionen des Auges sind
normal oder nur wenig gestört, wenn nicht Complicationen vorhan-
den sind.
Wichtiger sind die Spaltbildungen der Uvea (Coloboma iridis,
corporis ciliaris und choroideae) ; sie entstehen bei mangelhaftem
Schluss der (durch Einstülpung der secundären Augenblase bedingten)
foetalen Augenspalte und liegen nach unten und meist etwas nach innen.
Beim Colobom der Iris hat die Pupille eine birnförmige Gestalt
mit der Spitze nach unten; es unterscheidet sich von einem künstlichen
Colobom nach Iridectomie dadurch, dass bei ersterein. die Architectonik
der Iris entsprechend zum freien Pupillarrand verläuft, bei letzterem
Knies, Augenheilkunde. IT,
194 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
dagegen durchschnitten ist. Das Colobom der Iris kann bis zum Corneal-
rand reichen oder nur eine Einkerbung des Pupillarrandes darstellen;
in letzterem Falle lässt sich nicht selten eine Art Naht (Raphe) bis
zum Irisansatze verfolgen. Nicht selten fehlt an der Stelle des Coloboms
die Zonula Zinnii und bei durchfallendem Lichte erkennt man dann
eine Einkerbung des Linsenrandes an der betreffenden Stelle ; dies kann
nach und nach zu völliger Loslösung der Linse führen.
Auch das Choroidalcolobom liegt in der Richtung der foetalen
Augenspalte nach unten und kommt mit und ohne Iriscolobom vor.
Es zeigt ophthalmoscopisch ein sehr auffallendes Bild. Ein parabolischer
Sector des Augengrundes ist ectatisch (durch parallactische Verschiebung
und Refractionsdifferenz kenntlich, siehe Seite 23) und die weissliche
oder bläuliche, sehnig glänzende Färbung zeigt das totale Fehlen der
Choroidea an. Nicht selten findet man im Colobom unregelmäfsig zer-
streute Pigmentflecken und sehr häufig ist es von einem starken Pig-
mentsaum umgeben. Im Colobom sind nur wenig Gefässe sichtbar,
die der Sclera angehören, die Netzhautgefässe umkreisen es, doch kommt
es auch vor, dass sie Aestchen in's Colobomgebiet aussenden. Nach
hinten nähert sich das Colobom mehr oder weniger dem Sehnerven oder
schliesst denselben ein; in letzterem Falle lässt sich der Sehnervenein-
tritt entweder als rosig gefärbte Scheibe erkennen, aus der das Netz-
hautgefässbündel entspringt; oder die Netzhautgefässe entspringen ganz
unregelmäfsig, so dass von einem geschlossenen Sehnerveneintritt nicht
mehr gesprochen werden kann. Nach vorn kann das Choroidalcolobom
gleichfalls bogenförmig aufhören, oder es spitzt sich zu und endigt in
einer Raphe des Ciliarkörpers, die aber nur am anatomischen Präparat
sichtbar ist. In anderen Fällen beschränkt sich das Colobom wesentlich
auf den Sehnerven und dessen Umgebung, C o 1 o b o m a v a g i n a e n e r v i
optici; wahrscheinlich sind gewisse so häufige Astigmatismusformen
mit sogenanntem Staphyloma posticum nach unten als die geringsten
Grade dieser Spaltbildimg anzusehen. Bei kleinen Colobomen kann
nahezu normale Sehschärfe bestehen, nur ist ein entsprechender Gesichts-
felddefect nach oben vorhanden. Zuweilen lässt sich aber auch im
Bereich des Coloboms Empfindlichkeit für intensive Lichtreize und sogar
für Farben mit richtiger Localisation nachweisen. Bei höheren Graden
von Colobom ist oft deutlicher Microphthalmus vorhanden, oder hoch-
gradige Hypermetropie mit oder ohne Astigmatismus. Zugleich ist die
Sehschärfe vermindert, und es besteht Nystagmus.
Anatomisch hört die Choroidea am Rande des Coloboms meist mit starker
Pigmentanhäufung auf, nur das Pigmentepithel kann die Innenfläche überziehen,
Angeborene Fehler. 195
enthält aber dann kein Pigment. Auch Netzhautelemente sind, wenngleich in sehr
unregelmäfsiger Anordnung, schon mehrfach im Gebiete des Coloboms nachgewiesen,
sowohl lichtempfindende wie leitende; hierdurch wird die Erklärung für die Licht-
empfindung bei richtiger Localisation aber mangelndem Unterscheidungsvermögen
gegeben.
Das sogenannte Colobomamaculae 1 u t e a e , eine querelliptische
complete Atrophie der Choroidea in der Gegend des hinteren Augen-
poles mit unregelmäfsiger Pigmentirung und oft mit Pigmentsaum,
wobei durch die Refractionsdifferenz eine mehr oder weniger erhebliche
Ausbuchtung der betreffenden Stelle nachgewiesen werden kann, muss
in den meisten Fällen als Product foetaler Sclerochoroiditis angesehen
werden, da die Macula lutea nicht in den Bezirk der foetalen Augen-
spalte fällt.
Nahe verwandt mit den Colobombildungen ist der angeborene
Microphthalnius und Anonhthalnius. Bei ersterem ist der Bulbus
in allen Dimensionen verkleinert und die Sehschärte herabgesetzt; es
besteht meist hochgradige Hypermetropie und oft Nystagmus. Bei sehr
hohen Graden werden fast regelmäfsig noch andere Veränderungen an-
getroffen, z. B. Linsentrübungen u. s. w. Es kommen alle Uebergänge
vor bis zum vollständigen Fehlen eines oder beider Augen. In letzterem
Falle kann ein Conjunctivalsack vorhanden sein oder gleichfalls fehlen.
Fast immer gelang es aber bei der anatomischen Untersuchung des
sogenannten Anophthalmus Beste des Auges und seiner Adnexa, wenn
auch nur als erbsengrosses Rudiment, in der Orbita aufzufinden. Wie
bei den anderen angeborenen Uvealanomalien, so besteht auch hier die
einzige Therapie in der Correction allfallsiger Refrariionsanomalien,
eventuell mit Zuhülfenahme dunkler Gläser.
Was als Membrana papillaris perseverans , Ueberreste der
foetalen Pupillarmembran, beschrieben wird, verdient nur zum Theil
diesen Namen. Von der Yorderrläche der Iris, da wo der Sphinkter
pupillae liegt, entspringen einzelne oder mehrere Fäden, die frei in die
vordere Kammer hängen, oder zum gegenüber liegenden Pnpillarraude
gehen oder aber mit pigmentirtem Gewebe in Verbindung stehen, das
dem Linsencentrum im Pupillargebiete aufsitzt. Characteristisch für die
Annahme der persistirenden Pupillarmembran ist der Ursprung der
Fäden von der vorderen Irisfläche, während intra vitam entstandene
Verwachsungen zwischen Iris und Linse vom freien Pupillarrande aus-
gehen. Doch hat man schon mehrfach beobachtet, dass, wenn solche
Verwachsungen im Säuglingsalter entstehen (Blennorrhoea neonatorum),
der Ursprung desselben allmählich auf die vordere Fläche der Iris
13*
196 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
rückte, so dass später genau das gleiche Bild vorhanden war. Desshalb
ist es wohl eher am Platze, gerade die Fälle mit sehr ausgesprochenem
Pupillarexsudat als üeberbleibsel einer foetalen Iritis anzusprechen.
Die haarfeinen Fäden oder feinen Netze, welche durch die Pupille
ziehen, so wie die so häufigen vereinzelten Pigmentpunkte auf der Linse,
die man gelegentlich in ganz normalen Augen findet, sind wohl eher
Rudimente der Pupillarmembran. Die Functionsstörung ist meist gering;
sollte bei grossem Pupillarexsudat aber eine erheblichere bestehen, so
wäre eher durch eine optische Iridectomie Abhülfe zu schaffen, als
dass man riskirte, beim Losreissen der Membran die Linse zu ver-
letzen.
Bei den entzündlichen Uvealkrankkeiten unterscheidet man je
nach dem hauptsächlich afficirten Theile eine Entzündung der Iris
(Iritis), des Ciliarkörpers (Cyclitis) und der Choroidea (Choroiditis).
Selbstverständlich sind dieselben nicht scharf abgegrenzt; es kommen
sowohl Uebergänge, als Mischformen vor, welch letztere man als Irido-
cyclitis. Iridochoroiditis u. s. w. bezeichnet. Es wäre vielleicht eher
gerechtfertigt, die Entzündungen im vorderen und hinteren arteriellen
Gebiet der Uvea zu trennen, doch wollen wir möglichst bei der ge-
bräuchlichen Benennung bleiben.
Alle Uvealentzündungen haben eine ausgesprochene Neigung zur
Doppelseitigkeit, doch derart, dass die Affection nicht gleichzeitig auf
beiden Augen auftritt, sondern ein längerer Intervall zwischen der Er-
krankung des ersten und der gleichartigen Entzündung des zweiten
Auges liegt. Häufig ist die Disposition zu den einzelnen Uvealer-
krankungen ererbt; nicht selten entwickeln sie sich auf dyscrasischer
Basis.
Iritis nehmen wir an, wenn Ciliarinje ction, Irishyperaemie
und Entzündungsproducte gleichzeitig vorhanden sind. Fehlen
die letzteren, so können wir nur von Irishyperaemie sprechen, fehlt
Ciliarinjection und lässt sie sich nicht durch ganz leichte Insulte (Reiben
des Auges, Atropineinträufelung u. dergl.) in characteristischer Form
hervorrufen, so müssen wir annehmen, dass es sich nur um Entzündungs-
reste, um eine abgelaufene Entzündung handelt.
Die Ciliarinjection ist völlig die gleiche, wie wir sie schon
bei Keratitis und Scleritis kennen gelernt haben. Hyperaemie ändert
die Farbe der Iris ; braune Augen werden dunkler mit einer Beimengung
von Roth, blaue Augen nehmen eine grünliche Färbung an. Je nach
der Art der Entzündungsproducte unterscheiden wir eine plastische,
seröse und eitrige Iritis, wobei aber allerlei Uebergänge bestehen.
Iritis. 197
Die plastische Iritis ist characterisirt durch das Auftreten
von Verwachsungen der Iris mit der hinteren Linsenkapsel (hintere
Synechien) oder, abgesehen von Verletzungen , mit der Hornhaut
(vordere Synechien). Für die Annahme einer Iritis serosa ist
das Auftreten von Beschlägen der Hinterwand der Hornhaut
und der Linsen kapsei mafsgebend; meist sind hierbei aber auch
noch die tieferliegenden Theile der Uvea betheiligt.
Bei der eitrigen Iritis treffen wir Eiter in der vorderen
Kammer (Hypopyum) oder im Irisgewebe an (Irisabscess); sie
ist entweder Folge eitriger Hornhautprocesse oder inficirter Wunden
der Iris selbst. Von ersteren war schon beim Ulcus serpens corneae
die Kede, die letzteren werden bei den Verletzungen der Uvea besprochen
werden.
Die plastische Iritis tritt in den verschiedensten Graden der
Acuität und Intensität auf. Die acuten Formen zeigen tiefe bläulich-
rothe Ciliarinjection, zuweilen sogar Oedem der Conjunctiva (Chemosis)
und Lidschwellung mit oder ohne vermehrte Thränensecretion ; die
hyperaemische Iris zeigt im ersten Anfange nicht selten nur einen ver-
mehrten Glanz, die Pupille ist eng (Iritis imminens). Schon nach wenigen
Stunden, zuweilen erst nach einigen Tagen wird die Iris trüb, verliert ihren
Glanz und sieht wie bestäubt aus; ihre Zeichnung wird verwischt und jetzt
tritt auch mehr oder weniger reichliches Exsudat auf, das zur Verklebung
des Pupillarrandes mit der Linsenkapsel führt, oft aber auch im freien
Pupillargebiet auf letzterer abgelagert wird. Zugleich ist das Kammer-
wasser getrübt und oft durch beigemischten Blutfarbstoff gelb gefärbt;
wenn es abgelassen wird, gerinnt es sofort, was normales nicht thut.
Die Trübung und gelbe Färbung des Kammerwassers verursacht zum
Theil das veränderte Aussehen der Iris; selten ist sie so stark —
Wanderzellen, Endothelien und deren Beste, sowie Pigmentkörner — ,
dass eine Art gräulicher Bodensatz gebildet wird, kein eigentliches
gelbgefärbtes Hypopyum, wie bei der eitrigen Iritis. Dagegen kommt
es bei sehr heftiger Iritis nicht selten vor, dass das Kammerwasser
spontan in der Kammer gerinnt (Iritis mit sogenanntem fibrinösem oder
gelatinösem Exsudat). Das Fibringerinnsel, ein Abguss der vorderen
Kammer, contrahirt sich, zerfällt später und wird nach und nach spurlos
resorbirt. In einem gewissen Stadium kann es wegen seiner Form mit
einer in die vordere Kammer luxirten Linse verwechselt werden, was
schon mehrfach geschehen ist, bei einer genauen Prüfung aber nicht
vorkommen dürfte. Diese Gerinnung des Kammerwassers kann sich
gelegentlich wiederholen.
198 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Auch die Hornhaut bleibt bei acuter Iritis nicht unbetheiligt ;
bei seitlicher Beleuchtung und Loupenvergrösserung sieht man die
parenchymatöse Trübung derselben sich in zahllose feine, kreuz und
quer verlaufende, graue Streifchen auflösen, die mit Flüssigkeit oder
mit Wanderzellen gefüllten interstitiellen Saftcanälchen.
Die hinteren Synechien sind bei enger Pupille nur wenig
auffallend, springen aber sofort in die Augen, sowie dieselbe erweitert
wird. Anfangs sind sie dunkelbraun pigmentirt, punktförmig und ziehen
sich bei Erweiterung der Pupille zu Fäden aus, wodurch die Pupille
ein äusserst characteristisches Ansehen bekommt. Reissen sie, so bleibt
ein Pigmentpunkt auf der Linse zurück, der sich nur sehr langsam,
manchmal gar nicht resorbirt. Sind die Synechien sehr zahlreich, so
kann nach deren Zerreissung ein förmlicher Pigmentring vom Umfange
der verengerten Pupille zurückbleiben. Nicht selten ist dann auch das
Pupillargebiet selber durch ähnliches Exsudat: zellenreicher Detritus
mit reichlich Pigmentkörnern, verlegt. Ist die Entzündung recht heftig,
oder die Pupillenerweiterung nur unvollkommen, so können sich auch
bei halberweiterter Pupille noch frische Synechien bilden, die dann sehr
viel schwerer zu zerreissen sind (periphere hintere Synechien). Frische
Synechien sind gesättigt braun, manchmal fast schwarz; nach längerer
Zeit werden sie mehr schiefergrau und schliesslich fast weiss; das
gleiche gilt auch vom Pupillarexsudat.
Schmerzen in Auge, Stirn und Schläfe, gegen den Kopf, gegen
das Ohr, in die Zähne ausstrahlend, sogenannte Ciliarschmerzen, können
äusserst heftig sein, besonders Nachts, oder fast ganz fehlen bis auf
einen gewissen Druck in und hinter dem Auge; auch auf Druck und
Berührung kann dasselbe mehr oder weniger empfindlich sein.
Die Function des Auges kann durch grosse Lichtscheu bedeutend
gehemmt sein, doch kann diese auch vollkommen fehlen. Die Sehschärfe
selber ist nur mäfsig herabgesetzt, etwa auf 2 / 3 bis ein Drittel, selten noch
geringer, entsprechend der Trübung der Hornhaut und des Kammer-
wassers. Nur bei umfänglichem Pupillarexsudat ist dementsprechend
eine erhebliche Sehstörung vorhanden. Die Tension ist ziemlich nor-
mal, meist etwas vermindert. Ausnahmslos ist Verbreiterung der Xetz-
hautvenen und mäfsige Schlängelung derselben mit dem Augenspiegel
nachzuweisen; theilweise muss man diese Erscheinung aber auf Rech-
nung des vorher angewandten Atropin setzen. (Siehe S. 2).
Bei sehr acuter und heftiger Iritis und bei sehr empfindlichen
Personen kommt es gelegentlich sogar zu leichtem Fieber, gastrischen
:
Chronische Iritis. 199
Erscheinungen u. clgl. ; doch müssen namentlich letztere gar nicht selten
dem reichlichen Einträufeln des Atropin zugeschrieben werden.
Die acute Iritis kann unter geeigneter Behandlung in 2—4
Wochen ablaufen, subacute Formen brauchen länger; nicht selten
werden beide Augen nach einander befallen, was den Verlauf sehr in
die Länge ziehen kann.
Bei den chronischen Iritiden, die sehr häufig auf Constitutions-
anomalien zurückzuführen sind, und fast ausnahmslos früher oder später
doppelseitig auftreten, sind die Erscheinungen weniger heftig; es wech-
seln freie Intervalle mit acuteren Anfällen, und die Recidive können
sich auf Jahre, sogar auf Jahrzehnte vertheilen, mit monate- und jahre-
langen Zwischenräumen. In solchen Fällen weisen nur die mehr oder
weniger zahlreichen, tlieils frischen, theils alten Synechien auf die
Krankheit hin. Nach jedem Anfall bleiben gewöhnlich einige neue
Verwachsungen zurück and fast regelmäfsig sind auch die tiefern Ge-
bilde des Auges früher oder später in Mitleidenschaft gezogen (Cyclitis,
Glaskörpertrübungen u. s. w.). Linsentrübungen (grauer Staar), Ader-
hautentzündungen , Ablösung der Netzhaut u. s. w. werden nicht selten
in weiterem Verlaufe beobachtet, und das Auge kann langsam dergestalt
zu Grunde gehen. Dagegen kann auch andererseits die Neigung zu
Recidiven allmählich nachlassen, und nur die alten Synechien weisen auf
das frühere Uebel hin, während die Function des Auges wenig ge-
stört ist.
Eine Aenderung im Krankheitsbild tritt auf, sobald es zu einer
völligen Verwachsung des Pupillarrandes mit der Linsenkapsel, zu
einer ringförmigen hintern Synechie, gekommen ist. Dies tritt
selten oder nie gleich bei dem ersten Anfall, sondern erst im Verlaufe
subacuter oder chronischer Iritis nach mehrfachen Rückfällen auf.
Noch durch eine kleine freie Lücke kann der natürliche Flüssigkeits-
strom im Auge seinen Abfluss nach aussen durch Cornea und Fontana'-
schen Raum finden; hört aber diese Communication auf, so steigt der
Augendruck sehr erheblich. Die am Pupillarrand angelöthete Iris wird
vorgebaucht, bis sie der Hinterwand der Hornhaut anliegt (Napfkuchen-
form), und theils durch den erhöhten Druck, theils in Folge der hier-
durch bedingten Ernährungsstörungen geht das Sehvermögen in einigen
Tagen oder Wochen zu Grunde durch Atrophie der leitenden Netzhaut-
elemente und Aushöhlung des Sehnerveneintrittes. Da die subjectiven
Störungen hierbei, abgesehen von der Abnahme des Sehvermögens,
namentlich die Schmerzen gewöhnlich nicht erheblicher sind, als bei
sonstigen Recidiven , so geschieht es nicht gerade selten , dass der
200 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Patient aus Gleichgültigkeit ein Auge auf diese Weise zu Grunde
gehen lässt. Die schmerzhaften Augenentzündungen erweisen sich
desswegen hier, wie in andern Fällen, oft günstiger.
Die acute Iritis ist nicht selten einseitig und kommt meist im
kräftigsten Jünglings- und Mannesalter vor, die chronischen Iritiden
dagegen sind fast immer doppelseitig und entwickeln sich sehr häufig
auf dyscrasischer Basis und bei körperlich heruntergekommenen Indivi-
duen. Bei Kindern gehört Iritis zu den grossen Seltenheiten ; erst
gegen die Pubertätszeit kommen gelegentlich chronische Iritiden vor,
gewöhnlich aber mehr in der Form der später zu beschreibenden
Iritis serosa.
Acute Iritis kann traumatischer Natur sein; sehr auffällig ist
oft nach solchen Traumen — Schlag auf das Auge — eine sehr be-
trächtliche Herabsetzung des intraocularen Druckes, der sehr langsam,
erst im Verlaufe von Wochen wieder zur Norm zurückkehrt. Auch
ganz schleichende Formen entwickeln sich gelegentlich nach Verletzungen
und können, da sie wenig Symptome machen, leicht lange Zeit über-
sehen werden. In vielen Fällen wird Erkältung als Ursache einer
acuten Iritis angegeben, ohne dass wir, bei Mangel einer andern
plausibeln Ursache, genügende Klarheit über den Vorgang besitzen.
Verschieden davon ist die eigentliche rheumatische Iritis (bei
Personen, die mehrfach an multiplem Gelenkrheumatismus gelitten
haben), theils gleichzeitig mit Gelenkaffectionen, theils ohne diese. Es
sind meistens sehr acute und schmerzhafte Formen, die unter solchen
Umständen auftreten und nicht selten wird hierbei die spontane Ge-
rinnung des Kammerwassers (gelatinöses linsenförmiges Exsudat) beob-
bachtet, nach dessen Auftreten gewöhnlich ein bedeutender Nachlass der
Symptome sich einstellt. Sehr ähnlich sind die acuten Iritiden, die
bei arthritischer Diathese (Iritis arthritica) und bei Tripper-
infection (Iritis gonorrhoica) angetroffen werden; in letzterem
Falle bildet nicht selten eine gonorrhoische Kniegelenksentzündung das
Mittelglied und stellt die Analogie mit der eigentlich rheumatischen
Iritis her.
Bei Weitem die häufigste Ursache einer Iritis ist die erworbene
Syphilis : Iritis specifica, und zwar gehört sie zu den früheren secun-
dären Symptomen; nicht selten sind gleichzeitig noch Exantheme vor-
handen. Man kann wohl sagen, dass jede Iritis in erster Linie auf
Syphilis verdächtig ist. Die specifische Iritis unterscheidet sich in
nichts von andern Formen und kommt in verschiedener Acuität meist
erst an einem, später auch am andern Auge vor, kann aber auch ein-
Iritis specifica. 201
seitig bleiben. Nur in einem kleinen Procentsatz von syphilitischer
Iritis wird eine specifische Neubildung in der Iris, das sogenannte
Gumma iridis, beobachtet. Dasselbe tritt gewöhnlich nahe am freien
Kande der Iris als gelbröthliches, deutlich prominirendes Knötchen auf,
das von einem rothen Gefässkranz umgeben ist; es kann einfach oder
mehrfach sein. Nicht selten ist ein Hypopyum vorhanden, mit dessen
Auftreten die subjectiven Erscheinungen einen deutlichen Nachlass
zeigen. Unter geeigneter Behandlung verschwiudet der kleine Tumor
spurlos, oder mit Hinterlassung eines missfarbenen atrophischen Fleckes
in der Iris; eine breite hintere Synechie an der betreffenden Stelle
bleibt fast immer zurück. In andern, glücklicherweise seltenen Fällen
wachsen die Geschwülstchen continuirlich, füllen schliesslich die Kammer
völlig aus und führen zur Perforation und zum Verlust des Auges;
wahrscheinlich handelt es sich nur in diesen Fällen um wirkliche
Gummata der Iris, während die häufigeren Formen etwa einer Papel
entsprechen dürften.
Auch die sogenannte gummöse Iritis fällt in überwiegendster Mehr-
zahl in die Periode der secundären Syphilis.
Eine Verwechslung könnte allenfalls mit einem Irisabscess stattfinden, doch
würde hier die Aetiologie — Fremdkörper in der Iris — zur Differentialdiagnose
ausreichen. Gewisse gleichfalls mit Iritis combinirt auftretende Granulations -
geschwülstchen der Iris unterscheiden sich vom sogenannten Gumma durch
ihre mehr graue und grauröthliche Färbung. Nicht selten entwickeln sich in
Synechien gelbröthliche Verdickungen, von denen es manchmal unentschieden bleibt,
ob sie hierher zu rechnen sind.
Auch bei con genitaler Syphilis kommt reine Iritis vor; tritt
letztere bei Kindern auf, so wird sich wohl fast ausnahmslos diese
Aetiologie ergeben.
Iritis kommt gelegentlich als Nachkrankheit der verschie-
densten acuten Infectionskrankheit en vor; in diesem Falle
ist sie selten sehr acut, meist sind es subacute oder mehr chronische
Formen, die sich sehr in die Länge ziehen können und in der Regel
mit mehr oder weniger Cyclitis (Glaskörpertrübungen) verbunden sind.
Auch im Verlaufe von Diabetes, morbus Brightii und L e u k a e -
mie wird Iritis beobachtet, bei letzterer zuweilen zusammen mit Ent-
wicklung kleiner leukaemischer Tumoren der Iris. Häufig genug bleibt
die Aetiologie unklar. Eine besondere scrophulöse Iritis (Arlt)
kann ich mit vielen Anderen nicht annehmen.
Chronische Iritiden kommen wesentlich bei schlecht genährten, oft
dyscrasischen Individuen vor. Um die Pubertätszeit und später sind es
meistens chlorotische Mädchen, die davon betroffen werden ; im späteren
202 VIII- Erkrankungen des Uvealtractus.
Alter liegt häufig Syphilis zu Grunde, und die acuten Formen können
direct in die chronischen übergehen. Oft sind es Mischformen zwischen
plastischer und seröser Iritis, und eine Betheiligung noch anderer Ge-
bilde des Auges ist überaus häutig.
Secundär kommt Iritis vor bei Scleritis, Hornhaut-
geschwüren und-V er letzungen, Linsen Verletzungen u. s. w.
Auch nach Netzhautablösung kommt es nicht selten zum Auftreten
einer mehr oder weniger schleichenden Iritis.
Die Behandlung der Iritis besteht im Wesentlichen in der
methodischen Anwendung des Atropins. In Zwischenräumen von zehn
Minuten lässt man täglich zu einer bestimmten Zeit, am besten Mor-
gens, 6 — 8 Tropfen einer einprocentigen Atropinlösung einträufeln, bis
völlige Erweiterung der Pupille eingetreten ist. In sehr acuten Fällen
kann man auch Nachmittags in gleicher Weise 3—4 Tropfen geben.
Der Patient legt sich während dieser Zeit ruhig hin und hält die
Augen wie zum Schlafen geschlossen. Mehr Atropin zu geben, das
Auge völlig mit Atropin zu überschwemmen, hat nicht mehr Wirkung]
als die sorgfältige Application von höchstens 8—10 Tropfen im Tage;
dagegen ist die Gefahr einer x\tropinvergiftung immer grösser. Bitterer
Geschmack und Kratzen im Hals nöthigen zu öfterem Ausspülen des
Mundes; geröthetes Gesicht, harter beschleunigter Puls, Verdauungs-
störungen, Hallucinationen , verlangen grosse Vorsicht in der Weiter-
anwendung des Mittels, namentlich bei schlecht genährten Patienten.
Womöglich soll der Patient zu Bett bleiben , jedenfalls sich im ver-
dunkelten Zimmer aufhalten, und auch in leichteren Fällen, die zur
Noth ambulatorisch behandelt werden können , muss eine recht dunkle
Brille getragen werden.
In sehr acuten Fällen, wo die Atropinwirkung lange ausblieb, hat
man sie nach einer tüchtigen Blutentziehung an der Schläfe noch ein-
treten sehen ; bei gut genährten Individuen ist desshalb eine solche recht
wohl am Platze.
Nächstdem ist von sehr guter Wirkung das Einreiben von grauer
Quecksilbersalbe in Stirn und Schläfe ; meist wird etwas Extractum
Belladonnae derselben zugesetzt. (Arlf sehe Salbe; Kp. Ungt. hydrarg.
einer. 25.0; Extract. Belladonn. 0,5 — 2,5; S. drei- bis sechsmal täglich
tüchtig in Stirn und Schläfe einzureiben.) Doch muss sie so ange-
wandt werden, dass nichts davon in's Auge kommen kann; am besten
lässt man etwas Verbandwatte darüber binden. Ein tüchtiges Laxans
im Anfang wirkt häufig recht günstig. Bei sehr heftigen Schmerzen
sind Morphiuminjectionen in die Schläfe nicht zu umgehen ; oft sind
Behandlung der Iritis. 203
Cataplasmen sehr angenehm, während Kälte schlecht vertragen wird.
Eine reizlose, bei Kräftigen entziehende, bei Schwächlichen kräftigende
Diät ist selbstverständlich.
Ist die Acuität der Entzündung gebrochen, sind die Synechien
sämmtlich oder grösstenteils gerissen, so begnüge man sich, nur so-
viel Atropin zu geben, als hinreichend ist, maximale Erweiterung der
Pupille noch längere Zeit zu unterhalten. Bei Idiosyncrasie gegen
Atropin benutze man ein anderes Mydriaticum (Seite 2 und 117).
Auch die C a u s a 1 b e h a n d 1 u n g ist sofort energisch in die Hand
zu nehmen, bei rheumatischer, arthritischer und genorrhoischer Iritis
gebe man täglich eine tüchtige Dosis von Natrium salicylicum (2 bis
4,0 pro die), bei specifischer Iritis beginne man am besten sofort eine
energische Schmiercur, und nur, wenn diese nicht durchzuführen ist,
nehme man zur subcutanen (Sublimat 0,2; Natr. chlorat. 2,0; aq.
dest. 50,0 täglich 2 Spritzen auf einmal) oder innerlichen Behandlung
seine Zuflucht.
Bei den chronischen Formen mache man sich zur Kegel , nur so-
viel Atropin anzuwenden, als absolut nothwendig ist, da es oft sehr
lange fortgebraucht werden muss. Auch hierbei ist natürlich eine
Causalbehandlung indicirt, nur kann man selbstverständlich eine rasche
Wirkung hiervon nicht erwarten. Die hier sehr häufigen Complica-
tionen, Cyclitis, Glaskörpertrübungen u. s. w., bedingen eine entsprechende
Behandlung, Jodkalium innerlich, Schwitzcuren , Gebrauch jodhaltiger
Quellen u. dgl. Droht ringförmige^ hintere Synechie, oder ist sie be-
reits eingetreten, so ist sofort eine Iridectomie auszuführen, um die
Communication zwischen vorderer und hinterer Kammer herzustellen.
Diese Operation kann recht schwierig sein, wenn die Iris schon stark
vorgebaucht ist, und kann dann oft nur mit dem Linearmesser ausge-
führt werden. Am besten macht man sie nach oben, damit die künst-
liche Pupille unter das obere Lid fällt; nur wo reichliches Exsudat
das natürliche Pupillargebiet verdeckt, mache man sie als gleichzeitig
optische Iridectomie nach einer andern Bichtung. Immer wird man
in Fällen mit (hinteren oder vorderen) Synechien eine beträchtliche
Blutung in die vordere Kammer haben, da das Irisgewebe, durch die
Synechien festgehalten , sich nicht zusammenziehen kann ; dies hat
aber weiter keine Bedeutung, das Blut wird in einigen Tagen re-
sorbirt.
Von der Meinung ausgehend, dass die zurückbleibenden Synechien Ursache
der Recidive seien, hat man eine Reihe von Methoden zur Zerreissung derselben
(Corelyse) erfunden; man ist allgemein davon zurückgekommen. Wo nur einzelne
204 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
wenig ausgedehnte Synechien vorhanden sind, lässt man sie ruhig stehen; sind sie
reichlicher und ausgedehnter, so ist entschieden eine Iridectomie vorzuziehen. Man
kann öfters beobachten, dass eine ewig recidivirende Iritis in dem Momente zum
Stillstande kommt, in welchem letztere Operation kunstgerecht ausgeführt worden
ist. Wo die Sache nicht drängt, wähle man hierfür einen entzündungsfreien Inter-
vall aus.
Die Iritis serosa (Aquocapsulitis, Hydromeningitis) characterisirt
sich durch das Auftreten von Beschlägen auf der Hinterwand der
Hornhaut und auf der vordem Linsenkapsel. Bei seitlicher Beleuch-
tung (und Loupenvergrösserung) sieht man zahlreiche, verschieden grosse
rundliche graue oder bräunliche Punkte, manchmal nur einzelne, oft in
einer parabelähnlichen Form die untern zwei Drittel, zuweilen auch die
ganze Hornhaut bedeckend; meist sind auch ähnliche, aber kleinere
auf der vordem Kapsel der Linse zu sehen. Die übrigen Zeichen sind
die einer Iritis, doch fehlen meist hintere Synechien. Der Augen-
druck ist verschieden, bald vermehrt, bald vermindert, häufig wech-
selnd. Ist der Druck fühlbar erhöht, so pflegt auch die Pupille er-
weitert zu sein, sonst weicht sie nicht viel von der gewöhnlichen
Weite ab. In schwereren Fällen können grössere Plaques ausgedehnten
Partien der Hornhaut aufliegen, meist unguisförmig am untern Eande ;
über derartigen grösseren Beschlägen kommt es weiterhin zu bleibenden
Hornhauttrübungen. Um sich zu vergewissern, dass die Trübungen
auf der Hinterwand der Hornhaut liegen, braucht man nur ganz wenig
Calomel einzustäuben, worauf bei seitlicher Beleuchtung die Distanz
zwischen den Calomelstäubchen vor, und den Beschlägen hinter der
Hornhaut deutlich wird; man kann dazu auch die binoculäre Loupe
(Seite 178) anwenden.
Die Iritis serosa ist das, was man früher eine „asthenische" Krank-
heit nannte ; sie wird meist bei Blutarmen, häufig bei weiblichen Indi-
viduen in den Entwicklungsjahren, angetroffen. Die schweren Formen
entstehen nicht selten auf constitutioneller Basis, z. B. bei congenital
syphilitischen Kindern, und sind dann gewöhnlich mit andern Uveal-
und Hornhauterkrankungen complicirt.
Microscopisch bestehen die Beschläge aus zerfallenden Rund-
zellen, Detritus und Pigmentkörnchen; oft ist auch der Fontana ' sehe
Kaum durch solches Material verlegt, und damit hängen wohl die
Druckschwankungen zusammen. lieber den Beschlägen geht das Endo-
thel der Descemet'schen Membran zu Grunde, regenerirt sich bei
kleinen Beschlägen aber bald wieder nach deren Resorption, während
bei ausgedehnten bleibende Hornhauttrübung einzutreten pflegt. Ausser-
dem wird aber microscopisch auch zellige Infiltration der Iris, der
Iritis serosa. 205
Ciliarfortsätze und der Choroidea gefunden, während das Pigment-
epithel ziemlich intact ist. Die zellige Infiltration setzt sich sogar in
den Sehnervenkopf und von da, innerhalb der Piaischeide des Opticus,
bis zum Chiasma fort, sodass man wohl das Kecht hat, die Krankheit
als Uveitis serosa zu bezeichnen.
Die Iritis serosa ist selten sehr acut, meist schleichend, oft sehr
chronisch, mit intercurrenten heftigeren Anfällen. Ciliarinjection kann
völlig fehlen, ist aber dann durch Keiben des Auges leicht hervor-
zurufen, erheblichere Schmerzen sind selten vorhanden, die Functions-
störung ist in reinen Fällen gering, und dessbalb wird die Krankheit
nicht selten lange Zeit übersehen. Es kommen sowohl bei gewöhn-
licher Iritis einzelne Beschläge, als bei Iritis serosa hintere Synechien
vor ; überhaupt existiren alle Uebergänge zwischen diesen beiden
Aftectionen. Complicationen sind sehr häufig, besonders Glaskörper-
trübungen.
Ophthalmoscopisch entdeckt man nicht selten choroiditische
Heerde im vordem Abschnitt des Auges, die Netzhaut ist glanzlos, der
Sehnerv trüb, geröthet, mit mehr oder weniger erweiterten Venen, nach
Ablauf der Krankheit graugelblich verfärbt; ebenso findet man in den
spätem Stadien meist ausgedehnte Rarefication im Pigmentepithel
(siehe später), alles als Zeichen der Betheiligung des gesammten Ader-
hauttractus. Auch nach völliger Heilung entwickelt sich häufig später
Linsentrübung, und bei allen Staarformen in den dreissiger und vier-
ziger Jahren hat man auch an abgelaufene Iritis serosa zu denken.
Einzelne Pigmentpunkte auf der Hinterwand der Hornhaut, Eeste der
resorbirten Beschläge, können die Diagnose sichern. Oft sind die Be-
schläge der Hornhaut nur Theilerscheinung schwerer constitutioneller
Irido-cyclo-chorio-keratitis und treten gegenüber der Gesammtkrankheit
in den Hintergrund.
Die Behandlung ist theils eine allgemeine, roborirende, ähnlich
der bei Keratitis interstitialis diffusa (siehe Seite 176), theils eine
locale. Am besten wird feuchte Wärme vertragen; Atropin gebe mau
nur nach Bedarf, um Synechien zu verhindern, und setze es bei Druck-
steigerung ganz aus. Nehmen die Beschläge überhand, so mache man
eine Punction der vordem Kammer; durch Reiben der Augen kann
man dann mechanisch die Mehrzahl der Beschläge loslösen und beim
Abfliessenlassen des wieder angesammelten Kammerwassers mit heraus-
schwemmen. Bei dauernder Drucksteigerung, oder häufigen acuten
Exacerbationen ist eine Iridectomie, am besten nach oben, zweck-
mälsig; sind reichlich Glaskörpertrübungen vorhanden, so lasse man
206 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
eine — aber vorsichtige ! — Schwitzcur mit Pilocarpin, Holztrank oder
Einwickelungen machen. Jede stark angreifende oder schwächende Be-
handlung ist zu vermeiden.
Cyclitis, d. h. die Mitbetheiligung des Ciliarkörpers an Entzün-
dungen, wird ebenso, wie Iritis aus ihren Entzündungsproducten erkannt;
sie treten im Wesentlichen in drei Formen auf: 1. als mehr oder
weniger flottirendc Trübungen im vordersten Theile des Glaskörpers,
2. als plastisches, weiterhin schrumpfendes Exsudat in der hintern
Augenkammer und hinter der Linse (cyclitische Schwarte), 3. als grau-
liches, granulationsähnliches Exsudat auf dem Boden der vordem
Kammer (cyclitisches Hypopyum). Eitrige Cyclitis kommt
nur nach Verletzungen vor, und wird davon später die Kede sein.
Characteristisch für Cyclitis wird angesehen ein mehr oder weniger
heftiger Schmerz bei Druck auf die Ciliargegend , besonders
aussen oben; doch kann derselbe in seltenen Fällen auch fehlen.
Eine genügende Erklärung für diese bestimmte Localisation haben wir
nicht. Ciliarinjection und Schmerzen können in sehr verschiedenem
Mafse vorhanden sein, fast fehlen, oder, namentlich Nachts, beinahe
unerträglich sein; sie können in die Stirne, Schläfe, in die Zähne und
noch weiter ausstrahlen (sogenannte Ciliar schmerzen). Der Augen-
druck ist fast ausnahmslos und oft sehr erheblich vermindert.
Cyclitis mit vorwiegend Glaskörpertrübungen wird am häufigsten
in der Reconvalescenz von acuten Infectionskrankheiten
beobachtet. Wohl jede derselben hat schon gelegentlich diese Nach-
krankheit hervorgebracht. Das grösste Contingent stellt der Typhus
recurrens, demnächst die andern Typhusformen. Obwohl die Mehr-
zahl der Erkrankungen leichte zu sein pflegen, kommen doch auch
sehr schwere, auch plastische Formen vor, sowie Complicationen mit
Iritis und Choroiditis. Die einzelnen Epidemien verhalten sich hierin
sehr verschieden. Die Behandlung sei, dem Reconvalescenzstadium
entsprechend, eine wesentlich roborirende, Atropin ist nur bei Mit-
betheiligung der Iris und nur soviel nöthig zu verwenden. Resorption
der Flocken findet je nach deren Menge unter passendem diätetischem
Verfahren und genügender Bewegung in 2 — 4 Monaten statt und
kann bei gutem Kräftezustand durch eine vorsichtige Schwitzcur unter-
stützt werden. Jede schwächende Behandlung kann direct schädlich
wirken und hierher gehören auch die Dunkelcuren ; eine dunkle Schutz-
brille genügt in fast allen Fällen. Jodeisensyrup, oder ein jodhaltiges
Mineralwasser einige Wochen nehmen zu lassen, wird häufig am Platze
Cyclitis. 207
in. Die schweren, mehr plastischen Formen bedürfen natürlich, je
nach den Complicationen, einer energischeren localen Behandlung.
Die plastische oder schrumpfende Cy-clitis kommt
ausser nach Verletzungen wohl nur auf constitutioneller
Basis zur Beobachtung und ist häufig nur Theilerscheinung einer all-
gemeinen Uveitis : Iridocyclitis, Iridochoroiditis. Ererbte und die spätem
Stadien der erworbenen Syphilis, alle zu Anaemie führenden Krank-
heiten und Constitutionsanomalien u. dgl. , können die Grundlage ab-
geben. Das schrumpfende Exsudat verlöthet entweder die ganze Hinter-
ffäche der Iris mit der Linse (flächenförmige hintere Synechie), oder es
zeigt sich als gelbliche „cyclitische Schwarte", nicht selten mit
nachträglicher Gefässentwicklung , hinter der Linse, welch' letztere
weiterhin in die vordere Kammer dislocirt werden kann. Die
Hornhaut bleibt gewöhnlich lange durchsichtig, dagegen tritt früher
oder später ausnahmslos Linsentrübung ein. Wenn der in den
acuten Stadien infiltrirte Glaskörper schrumpft, kommt es auch zur
Ablösung der Netzhaut, besonders wenn — wie fast immer —
auch die Choroidea an dem entzündlichen Process betheiligt ist.
Die Behandlung ist sowohl eine der eventuellen Constitutions-
anomalie angepasste, als eine locale. Die unerträglichen, besonders in
der ersten Hälfte der Nacht auftretenden Schmerzen, machen oft eine
abendliche Morphiuminjection in die Schläfe nöthig; meist werden sie
durch energisch angewandte, möglichst heisse Cataplasmen eben-
falls gemildert, die überhaupt während der acuteren Perioden zu em-
pfehlen sind. Die auf die Pupille wirkenden Mittel versagen fast
immer ; droht flächenförmige hintere Synechie, so ist eine Iridectomie
nöthig, womöglich an einer Stelle, wo die Iris noch nicht verwachsen
ist, da sonst das Pigmentblatt derselben auf der Linsenkapsel haften
bleibt. An den noch freien Stellen ist die Färbung der Iris der natür-
lichen ähnlich, oder hyperaemisch , an den verwachsenen ist sie heller
verfärbt und atrophisch. Eine in die vordere Kammer dislocirte Linse
muss entfernt werden. Oft spottet eine derartige Krankheit jeder
Therapie; die angelegte Iridectomieöffnung verwächst wieder, und das
Auge geht schliesslich durch allgemeine Schrumpfung (Phthisis bulbi)
zu Grunde. Das Sehvermögen kann sehr verschieden sein und ent-
spricht wesentlich dem Zustande der brechenden Medien : Trübungen der
Hornhaut, Pupillarexsudat, Linsen- und Glaskörpertrübungen sind mafs-
gebend ; die Projection ist meist gut, so lange die Netzhaut noch an-
liegt, später fällt sie für die abgelöste Partie aus, was den Anfang vom
Ende bedeutet.
VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Die Cyclitiden auf constitutioneller Basis sind fast immer doppel-
seitig, wenn auch nicht immer gleichzeitig auftretend und gleich heftig ;
die traumatisch inficirten können längs des Sehnerven auf das andere
Auge übergehen. Sie pflegen sich meist sehr in die Länge zu ziehen;
jahrelang können Perioden der Ruhe mit acuten Anfällen wechseln. Die
Prognose ist desshalb auch in anscheinend nicht besonders schweren
Füllen mit Vorsicht zu stellen.
Bei den Krankheiten des Ciliarkörpers und seiner Nachbarschaft
auch das sogenannte Glaucom zur Sprache kommen, das in den
meisten Lehrbüchern eine gewisse Sonderstellung einnimmt, unzweifelhaft
aber hierher gehört.
Wie die bisher besprochenen Krankheiten tritt auch das Glaucom
in sehr verschiedener Acuität auf. Schmerzen und Ciliarinjection können
fast völlig fehlen und ausnehmend heftig mit Conjunctivaloedem und
Lidschwellung einhergehen; es kann sich jahrelang hinausziehen oder
in einem einzigen Anfalle das Auge völlig zu Grunde richten. Das
acute Glaucom zeigt alle Symptome eines acuten iridocyclitischen
Anfalls: Ciliarinjection, Chemosis, Lidschwellung, Verfärbung der Iris;
die Schmerzen verhalten sich verschieden , fehlen selten und wurden
zuweilen mit einer heftigen Migräne verwechselt. Als unterscheidende
Merkmale kommen aber hinzu eine eigenthümliche Hornhauttrübung,
weite Pupille, enge vordere Kammer, fühlbare Zunahme
des Augendruckes und Sehstörungen'. Das Hornhaut-
epithel sieht wie gestichelt aus; daneben besteht diffuse paren-
chymatöse Trübung der Hornhaut (vergl. Seite 178), die in
der Mitte am stärksten ist und zusammen mit der weiten Pupille oft
einen eigenthümlich grünlichen Schimmer der letzteren veranlasst, der
zu dem Namen „Glaucom" Veranlassung gab. Die Empfindlichkeit
der Hornhaut auf Berührung ist fast ausnahmslos mehr oder weniger
herabgesetzt. Die Pupille ist weit und starr; zuweilen zeigen
sich einige hintere Synechien oder Reste von solchen auf der Linsen-
kapsel. Die hyperaemisch verfärbte Iris ist nach vorn gerückt,
oft der Hornhaut nahezu anliegend, wodurch die Tiefe der vordem
Kammer vermindert erscheint. Die Härte des Auges kann enorm
erhöht sein, so dass sich dasselbe wie eine Marmorkugel anfühlt; in
andern Fällen, besonders auch im weitern Verlauf des Anfalles ist die
Druckerhöhung weniger stark, kann ausnahmsweise sogar fehlen. Das
Sehvermögen nimmt rasch ab unter concentrischer Einengung
des Gesichtsfeldes und kann auf der Höhe des Anfalles völlig erloschen
sein; die Abnahme ist meist erheblicher, als der Hornhauttrübung ent-
Glaucoma chronicum. 209
sprechen würde. Wenn ein Einblick mit dem Augenspiegel möglich
so erblickt man den Sehnerv geröthet, trüb, leicht ge-
schwellt; die Venen sind erweitert und geschlängelt und die
Arterien pulsiren sichtbar. Die weite Pupille und der erhöhte
Augendruck bei den sonstigen Erscheinungen einer Iritis oder Iridocyclitis
ist < haracteristisch für das acute Glaucom.
Meist lässt der Anfall nach einigen Tagen auch ohne Behandlung
wieder nach, die Entzündungserscheinungen werden geringer, das Seh-
vermögen kehrt zurück, die Hornhaut hellt sich auf, und es kann ein
ziemlich normaler Zustand auf längere oder kürzere Zeit eintreten;
später treten dann wieder Anfälle auf, wie beim subacuten und
chronischen Glaucom, nur in grösserer Heftigkeit, und unter denselben
Erscheinungen wie dort. Zuweilen wird das Sehvermögen schon im
ersten Anfalle dauernd vernichtet (Glaucoma fulminans). In andern
Fällen stellt sich kein ganz normaler Zustand wieder ein; es wechseln
Zeiten relativer Kühe und heftiger Entzündungserscheinungen, welch'
letztere immer mehr überhand nehmen und dauernd werden, bis das
Auge zu Grunde gegangen ist.
Der Anfall kann ganz ohne Vorboten eintreten, was im Ganzen
selten ist ; meist sind vorher schon sogenannte Prodromalerscheiimngeii
vorausgegangen. Dieselben zeigen sich als zeitweiliges Nebligsehen,
besonders gegen Abend ; Lichter erscheinen von einem eigenthümlichen
regenbogenfarbigen Ringe umgeben, wie wenn man sie durch
eine behauchte Glasscheibe betrachtete; häufig ist die Accommo-
dation deutlich eingeschränkt. Objectiver Befund hierbei ist
Arterienpuls, öfters auch deutliche Pupillenerweiterung und leichte cen-
trale Hornhauttrübung. Nach dem Schlaf am andern Morgen ist schein-
bar Alles wieder in Ordnung. Diese prodromalen Erscheinungen waren
entweder nur ganz vereinzelt, oder hatten sich in der letzten Zeit vor
dem acuten Anfall gehäuft. Gemüthsbewegungen, namentlich
deprimirender Natur, sowie alle pupillenerweiternden
Momente, namentlich auch Anwendung der Mydriatica,
können sowohl prodromale als wirkliche Anfälle hervor-
rufen.
Sind die Symptome der einzelnen Anfälle weniger heftig, so spricht
man von Glaucoma sub acutum, und von diesem kommen alle
Uebergänge vor zum Glaucoma chronicum. Dasselbe geht meist aus
Prodromalerscheinungen hervor; dieselben nehmen allmählich an In-
tensität und Häufigkeit zu, ohne dass einstweilen sichtbare Ent-
zündungserscheinungen vorhanden wären. Allmählich nimmt das Seh-
Kni es, Augenheilkunde. 14
210 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
vermögen ab und kehrt auch in den Intervallen nicht mehr zur Norm
zurück. Schon früh lässt sich eine concentrische Einengung des
Gesichtsfeldes, namentlich innen oben, nachweisen, während
die Farbenempfindung nicht gestört ist. Allmählich erreicht
die Gesichtsfeldgrenze von innen her den Fixirpunkt, wodurch auch das
centrale Sehvermögen, das bis dahin noch ziemlich gut sein konnte,
erheblich leidet. Ziemlich lange noch kann nach aussen vom Fixirpunkt
ein Gesichtsfeldrest erhalten bleiben, innerhalb dessen sogar noch
Farben unterschieden werden können; schliesslich tritt völlige Erblin-
dung ein.
Gleichzeitig mit der Abnahme des Sehvermögens entwickelt sich
sogenannte glaucomatöse Excavatioii des Sehnerven. Der Nerv
wird blass, sehnig weisslich verfärbt, oft mit bläulicher oder grünlicher
Nuance, die Lamina cribrosa zeigt sich deutlich als ein sehniges Maschen-
werk, in dem die einzelnen Nervenbündel zu erkennen sind ; die Gefässe
rücken nach dem innern Kande des Sehnerven, und die Oberfläche des
Opticus sinkt mehr und mehr ein. Im ausgebildeten Zustande treffen
wir eine rand ständige, bis 2 mm tiefe (Refractionsdifferenzen von
4,0 D zwischen Rand und Tiefe der Excavation sind keine Seltenheit),
kesseiförmige Excavation, um deren inneren Rand sich die pulsirenden
Netzhautgefässe herumbiegen. Meist ist der Sehnerv noch von einem mehr
oder weniger breiten, bräunlich oder gelblich verfärbten Ring atrophischer
Choroidea, dem sogenannten Halo, umgeben. Im übrigen Augen-
grund finden wir nur noch Rarefication des Pigmentepithels (siehe später)
in grösserer oder geringerer Intensität. Sichtbare Glaskörpertrübungen
sind sehr selten; dagegen findet man nicht selten in der äussersten
Peripherie atrophische Choroidalheerde. Die glaucomatöse Excavation
entwickelt sich auch in den acuten Glaucomformen nach längerem Be-
stehen oder gehäuften Anfällen. Ihr Verhältniss zur Sehstörung ist
wechselnd; es kann weit vorgeschrittene, selbst scheinbar totale Ex-
cavation bei noch ziemlich gutem Sehen angetroffen werden. Bei trüben
Medien dient die Verschiebung der Gefässhauptstämme an den innern
Sehnervenrand zur Diagnose ; ist auch dies nicht mehr sichtbar, z. B. bei
weit gediehener Linsentrübung, so ist die Einengung des Gesichtsfeldes
von innen oben her zu berücksichtigen; im weiteren Verlaufe tritt
nämlich nicht selten Staarbildung auf (Cataracta glaucomatosa).
Die Pupille verhält sich im chronischen Glaucom wechselnd, ist
oft erweitert und reagirt trag; nach längerem Bestehen pflegen die
nahe am Hornhautrande sichtbaren Scleralvenen oft sehr auffällig
erweitert zu sein. Schmerzen sind nicht vorhanden.
Glaucoma simplex. 211
Der Augendruck ist keineswegs immer fühlbar erhöht; ja es kommen
Fälle vor, wo es zur völligen Erblindung des Auges kommt unter Ent-
wicklung von glaucomatöser Excavation und der hierbei typischen Seh-
störung, ohne dass je im Verhalten der Pupille und des Augendruckes
eine Abnormität zu constatiren wäre, sogenanntes Glaucoma simplex.
Meist hingegen treten doch nach längerer oder kürzerer Zeit wirkliche
entzündliche Glaucomanfälle auf, die an Intensität zunehmen und die
gleichen Ausgänge wie bei den acuten Glaucomformen nehmen. Mit
der Erblindung des Auges (sog. Glaucoma absolut um) ist näm-
lich die Leidensgeschichte desselben noch nicht abgeschlossen; bei
Glaucoma simplex und chronicum beginnt sie meist jetzt erst recht.
Die Anfälle hänfen sich, werden immer schmerzhafter, die Kemissionen
immer unvollständiger und kürzer, und die sichtbaren Entzündungs-
erscheinungen werden immer auffälliger. Dieser Umschlag kann jeder-
zeit eintreten, und hierdurch zeigen die verschiedenen Glaucomformen
ihre innere Zusammengehörigkeit.
Schliesslich entwickelt sich Schwielenbildung und Verkalkung auf
der Hornhaut (bandförmige Keratitis); auch Blasenbildung wird
gelegentlich beobachtet (Keratitis bullosa). Es treten Hornhaut-
geschwüre auf, die ähnlich der neuroparalytischen Keratitis verlaufen,
sich inficiren und weiterhin zur Zerstörung des Auges führen; oder es
findet nach einer gewissen Zeit spontaner Uebergang in schrumpfende
Cyclitis statt, die unter Druckabnahme Phthisis bulbi veranlasst,
oder es kommt zu Staphylombildungen. In letzterem Falle ent-
wickeln sich da, wo früher die erweiterten Scieralvenen sichtbar waren,
eine Reihe bläulich durchscheinender oder schieferig verfärbt aussehender
Buckel, die oft die ganze Cornea umgeben; weiterhin kann sich auch
das ganze Auge vergrössern. Endlich kommt es aber auch hier ent-
weder spontan, oder nach Perforation, oder durch inficirtes Hornhaut-
geschwür zur Phthisis bulbi. Bis zu diesem Ende kann eine Reihe
von Jahren vergehen.
Glaucom ist im Ganzen keine sehr häufige Krankheit und wird oft verkannt,
was zu den grössten und folgenschwersten Kunstfehlern des practischen Arztes
gehört; meist werden die chronischen Formen bei altern Leuten ohne weiteres für
Altersstaar erklärt und auf eine spätere Extraction desselben vertröstet. Hierzu
verführt allerdings leicht der Umstand, dass bei gewöhnlicher Beleuchtung wegen der
Weite der Pupille die Zeichnung des Linsensternes bei alten Leuten oft ohne weiteres
sichtbar ist und auch bei seitlicher Beleuchtung zu Täuschung führen kann. Ein
Blick mit dem Augenspiegel erweist aber sofort die Durchsichtigkeit der Linse.
Uebrigens muss man auch auf die Combination von Glaucom und Staar Rücksicht
nehmen, da sich sowohl in einem glaucomatösen Auge Staar entwickeln, als auch
14*
212 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
in der Entwicklung des letzteren Glaucomformen, namentlich die chronischen, auf-
treten können.
Das Glaucom tritt meist auf beiden Augen in der gleichen
Form auf, wenn auch nicht selten in grossen Zwischenräumen. Es
wird vorwiegend im höhern Lebensalter angetroffen, etwas häutiger bei
Frauen im Klimacterium , namentlich bei Jüdinnen. Nicht selten ist
eine Art Erblichkeit, indem mehrere Geschwister oder auch die Nach-
kommen von Glaucomkranken daran leiden. Bevorzugt ist der hyper-
metropische Refractionszustand , weniger häutig werden Emmetropen,
selten Myopen und diese fast nur von chronischen Formen, betroffen.
Eine Ursache ist meist nicht zu eruiren; Gicht wird von Einigen be-
schuldigt. Die einzelnen Anfälle, auch die prodromalen, werden leicht
durch deprimirende Gemüthsaffecte hervorgerufen. Bekannt
sind Glaucomausbrüche auf dem anscheinend völlig gesunden zweiten
Auge, kurz nach Operation des ersten an derselben Krankheit; doch
kann dieser Effect auch durch andere Operationen, z. B. Enucleation
eines Auges, sogar Herniotomie u. s. w. hervorgerufen werden. An-
wendung der Mydriatica hat schon häufig Anfälle provocirt und ist
geradezu in zweifelhaften Fällen als Reagens benutzt worden, obschon
natürlich das Ausbleiben eines Anfalles nichts gegen Glaucom beweist.
In andern Fällen ist die Aetiologie klarer, beim sogenannten
Secimdärglaucom. Alles, was entzündliche Processe in der Gegend
des Ciliarkörpers und des Corneoscleralrandes veranlasst, kann gelegent-
lich zu Glaucom führen, das sich in Nichts, auch nicht anatomisch,
vom sogenannten genuinen unterscheidet. Hervorzuheben wären vordere
Synechien, namentlich von grösserer Ausdehnung, Reizung durch
quellende Linsensubstanz oder durch Dislocation der
Linse in die vordere Kammer oder den Glaskörperraum. Ein Krank-
heitsbild, ähnlich dem acuten oder subacuten Glaucom, gibt auch die
ringförmige hintere Synechie, der totale Pupillarverschluss bei
Iritis. Maligne Tumoren der Choroidea und Netzhaut veranlassen
fast ausnahmslos in einem gewissen Stadium mehr oder weniger acute
Glaucomformen. Ebenso führen zuweilen Netzhauthämorrhagien
gerade zu sehr bösartigen Formen: Gl au com a hämorrhagicum.
Man sagt dann, die Krankheit trete in ihr Stadium glaucoma-
tosum.
Die Therapie des Glaucoms besteht in der Anwendung der
pupillenverengernden Alcaloide und in einem operativen Ver-
fahren. Ersteres wirkt nur palliativ. Meist angewandt wird Eserin
); aber auch Pilocarpin (2 °/ ) oder die gewöhnliche, zu
Glaucom. Iridectomie. 213
Injectionen dienende Morph iumlösung (ca. 5 °/ ) kann ebenso gut
verwendet werden. Alle diese vermögen Prodromalanfälle in kurzer
Zeit zu beseitigen ; auch gegen wirkliche Anfälle wirken sie entschieden
günstig und abkürzend. Mehr als etwa 6 Tropfen Eserinlösung pro die
sollten nicht leicht gegeben werden ; mehr nützt nichts und führt leicht
zu Vergiftungserscheinungen. Aber die Wirkung aller dieser Alcaloide
ist nur eine vorübergehende und lässt auch oft im Stich. Wie schon
erwähnt, können ihre Antagonisten, die pupillenerweiternden Mittel
gelegentlich Glaucomanfälle hervorrufen.
Wirkliches Heilmittel ist eine gut ausgeführte Iridectomie. Die-
selbe wird am besten nach oben angelegt und gehört bei Glaucom zu
den schwierigen Operationen;' sie soll recht peripher, der Einstich
etwa 1 mm vom Hornhautrande entfernt, die äussere Schnittlänge nicht
unter 8 mm , nicht über 10 mm und auch die Irisexcision recht voll-
ständig und peripher sein. Je nach den Umständen kann Gräfe's
Messer oder eine breite krumme Lanze verwendet werden; letztere ist
schwieriger anzuwenden, ermöglicht leichter Linsenverletzung, gibt aber
einen egaleren Schnitt. Im Allgemeinen kann man sagen, dass je
frühzeitiger die Operation ausgeführt und je acuter der Anfall ist,
um so günstiger sich der Erfolg gestaltet. Sowohl vor als nach der
Operation ist das Auge unter energischer E s e r i n w i r k u n g zu halten.
In einer Reihe von Fällen genügt eine Iridectomie zur dauernden
Heilung, in andern muss sie wiederholt werden, am besten gerade
gegenüber nach unten. In andern Fällen hingegen bleibt das Auge
auch nach der Iridectomie hart, die Entzündung geht weiter und das
Auge geht verloren (Glaucoma malignum); letzteres kommt auch
vor bei Glaucomen, die bis zur Operation relativ chronisch verlaufen
waren. Auch bei chronischem Glaucom ist eine möglichst frühzeitige
Iridectomie indicirt, womöglich schon in der Prodromalzeit, wenn die
Diagnose sicher ist; ich habe davon eine Eeihe sehr schöner Erfolge
gesehen. Bei Glaucoma simplex ganz ohne sichtbare Entzündungs-
erscheinungen bleibt häufig die Operation ohne jede Wirkung; der
Process geht einfach weiter, namentlich auch wenn er ganz ohne fühl-
bare Druckerhöhung verläuft.
Wir haben schon gesehen, dass nicht selten eine Glaucomiridectomie
einen acuten Anfall auf dem scheinbar gesunden andern Auge hervorruft ;
auf diese Möglichkeit ist der Patient oder wenigstens seine Angehörigen
immer vorzubereiten. Auch andere Zufälle können auftreten: Die Kammer
kann sich wochen-, selbst monatelang nicht schliessen und doch der
Enderfolg ein günstiger sein, wenn nur nicht trotz aufgehobener Kammer
214 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Druckerhöhung fortbesteht. In andern Fällen tritt sogenannte cysto ide
V e r n a r b u n g ein, die langdauernde Eeizerscheinungen unterhält, sogar
der Ausgangspunkt für gefährliche Entzündungen werden kann. Die
ganze Xarbe oder ein Theil derselben, besonders die Ecken bauchen
sich mehr oder weniger vor : zuweilen öffnet sich die Narbe periodisch,
lässt das Kammerwasser austreten und schliesst sich dann wieder.
Ursache ist Verwachsung des Irisstumpfes mit beiden Wundlippen,
deun die Innenfläche der ectatischen Xarbe ist immer von Resten aus-
einandergezerrten Irisgewebes überzogen. Genügt Aetzung der betreffenden
Stelle mit spitzem Lapisstift oder leichtes Betupfen mit dem Galvano-
cauter nicht zur Abflachung der Xarbe, so trägt man sie am besten ab
und lässt bis zur Wiedervereinigung einen sorgfältig angelegten Schluss-
oder Druckverband tragen.
Sehr häufig treten auch nach vorsichtig ausgeführter Iridectomie,
durch den erheblichen Wechsel im Augendruck bedingt, Blutungen
aus den offenbar brüchigen Xetzhautgefässen ein, die ophthalmoscopisch
leicht nachzuweisen sind. Meist sind sie ohne grosse Bedeutung und
werden allmählich resorbirt; ist dagegen gerade die Macula betroffen,
so resultirt eine erhebliche Sehstörung, die sich selten wieder völlig hebt.
Am eclatantesten ist die Wirkung der Iridectomie im acuten
Glaucom: Ein nahezu blindes Auge kann in wenig Tagen bleibend zur
Norm gebracht werden. In mehr subacuten und chronisch entzünd-
lichen Fällen ist die Besserung weniger auffallend und entspricht etwa
dem Zustande, wie er in den freien Intervallen zu sein pflegt; doch ist
eine langsame nachträgliche Besserung nicht ausgeschlossen. In ganz
chronischen Glaucomen tritt nicht selten noch etwas Verschlimmerung
auf, ehe der stationäre Zustand eintritt, auch bei sonst ganz günstigem
Verlaufe. Dies ist auch die Ursache, warum, wenn die Gesichtsfeld-
grenzen nahezu den Fixirpunkt erreicht haben, das centrale Sehen nach
der Iridectomie verloren gehen kann. In solchen Fällen wird direct von
ihr abgerathen.
Ist das Auge schon längere Zeit vollständig erblindet (G 1 a u c o m a
absolut um), so muss von jeder Operation an demselben entschieden
abgerathen werden, auch wenn äusserlich wenig Entzündungserscheinungen
vorhanden sind, da sehr häufig nach Iridectomie an solchen Augen die
Erscheinungen des Glaucoma malignum beobachtet werden. Sind die
Schmerzen unerträglich, so ist bestes und raschestes Heilmittel die Ent-
fernung des ganzen Auges (Enncleation).
Bei secundären Glaucomen erfordert vordere Synechie eine nicht zu
schmale periphere Iridectomie ; das gleiche ist natürlich bei Pupillarver-
Glaucom; pathologische Anatomie. 215
Bchluss nöthig. Geblähte Linsenreste und dislocirte Linsen müssen zeitig
* entfernt werden, eventuell gleichfalls mit oder nach Iridectomie. Bei
malignen Tumoren ist möglichst frühzeitige Entfernung des ganzen
Auges vorzunehmen, sobald die Diagnose gesichert ist. Besondere Vor-
sicht verlangt das Glaucoma hämorrhagicum, das sehr gern nach Iridec-
tomie in maligne Formen übergeht. Wenn irgend möglich, sollte doch
Iridectomie gemacht werden ; häufig begnügt man sich, nur den Scleral-
sehnitt auszuführen ohne Irisexcision (Sclerotomie), und zwar zuweilen
mit gutem Erfolg. Die Operation ist unter gehöriger Eserin Wirkung
auszuführen, und ist sorgfältig darauf zu achten, dass das Kammerwas-er
nicht zu rasch abfliessen kann . um die darnach eintretende Druck-
änderung möglichst allmählich zu bewirken. Am ^besten macht man
mit dem Gräfe'schen Messer (Fig. 4a Seite 8) einen Schnitt, wie
zur Iridectomie, vollendet denselben aber nicht, sondern lässt in der
Mitte eine Brücke stehen, um Irisvorfall zu vermeiden. Es sind auch
zur Sclerotomie verschiedene Instrumente angegeben worden . die es
ermöglichen sollen, einen möglichst grossen Scleralschnitt ohne Iris-
vorfall auszuführen. Alle operativen Eingriffe bei Glaucom erfordern
viel Gewandtheit, auch die Nachbehandlung kann recht schwierig wer-
den; sie ist desshalb am besten dem Specialisten zu überlassen, dem
der eserinirte Kranke baldmöglichst zuzuschicken ist.
Die pathologische Anatomie des Glaucoms ist bis jetzt nur unvollkommen
gekannt, weil fast nur abgelaufene Fälle zur Untersuchung kommen. Im an-
scheinend vollständig normalen Auge eines Individuums, dessen anderes Auge an
chronischem Glaucom erblindet war, fand ich als einzigen Befund zellige Infiltration
des Corpus ciliare, der Cornea und Sclera in der Umgebung des Schi emm'schen
Canals. Schon in sehr frühen Stadien können choroiditische Heerde in der äusser-ten
Peripherie der Choroidea auftreten (Fuchs). Ausser den Zeichen einer Cvclitis.
je nach der Acuität des Processes — zellige, eventuell hämorrhagische Infiltration
der Iris, des Corpus ciliare, der Cornea-Scleralgrenze, der Conjunctiva u. s. w. —
rindet man als wichtigsten Befund Verwachsung der Irisperipherie mit
der Cornea und Obliteration des Font ana'schen Raum es. meist durch
ein der Vorderfläche der Iris aufliegendes zellenreiches Exsudat bedingt. Dadurch
ist die Abflachung der vordem Kammer verursacht, während die Linse, wenigstens
anfänglich, noch sich an ihrem normalen Orte befindet. (Fig. 26 und 21 geben
typische Beispiele, ersteres eines acuten, letzteres eines sehr chronisch verlaufenen
Glaucoms; vergl. hiermit Fig. 23 auf Seite 142). Die Verwachsung ist nicht
überall gleich weitgehend, fehlte aber in keinem einzigen der zahlreichen von mir
untersuchten Fälle. Allerdings sind auch Beobachtungen vorhanden, in denen die-
selbe vermisst wurde: in einzelnen Fällen hatte Eiterung im Auge nachträglich
die Verwachsung wieder gelöst, in andern handelte es sich um Glaucoma simplex.
Die Hornhautlamellen sind häufig durch Flüssigkeit auseinander gedrängt . es
finden sich sogar Tröpfchen zwischen dem vordem Epithel. Die eigentliche Choroidea
erscheint ziemlich normal, meist mehr oder weniger atrophisch, die Linse ist oft
216
VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
mehr oder weniger getrübt, ohne characteristischen Befund. Oefter ist der Glas-
körper in seinen vordem Parthien von den Ciliarfortsätzen abgelöst (vordere Glas-
körperabhebung. Pagen stech er.) Der Sehnerv zeigt die ophthalmoscopisch
sichtbare Aushöhlung, die Lamina cribrosa ist concav zurückgebogen, die Seh-
nervenfasern sind atrophisch zu Grunde gegangen; die Netzhaut zeigt Atrophie
der Nervenfaser- und Ganglienzellenschicht, erscheint sonst normal. Häufig sind
alte Excavationen durch neugebildetes Bindegewebe mehr oder weniger wieder aus-
gefüllt. In lange dauernden Fällen finden sich ausserdem allerhand Producte
chronischer Entzündungen : Gefässdegenerationen verschiedener Art, Infiltration des
Glaskörpers, Wucherungen im Pigmentepithel, Netzhautablösung und so fort, Ver-
änderungen, die der chronischen Uveitis entsprechen und nichts für Glaucom
Characteristisches haben.
Wir müssen nach diesen Befunden das Glaucom als eine Cyclitis oder Irido-
cyclitis deuten, bei welcher es durch Exsudat auf die vordere Fläche der Iris zur
Verwachsung derselben mit der Hornhaut kommt, also Iridocyclitis mit vorderer
Synechie. Warum in einem Fall vordere, im andern hintere Synechie eintritt,
wissen wir nicht; letzteres kommt offenbar um so leichter zu Stande, je enger
Fig. 26.
schon an und für sich die vordere Kammer ist, im höhern Alter, bei Hypermetropie,
bei vorderer Synechie und so fort. Hierdurch sind alle Symptome des acuten
Glaucom's aufs vollständigste erklärt : Die cyclitischen Erscheinungen, der erhöhte
Druck durch Verlegung des wichtigsten Abflussweges, Oedem und Unempfindlichkeit
der Hornhaut, sowie die weite Pupille, wodurch eben der Unterschied von gewöhn-
licher Cyclitis gegeben ist.
In den subacuten und chronischen Fällen von Glaucom ist offenbar die Ver-
legung des Fontana'schen Raumes nicht von Anfang an eine vollständige, wie
ja auch Iritis selten gleich im ersten Anfalle zu Eingsynechie führt. Der Abfluss
ist erschwert, genügt aber für gewöhnlich, indem bis zu einem gewissen Grade
Compensation durch andere Abflusswege (Cornea, eventuell Sehnerv) möglich ist.
Entsteht nun bei diesem schleichend verlaufenden entzündlichen Process aus irgend
einem Grunde ein stärkerer Afflux, so haben wir den glaucomatösen Anfall. Alles,
was Congestionen zum Auge verursacht, namentlich Alles, was pupillenerweiternd
wirkt und das Blut der Iris dem Ciliarkörper zutreibt (deprimirende psychische
Momente, alle Mydriatica), vermag einen acuten Anfall auszulösen. Aehnliches
Glaucom; Theorien.
217
i wir wolil auch in vielen Fällen von Glaucoma simplex annehmen, die
in Dauer und Verlauf an gewisse Fälle von Iritis serosa erinnern, welche sich
gleichfalls jahrelang hinausziehen können. Auch die erweiterten Scleralvenen um die
Hornhaut deuten auf das Corpus ciliare als Sitz des schleichenden Entzündungs-
Was die unmittelbare Ursache der glaucomatösen Entzündung ist. wissen wir
so wenig, wie bei den andern genuinen Iritiden und Cyelitiden; in England wird
oft Gicht beschuldigt, doch kann dieselbe höchstens als disponirende Constitutions-
anomalie angesehen werden. Leichter liegt die Sache beim Secundärglauco m.
Hier wird die Entzündung direct fortgeleitet bei vordem Synechien. Linsenquellung
und Linsendislocationen , oder es werden reizende Stoffe producirt. die bei ihrem
Austritt aus dem Auge Entzündung erregen, wie bei malignen Tumoren, die auch
in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft das Gleiche, sogenannte reactive Entzündung,
veranlassen. So sah ich z. B. bei Choroidalsarcom noch vor dem Auftreten glau-
comatöser Erscheinungen in der Umgebung des S chle mm 'sehen Canals zahlreiche
Pigmentkörner, die nur aus der Geschwulst stammen konnten. Aehnliches haben
wir wohl auch beim hämorrhagischen Glaucom nach Xetzhautblutuneen anzunehmen.
Fisr. 27.
Zweifelhaft ist. ob die glaucomatöse Sehnervenexcavation lediglich als Druck-
symptom aufgefasst werden muss. Ich habe sie ganz typisch gesehen in Fällen,
wo nie Drucksteigerung nachzuweisen war. Offenbar kann Erweichung des Seh-
nerveneintrittes auch bei normalem Druck zu Excavation führen; nur so lassen
sich die totalen Excavationen bei gutem Sehvermögen erklären. Durch das Ab-
flusshinderniss wird ausser der Druckzunahme auch eine mangelhafte Ernährung
der Augengewebe veranlasst, welche namentlich in chronischen Fällen vielleicht
grössern Einfluss auf den Verlauf der Krankheit hat, als der erhöhte Druck selber.
Um von Früheren zu schweigen, so hat v. Graefe zuerst das Hauptmerkmal
des Glaucom's in der Druckerhöhung gefunden und dadurch die besondern Symp-
tome: weite Pupille, Hornhautaffection . Sehnervenexcavation u. s. w. zu erklären
gesucht. Er nahm an, dass eine secretorische Choroiditis den erhöhten Druck und
dadurch alles andere bedinge. Hirn verdanken wir auch das bis jetzt noch immer
sicherste Heilmittel, die Iridectomie. Glaucoma simplex trennte er als Amaurose
mit Sehnervenexcavation von den übrigen Glaucomen. Später wurde durch Donders
die Theorie aufgestellt, der erhöhte Druck komme durch Xerveneinfluss zu Stande.
Im Glaucoma simplex (bei dem aber die Druckerhöhung geradezu fehlen kann)
218 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
sali er die eigentliche Krankheit; die Entzündungserscheinungen seien nur Com-
plicationen. Eine scheinbare Stütze erhielt diese Ansicht durch die Untersuchungen
von Grünhagen und Hippel, die durch Reizung des Trigeminus ganz enorme
Drucksteigerung bei Versuchstieren erhielten; dieselbe wird aber im normalen
Auge durch vermehrten Abfluss regulirt, und es gelingt nicht, auf diese Weise
Glaucom zu erzeugen. Später entdeckte ich die constante Verwachsung des
Fon tana'schen Raumes bei Glaucomen und stellte daraufhin die oben kurz zu-
sammengefasste Theorie auf. Sie wird oft fälschlich als mechanische Glaucomtheorie
bezeichnet; aber nicht das Glaucom selber, sondern nur der erhöhte Druck bei
demselben wird dadurch ebenso mechanisch erklärt, wie durch gesteigerten Zufluss.
In den letzten Jahren wurden von verschiedenen Seiten Versuche gemacht, chronisch
entzündliche Erscheinungen an den Gefässen, oder die mit dem Alter zunehmende
Breite der Linse oder die vordere Glaskörperablösung (wie wir später sehen werden,
nur ein Zeichen von Uveitis an der betreffenden Stelle) als Ursache zu beschuldigen ;
sie konnten desshalb nicht gelingen, weil diese Befunde absolut nichts für Glaucom
Characteristisches darstellen. Gegenwärtig ist die Wichtigkeit der Verlegung des
Fon t ana'schen Raumes für das acute und chronisch entzündliche Glaucom wohl
allerseits zugegeben, und es besteht nur noch Streit darüber, ob dies etwas primäres
oder etwas secundäres darstelle, z. B. bedingt durch Schwellung der Ciliarfortsätze
(Weber) oder Folge des vorher schon entweder durch secretorische Choroiditis
oder durch Nerveneinliuss erhöhten Druckes. Grosse Verwirrung hat auch in die
Lehre vom Glaucom hineingebracht, dass man die Begriffe Glaucom und Druck-
erhöhung identificirte ; letztere ist ein Symptom des GlauconTs und von -allen wohl
das constanteste , aber doch nicht in allen Fällen vorhanden; sie ist nicht das
Glaucom selber.
Beim Glaucoma simplex hingegen ist es höchst wahrscheinlich, dass die
hierbei vorhandene zeitweilige Druckerhöhung auch andere Ursachen als nur Ob-
literation des Font ana'schen Raumes haben kann, nur fehlen bis jetzt noch
alle sicheren Anhaltspunkte, wo die Ursache zu suchen ist : Möglicherweise chronische
Verdichtung des Gewebes an der Cornea-Scleralgrenze, möglicherweise auch Anderes.
Ob in den Sehnerven das Abflusshinderniss zu verlegen ist (Still ing), ist desshalb
unwahrscheinlich, weil auch langdauernde Stauungen in demselben (Stauungs-
papille), wobei dort sicher ein Ausfiusshinderniss besteht, nie zu Glaucom oder
fühlbar erhöhtem Druck führen. Gewisse Fälle von Glaucoma simplex gehören
wahrscheinlich gar nicht hierher, indem Sehnervenatrophie bei grosser physiologischer
Excavation genau das gleiche Bild geben kann.
Bezüglich der Iridectomiewirkung ist es wohl am einfachsten anzu-
nehmen, dass durch den Schnitt im Scleralrande ein neuer Abflussweg aus der
vordem Kammer in's subconjunctivale Gewebe geschaffen werde, was bei Be-
trachtung der Narbe am histologischen Präparate sehr einleuchtet. Bewiesen wird
dies dadurch, dass der einfache Schnitt ohne Iridectomie, die Sclerotomie, genau
den gleichen Effect haben kann, während Iridectomie bei normalem Druck den-
selben nie herabsetzt. Verwächst dagegen die Iris oder ihr Stumpf wieder mit
beiden Wundlippen, so ist der Effect vereitelt; wir bekommen im günstigsten
Falle eine ectatische Narbe. Desshalb ist auch die Iridectomie, und zwar möglichst
vollständig und peripher, überall vorzuziehen. Die Ansicht, dass die Irisexcision
das Wesentliche sei und durch Verminderung der secernirenden Fläche, oder als
Neurectomie, oder durch neugebildete Gefässcommunicationen im Stumpfe druck-
Choroiditis. 219
vermindernd wirke, erscheint dem gegenüber sehr unwahrscheinlich, namentlich
auch, weil schon Glaucom bei angeborenem und erworbenem Fehlen der Iris —
wo nur ein kleiner Irisrest vorhanden ist — beobachtet wurde. Es erhellt, dass
eine Punction vorübergehend ähnlich wie eine Iridectomie wirken kann. Die
Wirkung der Miotica muss wohl in directer Einwirkung auf die Muskeln und auf
die Synechie, nicht in einer problematischen druckvermindernden Kraft derselben
gesucht werden.
Eine Art Gegenstück zum Glaucom bildet die sogen, essentielle
Phthisis bulbi, die in einer anfallsweise auftretenden Druckverminde-
rung meist mit gleichzeitiger Herabsetzung des Sehvermögens besteht.
In einer Anzahl dieser sehr seltenen Fälle handelte es sich offenbar
um schleichende Cyclitiden, in andern ist der Grund ganz unklar.
Die Sichtbarkeit der Erkrankungen der Choroidea ist durch das
Verhalten des Pigmentepithels bedingt; sonst können wir sie nur aus
ihren Producten in Netzhaut und Glaskörper und durch das Verhalten
des in capillarem Gefässzusammenhang stehenden Sehnerveneintrittes
erschliessen. Desshalb sind sie zum Theil noch unvollkommen bekannt.
und pathologisch-anatomische Untersuchungen geben oft ein ganz un-
erwartetes Resultat; so fand ich z. ß. bei einer Iritis serosa die ganze
Choroidea reichlich zellig infiltrirt, trotzdem ophthalmoscopisch nur
Hyperaemie der Papille und mangelnder Netzhautglanz constatirt werden
konnte. Auch kann ein ophthalmoscopisch sehr auffallender Befund bei
geringfügiger Functionsstörung angetroffen werden.
Bei der Wichtigkeit der Aderhaut als Hauptblutlieferant für das
ganze innere Auge und bei dem meist chronischen Verlauf ihrer Affec-
tionen kann uns die häufige secundäre Betheiligung anderer Theile:
der Netzhaut und des Sehnerven, des Glaskörpers, der Linse und der
Sclera nicht Wunder nehmen.
Die Netzhaut verliert schon früh ihren normalen Glanz;
sie kann nach Zerstörung des Pigmentepithels in grösserer oder ge-
ringerer Ausdehnung mit der Choroidea verwachsen und von der
Verwachsungsstelle aus mit Pigment infiltrirt werden, oder
auch an der entzündlichen Infiltration von Anfang an theilnehmen
(Chorioretinitis). Nach lange bestehender Choroiditis kommt es
leicht, z. Th. auch in Folge von Schrumpfungsvorgängen in Glaskörper
und Netzhaut, zur Ablösung der letzteren. Der Sehnerv betheiligt
sich in den acuten Perioden mit Hyperaemie und Trübung; in
den entzündungsfreien Intervallen ist er eher blasser, grau, trübe.
In lange andauernden Fällen mit destructiver Betheiligung der Retina
ist er oft sehr auffallend gelbgrau gefärbt mit Verengerung seiner
220 VIII. Erkrankungen des Uvealtmctus.
Gefässe (gelbe Atrophie). Mehrfach konnte zellige Infiltration
des Sehnervenkopfes, weiterhin des Sehnerven selbst und
seiner Piaischeide bis zum Chiasma nachgewiesen werden.
Der Glaskörper enthält häufig flottirende Trübungen, micro-
scopisch kleine, nur subjectiv bemerkbare fliegende Mücken und
gröbere Flocken und Membranen, die dem Augenspiegel sichtbar sind:
nicht selten ist ihre Entstehung aus kleinen Hämorrhagica. Oft
auch wird nur eine staubförmige, fast diffuse Trübung in den hintersten
Schichten desselben gefunden, die den Augengrund leicht verschleiert
(in vielen Fällen diffuser Chorioretinitis, aber auch von Retinitis allein).
Verflüssigung der hintersten Parthien des Glaskörpers und Ab-
lösung desselben, sowie Glaskör per sehr umfung (cf. vordere Ab-
lösung bei Glaucom. Seite 21(5) wird häutig bei chronischen diffusen
Choroiditiden gefunden.
Die Linse betheiligt sich sehr häufig, aber meist erst spät, durch
Staarbildung; characteristisch sind sehr schmalstreifige, lang-
sam progressive Formen, sowie hauptsächliche Localisation am
hinteren Pole, sogen, hintere Polarcataract. Bei einem grossen
peripheren Choroidalheerde sah ich einmal feinstreifige Staarbildung
lediglich im Meridiane des Heerdes in der Linse auftreten. Sind sehr
zahlreiche schmale, getrübte Streifen in der Corticalis mit durchsichtigen
Zwischenräumen vorhanden, so ist dies der sogen. Gitterst aar, auch
Choroidalstaar genannt. Regelmässig sind bei Choroiditis auch
die Suprachoroidea und die innersten Schichten der Sclera zellig in-
filtrirt; letztere ist dadurch erweicht und giebt dem Augendruck nach,
entweder diffus (vorwiegend Axen Verlängerung des Auges) oder
in Heerden (Scleralstaphvlome). An Stelle der letzteren besteht
immer Verwachsung der Uvea mit der Sclera und Atrophie der beiden
verwachsenen Membranen.
Die Sehstörung hängt hauptsächlich von der Mitbetheiligung
der Netzhaut, erst in zweiter Linie von der Trübung der brechenden
Medien — Glaskörper und Linse — ab. Sehr häufig wird in Folge
der Vergrösserung des Auges Refractionsveränderung im positiven Sinne,
Abnahme der Hypermetropie. Entstehung oder Zunahme von Myopie
beobachtet.
Doppelseitigkeit, successives Auftreten auf beiden Augen in gleicher
oder ähnlicher Form ist bei den nicht traumatischen Choroidalkrank-
heiten. wie bei denen der Uvea überhaupt, überaus häufig.
Choroiditis iata. 221
Wir unterscheiden diffuse und heerdförmige Choroiditis; letztere
eil ophthalmoscopisch viel deutlicher, besser bekannt und soll
i\ besprochen werden.
Die Choroiditis disseminata characterisirt sich durch mehr oder
^er zahlreiche, ophthalmoscopisch sichtbare Flecken, über welche
die Netzhautgefässe unverändert hinwegziehen. Dieselben sind meist
rundlich und von verschiedenster Grösse; im frischen Zustande sind sie
zuweilen deutlich prominent, schmutzig gelbröthlich oder orangefarben
und nicht scharf begrenzt. Später werden sie immer blasser, lagern
mehr oder weniger dunkles Pigment, besonders am Rande ab und
einen schliesslich gelblich weiss, sehnig glänzend; sind sie
erheblicher Grösse, so lassen sie öfter die der Sclera eigenen oder -in
durchbohrenden Gei iliararterien und Wirbelvenen) offen sichtbar
zu Tage liegeu. Dadurch, das Flecken sich am Rande ver-
neue zwischen denselben erscheinen und zusamnienfli>
kann ein sehr buntes und auffälliges Augenspiegelbild erscheinen, durch
seine Regellosigkeit leicht zu unterscheiden von dem nachher zu he-
uenden der Pigmentrarefication ; doch können diese beiden Pl-
auen zusammen vorkommen. Zuweilen trifft man nur einige wenige
Heerde, namentlich im Aequator. an ; in anderen Fällen sind kleine
rundliche, pigmentumsäumte Heerde über den Fundus regellos zerstreut
(Choroiditis areolaris), in noch anderen ist der ganze Augengrund
von unregelmässig gestalteten frischen und alten Heerden denn
bedeckt, dass das bunteste Bild von schwarz, braun, orange, gelb und
völlig atrophischen weisslichen Stellen entsteht, die nur wenige Reste
unveränderten Augengrundes zwischen sich lassen. Der Sehnerv ist zu
den Zeiten, wo frische Heerde auftreten, hyperaemisch. trüb, mit ver-
waschenen Rändern, förmliche Neuritis zeigend, in den ruhigeren
Zwischenräumen Mass, matt, leicht graulich getrübt und schärfer be-
grenzt. Die Netzhaut ist ausnahmslos glanzlos und um die Papille in
den acuteren Stadien oft deutlich streifig getrübt. Glaskörpertrübungen
sind selten. Grosse (über papillengrosse) atrophische Heerde sind oft
deutlich vertieft, was durch den Verlauf der Netzhau:, and durch
die Refractionsdifferenz erkannt wird.
In schweren Fällen ist die Betheiligung der Netzhaut eine sicht-
bare; es wandert Pigment in dieselbe ein. kenntlich durch
seine Knochenkörperchen ähnlichen Formen und dadurch, dass es sicht-
bar vor der Choroidea im Niveau der Netzhautgefässe liegt, deren
Scheiden zuweilen deutlich pigmentirt sind, oder aber die Netzhaut-
betheiligung zeigt sich als chorioretini tisch er H e e r d . weisslieh-
222 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
gelbe verwaschene Flecken, die je nach ihrer Lage die Netzhautge fasse
verdecken oder noch durchscheinen lassen, und die nach ihrem Ver-
schwinden gleichfalls eine atrophische Choroidalstelle mit Pigmentirung
der Retina zurücklassen (Chorioretinitis disseminata).
Die Symptome sind meist wenig characteristisch : im Beginn und
während der acuten Schübe Lichtempfindlichkeit, leichte Ermüdung,
Funkensehen, lästiger Druck hinter dem Auge u. dergl. Die Seh-
störung kann gering sein, auch wenn die Maculagegend von Heerden
übersäet ist. Nicht selten beobachtet man acut auftretende Kurz-
sichtigkeit von 2—3,0 D. In anderen Fällen ist die Sehstörimg
erheblich, immer, wenn Pigmentirung der Netzhaut gefunden wird.
Sind blos die äusseren Schichten der Netzhaut zerstört, so besteht ein
heerdförmiger Gesichts felddefe et; ist auch die Nervenfaserschicht
mit ergriffen, so ist ein sectorenförmiges Scotom vorhanden. Die
Krankheit kann sich auf viele Jahre erstrecken, auch mit Cyclitis.
Iritis. Keratitis parenehymatosa u. dergl. compliciren; in vielen Fällen
entwickelt sich später feinstreifige Cataract oder typischer Gitterstaar.
Choroiditis disseminata kann angeboren vorkommen, ist dann häufig
complicirt und ein Symptom hereditärer Lues. Die Pubertätsjahre
sind bevorzugt; besonders bei anaemischen und chlorotischen Individuen
pflegen zu dieser Zeit die gutartigeren Formen aufzutreten. In späteren
Jahren treten häufiger bösartige Formen auf, nicht selten als tertiäre
Syphiliserscheinung und mit noch anderen Augenaffectionen combinirt,
manchmal in der Form der Choroiditis areolaris. Immer ist die Krank-
heit eine chronische; Jahre lang wechseln acute Schübe und Zeiten
der Kühe. Das Verhalten des Sehnerven, sowie die Sichtbarkeit frischer
Heerde ist hier mafsgebend. Einmal habe ich sehr ausgesprochene
Neuritis der Erkrankung des zweiten Auges an Choroiditis disseminata
um vier Wochen vorausgehen sehen.
Einzelne, besonders chorioretinitische Heerde kommen als Nach-
krankheiten der verschiedensten acuten Infectionskrank-
heiten vor (Scharlach, Masern, Pocken), auch bei Malaria; häufiger
sind aber diffuse Formen.
Die pathologische Anatomie entspricht dem Spiegelbefund: frische Heerde
zeigen sich als Kundzelleninfiltration in den verschiedenen Schichten oder in der
ganzen Dicke der Choroidea; das Pigmentepithel ist erhalten, nur pig-
m entlos. In schweren Fällen ist auch die Sclera infiltrirt; es tritt Wucherung
und Zerstörung des Pigmentepithels ein, die Netzhaut verwächst mit der Choroidea,
und von der Verwachsungsstelle aus infiltrirt sich die Netzhaut mit Rundzellen
und Pigment. Schliesslich atrophirt Choroidea und Netzhaut an der betreffenden
Stelle, bei grossen Heerden auch die mitverwachsene Sclera, welche dann verdünnt
Choroiditis diffusa. 223
und weniger widerstandsfähig ist. Wir finden häufig z eil ige Infiltration an
der Peripherie alter Heerde, die sich dadurch vergrössern. Der Sehnerv ist immer
mehr oder weniger zellig infiltrirt, und ich konnte die zellige Infiltration
desselben, sowie die seiner Piaischeide auf beiden Augen eines Individuums bis
zum Chiasma verfolgen. Die zahlreichen Verwachsungen zwischen Choroidea und
Netzhaut in schweren Fällen sind wahrscheinlich Ursache, dass es relativ selten
zu Xetzhautablösung bei Choroiditis disseminata kommt.
Die Therapie ist roborirend, eventuell antispecifisch. Die locale
Behandlung hat nur einen Nutzen bei den acuten Schüben ; desshalb ist
das Verhalten des Sehnerven genau zu controlliren. Locale Blut-
entziehungen (nur bei kräftigen Personen!) oder trockene Schröpf köpfe
an den Schläfen, Dunkelheit, ruhige Bettlage etwa 8 — 14 Tage lang, so-
wie die methodische Anwendung des Eserin*), drei Mal täglich einen
Tropfen in's ergriffene Auge, sind hierbei zu empfehlen. Die Eserin-
behandlung — bei nicht acuten Anfällen nur Abends — kann drei bis
vier Mal im Jahre etwa 4 Wochen lang widerholt werden. Ausserdem
lasse man das Auge nach Möglichkeit schonen und eine nicht zu dunkle
Schutzbrille tragen. Zuweilen wirkt eine mäfsige Schwitzcur — Ein-
wickelungen oder Pilocarpininjectionen — günstig auf den Verlauf.
Die diffuse Choroiditis, mit mangelnder oder untergeordneter
Betheiligung des Pigmentepithels, ist eine recht häufige Krankheit ; sie
kann nur aus ihren Folgen erkannt werden. Der Beginn der chronischen
Form ist oft ganz unmerklich oder unter denselben unbestimmten sub-
jectiven Symptomen, wie bei Choroiditis disseminata. Sehr früh schon
verliert die Netzhaut ihren normalen Glanz, und der Sehnerv zeigt sich
geröthet, mit erweiterten Venen und verwischten Grenzen (Neuritis).
Der Augendruck ist häufig leicht erhöht, was sich durch eine oft recht
auffällige Erweiterung der Pupille verräth. Während das Pigment-
epithel wenig betheiligt ist, ist es um so regelmäfsiger die Sclera in
ihren innersten Schichten; sie ist zellig infiltrirt, dadurch erweicht und
giebt in Folge davon dem Augendruck nach. Das Resultat ist Ver-
grösserung des Auges, besonders seines hinteren Abschnittes: Kurz-
sichtigkeit durch Axenverlängerung, das subjectiv und objectiv auf-
fallendste Symptom der Krankheit (siehe Seite 35 ff.). Fast immer zeigt
sich gleichzeitig an der Aussenseite des Sehnerveneintrittes eine cha-
racteristische Veränderung: Bügel, Meniscus, hinteres Staphylom.
Aus einer schmutzig-gelblichen oder -bräunlichen Verfärbung entwickelt
*) Die Anwendung des Eserin oder anderer pupillenverengernder Mittel soll nicht
auf den Augendruck wirken, sondern lediglich das dem Augengrund, speciell der
Choroidea zuströmende Blut, zum Theil wenigstens, zur Iris leiten und den Fundus
dadurch entlasten. Atropin macht Hyperaemie des Fundus und des Sehnerven!
224 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
sich eine sichelförmige Choroidalatrophie. die an Breite und Ausdehnung
langsam zunimmt und schliesslich den ganzen Sehnerv umgreifen kann
(Ringst aphylom). Ist der Bügel stationär, so ist sein Rand gegen
die Macula lutea hin scharf begrenzt, häutig mit einem Pigmentsaume
eingefasst; ist er noch progressiv, so sind seine Grenzen verwaschener:
der völlig atrophische Theil geht durch mehr oder weniger bräunlich
oder schmutzig-orange gefärbtes Gewebe in den normal aussehenden
Augengrund über. Kleine Bügel sind nicht merklich vertieft, grosse
aber sehr deutlich (eigentliches Staphyloma posticum) und zeigen oft
den Eintritt der hinteren Ciliararterien auf dem weissen Scleralgewebe.
Dieses Entstehen und Wachsthum des hinteren Staphylomes erfolgt
genau wie das eines beliebigen choroiditischen Heerdes durch Infiltration
und nachträgliche Atrophie des Gewebes der Choroidea. Die Ursache,
gerade am Aussenrande des Sehnerven diese Veränderung auftritt,
ist wohl die. dass gerade hier bei der Ausdehnung, die wesentlich den
hinteren Abschnitt des Auges betrifft, am meisten Zerrung stattfinden
muss. Grosse Staphylome vergrössern sich auch nicht selten dadurch,
dass in ihrer Nachbarschaft discrete choroiditische Heerde auftreten,
die weiterhin mit demselben zusammenrliessen.
Die Grösse des Bügels oder Staphylomes giebt einen ungefähren
Anhaltspunkt über die Ausdehnung der stattgehabten pathologischen
Axenverlängerung ; die Refraction allein ist hierfür nicht mafsgebend,
da der myopische Process in Augen jeder Refraction eintreten kann.
Die Clioroiditis myopica kann jederzeit stille stehen; sie ver-
läuft nicht continuhiich , sondern in einzelnen Schüben mit weiter
Pupille und geröthetem Opticus ; in der Zwischenzeit erscheint letzterer
mehr grau. Der einmal verlorene Xetzhautglanz stellt sich nie wieder
her. Häufig sehen wir in der Pubertätszeit den Xetzhautglanz verloren
gehen, den Sehnerv anfangs verwaschen und geröthet. später mehr gram
und scharf begrenzt werden, ohne dass es weder zur Bildung eines
Bügels noch zu Kurzsichtigkeit kommt: Myopia imminens.
In einer Reihe von Fällen (ca. 1 4 ) kommt es später doch noch
zu Veränderungen im Pigmentepithel, aber in diffuser Form. Dasselbe
verliert sein Pigment mehr oder weniger vollständig und hierdurch
wird das Maschengewebe der gröberen Choroidalgefässe mit pigmentirten
Zwischenräumen sichtbar (Rarefication des Pigmentepithels);
das Augenspiegelbild kann ein sehr auffälliges sein. Dieses ist ein atro-
phischer Vorgang und existiren alle Uebergänge zu völliger Choroidal-
atrophie. Auch das Choroidalpigment in den Intervascularräumen ver-
schwindet dann mehr und mehr, die Gefässe selber werden schmaler
Choroiditis diffusa. 225
und blässer, und schliesslich sieht man nur noch einen gelblichen
Augengrund mit den Netzhaut- und einzelnen Scleralgefässen, sowie
den Eintrittsstellen der Vasa vorticosa und der hinteren Ciliargefässe.
Alles dies ist am ausgesprochensten im eigentlichen Fundus oculi. in
der Gegend der Macula lutea und des Sehnerven; die Atrophie ist oft
am deutlichsten längs der grösseren Netzhautgefässe. Karefication
des Pigmentepithels mit und ohne Uebergang in Choroidalatrophie
kommt nur bei chronischen entzündlichen Uvealaffectionen vor (Glaucom,
Myopie, nach Choroidalruptur , bei Retinitis pigmentosa u. s. w.).
Erstere allein macht an und für sich wenig Sehstörung, weil die Netz-
haut hierbei wenig leidet; beim Uebergang in Atrophie ist sie dagegen
erheblich und oft mit Einengung des Gesichtsfeldes bei erhaltener
Farbenempfindung verbunden (durch Sehnervenatrophie in Folge Zu-
grundegehens der äusseren Netzhautschichten). Zuweilen findet man
Choroidalatrophie spontan als rein atrophischen Vorgang im
höheren Alter auftreten.
Die Choroiditis di f f u s a oder m y o p i c a tritt (wie die disse-
minirte und wie Iritis serosa, nur ungleich häufiger) mit Vorliebe in
der Pubertätszeit auf; sie verliert sich gewöhnlich bis zum 20. oder
25. Jahre (zeitlich progressive Myopie), kann aber auch bis in's Alter
dauern (bleibend progressive Myopie) und zeigt dann häufig Compli-
cationen. Selten ist sie angeboren und dann gewöhnlich mit anderen
schweren Uveal- und anderen Affectionen combinirt; selten auch ent-
wickelt sie sich erst nach Ablauf der Jünglingszeit. Sehr häufig leiden
mehrere Glieder derselben Familie an Myopie. Sie kann jederzeit zum
Stillstande kommen, und hängt die Sehstörung von der erreichten Re-
fraction ab; ist dieselbe emmetropisch oder negativ, so braucht gar
keine Sehstörung vorhanden zu sein. Gelegentlich geben leichte Ver-
letzungen eines Auges den Anstoss zur Entwickelung von Myopie
(traumatische Myopie). Hornhautflecken und Alles, was das Seh-
vermögen erheblich herabsetzt, z. B. Linsentrübungen, wenn sie im
Kindesalter schon vorhanden sind, begünstigen das Auftreten derselben,
und es entwickeln sich dann meist schwere und späterhin complicirte
Formen.
Als Complicationen, die hauptsächlich erst in späterer Zeit, in
den vierziger und fünfziger Jahren, einzutreten pflegen, wären zu nennen:
Glaskör pertr Übungen, „fliegende Mücken", staubförmige, flockige,
l'adige, häutige Trübungen, zuweilen Cholestearin. die in den hinteren,
verflüssigten Theilen des Glaskörpers frei beweglich, nicht selten auch
im Centralcanal des Glaskörpers (und dann mehr fixirt) sind: hintere
Kni es , Augenheilkunde. \ry
226 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
Polarcataract (Seite 220), feinstreifige, oft sehr langsam
progressive Staar formen in etwa 1 °/ der Fälle (natürlich
kann auch gewöhnlicher Altersstaar auftreten); Choroiditis disse-
minata besonders in der Nachbarschaft des hinteren Staphyloms und
mit diesem zusammenfliessend ; choroiditische Veränderungen
in der Maculagegend; Choroidalblutungen, besonders gleich-
falls in der Macula; Netzhautablösung (Seite 219) spontan oder
auf geringfügige Ursachen hin.
Alle diese Complicationen haben mehr oder weniger Sehstörung
zur Folge. Fliegende Mücken, die subjectiv oft sehr lästig empfunden
werden, namentlich wenn sie auch beim Lesen und Schreiben und bei
geschlossenen Augen sichtbar sind, haben so lange wenig zu bedeuten,
als sie nicht eine objectiv nachweisbare Störung der Sehschärfe verur-
sachen und mit dem Spiegel nicht sichtbar sind. Bei gröberen Glas-
körperflocken und bei Staar entspricht die Sehstörung der Lage und
Dichtigkeit der Trübung. Choroiditis in der Maculagegend
verräth sich oft schon sehr früh durch Verzerrtsehen im Fixirpunkt
(sogen. M e t a m o r p h o p s i e ) : senkrechte und wagrechte Linien,
Gitter u. dergl. erscheinen auffallend geknickt und eingebogen ; später-
hin entwickelt sich an der betreffenden Stelle ein Gesichtsfelddefect
(centrales Scotom), der natürlich wegen seiner Lage erhebliche Seh-
störung verursacht. Unter zeitweiligen Verschlimmerungen und Besse-
rungen pflegt sich das Scotom zu vergrössern, und das centrale Sehen
geht langsam verloren, oft mit Sichtbarsein eines schwarzen Fleckes
im Fixirpunkte (positives Scotom). Der Spiegelbefund kann verschieden
sein: man findet oft lange vorher schon eine eigenthümliche, unregel-
mäfsige' Pigmentirung in der Maculagegend, bräunliche und dunklere
Stellen von einem gelblichen Netzwerk durchzogen, oft auch nur stärkere
Pigmentirung. Verdächtig ist auch, wenn das Staphylom einen zungen-
förmigen Fortsatz nach der Macula hin aussendet. Weiterhin kann
einfach mehr oder weniger vollständige Choroidalatrophie der befallenen
Stelle mit oder ohne Pigmentirung eintreten. Der Process entspricht
entweder genau dem Auftreten eines oder mehrerer Heerde von Choroi-
ditis disseminata, die in der Mitte atrophiren und in der Peripherie
sich vergrössern; oder es treten auch kleine Blutungen auf, die meist
eine sehr starke Pigmentirung veranlassen. Je stärker die Pigmentirung,
um so erheblicher pflegt auch die Sehstörung zu sein; ebenso besteht
bei totaler Atrophie der Choroidea mit Zerstörung der äusseren Netz-
hautschichten ein completes Scotom. Bei einfach atrophischen Vor-
gängen : mehr gelbliche Verfärbung der betreffenden Stelle mit unregel-
Therapie der Myopie. 227
mäfsiger Pigmentirung, kann das Sehen noch ein leidliches sein. Totale
Erblindung kommt nie vor; meist gestattet das periphere Sehvermögen
dem Kranken noch, allein umhergehen zu können.
Maculablutungen machen ein entsprechendes Scotom, meist
mit bleibender Sehstörimg, und sind mit dem Spiegel leicht als solche
zu erkennen; ebenso entspricht der Netzhautablösung ein correspon-
dirender Ausfall im Gesichtsfeld.
Die Therapie kann nur eine prophylactische und symptomatische
sein: prophylactisch ist von grösster Wichtigkeit möglichste Schonung
der Augen zur Pubertätszeit und vorher. Gute Beleuchtung, richtige
Schulbänke u. dergl. sind wohl sehr am Platze; mit solchen Mitteln
allein aber vermag man, wie die Erfahrung zeigt, keine erhebliche Ver-
minderung der Myopie zu erzielen. Viel wichtiger ist geringere Inan-
spruchnahme der Augen in ausgedehntestem Mafse, was aber bei unserem
modernen Zwangsbildungsgange schwer zu erlangen sein dürfte. Die
Hälfte Derjenigen, welche eine deutsche Mittelschule oder eine ent-
sprechende Anstalt durchmachen, wird dadurch in mehr oder minderem
Mafse dauernd an den Augen geschädigt. Noch wichtiger wird Schonung,
wenn Neuritis und Verlust des Netzhautglanzes die Myopia imminens
andeuten, und hier tritt zugleich die symptomatische Behandlung in
ihre Kechte. Von den vielgerühmten und viel angewandten Atropin-
curen (3 — 4 Wochen Aufenthalt im Dunklen und täglich 2 — 3 Tropfen
Atropin eingeträufelt) habe ich selten einen dauernden Erfolg gesehen.
Zudem schneidet diese Behandlung in die gewohnte Lebensweise tief
ein. und Atropin macht erfahrungsgemäfs Hyperaemie des Augengrundes.
Dagegen kann ich die methodische Anwendung des Eserin (Morphin
oder Pilocarpin) sehr empfehlen. Man träufelt 4—6 Wochen lang
Abends in beide Augen einen Tropfen 1 / a °/ Eserinlösung und kann diese
Behandlung 3—4 Mal im Jahre wiederholen. Ausserdem lässt man
alles meiden, was den venösen Abfluss vom Kopfe her hindern kann:
gebückte Haltung, enge Halskragen u. dergl. Man richte es so ein,
dass die Eserinbehandlung zur Zeit der acuten Schübe eintrete, die sich
durch Zunahme der subjectiven Erscheinungen, gerötheten Sehnerv und
meist weite Pupille verrathen. Natürlich wird durch Eserin die Myopie
nicht aus der Welt geschafft werden ; entschieden aber wird ihr Verlauf
gemildert, eine Keine von Fällen aufgehalten. Ist schon Vergrösserung
des Bulbus eingetreten, so ist diese irreparabel. Obwohl die Mehrzahl
der Fälle leicht verläuft, kann man doch unmöglich schon im Beginne
wissen, ob nicht eine sehr schwere Form sich entwickeln wird.
Wegen der Behandhing der C omplicationen ist an den
15*
228 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
entsprechenden Stellen (Glaskörper, Linse) nachzusehen; zu erwähnen
wäre nur die der Macula äff ection. Am erfolgreichsten ist sie zur
Zeit der acuten Schübe, während bei ganz chronisch-atrophisch ver-
laufenden Processen wenig zu erreichen ist. Ausser Eserinbehandlung
ist Bettruhe und mehrwöchentliche Dunkelheit anzurathen. Blutent-
ziehungen an der Schläfe fand ich — trotz mehrfach geäusserten
gegenteiligen Ansichten — häufig von Nutzen. Drei oder vier Blut-
egel oder 1 — 2 Cylinder des künstlichen Blutegels (Heurteloup) einige
Male wiederholt mit dreitägigem Intervalle dürften etwa am Platze
sein; doch nur bei sonst kräftigen Individuen (vergl. Seite 6). Bei
Anaemischen kann man sich mit trockenen Schröpf köpfen genügen
lassen, und wenn es auch nur wäre, um die Patienten, „die sich sonst
ganz gesund fühlen" und denen „nichts weh thut", besser im Bett
halten zu können. Je acuter der einzelne Schub von Macula-choroiditis
ist, um so eher kann man auf Besserung hoffen, während man in
anderen Fällen zufrieden sein muss, den Status quo erhalten zu haben.
Wegen der häufigen Kecidive ist diese Affection oft eine grosse Ge-
duldsprobe für Arzt und Patienten ; die Prognose ist immer zweifelhaft.
Wohl die Mehrzahl der Autoren huldigt der Ansicht, dass es sich bei der
Myopie lediglich um passive Zerrungs- und Dehnungsverhältnisse handle, die eine
Axen Verlängerung des Bulbus zur Folge hätten. Mafsgebend hierbei war der
Spiegelbefund, der als im wesentlichen normal bezeichnet wird ; die späteren Com-
plicationen sollen dann etwas rein Accidentelles darstellen. Der Befund ist aber,
wie sich aus dem oben Gesagten ergiebt, absolut nicht so negativ. Schon Donders
macht auf die Sehnervenhyperaemie im Beginne der Myopie aufmerksam und nennt
dieselbe direct eine Krankheit; auch Schiess fand häufig Neuritis bei Beginn,
legte aber mehr Werth auf das gleichzeitige Vorhandensein von Accommodations-
krampf, den er für die wesentliche Ursache der Myopie erklärte und dem ent-
sprechend Atropincuren empfahl. In jüngster Zeit habe ich auf das regel-
mäfsige Vorkommen der Neuritis im Beginne der Myopie und während der acuten
Schübe dieser Krankheit aufmerksam gemacht, und dieselbe zusammen mit dem
Verluste des Xetzhautglanzes nur für Theilerscheinung einer diffusen Choroiditis
fundi erklärt, womit die spärlichen anatomischen Befunde*) übereinstimmen. Weiss
fand zellige Infiltration der Choroidea, der innersten Scleralschichten und des Seh-
nerven bis weit nach rückwärts; in einem abgelaufenen Falle war die Choroidea
sehr schwierig in Schichten zu trennen und mit der Sclera verwachsen: beides
*) Die pathologische Anatomie der Myopie, namentlich der beginnenden, liegt
noch sehr im Argen Ich richte desshalb an die Leser dieses Büchleins die dringende
Bitte, falls sie in der Lage sind, über Augen jugendlicher Myopen, etwa vom 11.
bis 16. Jahre, zu verfügen, dieselben möglichst frühzeitig enucleirt sammt Seh-
nerven und Chiasma in Müll er 'scher Flüssigkeit (4°/.. Kali bichromic. 2°o Natr.
sulfuric) entweder mir oder irgend einem in Augenuntersuchungen Erfahrenen zu-
kommen zu lassen.
Myopie. 229
offenbar chronisch entzündliche Vorgänge andeutend. Ausserdem findet man Ab-
lösung und Schrumpfung des Glaskörpers; erstere kann einen mit dem Spiegel sicht-
baren Reflex verursachen (Weiss). Hauptursache ist anstrengende Beschäftigung
der Augen zur Pubertätszeit (in ca. 80% nachweisbar), wo die "Wachsthumshyper-
aemie des Auges aufhört; es ist dies auch die Lieblingszeit für andere Uveal-
erkrankungen. Ueberanstrengung der Interni beim Nahesehen (Förster), Zerrung
eines relativ kurzen Sehnerven (Weiss u. A.), starke Anspannung der beiden
Obli([ui (Stilling) — Alles dies kommt aber ebenso bei Nichtmyopen vor —
mögen hierbei immerhin ungünstig wirken. Wesentlich ist die Arbeitshyperaemie
der Choroidea, und daraus erklärt sich auch, dass der Culminationspunkt der Affection
im eigentlichen Fundus oculi, in der Gegend des deutlichsten Sehens, in der Macula
lutea liegt. Dass bei der fortwährenden Inanspruchnahme der Augen zur Nahe-
arbeit die für gewöhnlich nicht schwere Erkrankung eine schwere und
dauernde werden kann, wird wohl nicht Wunder nehmen. Wir haben dann nicht
nöthig, die später sichtbaren sogenannten Complicationen als, wenn auch ziem-
lich regelmäfsig, doch zufällig eintretende Eventualitäten anzusehen: sie sind ein-
fach weitere Stadien der dem Ganzen zu Grunde liegenden Krankheit und genau
dieselben Affectionen, wie sie auch bei den übrigen chronischen Choroidal- und
Uvealerkrankungen beobachtet werden. Tritt Myopie schon in einem früheren
Alter auf, oder ohne dass Ueberanstrengung der Augen Veranlassung giebt, so
sind dies meist schwere, bleibend progressive Formen. Daher ist sie bei Landleuten
seltener, aber auch gefährlicher.
Der Befund bei alten hochgradigen Myopien entspricht den ophthalmoscopisch
sichtbaren Veränderungen. Ueber dem Staphylom kann das Pigmentepithel ganz
oder theilweise erhalten sein, wenngleich ohne Pigment; später ist die Choroidea
auf ein dünnes mit der Sclera verwachsenes Häutchen reducirt. Auch die äusseren
Netzhautschichten können über dem Staphylom ganz oder theilweise fehlen. Hervor-
zuheben wäre noch die bei hochgradiger Myopie nie fehlende Erweiterung des
Zwischenscheidenraumes des Sehnerven mit Verdünnung der Sclera in der Nachbar-
schaft des Sehnerven. Da gerade hier die stärkste Zerrung stattfinden muss. so wird
die zellig infiltrirte und dadurch erweichte Sclera auch hier am meisten nach-
geben müssen. Die Verziehung des Sehnerven über seine Eintrittsstelle
nach aussen und das Herüberziehen der mehr oder weniger veränderten Choroidea
an der Innenseite derselben (Nagel) ist am anatomischen Präparate meist viel
deutlicher als im Spiegelbild zu erkennen.
Dass Kinder und Verwandte Kurzsichtiger recht häufig ebenfalls später an
Myopie erkranken, kann bei dem ähnlichen Bildungsgange nicht Wunder nehmen,
eher dass dieses Erblichkeitsverhältniss nur in ] 4 — i 3 der Fälle nachweisbar ist;
gerade bei diesen war aber gleichzeitig in über 90% tibermäfsige Augenanstrengung
in der Pubertätszeit nachweisbar. Man hat streng zu unterscheiden zwischen
positiver Refr actio n, bei der paralleles Licht vor der Netzhaut zur Vereinigung
kommt, und zwischen dem krankhaften myopischen Process, der allerdings in
der Mehrzahl der Fälle positive Refraction zur Folge hat. Halten wir diese
Trennung fest, so finden wir sowohl Myopie (Choroiditis diffusa posterior ectatica)
ohne positive Refraction (Kurzsichtigkeit) als das umgekehrte Verhältniss.
Eine andere Form chronischer Choroiditis diffusa mit sehr lang-
samem Verlaufe und Neigung zu Rarefication des Pigmentes, Atrophie
230 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
der Netzhaut und Pigmentirung der Retina ist die viel seltenere
Retinitis oder besser Chorioretinitis pigmentosa, von der aus
Conventionellen Gründen bei den Netzhauterkr anklingen die Rede sein
wird.
Glaskörper tr Übungen nach Infectionskrankheiten ver-
danken meist einer Cyclitis ihren Ursprung (Seite 206) ; dagegen kommt
öfters nach Meningitis, viel seltener nach anderen acuten Infections-
krankheiten, eine besondere Form von plastisch-eitriger Choroiditis
vor. Die Krankheit tritt fast nur bei kleinen Kindern einige Zeit
nach Erscheinungen von Meningitis, meist einseitig auf: ohne Schmerz-
haftigkeit tritt Ciliarinjection mit oder ohne Iritis auf, der Fundus
oculi ist diffus graugelblich getrübt, der Bulbus weich. Die Trübung
wird immer gesättigter gelb und reicht bis hinter die Linse, die schliesslich
ganz in cyclitische Schwarte eingebettet sein kann; es besteht absolute
Blindheit. Allmählich werden die sichtbaren Entzündungserscheinungen
geringer, der infiltrirte Glaskörper und die abgelöste Netzhaut schrumpft,
das Auge wird blass, kleiner und bleibt weich. Hornhaut und Linse
können lange durchsichtig bleiben, doch tritt später fast immer Linsen-
trübung, oft mit Verkreidung ein, und ebenso trübt sich die Hornhaut
mit Schwielenbildung und Kalkablagerung im Epithel (sogenannte
bandförmige Keratitis); weiterhin pflegt das erblindete Auge, oft in
sehr hohem Grade, auswärts zu schielen. Oft sind noch andere Residuen
von Meningitis vorhanden ; ein- oder beidseitige Taubheit, mangelhafte
Entwickelung der Intelligenz und dergl. ; die Therapie ist machtlos:
Anfangs Atropin, besonders bei gleichzeitiger Iritis, später feuchte
Wärme.
Aehnlich aber heftiger verläuft die embolische septische Choroi-
ditis bei Pyaemie und Puerperalfieber; ihr Auftreten berechtigt
fast ausnahmslos zu einer Diagnosis lethalis. Der Beginn ist ganz
gleich wie bei der meningitischen Choroiditis, weiterhin werden aber
die Entzündungserscheinungen heftiger, es tritt Lidschwellung und
Chemosis auf, die Hornhaut trübt sich vom Rande her, und es bildet
sich ein Ringgeschwür; später stösst sie sich ab, und das Auge ver-
eitert, wenn nicht schon vorher der Tod eingetreten ist. Die Affection
ist fast immer einseitig, doch ist es auch schon vorgekommen, dass
beide Augen zu Grunde gingen und trotzdem das Leben erhalten blieb.
Die Therapie beschränkt sich, wenn nöthig, auf Morphiuminjectionen
und eventuell auf die Anwendung von Cataplasmen.
Von besonderer Wichtigkeit sind die Verletzungen der Uvea.
Wird bei Einwirkung eines stumpfen Instrumentes der Bulbus nicht
Verletzungen. 231
eröffnet, so kommen Lähmungen und Zerreissungen vor. Die Lähmungen
betreffen den Ciliarmuskel (Accommodationsparese) oder die Iris
(traumatische Mydriasis) oder beide gleichzeitig. Bei Mydriasis ist
die Pupille meist unregelmäfsig erweitert, oft noch mit einzelnen Par-
teien reagirend. Eserin und der galvanische Strom sind am Platze,
doch bleibt die Prognose quoad restitutionem immer zweifelhaft. Bei
Zerreissungen der Iris ist am häufigsten der freie Pupillarrand ein-
oder mehrfach eingerissen ; in anderen Fällen ist die Iris theilweise,
selten ganz, vom Ciliarkörper losgelöst (Irisdialyse). In beiden Fällen
wird mehr oder weniger Blut in der Kammer gefunden (Hyphaema),
nach dessen Resorption die Einrissstelle aber nicht immer aufzufinden
ist. In seltenen Fällen, vermuthlich nach Einrissen in den Ciliarfort-
sätzen, kann auch einmal bei seitlicher Beleuchtung Blut im Pe tit-
schen Canal gefunden werden. Blutungen und Lähmungen können
gleichzeitig vorhanden sein. Manchmal ist die Iris ganz oder theil-
weise nach hinten umgeschlagen und dadurch scheinbar ver-
schwunden.
Betrifft die Zerreissung die Choroidea, so kann die Netzhaut durch
die Hämorrhagie abgelöst und zerrissen, das ganze Auge mit Blut er-
füllt sein (Haemophthalmus). Die Prognose richtet sich ganz
nach dem Sehvermögen: ist es aufgehoben, so ist sie schlecht; ist
Lichtschein und richtige Protection noch vorhanden, so ist Besserung
zu erwarten, deren Grad aber von vornherein nicht zu bestimmen ist.
In allen diesen Fällen ist continuir liehe Kälte, womöglich
Eis, das beste Mittel. Bei grossen Blutungen empfiehlt sich nicht fort-
währende Bettlage; mäfsige vorsichtige Bewegung beschleunigt oft
sichtlich die Resorption.
Häufig sieht man nach Resorption des Blutes mit dem Spiegel
• die sogenannte Choroidalruptur als weissliche oder gelbliche, in ihren
Contouren und am Ende oft gezackte Streifen, die concentrisch zum
Sehnervenrande verlaufen; am öftesten 1 — 3 Papillenbreiten von dem-
selben entfernt, in anderen Fällen in der Peripherie oder gerade durch
die Macula gehend. Meist wird nur eine derartige Ruptur gesehen,
doch sind schon 3 und 4 gleichzeitig beobachtet worden. Die Netz-
hautgefässe laufen über die Choroidalrisse hinweg. Späterhin pigmen-
tiren sich häufig die Ränder des Einrisses, während in der Nachbar-
schaft Rarefication des Pigmentes (Seite 224) auftritt. Die Sehstörung
ist am grössten, wenn der Riss durch die Macula geht; in solchen
Fällen kann gelegentlich durch Vernarbung Verzerrt sehen (Meta-
morphopsie) auftreten. Gewöhnlich ist mindestens der der Ruptur ent-
232 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
sprechende Netzhautsector im Gesichtsfeld ausgefallen, selten ist gar
keine Sehstörung vorhanden. Eis befördert die Resorption gleichzeitig
vorhandener Blutungen; weiterhin ist wenig Besserung zu erwarten,
öfters nachträgliche Verschlimmerung; meist bleibt dann der Zustand
unverändert. Periphere Rupturen werden oft übersehen; desshalb ist
nach Verletzungen des Auges durch stumpfe Gewalt die Untersuchung
der Peripherie des Augengrundes nie zu vernachlässigen.
Zur Erklärung der eigentümlichen, dem Sehnerven concentrischen Form der
Rupturen reicht die Annahme von Contrecoup nicht aus; am plausibelsten ist
wohl Becker's Ansicht, der Sehnerv werde bei derartigen Verletzungen, dem
Stiel einer Traube gleich, in den Bulbus hineingetrieben und veranlasse dadurch
die Einrisse der mit seiner Eintrittsstelle verwachsenen Choroidea. Ich selbst sah
einmal mehrfache typische Choroidalruptur concentrisch zu einer Stichwunde in's
Auge. Doch passt diese Erklärung nicht für alle Fälle. Reich z. B. sah schon
typische Choroidalruptur nach Blitzschlag (vielleicht durch heftige Contractur des
Ciliarmuskels?). ich nach Revolverschuss in den Mund u. s. w.
Ist mit der Choroidea gleichzeitig die Sclera eingerissen,
was ohne Verletzung der Conjunctiva geschehen kann, so finden wir
eine tiefe vordere Kammer, Schlottern der Iris (Iridodonesis)
und Linse und Weichheit des Bulbus als Zeichen des Glaskörper-
austrittes. In anderen Fällen ist die ganze Iris abgerissen (Dialysis
iridis totalis) und liegt als Knäuel in der vorderen Kammer oder
mit der Linse zusammen ausserhalb des Bulbus unter der Conjunctiva,
woselbst letztere als gelbliche durchscheinende rundliche Prominenz
sichtbar ist (Luxatio lentis subconjunctivalis). Der Riss der
Sclera ist fast immer concentrisch zum Hornhautrande, etwa dem An-
sätze der geraden Augenmuskeln entsprechend. Meist sind die übrigen
Verletzungen des Auges derart, dass wenig oder gar kein Sehvermögen
übrig bleibt; doch ist es auch schon vorgekommen, dass ein ganz
ordentliches Sehen — bei Linsenluxation natürlich mit Staarbrille — .
sich wieder einstellte. Prognostisch wichtig ist Lichtschein und Pro-
jection, die der vorhandenen Blutung entsprechen müssen. Therapeu-
tisch ist Verband und Kälte am Platze; die subconjunctivale Linse
entferne man erst, wenn mit Sicherheit Heilung des Scleralrisses an-
genommen werden kann: nicht vor 6 bis 8 Wochen.
Bei völliger Zermalmung des Bulbus warte man unter anti-
septischem Verbände die Heilung ab; Entfernung des Auges könnte
den Verlauf abkürzen, ist aber in solchen Fällen schwierig auszu-
führen.
Eröffnung des Bulbus mit scharfen Instrumenten verlaufen
verschieden, je nachdem gleichzeitig Infection stattgefunden hat, oder
Verletzungen. 233
nicht. In letzterem Falle entferne man alle prolabirenden Uvealfetzen,
nähe Conjunctiva, eventuell auch Sclera mit feiner carbolisirter Seide,
stäube Jodoform ein und warte unter antiseptischem (nassem Bor- oder
Salicylsäure-) Verbände die Heilung ab. Regeln für jede mögliche
Combination lassen sich nicht geben; es hängt zuviel von der Indi-
vidualität des einzelnen Falles und dem Umfange der Verletzung, von
gleichzeitiger Quetschung und dergl. ab. In zweifelhaften Fällen sichert
nicht selten ein in der Wunde sichtbarer Glaskörper faden die
Diagnose, dass die Verletzung bis in den Glaskörper reichte, z. B. bei
einem Stiche durch Hornhaut, Iris und Linse. Dieser vorgefallene
Glaskörper zeigt sich als durchsichtiges, einige Millimeter langes Fäd-
chen, das der Wunde adhaerirt, sich erst allmählich trübt und
dann einem Schleimfaden ähnlich sieht. Es können Tage und Wochen
vergehen, bis es sich spontan abschnürt. Man hüte sich, daran viel
zu ziehen ; am besten kappt man es vorsichtig mit einer feinen Scheere
ab, aber erst nach einigen Tagen, wenn die übrige Wunde verklebt
ist. So lange derartiger Glaskörpervorfall besteht, kann Infection von
aussen stattfinden, die Regeln der Antisepsis sind desshalb nie zu ver-
nachlässigen.
Hat gleichzeitig mit der Verletzung Infection stattgefunden, so
pflegt bei intensiver Infection das Auge acut zu vereitern (Panopli-
thalmie). Schon nach 24 Stunden kann eitrige Iritis, Hypopyum
u. s. w. vorhanden sein; dazu kommt Chemosis, Ciliarinjection, Lid-
schwellung und gewöhnlich, besonders im Beginne, recht heftige Schmerzen.
Die Erscheinungen nehmen zu, bis der Eiter irgendwo, oft an der Stelle
der Verletzung, einen Ausweg gefunden hat ; es tritt dann unter Nach-
lass allmähliche Schrumpfung des ganzen Auges (Phthisis bulbi)
ein. Der ganze Verlauf kann 2 bis 3 Monate in Anspruch nehmen.
Es kann vorkommen, dass die Eiterung sich längs des Opticus
auf die Pia mater fortsetzt und eitrige Meningitis den Tod des
Individuums herbeiführt; doch ist dies selten. Therapeutisch sind gegen
die Schmerzen Morphiuminjectionen in die Schläfe, zur Beschleunigung
der Eiterung Cataplasmen am Platze. Ist die Schmerzhaftigkeit sehr
gross, so kann man durch Sprengung der Wunde oder Eröffnung des
Bulbus mit einer Lanzette Erleichterung verschaffen. Ist das Auge ge-
schrumpft, ganz zur Ruhe gekommen, blass und reizlos, so kann ein
künstliches Auge die Entstellung heben.
Man hat mehrfach empfohlen, durch Enucleation den Verlauf abzukürzen ;
doch wird dies von den Meisten widerrathen, da einige Male eitrige Meningitis
und Tod nachher beobachtet wurde. Dies kommt aber auch ohne Enucleation vor ;
234 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus.
letztere unter antiseptischen Cautelen vorgenommen, dürfte eher, durch Abschneiden
der Infectionsquelle, das Weiterschreiten gegen die Meningen hemmen. Hat letzteres
indess schon stattgefunden, so kam sie eben — wie bei der gleich zu besprechenden
sympathischen Ophthalmie — zu spät. Ist das Auge mit Sicherheit als verloren
anzusehen, so ist — falls dies der Patient zugiebt! — möglichst frühzeitige Enu-
cleation das rascheste und sicherste Verfahren.
War die Infection weniger intensiv, so tritt das Krankheitsbild
der auf Seite 207 beschriebenen schrumpfenden Cyclitis auf; zwischen
dieser und der acuten Vereiterung kommen gelegentlich alle möglichen
Uebergänge zur Beobachtung. Diese traumatische Cyclitis, besser Irido-
cyclo-choroiditis kann sich monate-, selbst jahrelang hinausziehen, wobei
kürzere oder längere Perioden der Ruhe mit solchen von acuten Ent-
zündungserscheinungen abwechseln. Schliesslich kommt es auch hier
gewöhnlich zu Phtbisis bulbi ; doch kann auch nach sehr lange dauernder
Krankheit noch ein leidliches Sehvermögen erhalten bleiben.
Wichtig ist diese traumatische schrumpfende Cyclitis dadurch, dass
in einer Anzahl von Fällen die Entzündung sich auf's andere Auge
fortpflanzt: sympathische Ophthalmie. Ganz schleichend, Anfangs
ohne Schmerzen, frühestens drei Wochen nach der Verletzung, tritt am
anderen Auge Iritis serosa auf: zuerst nur einige Beschläge der Horn-
haut und mehr oder weniger Neuritis mit allmählicher Steigerung zu
schrumpfender Cyclitis. Hat einmal die Entzündung des zweiten Auges
begonnen, so ist die Prognose kaum besser, als für das verletzte, also
gewöhnlich nach langer Leidenszeit Erblindung zu erwarten. Wenn
schon in jedem Stadium Stillstand möglich ist und auch gelegentlich
eintritt, so gehören doch Fälle, wo bei wirklich ausgesprochener sym-
pathischer Ophthalmie ein günstiges Resultat erreicht wird, immer
noch zu den Seltenheiten. Es ist sogar vorgekommen, dass auf dem
verletzten Auge Sehvermögen übrig blieb, das sympathisch erkrankte
dagegen völlig zu Grunde ging. In etwa 3°/ der Fälle, die ihrer
Natur nach geeignet wären, sympathische Entzündung zu veranlassen,
kommt dieselbe zum Ausbruche. Derselbe ist zu befürchten, so lange
Cyclitis besteht, namentlich so lange das verletzte Auge aussen oben
auf Druck empfindlich ist ; ein völlig reizloser Stumpf ist ungefährlich.
Dagegen kann sympathische Entzündung noch nach Entfernung des ver-
letzten Auges auftreten — bis zu 3 Wochen später — wenn dieselbe
zu spät vorgenommen wurde. Auch völlig phthisische Augen können
noch nach langen Jahren sich wieder entzünden und gefährlich werden,
wenn nämlich Verknöcherung in Choroidea und Choroidalexsudat
eingetreten ist und Veranlassung zu spontanen Blutungen, weiterhin
zu Cyclitis giebt. Der Knochen im Auge hat meist eine schalen-
Sympathische Ophthalmie. 235
förmige Gestalt mit einer Oeffnung in der Mitte, die dem Eintritte des
Sehnerven entspricht.
Die sicherste Therapie besteht in rechtzeitiger Entfernung
des verletzten erblindeten Auges durch Enucleation. Alle Surro-
gate, besonders auch die zeitweise viel geübte Durchschneidung des
Sehnerven und der Ciliarnerven (Neurotomia optico-ciliaris), brauchen
länger zur Heilung und sind nicht sicher. Zur Ausführung der Enu-
cleation wird in Narcose erst die Conjunctiva rings um die Hornhaut
abgelöst; sodann werden die Sehnen sämmtlicher vier Recti, wie bei
der Schieloperation durchschnitten, wobei man, je nachdem, an einem
Internus oder Externus einen Sehnenansatz stehen lässt. An diesem
fasst man den Bulbus, rotirt ihn stark, schneidet mit einer kräftigen
krummen Scheere den Sehnerven durch und löst nachträglich noch
sämmtliche Adhaerenzen dicht am Bulbus. Eine Tabaksbeutelnaht der
Conjunctiva kann nach Stillung der meist nicht bedeutenden Blutung
die Operation beschliessen, ist aber nicht nothwendig. Man desinficirt
gut mit 2°/ Carbollösung oder Sublinat (1:2000) und lege einen
festen antiseptischen Verband an, den man feucht hält und 4 bis 5
Tage bis zur Heilung liegen lässt. In 8 Tagen kann der Patient wieder
arbeitsfähig sein und später ein künstliches Auge tragen. Die in
neuerer Zeit viel ausgeführte Exenteratio bulbi, die Ausräumung des
Bulbusinhaltes nach Entfernung des vorderen Abschnittes des Auges,
hat vor der Enucleation keinen Vortheil voraus, braucht aber längere
Zeit zur Heilung.
Die Behandlung des sympathisch erkrankten Auges ist wesentlich
eine symptomatische: Atropin, Cataplasmen, Morphiuminjectionen an
die Schläfe und dergl. nach Bedarf; Quecksilbersalbe in die Schläfe,
sogar allgemeine Mercurialisation hat wenig Einfluss. Absolute Dunkel-
heit dagegen wirkt meist sehr günstig. Zuweilen hat eine sehr früh-
zeitig ausgeführte Iridectomie die totale Flächenverwachsung zwischen
Iris und Linse verhindert; später sind operative Eingriffe immer eine
sehr gewagte Sache und oft von Verschlimmerung gefolgt. Nur im
dringenden Nothfalle sind sie erlaubt. Erst wenn das Auge völlig zur
Ruhe gekommen ist, darf man daran denken, das Sehvermögen operativ
zu bessern. Die Prognose ist schlimm, aber mit Ausdauer lässt sich
zuweilen noch in scheinbar verzweifelten Fällen etwas erreichen.
Als Wege der Uebertragung sympathischer Entzündung sind schon Blut- und
Lymphgefässe, Sehnerv und Ciliarnerven beschuldigt worden ; gegenwärtig kommen
wohl nur noch letztere beide in Frage. Durch die Entzündung eines Auges können
auf dem anderen allerlei Reizerscheiiiuiigen hervorgerufen werden, ähnlich, wie
236 VIII. Erkrankungen des Uvealtraetus.
bei einem Fremdkörper unter dem Lid auch das andere Auge in Mitleidenschaft
gezogen ist. Derartige Erscheinungen, denen noch Gesichtsfeldverengung und
Accommodatiunseinschränkung hinzuzufügen wären, werden zweifellos auf dem Wege
der Ciliarnerven übertragen und durch Enucleation des verletzten Auges prompt
abgeschnitten. Anders die sympathische Entzündung. Dieselbe tritt meist ohne
Vorboten und ohne Reizerscheinungen auf. und die Enucleation übt wenig
oder gar keinen Einfluss auf sie aus. Schon Hacke niie hielt ITebertragung auf
dem Wege der Sehnerven für das wahrscheinlichste, später und zum Theil auch
jetzt noch wurde angenommen, dass die Reizung der Ciliarnerven Entzündung im
zweiten Auge veranlasse. Diese Annahme gab Veranlassung zur Einführung der
Neurotomia optico-ciliaris al* prophylactische Mafsregel. Dieselbe hat sich aber
nicht als sicher bewährt. Durch die Thatsache bewogen, dass bei Iritis serosa*)
sich die Entzündung innerhalb des Sehnerven und seiner Piaischeiden bis zum
Chiasma verfolgen lässt. die beiderseitige Erkrankung desshalb eine continuirliche ist.
behauptete ich zuerst wieder, dass die sympathische Entzündung eine continuir-
lich fortgepflanzte, der ursächlichen gleichartige sei. Injectionen in einen Sehnerv
in der Richtung gegen das Chiasma gelangen mit Leichtigkeit in die Lymphräume
des anderen Sehnerven und weiterhin zum anderen Auge. Deut seh mann konnte
experimentell bei Injection von Pilzen in ein Auge das Vordringen derselben in
Sehnerv und anderes Auge nachweisen, doch haben Andere negative Resultate er-
halten. Am einfachsten ist folgende Erklärung: tritt bei der Verletzung Infection
mit starkwirkenden Pilzen, z. B. Staphylococcus pyogenes ein, so bekommen wir
Panophthalmie. Fortschreiten der Infection gegen das Gehirn wird durch die
heftige Reaction der Gewebe erschwert: tritt sie doch ein. so erfolgt eitrige Menin-
gitis. Hat Infection mit weniger energisch wirkendem Material — vielleicht auch
keine? — stattgefunden, so kann sich die Entzündung t langsam und schleichend
weiter verbreiten und erreicht nach einer gewissen Zeit (2 — 3 Wochen) das andere
Auge, welches in gleichwerthiger Weise erkrankt. Dadurch erklären sich alle
Thatsachen. auch das Auftreten wochenlang nach Entfernung des verletzten Auges,
auf die natürlichste Weise, und wir brauchen für die sympathische Ophthalmie, so
wenig wie für das Glaucom und die neuroparalytische Keratitis, eine Sonderstellung
anzunehmen.
Ist mit der Verletzung des Auges ein Fremdkörper — meist ein
Eisenstückchen — in das Auge gedrungen, so ist. wenn nicht gleich-
zeitig Infection stattgefunden hat, der Versuch berechtigt, denselben zu
entfernen. Sitzt der Fremdkörper sichtbar in der Iris, so wird' er am
n durch Iridectomie entfernt. Sitzt er tiefer, so kann die Ent-
fernung sehr schwierig, selbst unmöglich werden. Häufig bleibt sogar
die Diagnose ungewiss; besonders bei kleinen Metallsplittern ist die
Wunde in der Sclera manchmal fast gar nicht zu finden. Auch der
Augenspiegel lässt bei peripherem Sitze, oder wenn der Fremdkörper
in ein Blutgerinnsel eingeschlossen ist, öfter im Stiche. Ist der Fremd-
körper von Eisen und kann mit einiger Sicherheit der Ort vermuthet
*) Das gleiche ist auch bei Myoide i W e i b b) und Choroiditis disseminata der
Fall, wahrscheinlich auch noch bei anderen Choroidalkrankheiten.
Fremdkörper; Geschwülste. 237
werden, so hat er in einer Reihe von Fällen mit dem Electromagnet
entfernt werden können ; doch wird nur selten ein vollkommenes Resultat
erreicht, da meist gleichzeitig Infection stattgefunden hat, die dann
auch ohne Fremdkörper weiterschreitet. In anderen Fällen war der
mechanische Insult der Verletzung oder der Operation zu gross. Metall-
und Glassplitter werden zuweilen jahrelang im Auge ertragen, ohne er-
hebliche Nachtheile ; man lässt sie dann am besten unberührt. Schliess-
lich treten aber doch fast immer Glaskörpertrübung oder -Schrumpfung,
Netzhautablösung und dergleichen Zeichen einer chronischen Choroiditis
auf, die weiterhin in ein acuteres Stadium übergeht.
In Iris und Ciliarkörper bilden sich zuweilen kleine Abscesse
um Fremdkörper ; es ist sogar schon dagewesen, dass auf diesem Wege
ein solcher sich spontan entleert hat.
Treten bei einer Verletzung des Auges mit Eröffnung der vorderen
Kammer lebende Epidermis- oder Haarwurzelzellen in letztere ein. 90
kann sich nachträglich eine Iriscyste entwickeln, die als durchsichtige
oder durchscheinende Blase zwischen Iris und Cornea sichtbar ist. Ge-
wöhnlich treten im weiteren Verlaufe Entzündungszustände, besonders
in glaukomatöser Form, hinzu und verlangen die Entfernung. Geschieht
letztere nicht vollständig, so giebt es häufig Recidive ; desshalb ist die
Prognose älterer Iriscysten immer einigermafsen zweifelhaft.
Umschriebene Verbrennungen der Choroidea, resp. des
Pigmentepithels und wohl auch der äusseren Netzhautschichten, w r erden
zuweilen bei Personen beobachtet, die unvorsichtigerweise längere Zeit
die Sonne fixirt haben, meist gelegentlich einer Sonnenfinsterniss.
Der dioptrische Apparat des Auges wirkt hierbei als Brennglas. Man
sieht dann in der Fovea centralis oder nahe dabei eine oder mehrere
kleine, runde, gelbliche oder bräunliche Stellen, die der Grösse des
Sonnenbildchens auf der Netzhaut entsprechen. Zugleich besteht ein
entsprechender Ausfall im Gesichtsfeld. Meist tritt nach längerer oder
kürzerer Zeit Heilung ein; doch kann die Sehstörung auch eine
bleibende sein.
Von Geschwülsten der Uvea wären zu erwähnen Melanom-
knötchen (meist angeboren) der Iris und Lymphome derselben als
meist multiple stecknadelkopfgrosse Geschwülstchen, die sich durch
ihre mehr grauliche Färbung von den früher beschriebenen (Seite 201)
Gummaknötchen unterscheiden. Das Gumma kommt sowohl in Iris,
als in Choroidea und Ciliarkörper auch als grössere conglobirte Knoten
vor, die verkäsen und durch Perforation des Bulbus und begleitende
Entzündungen das Auge zerstören können. Aehnliche Tumoren mit Ent-
238 VIII. Erkrankungen des Uvealtractus-
zündung der Nachbarschaft und Neigung zum Durchbruche sind t u ber-
eu lös er Natur. Die Diagnose stützt sich auf die Sichtbarkeit miliarer
Knötchen in der Nachbarschaft und auf die Resultate der Ueberimpfung
auf Kaninchen. Die Therapie ist im wesentlichen eine allgemeine und
symptomatische; häufig wird die Enucleation in Frage kommen, wenn
schon Erblindung eingetreten ist.
Miliare Tuberkel werden bei allgemeiner Tubereulose häufig
mit dem Microscop in der Aderhaut gefunden (C oh n he im). Sind
die Tuberkel grösser, so können sie im Fundus, in der Nachbarschaft
des Sehnerven als runde, an den Grenzen leicht verwaschene, aber nicht
pigmentirte, etwas prominirende Flecken gesehen werden. Sie können
im Zweifelsfalle die Diagnose einer tuberculösen Erkrankung sicher
stellen.
Sarcome der Uvea sind meist stark pigmentirte Spindel- und
Kundzellengeschwülste, selten andere Formen. An der Iris sind sie
leicht zu diagnosticiren und entwickeln sich zuweilen aus Melanom-
knötchen. Schwieriger ist ihre Erkennung bei Sitz im Ciliarkörper und
in der Choroidea wenn die Geschwulst nicht direct sichtbar ist. Früh-
zeitig pflegt theilweise oder totale Netzhautablösung hinzuzutreten;
weiterhin entwickelt sich gewöhnlich Glaucom. Netzhautablösung bei
hartem Auge ist desshalb bis zu einem gewissen Grade characteristisch;
doch kommen Ausnahmen oft geniig vor. Später wird die Sclera an
Stelle eines Gefäss- oder Nervendurchtritts, besonders gern am Horn-
hautrande dnrehbrochen, und die Geschwulst wuchert ausserhalb des
Auges weiter. Durch Eindringen von Geschwulstzellen in die Capillaren
treten Metastasen in allen möglichen Organen, besonders häufig in der
Leber ein. Möglichst frühzeitige Entfernung des Auges ist bei der
grossen Bösartigkeit der Geschwülste die einzig mögliche Therapie.
Solange die Geschwulst intraoculär ist, ist Heilung möglich. Ist Per-
foration des Bulbus eingetreten, was sich durch Beweglichkeitsbe-
schränkung und Vortreten des Auges anzeigt, so kann man noch die
Exenteratio orbitae, die Ausräumung des ganzen Orbitalinhaltes
sammt Periost, als letztes Mittel versuchen. Der Erfolg bleibt fast
immer ein localer, indem zu dieser Zeit schon Metastasen in anderen
Organen die Kegel bilden.
Netzhaut und Sehnen : Anal ie. 239
IX. Erkrankungen <I<t Netzhaul und des Sehnerven.
Die Retina Barami Sehnerv ist ursprünglich eine Ausstülpung der primären
Gehirnblase des Embryo, welche selbst wieder von der ans dem Epithel Hieb ent-
wickelnden Linse eingestülpl wird. Sie besteht desshalb genau genommen aus '
Blättern, «leren A.eusseres sieh zum Pigmentepithel, deren [nneres sieh zur eigenl
liehen Netzhaul entwickelt. Letzere erstreckt sich foni Sehnerveneintritt bis zur
(»ia serrata und besteht ans :i Schichten, von aussen nach innen Portschreitend:
1. Zapfen and Stäbchen, 2. Limitans externa, .">. äussere Körnerschicht, l. Zwischen
körnerschicht, äussere reticulirte Schicht, .'». Innere Körnerschicht, 6 innere reticulirte
Schicht, 7. Ganglienzellenschicht, 8. Nervenfaserschicht und !>. Limitans interna.
In der Fovea centralis ist sie fast ganz auf 1, 7, s und :> reducirt; an dieser Stelle
sind auch Lediglich /apren vorhanden, die gegen die Peripherie in c wenigei
zahlreich werden. Die Netzhaul endigt übrigens nichl an der Ora serrata; ''ine
Epithelzellen8chich1 erstreckt sich über Ciliarkörper und Hinterfläche der Iris bis
'/.um Pupillenrand, und eben so weil Li I ich auch das oubische Pigmentepithel
^erfolgen, sodass die ganze [nnenfläche der l ' \ «;i mit der Nervenhaut und ihren
Rudimenten überzogen ist.
Die Netzhautgefa e treten etwa l cm hinter «lern A.uge in den Sehnen ein;
sie theilen sieh im Wesentlichen in zwei Hauptäste nach «dien and unten und jeder
Äerselben wieder in einen nasalen und einen temporalen, die Manila, lutea um
kreisenden A.st. Direct nach letztererziehen eonstant einige kleine Gefässchen vom
n Sehnervenrand. Die Varianten der Gefässanordnung k neu wesentlich
dadurch zu Stande, dass die Haupttheiluug schon im Sehnervenstamm sieh rollzieht.
Die Netzhautarterien Bind Endarterien im Sinne Cohnheim's; nur am Sehnerven
eintritt bestehen capillare Anastomosen zwischen dem Gera j bem der Netzhaut
und Adeihaui. hie Capillaren gelangen bis in die Zwischenkörnerschicht; die
eigentliche Fovea centralis ist gefäs l" . hei- Sehnervenkreislauf kann bei Thieren
fehlen, beim Menschen isi er anentbehrlich für die Function ^\<-\- Ganglienzellen
und Nervenfaserschicht, Da Bindegewebsgerüst der Netzhaul wird durch die
blich senkrechl verlaufenden M ül ler' sehen Stützfa ern dargestellt; e bildet
leine Netzwerk«- um dm ne r \ i | s. ■ 1 1 ßl< m . n 1 1 .-. |)er l''a si ir \ i • rl ;i u f in der Netzhaul
entspricht so ziemlich dem der Gefftsse. Die speciell aus der Macula Lutea kom
inenden \er\ enfai ein vereinigen Ich zu einem keilförmigen Bündel am Au en
rande der Papille, treten aber weiterhin in die Mitte des Sehnervenstammes. Im
Chiasma findet eine theilweise Kreuzung (der grö eren Hälfte) der SehneTvenfa em
statt. Fig. 28a (a. f. S.) zeigt da gewöhnlich angenommene Schema, in einem
Falle mit einseitigef Opticusatrophie nach Enucleation überzeugte Ich mich aber
ie Kreuzung wie bei Figur 28b battfand; Di äu ere Bündel des Sehnorven
tag an der Innenseite im Traclais. (»I» dies Verhalten allgemein gültig I t, Kann
ieh nicht entscheiden; wahrscheinlich kommen gewisse Varianten ror. Der rechte
fractus ent pricht den rechten Hälften beider Netzhäute, oder den linken Hälften
beider Gesicht felder (mit senkrechter, durch d.m Fizirpunkt gehender Trennung
Knie), o das bezüglich de en, was rechts und links gesehen wird, totale Kreuzung
vorhanden i t.
24" IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
Der Traetus opticus endigt im Wesentlichen in den vordem Vierhügeln,
dem Corpus geniculatum externum und im hintersten Theile des Thalamus opticus
(eigentlich Corpus geniculatum laterale und pulvinar). Weitere Wurzeln aus dem
Hirnstiel, selbst aus dem Kückenmark, sind noch zweifelhaft. Ausser den Seh-
nervenfasern besteht das Chiasma noch aus der sogenannten Commissura inferior,
Fasern, welche die beidseitigen Corpora genieulata interna verbinden sollen. Man
nimmt an. dass von den vordem Vierhügeln die Pupillenreflexe ausgehen; weiter-
hin gelangen die Lichteindrücke durch die sogenannte Grat iol et 'sehe .Sehstrah-
lung zur Rindensubstanz des Zwickels. Cuneus (Wahraehmungscentrum) und des
Oeeipitallappens lErinnernngscentrum für Seheindrücke), welche zusammen das
c o r t ieale S e h c e n t r u m darstellen.
Der Sehnerv ist umgeben von einer Fortsetzung der Pia mater 1 Piai-
sch ei de), welche bindegewebige Maschen zwischen die Nervenbündel schickt und
im Niveau des Sehnerveneintritts mit ähnlichen Maschen der genetisch identischen
Choroidea zur Lamina cribrosa sich vereinigt; an dieser Stelle verlieren die Seh-
nervenfasern ihre Markscheide. Ausserdem erhält der Sehnerv beim Durchtritt
durch das Foramen opticum eine Umhüllung von der Dura mater. die viel derbere
Dural scheide, die in die Sclera übergeht. Zwischen Pial- und Duralscheide
in zarter Fortsatz der Arachnoidea eerebri. die Arachnoi dal scheide des
Fio-. 28.
Sehnerven. Wir können demnach am Sehnerven einen Subduralraum und einen
Subarachnoidalraum unterscheiden, die mit den gleichnamigen innerhalb des
Schädels communiciren. Der Subarachnoidalraum des Sehnerven steht mit den
Lymphgefässen der Retina, der Subduralraum mit Teno n ' scher Kapsel und Supra-
choroidalraum in Verbindung. Injicirt man Flüssigkeit in die Sehnervensubstanz
in der Richtung gegen das Chiasma. so dringt dieselbe fast gar nicht in die Trae-
tus optici, gelangt aber leicht durch's Chiasma in den andern Sehnerven bis zum
Auge.
Das Pigmentepithel .seeernirt* den sogenannten Sehpurpur, eine in der aus-
geruhten Netzhaut sich findende lichtempfindliche Substanz, deren Vorhand
indess zur Function des Sehens nicht unerlässlich ist ; seine Rolle ist bis jetzt noch
nicht genügend aufgeklärt. Die Pigmentepithelzellen senden zarte Ausläufer
zwischen die Stäbchen und Zapfen, in welche bei Belichtung Pigmentkörnchen
wandern.
Ophthalmoscopisch ist die Netzhaut unsichtbar und wird nur
durch ihre Gefasse angezeigt; nur bei sehr dunklem Augenhintergrund
erscheint sie. namentlich in der Nachbarschaft des Sehnerven, wie ein
lichtgrauer Schleier. Bei jugendlichen Individuen zeigt die Netzhaut
jelbefund. 24 1
im umgekehrten Bild an der Oberfläche Glanz, namentlich sind licht-
glänzende Streifen längs der Gelasse und ein queres Oval um die
Macula lutea vorhanden. Die Stelle der letzern erscheint immer
dunkler pigmentirt und lässt häufig die Fovea centralis als kleines
Grübchen erkennen. Im aufrechten Bild ist der Xetzhautglanz fast
völlig unsichtbar: selten kann er noch im höheren Alter wahrgenommen
werden. Bei den leichtesten entzündlichen Processen, ja schon in Folge
andauernder, anstrengender Augenarbeit geht er verloren.
Der Sehnerv selbst ist entweder gleichmässig rosig gefärbt, oder
die äussere Hälfte ist etwas lichter. Häufig ist die sogenannte phy-
siologische oder centrale Excavation vorhanden, eine centrale
trichterförmige Vertiefung von heller, sehnig glänzender Färbung: bei
grösserer Ausdehnung lässt dieselbe die Lamina cribrosa erkennen, als
sehniges Netzwerk, zwischen dem die grauen Nervenbündel sichtbar
sind. Die physiologische Excavation reicht nie bis zum Rande: immer
daselbst noch etwas Sehnervensubstanz als mehr oder weniger
röthlicher Saum vorhanden sein.
Die Venen unterscheiden sich durch grössere Breite und dunklere
Farbe von den Arterien: über letzteren, wenigstens den grösseren
Aesten . zeigt sich in der Mitte ein heller Reflexstreifen . der den
Venen nur bei abnorm starker Füllung zukommt. Häufig erkennt man
im aufrechten, schwerer im umgekehrten Bilde ein mit der Radialis
isochrones Pulsiren der Venen, besonders wenn sie starke Biegungen
machen, wie z. B. bei grosser centraler Excavation. Das Pulsiren ist
normaler Weise auf den Papillarbezirk beschränkt: leichter Druck auf
den Bulbus ruft e> hervor, oder verstärkt es. starker bewirkt Pulsiren
der Arterien, wie beim Glaucom.
Im Alter wird die Papille matter, trüber, mehr gelblich, wohl in
Folge interstitieller Bindegewebsvermehrung ; nur durch Uebung indess
lernt man das jedem Alter zukommende Aussehen genauer schätzen.
Die Netzhaut zeigt im Alter fast ausnahmslos hydropische oder cy-
stoide Degeneration ihrer Peripherie gegen die Ora serrata hin: doch
ist dies mit dem Spiegel nicht sichtbar und ohne Einfluss auf die
Function.
Angeborene Anomalien sind nicht zahlreich. Colobom der
Sehnerve n scheide gleicht sehr einem grossen hintern Staphylom :
Sehnerv und seine Gefässanordnung zeigen aber allerlei Unregel-
mässigkeiten. Es liegt ausnahmslos nach unten. Die geringsten Grade
desselben, einem kleinen myopischen Bügel nach unten sehr ähnlich,
findet man häufig bei Astigmatisn; miers wenn die Refraction
Knies. Augenhe:".-
242 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
(wie am öftesten) im verticalen Meridian am höchsten ist. Nicht
selten ist der Sehnervenrand , besonders gegen die Macula hin, mehr
oder weniger stark pigmentirt; sehr selten dagegen findet man Pig-
mentirung auf demselben. Die zuweilen beobachteten weisslichen oder
bläulichen angeborenen Sehnervenverfärbimgen dürften wohl auf eine
intrauterine, ohne Functionsstörung abgelaufene Neuritis zurückzu-
führen sein.
Yerhältnissmäfsig häufig findet man markh altige Nerven-
rn in Papille und Netzhaut; gewöhnlich nur ein kleines Bündel
„flammenähnlich 11 weisslich glänzend auf dem Papillenrand ; selten sind
es ausgedehntere Plaques , die dem Faserverlauf in der Netzhaut ent-
sprechend, die Macula mehr oder weniger weit umkreisen und die Ge-
fässe theilweise verdecken. Characteristisch sind die geflammten, au>-
gefaserten Grenzen, im Gegensatz zu den verwischten Contouren chorio-
retinitischer Exsudate. Geringe Grade sind ohne Einfluss auf die
Function des Auges ; bei höheren ist meist das Sehen mehr oder weniger
herabgesetzt.
Hyperaemie der Netzhaut ist nur aus der Füllung der Gelasse
zu erschliessen : dieselben sind breiter, häufig geschlängelt, und die
Venen zeigen als Zeichen praller Füllung .Reflex streifen wie die Arte-
rien. Die Papille selbst ist >tärker geröthet und dadurch weniger
deutlich abgegrenzt; in hohen Graden sind die von ihr ausgehenden
Gefässe scheinbar vermehrt. Die Symptome sind wenig characteristisch.
die ganze Affection nur Nebenerscheinung von Entzündungen der Netz-
haut. Choroidea und des Sehnerven. Mydriatica wirken schäd-
lich, weil sie die Hyperaemie des Augengrundes vermehren; wenn
desshalb eine Behandlung nöthig wäre, so sind Miotica: Eserin, Mor-
phin. Pilocarpin einzuträufeln. In der Asphyxie, bei Kohlensäure-
vergiftung sehen die Gefässe der Netzhaut fast schwarz aus.
Bei Anaemie sind umgekehrt die Venen blasser, die Arterien
dünner, in hohen Graden (perniciöse Anaemie) die Papille fast
kreideweiss. Zuweilen ist der ganze Fundus sichtbar blasser, bei
Leukaemie kann er eine eigenthümliche orangegelbe (aber durch die
Choroidea bedingte) Färbung annehmen. Geringe Grade von Anaemie
und Hyperaemie sind, wenn nicht einseitig, schwierig zu erkennen, da
grosse individuelle Schwankungen vorkommen. Auch beachte man. dass
hochgradige Hypermetropie Hyperaemie des Fundus vortäuschen kann
(Seite 32).
Abnorme Pulsat ion der Arterien kommt ausser bei Glaucom
bei A o r t e n i n s u f f i c i e n z . aber auch gelegentlich bei Basedow'-
iiautblutungeii.
scher Krankheit und bei hochgradiger Chlorose vor: zuweilen wird bei
Aorteninsuffieienz auch ein mit dem Puls gleichzeitiges Erröthen und
Erblassen der Papille beobachtet.
Atherom der Netzhautgefasse ist recht häufig, aber meist nur
anatomisch nachweisbar; selten — ich habe es nur 3 Mal gesehen —
als partielle gelbe Verfärbung der Arterienwände ophthalmose<
sichtbar. Dagegen manifestirt es sich häufig durch spontane oder auf
ganz geringe Veranlassung hin auftretende »tzhautblutuiiireii , die
wegen regelmäfsig gleichzeitig vorhandenem Atherom der Hirnarterien
von ominöser Bedeutung sind. Die Xetzhautblutungen sind von sehr
verschiedener < in der Nähe des Sehnerven meist strichfonnig
und klein, in der Peripherie grösser und rundlich, und machen je nach
ihrer Lage mehr oder weniger Sehstörung, in der Macula zuweilen auch
Metamorphopsie (Seite 226).
Ausser bei Atherom kommen sie vor als Theilerscheinung von
Retinitis, bei hochgradiger Stauung im Sehnerven, in 1
von Con s titu ti ons an om ali en (Schrumpfniere. Diabetes. Leukaemie)
bei Infectionskrankheiten aller Art. bei Vergiftungen (z. B.
Phosphor) , bei p y aemischen nnd septieaemisehen Zuständen ,
Bcorbnt, Morbus maculosus. nach ausgedehnten Haut-
verbrennungen u. dgl. Zu erwähnen wären noch besonders die
so häufigen spontanen Blutungen bei perniciösei Anaemie und
ähnlichen Zuständen: die hierbei oft zu beobachtende weisse Verfärbung
der Hämorrhagien als Vorläufer der Resorption kommt auch sonst bei
umfangreicheren Blutungen vor.
Die Therapie ist natürlich der Grundkrankheit entsprechend eine
allgemeine, ausserdem Ruhe und Schonung: local wären Miotica am
ersten noch anzuwenden. Die Kesorption wird gefördert durch mehr-
wöchentlichen Gebrauch von Syrupus fern jodati. oder einer schwachen
Jodkaliumlösung; auch sind vorsichtige Pilocarpin-. Holztrank- oder
Einwicklungscuren oft recht förderlich. Die vielgeübten Blutentziehun-
gen an der Schläfe sind bei der meist vorhandenen Anaemie selten am
Platze. Bei Neigung zu Blutungen sind alle schroffen Bewegungen,
rasches Bücken, schweres Heben u. dgl. zu vermeiden. Alcoholgenuss
auf's Aeusserste einzuschränken. Die Blutungen werden meist spurlos
birt, selten bleibt etwas Pigment zurück, oft verwandeln sie sich
vor oder während der Aufsaugung ganz oder theilweise in «
Flecken. Die Sehstörung nimmt zuweilen währenddessen zu, indem
staubförmige Trübung des Glaskörpers der Resorption vorangeht, wo-
durch der Augengrund verschleiert wird.
16*
244 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
Embolie der arteria centralis retinae kommt total und partiell
vor; im erstem Falle tritt plötzlich Erblindung ein. Der Augenspiegel
zeigt blasse Papille, äusserst dünne, manchmal kaum sichtbare Arterien
und unregelmäfsig , oft unterbrochen gefüllte Venen. Sehr bald tritt
diffuse Trübung der ganzen Netzhaut ein, die um den Sehnerven, avo
sie am dicksten ist, am dichtesten ist und nur an der dünnsten Stelle,
der Fovea centralis, den Augengrund als kirschrothen Fleck durch-
scheinen lässt. Wird der Embolus zertrümmert und binnen 24, höch-
stens 48 Stunden die Circulation wieder hergestellt, so kann restitutio
eintreten. Im andern Falle bleibt das Auge blind, auch wenn, wie
regelmäfsig, nach einigen Tagen ein Collateralkreislauf durch die Ana-
stomosen mit den Choroidalgefässen am Sehnerveneintritt sich ausbildet.
Die Netzhauttrübung verschwindet allmählich, aber die Ganglienzellen-
und Nervenfaserschicht degenerirt, die Gefässe bleiben dünn und die
Papille wird blass und atrophisch.
Bei partieller Embolie fällt plötzlich ein dem betreffenden
Ast entsprechender Sector im Gesichtsfeld aus, doch ist meist auch
das centrale Sehen schwer geschädigt. Die Netzhauttrübung beschränkt
sich auf das betroffene Gebiet, Sehr bald aber kommt es durch col-
laterale Fluxion zu Blutungen (zum hämorrhagischen Infarct) im em-
bolischen Bezirk, die sich nur allmählich resorbiren. Späterhin zeigen
sich daselbst allerlei degenerative Veränderungen in Form von weiss-
lichen, fettig glänzenden Flecken; selten tritt Pigmentirung auf, zu-
weilen werden reichlich glänzende Krystalle (Kalk oder Cholestearin)
in der Netzhaut gefunden.
Nicht immer ist eine Ursache für die Embolie (Herzfehler, voraus-
gegangener Gelenkrheumatismus u. dgl.) nachweisbar. Die Therapie
ist machtlos; prognostisch ist zu berücksichtigen, dass kaum je auch
das zweite Auge betroffen wird. Man hat versucht, durch Punction
der Kammer den Druck im Auge herabzusetzen und dadurch den Em-
bolus zu zerstückeln oder weiterzuschaffen ; die Erfolge sind aber sehr
problematisch.
Bei Embolie septischer Massen kommt es zu eitriger Ket in itis,
die nur im allerersten Anfange ophthalmoscopisch von Choroiditis sup-
purativa zu unterscheiden ist; der weitere Verlauf und die Prognose
ist die gleiche (siehe S. 230).
Netzhautentzündung, Retinitis, entsteht sehr häufig auf constitu-
tioneller Basis und betrifft desshalb meist beide Augen. Als besondere
Ursachen wären zu nennen: Albuminurie, Diabetes, Leukaemie
und Syphilis; man vernachlässige desshalb nie die Untersuchung des
ü
Retinitis. 245
rines und Blutes. In einer Reihe von Fällen bleibt die Ursache
dunkel. Symptome der Retinitis sind Glanzverlust, diffuse, oft dem
Verlauf der Nervenfasern entsprechend fein gestreifte Trübung, Oedem
und Faltenbildungen (nur anatomisch sichtbar), Hämorrhagien und
Exsudate : weisslich, gelblich oder grünlich fettig glänzende Stellen von
Punkt- bis mehrfacher Papillengrösse, die theilweise die Netzhautgelasse
verdecken. Eine auffällige Hyperaemie ist nicht immer vorhanden.
Oft linden sich gleiche oder ähnliche Veränderungen auf der Sehnerven-
papille (Neuroretinitis), oft gleichzeitig Choroiditis = Chorio-
retinitis. Selbstverständlich ist auch die Retina bei jeder Pan-
ophthalmie, Cyclitis u. dgl. mehr oder weniger mitbetheiligt.
Die Trübung bei Retinitis kann verschieden stark sein, meist ist
sie um den Sehnerven am beträchtlichsten, und dieser selbst dann trüb-
roth mit verwaschenen Grenzen; ein Theil der Verschleierung wird
offenbar durch staubförmige Trübung der hintersten Glaskörperparthien
hervorgebracht. Die Sehstörung ist häufig die des sogenannten Tor-
p o r retinae (Stumpfheit der Netzhaut) : mäfsige Herabsetzung des
centralen Sehens, leichte Einengung des Gesichtsfeldes, Abnahme der
Empfindlichkeit für das violette Ende des Spectrums und starke Herab-
setzung des Sehvermögens bei verminderter Beleuchtung.
Torpor retinae kommt auch ohne ophthalmoscopischen Befund (Nachtblind-
heit, Hemeralopie) als endemische und epidemische Krankheit vor, namentlich
unter Verhältnissen, die zu chronisch anaemischen Zuständen führen, in Gefäng-
nissen, auf Schiffen, nach lange dauerndem strengem Fasten u. dgl. Räthselhaft
ist noch die gelegentlich auftretende Hemeralopie mit Xerose der Conjunctiva. die
vorwiegend jugendliche Individuen betrifft (siehe Seite 132).
Ganz analoge Erscheinungen würden eintreten bei gelblicher Färbung der
Medien; vielleicht handelt es sich um eine DifFussion der Netzhaut mit gelöstem
Blutfarbstoff, doch ist dies eine blose Vermuthung. Unter Schonung und kräftiger
Diät ist die Prognose der reinen Nachtblindheit durchaus günstig; sie pflegt in
einigen Wochen zu heilen.
Die sonstigen Sehstörungen bei Eetinitis können sehr verschieden
ausfallen; nicht selten besteht ein auffälliges Missverhältniss zwischen
Sehstörung und Spiegelbefund, und zwar in beiden möglichen Kichtun-
gen. Anatomisch kann vorhanden sein: Oedem (fadig, fibrinös ge-
rinnende Flüssigkeit in oft grossen Hohlräumen und zwischen Stäbchen-
schicht und Pigmentepithel) und in Folge davon Verdickung und
Faltenbildung der Netzhaut; atheromatöse und sclerotische Verände-
rungen der Netzhautarterien und als Resultat derselben grössere und
kleinere Blutungen, die relativ selten Pigmentirung veranlassen. Die
fettig glänzenden Stellen können sein: partielle Verfettungen, sclero-
246 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
tische Ganglienzellen und Nervenfasern, Anhäufungen von Kundzellen
und Körnchenzellen, die mit dem Spiegel nicht zu unterscheiden sind.
Die Retinitis albuminurica ist characterisirt durch das
Auftreten von Blutungen und Extravasaten, einzeln oder gleichzeitig.
Im ersten Beginn ist namentlich wichtig das Auftreten von weisslichen
„Spritzern" in sternförmiger Anordnung im Centrum der Macula lutea.
Später treten grössere Plaques auch an anderen Stellen auf, die theil-
weise aus Blutungen hervorgehen ; es kann weiterhin der ganze Augen-
grund von Hämorrhagien und weisslichen Flecken förmlich bedeckt
sein, die in der Macula und um den Sehnerven ihren Culminationspunkt
haben.
Es ist übrigens hervorzuheben, dass bei Albuminurie auch Reti-
nitis, Neuritis, Neuroretinitis , Blutungen der Netzhaut in ganz un-
characteristischer Form vorkommen. Die Ursachen der Albuminurie
können sehr verschieden sein : Schwangerschaft, Scarlatina und gelegent-
lich alle acuten Infectionskrankheiten , die Nephritis zur Folge haben
können, Bleicachexie, Cachexia palustris. Amyloidniere, am häufigsten
einfache Schrumpfniere. Prognose und Behandlung fällt mit der der
Grundkrankheit zusammen: bei den acuten Nephritisformen kann Hei-
lung eintreten, bei Schrumpfniere ist die Prognose schlecht. Selten
zieht sich die Affection mit abwechselnden Besserungen und Verschlim-
merungen länger als 2 Jahre hinaus, meist tritt der Tod schon viel
früher ein. Die nach länger dauernder Schrumpfn\ere auftretende
Herzhvpertrophie ist zum Auftreten der Retinitis nicht nöthig. Nicht
selten wird die Albuminurie erst durch den Spiegelbefund entdeckt;
meist wurde dann der Patient vorher nur wegen „Magencatarrh" be-
handelt.
Die Sehstörung fällt sehr verschieden aus; doch ist völlige Er-
blindung lediglich in Folge von Retinitis albuminurica nicht zu er-
warten. Fast immer sind beide Augen befallen, wenn auch eines später
und leichter. Ein grosser Theil der sichtbaren Veränderungen ist
übrigens weniger entzündlicher Natur ; es sind vorwiegend degenerative
Processe, Blutungen, Oedeme in Folge von Stauungen und Throm-
bosirungen in den entarteten Arterien und Capillaren; desshalb be-
ginnen auch die Verfettungen so häutig in der gefässlosen Fovea cen-
tralis. Die Therapie ist die der Grundkrankheit.
Ganz ähnlich der Retinitis bei Albuminurie ist die viel seltenere
bei Diabetes und Leukaemie; es gilt bei diesen alles von der
^rsteren Gesagte; auch wäre zu erwähnen, dass gelegentlich einmal
ganz ähnliche Affectionen ohne Befund in Urin oder Blut angetroffen
Retinitis specifica. 247
werden. In den Fällen, die ich sah, handelte es sieh um einseitige
Erkrankung bei anaemischen und chlorotischen jugendlichen Individuen;
unter roborirender Behandlung trat nach Monaten völlige Heilung ein.
Zu erinnern wäre noch, dass die Mydriatica, speciell das Atropin.
Hyperaemie der Netzhaut veranlassen; sie sind desshalb möglichst zu
vermeiden, eventuell sogar ist Eserin anzuwenden.
Die Retinitis specifica tritt als diffuse Retinitis auf; Blu-
tungen und Exsudate sind selten, letztere gewöhnlich Gruppen kleiner
rundlicher Heerde von eigenthümlich bräunlich - weisser Färbung.
Auch kann sich die Choroidea in mehr oder weniger grosser Aus-
dehnung mitbetheiligen. Gerade bei der specifischen Retinitis lässt
sich häufig das Vorhandensein von staubförmigen Trübungen in den
hintersten Theilen des Glaskörpers bei Untersuchung desselben mit
schwacher Beleuchtung constatiren. Eine andere Form diffuser
Retinitis, die sich im Wesentlichen auf die Macula lutea concentrirt
(Retinitis centralis diffusa), ist gleichfalls meist syphilitischen
Ursprungs. Die Trübung der hier nicht sehr dicken Retina wird bei
oberflächlicher Untersuchung oft übersehen; ausserdem sind nur noch
erweiterte und geschlängelte kleine Netzhautgefässe in der Macula-
gegend zu sehen. Bei dieser Form kann das centrale Sehen sehr
erheblich geschädigt sein; ausserdem ist die Empfindlichkeit für
violett und blau, manchmal auch für roth herabgesetzt, und ich habe
mehrfach subjectives Farbigsehen, meist Grünsehen beobachtet. Ana-
tomisch wurden in den Xetzhautarterien ähnliche Veränderungen beob-
achtet, wie bei der specifischen Arteriitis der Hirnrinde. In manchen
Fällen wachsen einzelne Gefässbüsehelchen in den Glaskörper aus. in
anderen bilden sich bindegewebige gelblich-weisse Auflagerungen und
Stränge auf der Oberfläche der Netzhaut und des Sehnerven (Retini-
tis proliferans). Die specifische Retinitis tritt meist zwischen
secundärem und tertiärem Stadium auf, ist oft einseitig, meist recht
hartnäckig und gern recidivirend. Sie erfordert eine energische Schmier-
oder Injectionscur und als Nachbehandlung Holztränke, oder längere
Zeit Jodkalium. Dunkelheit, in hartnäckigen Fällen Bettruhe, ist
unerlässlich ; die Affection kann sich wochen- und monatelang hin-
ziehen.
Eine wohlcharacterisirte Xetzhautkrankheit ist die Retinitis
(besser wohl Chorioretinitis) pigmentosa. Dieselbe verläuft äusserst
chronisch, ist zuweilen vielleicht angeboren, beginnt aber meist in der
Pubertätszeit, indem ohne irgend entzündliche Erscheinungen als Haupt-
symptom N a ch tb li n d h e i t (Hemeralopie), auffallende Verschlechterung
24^ IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
hens bei schwacher Beleuchtung beobachtet wird (Seite 59 und 245).
Das Gesichtsfeld zeigt sich mehr oder weniger concentrisch eingeengt,
die centrale Farbenemprindung hingegen und das centrale Sehen ist gut.
Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte nimmt Hemeralopie und Gesichts-
feldeinschränkimg langsam zu. und damit stellt sich eine sehr erhebliche
Störung im Orientirungsvermögen ein. namentlich bei Nacht Auch bei
sehr hochgradiger Verengung des Gesichtsfeldes auf wenige Grade pflegt
ntrale Sehen ziemlich gut ( ! 2 — l /J zu sem « un( l Farben werden
richtig erkannt. Vollständige Erblindung wird nicht oft beobachtet.
Die Krankheit ist last immer doppelseitig, kommt öfters mehrfach
in einer Familie vor und soll bei Kindern aus Verwandteuehen relativ
häufig beobachtet werden.
Ophthalmoscopisch findet man im Beginne manchmal gar nichts
oder nur etwas unregelmäfsige. eigenthümlieh chagrinirte Pigmentirung
in der Peripherie, wo letztere aber schon normalerweise weniger regel-
mäßig zu sein pflegt. Später zeigt sich in der Peripherie erst einzeln,
dann reichlicher, in einer ringförmigen Zone auftretend. Pigmentirung
der Retina in Form von Kn ochenkörp er chen ähnlichen Figuren,
die im Laufe der Zeit immer mehr gegen die Macula fortschreitet : die
Einengung des Gesichtsfeldes geht der Pigmentirung voraus. Zugleich
tritt Rarefication im Pigmentepithel (Seite 224) auf. zuweilen bis zur
fast völligen Atrophie der Choroidea : die Netzhautgefasse werden immer
dünner, und die Papille wird atrophisch blass. oft von eigenthümlich
gelblicher Färbung. Die Gefässe können schliesslich vollständig ver-
öden, nur noch die grössten als gelbliche Streifen sichtbar sein. Aus-
nahmslos tritt später Staar auf. meist in den Formen der hinteren
Polarcataract und des sogenannten Gitterstaares (Seite 220). Anatomisch
ist der Process aufzufassen als progressive Atrophie 'der äusseren Schichten
der Netzhaut und des Pigmentepithels: letzteres liefert das Pigment.
welches in die bindegewebig degenerirende Netzhaut eindringt. In sel-
tenen Fällen läuft der Process ohne Pigmentirung der Netzhaut ab : in
anderen blieb die äusserst« Peripherie des Gesichtsfeldes erhalten, so dass
ein ringförmiges Scotom vorhanden war. Auch bei anderen Fomien von
Chorioretinitis tritt Pigmentirung der Netzhaut auf (Seite 221); dieselbe
ist aber nicht von der Regelruäfsigkeit. wie bei der typischen Retinitis
pigntentos
Die Therapie ist von wenig Einfluss. Stryehnininjectionen in die
Schläfe (mit 0,001 beginnend, bis Zeigend einmal täglich) können
vorübergehend nützen: auffällige Besserung ist durch Tragen eines
Haarseiles im Nacken behauptet worden.
Netzhautablösung. 249
Solutio retinae, Ablösung der Netzhaut von der Choroidea, wobei
das Pigment epithel an letzterer haften bleibt, tritt ein, wenn eine trau-
matische oder spontane Blutung zwischen Netz- und Aderhaut erfolgt,
wenn ein Tumor oder Cysticercus die Retina abhebt, wenn den Glas-
körper durchziehende Narbenstränge — nach Verletzungen oder Ope-
rationen — oder der mit der Netzhaut verwachsene schrumpfende Glas-
körper einen Zug auf letztere ausübt. Ueber die Hälfte aller Fälle
kommen auf Ohoroiditis und Myopie, auf letztere allein ein starkes
Drittel. Da letztere Krankheiten meist beide Augen betreffen, so sieht
man nicht selten Netzhautablösung nach einander in beiden Augen
auftreten.
Falls die Medien durchsichtig sind, sieht man mit dem Spiegel
die abgelöste Netzhaut als weisslich-, gelblich-, grünlich- oder bläulich-
grauen Schleier, der faltig ist und bei Bewegungen des Auges flottirt;
auf demselben verlaufen die auffallend dunkeln Netzhautgefässe mit
entsprechenden Windungen .
Die Oberfläche zeigt den Hervorragungen der Falten entsprechend
helle Reflexe. Zuweilen ist im Beginne die Netzhautablösung so durch-
sichtig, dass sie nur aus dem Verlaufe und der dunkeln Färbung der
Gefässe erschlossen werden kann; sie kann dann leicht übersehen werden.
Es kommt häufig vor, dass eine Anfangs nach oben gelegene Ab-
lösung sich nach unten senkt, während die ursprünglich abgehobene
Parthie sich wieder anlegt. Zuweilen sind Blutungen oder Pigmen-
tirungen auf der abgelösten Netzhaut vorhanden; später treten nicht
selten Verfettungen — weisslich glänzende Flecken — oder glitzernde
Kalk- und Cholestearinkrystalle auf.
Die Netzhautablösung tritt fast immer plötzlich auf; nach einer
heftigen Bewegung oder Anstrengung oder ohne Ursache tritt eine
wölken- oder vorhangähnliche Verschleierung eines Theils
des Gesichtsfeldes und erhebliche Sehstörung auf. Auch wenn die
Macula anliegt, pflegt das centrale Sehen herabgesetzt zu sein ; es kann
durch Verziehung der Macula zu Metamorphopsie (Seite 226), durch
Vortreten der lichtempfindlichen Membran zur Verringerung der Re-
fraction kommen. Der Ablösung entsprechend tritt ein Ausfall im
Gesichtsfelde ein; doch kann die abgelöste Netzhaut auf grelle Be-
leuchtung noch empfindlich sein. Ein oft sehr auffälliges Symptom ist
— ausser bei Tumor — Herabsetzung des Augendruckes, die sich bald,
aber nicht constant einzustellen pflegt.
Eine Netzhautablösung kann jahrelang unverändert bleiben; da
nach einiger Zeit dieselbe nach unten gesunken, der Gesichtsfelddefect
250 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
also nach oben ist, können derartige Patienten öfters noch auffallend
gut allein sich zurechtfinden. In seltenen Fällen kommt sogar spontan
Heilung zu Stande ; meist vergrössert sich die Ablösung langsamer oder
rascher, besonders bei schrumpfenden Processen im Glaskörper und wird
schliesslich total. Die Linse pflegt sich später fast immer zu trüben,
und nicht selten tritt nachträglich Iritis auf.
Die Therapie ist im Ganzen ziemlich machtlos, die Prophylaxe
desshalb nicht unwichtig; Personen, welche zu Xetzhauta'blösung dis-
poniren, namentlich Myopen, deren eines Auge schon erkrankt ist,
müssen alle schroffen Bewegungen, Bücken. Heben und dergl. meiden,
müssen Verstopfung und Alles, was Congestion zum Kopfe macht, fern-
zuhalten suchen und sowohl mit kalten als auch heissen Bädern sehr
vorsichtig sein. Hat die Ablösung schon stattgefunden, so kann wochen-
langer Druckverband bei ruhiger Kückenlage manchmal guten Erfolg
haben. Mit Schwitzcuren , speciell Pilocarpin „zur Resorption der
subretinalen Flüssigkeit" sei man sehr zurückhaltend; es kommt vor,
dass unmittelbar danach am bisher gesunden zweiten Auge gleichfalls
Solutio retinae eintritt. Die Versuche operativen Vorgehens durch
Einstich in die Sclera mit Graefe's Staarmessei (Punctio retinae
solutae) haben einzelne Erfolge erzielt, besonders wenn sie recht früh-
zeitig vorgenommen wurden und wenn Blutungen Ursache waren. Bei
Xarbenzug oder Tendenz der Retina zu schrumpfen, die bei allen ent-
zündlichen Xetzhautablösungen, wozu ich auch die bei Myopie rechne, vor-
handen ist. liegt es auf der Hand, dass Ablassen der subretinalen
Flüssigkeit selten genügt, um einen dauernden Erfolg zu erzielen. In
der Mehrzahl der Fälle ist die Therapie machtlos.
Für das Entstehen von Netzhautablösung bei Myopie hat Leber folgende
Erklärung gegeben : Bei Verwachsungen der Retina mit der Hyaloidea und durch
schrumpfende Auflagerungen auf die Innenfläche der Netzhaut, wie sie in der
That häufig vorhanden sind, besteht eine gewisse innere Zugwirkung, die die Netz-
haut in der Richtung einer Sehne abzuheben strebt.' Durch irgend eine Gelegen-
heitsursache entsteht nun, meist in der Peripherie, wo die Netzhaut dünner ist,
ein Einriss. der gestattet, dass die Flüssigkeit, welche den hinteren Theil des Bulbus
(bei verflüssigtem Glaskörper) einnimmt, hinter die Netzhaut treten kann (Rup-
tura retinae). In der That kann man sehr häufig bei sorgfältiger Untersuchung
den Riss in der Netzhaut sehen; regelmäfsig sind die Zipfel nach innen umge-
schlagen in Folge der auf der Innenfläche der Retina vorhandenen Zugwirkung.
In anderen Fällen ist aber auch kein Riss nachzuweisen und wenn es auch nicht
möglich ist, ihn bei sehr peripherem Sitze immer am Lebenden zu constatiren, so
ist der eben beschriebene Vorgang nur einer der in Wirklichkeit bei myopischen
Netzhautablösungen stattfindenden, wenn auch bei Weitem der häufigste. Kleine
Blutungen zwischen Choroidea und Netzhaut geben in einer Reihe von Fällen auch
Gliom. 251
bei Myopie Veranlassung zu Netzhautabhebung. Versuche, das Zustandekommen
von Netzhautablösungen auf andere Weise, z. B. durch geänderte Diffusionsvor-
gänge zu erklären, sind wesentlich hypothetischer Natur.
Ueber Verletzungen der Netzhaut ist wenig zu sagen : wenn der
Bulbus durch stumpfe Gewalt (Sodawasserpfropfen und dergl.) getroffen
wird, können Netzhautblutungen eintreten, oder es kann durch eine
Blutung die Netzhaut abgehoben werden. Tn seltenen Fällen tritt aus-
gedehnte Trübung der Netzhaut, hauptsächlich in der Macula ein,
welche wie bei Embolie (Seite 244) den kirschrothen Fleck in der Fovea
zeigt. Unter Kühe und Eisbehandlung verlaufen diese Fälle meist
günstig, wenn auch die Trübung wochenlang anhalten kann. Die Seh-
störung ist ähnlich, wie bei centraler Retinitis, doch handelt es sich
bei Traumen wohl mehr um oedematöse Zustände. Bei frischer
traumatischer Netzhautablösung ist operative Entleerung des subretinalen
Ergusses angezeigt, wenn nicht Complicationen vorhanden sind.
Bei Blitzschlag kommt neben anderen Läsionen des Auges: ober-
flächlicher Verbrennung, Iris- und Accommodationslähmung, Aderhaut-
ruptur, Cataract, auch Erblindung des Auges, meist einseitig vor. In
der Mehrzahl der Fälle stellt sich nach einigen Tagen das Sehvermögen
wieder her; doch kann nachträglich noch Trido-choroiditis, Neuroreti-
nitis u. dergl. auftreten.
Als primäre Geschwulst der Netzhaut ist das Gliom zu erwähnen.
Es tritt nur im Kind es alt er, gelegentlich schon angeboren, gar
nicht selten doppelseitig auf. Im frühesten Stadium, das aber sehr
selten zur Beobachtung kommt, ist die gelblich- vveisse Geschwulst mit
kleinen gleichfarbigen Flecken in. der Umgebung mit dem Spiegel sicht-
bar. Gewöhnlich wird sie erst bemerkt, wenn sie grösser geworden ist.
die Netzhaut abgehoben hat, und nun bei gewissen Blickrichtungen ein
gelblicher Schein aus der Pupille leuchtet (sogen, amaurotisches
Katzenauge); das Auge ist dann immer schon erblindet. Noch
deutlicher wird dieses Symptom, wenn, wie fast ausnahmslos, später
Glaucom mit entzündlichen Erscheinungen und weiter Pupille hinzutritt.
Eine Verwechslung kann nur stattfinden mit der plastisch eiterigen
Choroiditis nach Meningitis (Seite 230) und mit chronischer Cyclitis. In
beiden Fällen ist hinter der Linse eine gelbliche Masse mit neugebil-
deten Gefässen, event. Blutungen sichtbar. Bei Choroiditis hingegen
treten entzündliche Erscheinungen gleich im Anfange, bei Gliom erst
später auf; bei ersterem ist die Pupille meist eng, zeigt einzelne Syne-
chien und der Bulbus ist weich, bei letzterem ist die Pupille weit und
das Auge hart. Auf Gliomen werden nicht selten dunkler gelbe und
252 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
glänzende Fleckehen : Verfettungen und Verkalkungen, gesehen. Da aber
die Anamnese zuweilen unsicher und die späteren Symptome nicht eon-
stant sind, sind auch schon den Geübtesten Verwechslungen vorgekom-
men: im Zweifelsfalle nehme man lieber Gliom an und enucleire. da
es sich ja immer um erblindete Augen handelt.
Die Gliome sind von äusserster Bösartigkeit, noch schlimmer als
die Aderhautsarcome. Im Gegensatze zu diesen pflegt das Gliom sich
wesentlich per continuum und contiguum fortzupflanzen, hauptsächlich
auch längs des schon früh ergriffenen Sehnerven nach dem Gehirn zu;
der verdickte inticirte Sehnerv drängt dann den Bulbus vor. Das
Gliom wächst von einer gewissen Grösse an rasch, füllt bald den Bul-
bus aus. der ausgedehnt wird, und perforirt mit Vorliebe am Corneal-
rand. worauf gewöhnlich ungemein schnelle Wucherung, bis Apfelu
und darüber, eintritt.
Die Elemente des Glioms sind kleine grosskernige Rundzellen. die
mit denen der Körnerschichten der Xetzhaut grosse Aehnlichkeit haben.
Bei dem raschen Wachsthum kommt es häufig in Folge mangelhafter
Ernährung der Geschwulstzellen im Centrum zu necrobiotischen Vor-
gängen: Verfettung. Verkäsimg. Verkalkung: auch treten häufig grössere
und kleinere Blutungen aus den dünnwandigen Capillaren auf.
Bei der grossen Bösartigkeit ist möglichst frühzeitige Enukleation
vorzunehmen: den Sehnerv schneide man recht tief ab und untersuche
genau, ob er unverdächtig ist. um eventuell noch mehr zu entfernen. Zeigt
Vortreibung des Auges und Beweglichkeitsbeschränkung an, dass die
Geschwulst schon durchgebrochen ist. so ist die Ausräumung der Augen-
höhle vorzunehmen (Seite 238). Gewöhnlich treten schon sehr bald
loeale Kecidive ein. die rasch wachsen, auf der Oberfläche ver-
schworen und verjauchen und durch Septicaemie exitus lethalis herbei-
führen ; oder der Tod tritt durch Geschwulstbildung in der Schädelhöhle
ein. Metastasen treten, ausser in den benachbarten Lymphdrüsen, mit
Vorliebe in Knochen: Schädelknochen. Brustbein. Schlüsselbein u. s. w..
auf. seltener werden innere Organe, am ehesten noch die Leber, befallen.
Die Prognose ist demnach auch bei frühzeitiger Entfernung des Auges
immer nur mit grosser Vorsicht zu stellen, da nur wenige Heilungen
wirklicher Gliome durch Enucleation gemeldet werden. Bei schon
extrabulbärem Wachsthum ist die Prognose absolut ungünstig: trotzdem
können Geschwulstoperationen wegen Jauchung oder wegen Schmerzen
sich nöthig erweisen.
Bei Aderhantsarcomen kann auch die Xetzhaut ergriffen werden,
doch geschieht dies weder besonders früh, noch besonders häufig.
Stauungspapille.
Bei der Santonin Vergiftung wird die Netzhaut für violettes Licht
unempfindlich, und es tritt desshalb subjectives Gelb sehen auf.
Charakteristisch für die periphere Natur der Farbenstörung ist. dass
während des Gelbsehens alle Schatten in der Contrastfarbe, also violett,
erscheinen: die centrale Yiolettwahr nehmung ist erhalten, die
periphere Violettempfindung ist aufgehoben. Das zuweilen bei be-
ginnendem Icterus auftretende Gelbsehen wird einer Einwirkung des
Gallenfarbstoffes auf Netzhaut (und brechende Medien) zuzuschreiben sein.
Hvperaemie und Anaeiuie des Sehnerven wurden schon bei den
gleichen Affectionen der Netzhaut besprochen ; sie befallen immer beide
Gewebe gleichzeitig ; wir haben auch schon früher gesehen, dass Hvper-
aemie des Sehnerven immer in den acuten Stadien von Choroidal-
erkrankungen angetroffen wird. Im Allgemeinen kann man sagen, dass
der Sehnerv nach drei Richtungen hin erkranken kann: Stauung.
Ent zun düng und Atrophie. Erster©, die sogen. Stauungspapille,
ist (abgesehen von localen Vorkommnissen, z. B. bei Tumor des Seh-
nerven oder sonstiger Geschwulst in der Orbita) eine Folge vermehrten
Druckes in der Schädelhöhle ; doch kommt letzterer häufig genug auch
ohne Stauungserscheinungen am Sehnerven vor. Mit dem Augenspiegel
sehen wir die Papille scheinbar vergrößert (oft auf das Doppelte), stark
prominent (bis 4.0 und 5,0 D Differenz gegen den übrigen Augengrund).
Mass. an den Kändern der Prominenz oft streifig und von bläulicher
Färbung, die Gefässe stark geschlängelt und die Venen verbreitert.
Häufig finden sich grössere oder kleinere Blutungen auf oder nahe bei
der Papille. Sehr bald trübt sich der prominente Sehnerv, bekommt
ein eigentümliches bläulich-graues Ansehen und verschleiert mehr
oder weniger die Gefässe auf der Papille, die erst gegen den Band
hin deutlicher werden. Das Spiegelbild kann lange gleich bleiben:
später aber wird die Papille wieder blasser, ihre Contouren nehmen an
Schärfe zu. sie reducirt sich auf ihre normale 1 1 schliesslich ist
■harf begrenzt, von weisslich sehnigem Glänze, zeigt deutlich das
Maschenwerk der Lamina cribrosa und nicht selten in ihrer Nachbar-
schaft unregelmäfsig concentrische Pigmentirung der Choroidea. Die
Gefässe werden öfter eine Strecke weit von weissen Säumen, den binde-
gewebig verdickten Gefässscheiden begleitet (weisse Atrophie).
Waren Blutungen vorhanden, so werden dieselben vollständig resorbirt.
machen aber häufig vorher mehr oder weniger die schon bei den Netz-
hautkrankheiten erwähnte Metamorphose in weisse Flecken durch.
254 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
Bei reiner Stauungspapille kann auch Heilung eintreten ohne Uebergang
in Atrophie, und nur die Schlängelung der Gefässe in einiger Entfer-
nung von der Papille, entsprechend dem Rande der früheren Hervor-
ragung, lässt die abgelaufene Erkrankung erkennen. Nach Ablauf des
ganzen Processes sind die Arterien oft, aber auch bei völliger Blindheit
nicht immer, verdünnt, die Venen von ziemlich normalem Caliber.
Anatomisch findet man den Sehnervenkopf geschwollen, die Retina
zur Seite gedrängt, die Sehnervensubstanz oedematös gequollen, um so
stärker je näher dem Auge, den Zwischenscheidenraum des Sehnerven
erweitert, besonders am Eintritt in die Sclera, wo der Opticus häufig
knopfähnlich verdickt ist (sogen. Ampulle).
Die Symptome sind einmal die der zu Grunde liegenden Hirn-
krankheit (Kopfweh, event. Heerdsymptome) und Sehstörung; nicht
gerade selten findet man fast plötzliches Eintreten von Stauungspapille
und Sehstörung unter Nachlass des bisher bestehenden Kopfweh's. Die
Sehstörung ist übrigens sehr verschieden hochgradig, kann zuweilen
vollständig fehlen, geht aber auch nicht selten bis zu völliger
Blindheit; Scotome (heerd- und sectorenförmige), Farbenstörungen und
dergleichen werden häufig angetroffen. Das Gleiche gilt für die nach
Ablauf der Stauung zurückbleibende weisse Atrophie.
Therapie und Prognose ist die der Grundkrankheit.
Typus der zu Stauungspapille führenden Gehirnkrankheit ist der Tumor
cerebri; namentlich solche in der Umgebung des vierten Ventrikels und Aquae-
ductus silvii sind häufig Ursache. Doch ist Fehlen der Stauungspapille noch kein
Beweis gegen Tumor. Meist tritt sie doppelseitig, viel seltener einseitig auf, was
von localen Verhältnissen abhängt. Wir müssen annehmen, dass die Stauung in
den Hirnventrikeln sich direct auf den Sehnerven fortpflanzt; das dadurch bedingte
Oedem des letztern macht die Nervenfasern quellen und bewirkt, ausser dem ge-
hinderten Lyinphabfluss, durch Compression der Gefässe auch venöse Stauung. Er-
höhter Druck im Subduralraum (und Subarachnoidalraum?) des Gehirns, der auch
auf den Sehnerv einwirkt, gibt Anlass zur Entstehung der Ampulle. Ausser bei
Tumor kommt Stauungspapille, aber viel seltener noch bei andern Hirnaffectionen,
vor, z. B. bei Meningitis, Hirnhaemorrhagien u. s. w. Man kann die reine Stauungs-
papille als Ausdruck der nichtentzündlichen auf den Sehnerv fort-
gepflanzten Drucksteigerung in der Schädelhöhle ansehen, deren Paradigma der
nicht infectiöse Hirntumor ist, die aber gelegentlich auch bei anderen (sogar
entzündlichen!) Affectionen zum Ausdruck kommen kann. Die Stauung an und für
sich scheint geringe oder gar keine Sehstörung zu machen, letztere mehr von beglei-
tenden Umständen bedingt zu sein, da der ganze Process ohne solche ablaufen kann.
Erhöhten Augendruck habe ich nie dabei beobachtet,
Entzündung des Sehnerven kommt in verschiedener Form
vor, einmal als vom Hirn fortgeleitete Neuritis. Die Schwellung tritt
hierbei sehr zurück, der Sehnerv ist getrübt, mehr oder weniger stark
Neuritis. 255
geröthet, oft vom Augengrund gar nicht mehr abstechend, die Gefässe,
besonders die Venen, sind erweitert und geschlängelt. Bei hochgradiger
Neuritis ist zuweilen durch Erweiterung kleiner Gefässe die Zahl der-
selben auf der Papille anscheinend vergrössert. Von bioser Hyperaemie,
die auch sehr hochgradig vorkommt, ist die Neuritis durch die gleich-
zeitig vorhandene Trübung des Gewebes der Papille und der angrenzenden
Netzhaut verschieden; doch ist die Grenze nicht immer scharf zu
ziehen. Der Ausgang ist, wie bei Stauungspapille, nach kürzerem oder
längerem Bestände in weisse Atrophie des Sehnerven. Die Papille ist
aber hierbei kreideweiss und zeigt fast gar keine Details, offenbar in
Folge von Bindegewebsvermehrung.
Die Sehstörimg ist gerade so wechselnd, wie bei Stauungspapille,
doch im Ganzen viel erheblicher; selten gar keine, viel häufiger völlige
Blindheit, meist mehr oder weniger ausgedehnte Scotome und Farben-
störungen, die auch nach eventueller Heilung ganz oder theilweise zu-
rückbleiben können. Häufiger, als Stauungspapille, ist die Aff'ection
einseitig. Die beschriebene Neuritis kommt häufig bei Meningitis
zur Beobachtung (Neuritis descendens) und hilft in zweifelhaften
Fällen die Diagnose derselben bestätigen. Bei einem solchen Falle
fand ich das Gewebe des Sehnerven dicht mit Rundzellen durchsetzt,
aber nur bis zur Lamina cribrosa, die dem Ansehen nach wie ein Filter
wirkte; an dieser Stelle ging die Infiltration auf die Choroidea über.
Neuritis, ein- und doppelseitig, kommt aber gelegentlich bei allen
möglichen Hirn- und Rückenmarksleiden, bei Albuminurie, Diabetes.
Leukaemie u. s. w. vor; auf alle diese Eventualitäten ist immer Rück-
sicht zu nehmen. Selbstverständlich kommen auch alle Uebergänge
zwischen Stauungspapille und Neuritis vor, z. B. ziemlich häufig bei
Hirnabscess, die man als Stauungsneuritis bezeichnen kann. Die
Papille sieht dann nicht so durchscheinend aus, wie bei reiner Stauung,
sondern die Trübung überwiegt, Blutungen und fettige Degenerations-
heerde finden sich häufig, welch' letztere bei Neuritis fast gar nicht vor-
kommen; meist breitet sich der Process später auch auf die Netzhaut
aus: Neuroretinitis. Die nachfolgende Atrophie ähnelt mehr der
nach Neuritis. Hierher gehört auch die von Deutschmann durch
Einbringen tuberculöser Masse in den Schädelraum von Kaninchen
experimentell erzeugte Form, die ebenfalls entzündliche Infiltration des
Sehnerven zeigte.
Neuritis leichtern Grades findet sich auch häufig bei Choroidal-
k rankheiten einschliesslich der Mvopie während der acuten Stadien;
der Process beschränkt sich hierbei offenbar auf mäfsige interstitielle
25G IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
zellige Infiltration und Hyperaemie und lässt die Nervenfasern intact.
Desshalb ist auch keine Sehstörung vorbanden, abgesehen vielleicht
von subjectivem Funkensehen u. dergl. Doch bleibt nach Ablauf der
Affection die Papille ausnahmslos blasser und weniger durchsichtig,
wie dies z. B. bei Myopie der Fall ist.
In den bisher besprochenen Fällen war die mit dem Augenspiegel
sichtbare Neuritis entweder Theilerscheinung einer Netzhaut- oder
Uvealerkrankung oder aus der Schädelhöhle fortgeleitet; der Sehnerv
kann aber auch selbstständig erkranken, und zwar ist dies der Fall
bei der sogen. Intoxicationsamblyopie. In Folge lange dauernden
Missbrauches von Alkohol und namentlich Tabak, seltener bei
andern chronischen Intoxicationen z. B. durch Blei, Schwefelkohlenstoff
in Kautschukfabriken u. s. w., entwickelt sich ausserordentlich langsam
eine typische Sehstörung: ein centrales, unvollkommenes Scotom
(S 1 / 3 — V20) m it Farbenstörung, indem innerhalb desselben nur noch
gelb und blau unterschieden wird, während die Gesichtsfeldgrenzen und
die Farbenempfindung in der Peripherie ziemlich normal sind. Es
handelt sich fast ausnahmslos um Leute, die in der Ernährung stark
heruntergekommen sind in Folge chronischer Verdauungsstörungen und
Appetitlosigkeit; fast immer ist auch Tremor, fibrilläres Zucken der
herausgestreckten Zunge u. dergl. vorhanden. Die Farbenstörung stellt
sich meist erst bei der Untersuchung heraus; die Sehstörung wird ge-
wöhnlich als Nebligsehen bezeichnet. Zuweilen ist das Sehen bei
herabgesetzter Beleuchtung besser (Nyctalopie), manchmal werden lang-
andauernde farbige Nachbilder gesehen. Ophthalmoscopisch ist ein
ganz characteristischer Befund vorhanden : die innere nasale Hälfte des
Sehnerven ist grauroth, trüb und verwaschen, die äussere, temporale,
ist blass, mattem Porcellan ähnlich, und zeigt deutlich die Lamina
cribrosa. Anatomisch findet man zellige Infiltration der central ge-
legenen Nervenbündel des Sehnerven, die sich, wie schon gesagt
(Seite 239), zur Macula lutea begeben. Der Process spielt Anfangs
sicher nur im Bindegewebe und lässt die Nervenfasern intact; denn
bei zeitiger Therapie lässt sich meist Heilung erreichen. Hat der
Process indess lange bestanden, so degeneriren doch die zur Macula
gehenden Fasern, und wir bekommen ein bleibendes, sehr störendes
Scotom ; sehr selten ist Uebergang in wirkliche complete Atrophie. Wir
könnten desshalb die Intoxicationsamblyopie am besten als toxische
axiale Sehn er vencirrh ose bezeichnen; denn um eine Amblyopie,
eine Sehstörimg ohne Befund, handelt es sich nicht.
Therapeutisch muss natürlich die Schädlichkeit möglichst voll-
Iiitoxicationsamblyopie. 257
ständig entfernt werden; es ist fast immer gut, wegen der mangelhaften
Verdauung Morgens regelmäfsig 6—8 Wochen lang Karlsbader Salz
(ca. 1 Theelöffel voll in heissem Wasser) zu geben; doch muss man
die passende Menge herausprobiren. Das Mittel soll ein-, höchstens
zweimal leichten Stuhlgang machen, nicht aber abführen. Im Uebrigen
ist im Wesentlichen ein kräftigendes Verfahren einzuhalten; jede
schwächende Behandlung wirkt schädlich. Gelingt es, bei dem Patienten
die Enthaltung von der schädlichen Gewohnheit durchzusetzen, so ist
die Prognose meist günstig, um so günstiger, je früher die Behand-
lung eingreift. Doch wird man an den betreffenden, meist -sehr wenig
energischen Patienten manche Enttäuschung erleben. Vollständige Ent-
haltung vom Rauchen wird im Ganzen eher durchgesetzt, als nur Ein-
schränkung desselben.
Man hat versucht, die Alcohol- und die Tabakssehstörung zu unterscheiden
und für Beide verschiedene Lage des Scotoms, central und paracentral, angegeben
(Hirschberg); nach meinen Erfahrungen ist eine solche Trennung nicht durch-
zuführen. Der Tabaksmissbrauch scheint bezüglich dieser Affection das schädlichere
Moment zu sein; meist werden Alcohol und Tabak gleichzeitig ihre Rolle spielen,
beide aber erst, nachdem Ernährung und Constitution des Betreffenden — wegen
mangelhafter Nahrungszufuhr in der chronischen Narcose und wegen chronischen
Rachen-, Schlund- und Magencatarrhs — schon erheblich gelitten haben. Bei gleich-
zeitiger guter Ernährung kommt kaum je eine Intoxicationsamblyopie zur Be-
obachtung.
Als retrobulbäre Neuritis werden Sehnervenerkrankungen auf-
geführt, die meist plötzlich zu erheblicher Sehstörung oder Erblindung
führen, während der Augenspiegel, abgesehen vielleicht von dünnen
Arterien, normalen Befund giebt. Die Affection ist gewöhnlich ein-
seitig, die Prognose ungünstig, indem selten Besserung eintritt. Meist
handelt es sich um Sehnervenblutungen. Nach einigen Wochen
pflegt der Sehnerv völlig atrophisch zu werden. Wenn die Blutung
rückwärts vom Eintritt der Vasa centralia in den Sehnerven ihren Sitz
hat, so kann das Caliber der Netzhautgefässe lange normal bleiben.
Ganz ähnliche Symptome findet man nach Traumen, die den Schädel
treffen und die öfters scheinbar ziemlich leicht sind. Berlin hat
gezeigt, dass es sich in solchen Fällen um Schädelbasisfracturen handelt,
die sehr häufig durch das Foramen opticum hindurchgehen und dann
natürlich zu einer Blutung in den hier mit dem Knochen ziemlich
fest verwachsenen Sehnerven und dessen Zwischenscheidenräume führen.
Nicht selten beobachtet man, dass dann die Sehnervenscheibe sich
später mehr oder weniger stark pigmentirt, ein für derartige Ver-
letzungen geradezu characteristischer Befund.
Knies, Augenheilkunde. 17
258 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
Stauungspapille, Neuritis, Neuroretinitis kommen gelegentlich in
der Keeonvalescenz nach fast allen acuten Infectionskrankheiten
zur Beobachtung; ebenso findet man sie bei Erblindungen, die nach
heftigen Blutungen (aus Magen, Lunge, Darm, Metrorrhagien u. s. w.)
auftreten können. Doch ist hierbei der Befund zuweilen auch normal.
Die Sehstörimg oder Erblindung tritt nicht sofort, sondern meist ein
bis zwei Tage nach der Blutung ein. Auf welchem Wege die Er-
scheinung zu Stande kommt, ist noch nicht genügend bekannt. Ziegler
fand in einem Falle, der mit dem Spiegel verwaschene weisse Papille,
dünne Arterien und geschlängelte Venen zeigte, fettige Degeneration
der nervösen und Stützelemente in den innern Schichten der Netzhaut
und im Sehnerven, namentlich in der Nachbarschaft der Lamina cribrosa,
also rein ischaemische Vorgänge. Vielleicht entstehen letztere auf vaso-
motorischem Wege, vielleicht rein mechanisch in Folge ungenügender
Blutzufuhr. Die Prognose ist immer zweifelhaft und mit Vorsicht zu
stellen. Aehnliches kommt auch nach heftigem Erbrechen ohne Magen-
blutung vor.
In grossen, aber auch in gar nicht übermässigen Dosen kann
Chinin bei dazu Disponirten beiderseitige Erblindung oder erhebliche
Störung mit Gesichtsfeldbeschränkung herbeiführen. Der Spiegel zeigt,
dass es sich hierbei um Arterienkrampf und seine Folgen handelt: die
Arterien sind sehr clüun, oft kaum zu sehen, die Papille weiss. Auch
hierbei tritt nicht immer Heilung ein: es kann mehr oder weniger
erhebliche Sehstörung bei engen Arterien und atrophischer Papille zu-
rückbleiben. Einathmungen einiger Tropfen von Amylnitrit können
therapeutisch von Vortheil sein. Auch nach Gebrauch von Natrium
salicylicum ist schon Aehnliches beobachtet worden.
Von atrophischen Zuständen des Sehnerven haben wir schon
zwei kennen gelernt: die nach peripheren Affectionen der Netzhaut und
Choroidea, wegen häufig gelblicher Färbung der Papille auch gelbe
Atrophie genannt, und die nach Stauung und Entzündung in Papille
und Sehnerv eintretende sogen, weisse Atrophie. In beiden Formen
der peripheren gelben und localen weissen Atrophie handelt es
sich neben der Atrophie der Nervenfasern um mehr oder weniger
Bindegewebsneubildung. Anders bei der centralen, der grauen
Atrophie. Bei dieser ist einfach Schwund der Nervenfasern und
correspondirend damit der ernährenden Capillaren vorhanden. Bei der
weissen Atrophie kann, wie wir gesehen haben, ebenfalls eine centrale
Ursache vorhanden sein, doch sind damit immer mehr oder weniger
active Processe an der Sehnervenpapille verbunden.
Graue Atrophie. 259
Bei grauer Atrophie nimmt das Sehvermögen langsam, fast im-
merklich ab; gleichzeitig aber tritt concentrische Verengerung des
Gesichtsfeldes, oft mit einspringenden Winkeln, auf. Schon vor nach-
weisbarer Abnahme des Sehens und Verengerung des Gesichtsfeldes
kann die Farbenempfindung in der Art gestört sein, dass die Grenzen
derselben, besonders für Eoth und Grün, sehr erheblich hereingerückt
sind. Späterhin ist die Farbenempfindung gewöhnlich so, dass Roth,
Violett und Grün nicht mehr als Farben erkannt werden ; erstere beiden
werden für dunkel oder schwarz angesehen (die beiden Enden des
Spectrums werden nicht mehr empfunden), letzteres für grau erklärt.
Nur Gelb uud Blau werden noch als Farben erkannt (Zweifarbensehen
mit beiderseits eingeengten Spectralgrenzen) ; übrigens kommen von
diesem regelmäfsigen Gange öfters Abweichungen vor. Schliesslich
werden Farben überhaupt nicht mehr erkannt. Die Sehstörung hat
aber zu dieser Zeit schon derart zugenommen, dass die Farbenstörung
subjectiv meist nicht zum Bewusstsein kommt. Gleichzeitig engt sich
das Gesichtsfeld unregelmäfsig immer mehr ein, ist zuletzt schlitz-
oder spaltförmig, oder es kann nur noch ein excentrischer Theil vor-
handen sein. Abgegrenzte Scotome, die nach Stauungspapille oder
Neuritis nicht gerade selten sind, kommen hierbei nicht vor; ebenso-
wenig centrale Sehstörungen nach Art derjenigen bei Intoxicationen.
Ophthal moscopisch erscheint schon sehr früh der Sehnerv,
namentlich seine äussere Hälfte, wo die Nervenfaserschicht am dünnsten
ist, entschieden blasser, während die nasale Hälfte noch von normaler
Färbung sein kann. Allmälig aber verbreitet sich die graue Färbung
über den ganzen Sehnerv, derselbe sinkt leicht ein, und die Lamina
cribrosa wird deutlich sichtbar. Die Gefässe behalten lange ihr nor-
males Caliber. Das Verhältniss zwischen ophthalmoscopischem Befund
und Sehstörung ist wechselnd: es kann bei sehr deutlich atrophisch
aussehendem Sehnerven noch ziemlich gut sein , oder die Sehstörung
gewissermafsen der Atrophie vorauseilen ; letztere Fälle sind die rascher
verlaufenden.
Anatomisch kann fleckige Atrophie (multiple Sclerose) in Seh-
nerv, Chiasma und Tractus opticus gefunden werden; in abgelaufenen
Fällen ist der Sehnerv verdünnt und von grauer Farbe. Eine Binde-
gewebsvermehrung, wie bei der Atrophie nach Stauung und Neuritis,
findet hierbei nicht statt.
Meist sind beide Augen befallen, wenn auch gewöhnlich nicht gleich-
zeitig in demselben Grade, namentlich bei der tabischen grauen Atrophie ;
bei anderer Aetiologie kommt die Affection auch einseitig vor. Obschon
17*
IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
in jedem Stadium Stillstand eintreteD kann, ist doch Fortscbreiten
des Processea bis zur völligen Erblindung die Regel, worüber allerdings
viele Jahre vergehen können. Die Durchschnittsdauer bis zur Erblindung
mag 1 — 3 Jahre betragen. Am häutigsten wird das kräftige Mannes-
alter betroffen: doch ist die Affection auch in späteren Jahren nicht
selten, wohl aber bei jugendlichen Individuen. Es erkranken viel mehr
Männer als TA'eiber an grauer Atrophie.
In einer Reihe von Fällen besteht die Krankheit für sich, und ist
weder früher noch später etwas Anderes nachweisbar. Am häufigsten
ist sie Theilerscheinung von Tabe> dorsalis. Sie tritt hier öfter
schon zu einer Zeit auf, wo höchstens mangelnder Kniereflex oder nur
ganz unbestimmte Erscheinungen auf drohende Tabes hinweisen, und ist
in diesem Falle diagnostisch und prognostisch von grosser Bedeutuug;
häufig genug tritt sie auch erst zu florider Tabes hinzu. In etwa dem
achten Theil der Fälle von Tabes wird graue progressive Sehnerven-
atrophie beobachtet. Andere tabetische Augensymptome: Muskel-
lähmungen. Miosis. Pupillenstarre können gleichzeitig vorhanden sein
oder fehlen.
Viel seltener tritt graue Atrophie im Gefolge anderer Rückenmarks-
und Gehirnkrankheiten auf. der multiplen Seierose, Bulbärparalyse.
^u Paralyse, von Geisteskrankheiten u. s. w. Graue Atrophie
sichert im Zweifelsfalle die Dia_ dorsalis.
E- ist nicht zu umgehen, hier einige Worte über das Yerhältniss zwischen
Tabes und erworbener Syphilis einzureihen. Bekanntlich hat in einem hohen
Procentsatz von Tabes läng exe Zeit vorher syphilitische Infection stattgefunden.
Bei Tabes mit grauer Atrophie scheint der Procentsatz nach meiner Erfahrung
noch höher zu sein, als bei andern Tabesiallen. Graue Atrophie beginnt meist
5 Jahre nach der Infection. die in der Mehrzahl der Fälle gar nicht besonders
schwer war und oft. sachgemäfs behandelt, nach ein. zwei oder drei Attacken keine
Symptome mehr gemacht hatte. Sehr wesentlich für das Yerhältniss zwischen
und Syphilis ist aber, dass anti specifische Behandlung fast immer
eine, öfter sehr auffällig ehlimmerung herbeiführt. Graue
Atrophie und Tabes sind desshalb nicht einfach tertiär syphilitische Symptome,
sondern sie entwickeln sich lediglich mit Vorliebe bei Individuen, die früher ein-
mal syphilitisch waren. Wie der nähere Zusammenhang ist. darüber können nur
Vermuthungen aufgestellt werden. Wahrscheinlich entwickelt sich die Tabes auf
vphilitischer Gefässdegenerationen. Nur in wenigen Fällen — ab-
!D von denen, wo ein Tabetiker Syphilis acquirirt — sind gleichzeitig noch
Symptome florider Syphilis vorhanden; dann wirkt auch eine antispecifisci
handlung günstig. Leider sind, bei der trostlosen Prognose der tabischen grauen
Atrophie, diese Fälle recht selten.
Die Prognoi _rauen Atrophie ist schlecht, um so verhäng-
11er. weil ähnlich beide Augen betrifft: doch sei man mit
Centrale Sehstörungen. 261
Mittheilung derselben vorsichtig, da allzuviel Aufrichtigkeit nicht selten
zu Selbstmord des Patienten Veranlassung gegeben hat. Abgesehen
von der Therapie der Grundkrankheit werden schwache constante
Ströme (eine Electrode im Nacken, eine auf dem geschlossenen A
empfohlen ; doch habe ich auch schon auffallende Verschlechterung
danach mehrfach beobachtet. Weiterhin kann man Strychnininjectionen
in die Schläfe (0,001—0,003) täglich zwischen rechts und link-
wechselnd geben. Jodeisen, eisenhaltige Wässer, vorsichtige Kalt-
ercur, gute Ernährung verordnen, doch hoffe man. auch bei zeit-
weiliger Besserung, nicht zu viel. Jede schwächende Therapie ist
dringend zu widerrathen. Bezüglich einer eventuellen antisyphiliti-
Behandlung ist oben das Xöthige gesagt.
Verletzungen des Sehnerven kommen durch Stich. Seh
vor. Je nach dem Umfang ist Blindheit oder Sehstörung mit ent-
sprechender Gesichtsfeldeinschränkung vorhanden. Letztere kann constant
bleiben: im Ganzen besteht Tendenz zu weiterer Abnahme auch noch
nach längerer Zeit. Ophthalmoscopisch wird nach einigen Wochen
mehr oder weniger vollständige Atrophie der Papille beobachtet. Das
Gefässcaliber hängt davon ab. ob der Sehnerv vor oder hinter dem
Eintritt der Centralgefässe verletzt ist. Ausreissung des Seh-
nerven aus dem sonst unverletzten Bulbus beobachtete ich einmal
durch Stoss gegen einen in die Orbita eindringenden Rebstecken: die
aus dem höchst eigenthümlichen Augenspiegelbild gestellte Diagnose
konnte durch die Section bestätigt werden.
Von Geseh wülsten am Sehnerveneintritt sind Drusen bildungen
schon Seite 192 erwähnt. Psammomähnliche Anschwellung der Papille
wurde gelegentlich anatomisch gefunden. Tuberkel- und S y philo m-
knötchen kommen in Sehnerv. Chiasma und Tractus opticus vor, und
veranlassen ausser Sehstörung Stauungsneuritis. Neuritis oder Atrophie
der Papille. Ihre Diagnose kann nur auf Grund der Begleiterscheinungen
bei vorhandener Tuberkulose oder Syphilis wahrscheinlich gemacht
werden. Die orbitalen Geschwülste des Sehnerven, abgesehen von fort-
geleiteten Sarcomen und Gliomen: Sarcome. lf y xorae.
Fibrome. Xeurome u. -ind sehr selten: sie werden bei den
Erkrankungen der Orbita zur Sprache kommen.
Als centrale Sehstörungen sollen diejenigen behandelt werden,
welche ihren Sitz jenseits der Vierhügelganglien haben. Da in letzteren
die Verbindung zwischen Lichteinfall und Pupillarbewegung stattfindet.
IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
so wird in reinen Fällen letztere erhalten sein, sogar bei völliger
Blindheit. Als eharaeteristiseh kann angesehen werden . dass ein
ophthalrnoseopiseh sichtbarer Befund dauernd mangelt, oder, wenn vor-
handen, auf andere complieirende Momente zurückgeführt werden muss.
Viele centrale Sehstörungen sind Theilerscheinung mehr oder weniger
diffuser Hirnrindenerkrankungen ; andere können für Localdiagnosen von
Wichtigkeit sein, doch bleibt es auch hier oft unentschieden, ob die
Störung durch Degeneration an Ort und Stelle oder z. B. durch fort-
geleiteten Druck veranlasst wird. Hierfür müssen die übrigen Sym-
ptome mafsgebend sein.
Diffuse Reizung der .Sehrinde- kommt als Theilerscheinung von
allgemeiner Reizung der Hirnrinde vor. sowohl bei anaemischen als
hyperaemisehen Reizzuständen. Es kommen dann diejenigen Vor-
stellungen und Vorstellungsgruppen zu Stande, die bei gleichwertiger
physiologischer Reizung entstehen würden: subjeetive Gesichtsvor-
stellungen oder Gesieht shallucinationen. Sie kommen für sich
allein oder zusammen mit Hallucinationen anderer Sinne vor. Der-
artige Hallucinationen auf hyperaemiseher Basis werden im Anfangs-
stadium vieler acuter fieberhafter Infectionskrankheiten und nach ge-
D Vergiftungen, z. B. durch Atropin. im Morphiumrausch u. s. w..
beobachtet. Anaemischer Natur sind wohl die sogen. Inanitions-
delirien. wozu auch die Visionen nach strengem Fasten zu rechnen
sind. Hier existiren grosse individuelle Verschiedenheiten ; nervöse
exaltirte Menschen sind mehr dazu disponirt. Bei Geisteskrankheiten,
einschliesslich der progressiven Paralyse, werden oft lange hinter ein-
ander die gleichen oder ähnliche Hallucinationen beobachtet: es wirkt
also lange Zeit der gleiche Reiz auf die Ganglienzellen, bis >ie schliess-
lich zu Grunde gehen. Auch einseitige Hallucinationen kommen vor,
die Erscheinungen treten immer von der gleichen Seite her auf: wahr-
scheinlich ist hierbei zur Zeit nur die Rinde eines Hinterhauptslappens
gereizt. Dies wird auch meist bei der optischen Aura vor dem epilep-
tischen Anfall beobachtet, die häutig auftritt als immer genau die
gleiche Vision von der gleichen Seite her.
Bei einseitiger Zerstörung der Rinde des Zwickels (Wahrnehmuugs-
centrum) tritt Halbblindheit (Hemianopsie) auf*). Die beiden gleich-
seitigen Xetzhauthälften. oder anders ausgedrückt, die beiden Gesichts-
*) Statt Hemianopsie war früher allgemein der Xame Hemiopie (Halbsehen)
im Gebrauch; ob nur halb oder halb nicht gesehen wird, kommt genau ge-
nommen aufs Gleiche hinaus. Rechtseitige Hemiopie ist selbstverständlich gleich
linkseitiger Hemianopsie.
Halbblindheit 263
feldhälften der gegenüberliegenden Seite fallen aus. Bei linkseitiger
Halbblindheit wird also nur noch in den beiden rechten Gesichtsfeld-
hälften gesehen, beide rechte Xetzhauthälften sind unempfindlich und
der Heerd liegt rechts. Die Grenze geht senkrecht, aber nicht genau
durch den Fixirpunkt, sondern letzterer liegt immer noch innerhalb der
empfindlichen Zone. In einem schmalen (4—5° breiten) verticalen
Streifen der Xetzhaut sind demnach Fasern von beiden Hemisphären
vorhanden. Die Farben sind von normaler Vertheilnng und ihre Grenzen
schneiden am Rande des Defectes scharf ab. Das Scotom ist ein
negatives (Seite 61). Bei linksseitiger Halbbliudheit ist die subjective
Sehstörung weniger auffallend, sehr erheblich dagegen bei rechtseitiger,
weil hierbei das Schreiben und besonders das Lesen sehr erschwen wird.
Da der Fixationspunkt nämlich hart an der Grenze des Defectes liegt,
so müssen die Worte aus ihren einzelnen Buchstaben zusammengesucht
werden. (Für Solche die Hebräisch lesen, ist das Umgekehrte der Fall.)
Die Halbblindheit als isolirte Erkrankung tritt meist unter den Er-
scheinungen eines leichten Hirnschlages auf. und die Sehstörung ist eine
bleibende. Der ophthalmoscopische Befund ist negativ: die Pupille
reagirt auch auf Belichtung der unempfindlichen Netzhanthälfte. Sehr
häufig tritt Hemianopsie als Theilerscheinung von Hirnapoplexien auf,
besonders von solchen in die hintersten Theile der Capsula interna.
Auch Zerstörung eines Tractus opticus oder des Vierhügelganglions
einer Seite macht Halbblindheit für die entgegengesetzte Seite: die
Pupillenreaction bei Belichtung des nichtsehenden Xetzhauttheiles wird
aber ausbleiben. Auch wird bei Affectionen des Tractus früher oder
später theilweise Sehnervenatrophie nicht ausbleiben. Diese Symptome
sind aber nicht absolut sicher. Characteristisdi für alle diese Formen ist
der Ausfall beider rechter oder beider linker Gesichtsfeldhälften
(homonyme Hemianopsie). Alle andern Fälle gehören nicht
hierher, z. B. auch die sogenannte, bitemporale Hemianopsie, der Aus-
fall beider äusserer Gesichtsfeldhälften. Es sind meist progressive
Processe (Tumoren, Syphilis. Tuberculose u. s. w.) in der Gegend des
Chiasma. die zeitweise stationär sein können und hemiopieähnliche
Defecte verursachen (vergl. Fig. 28 Seite 240). Selten ist die Grenze genau
die typische, vertical nahe am Fixirpunkt vorbeigehende. Wohl aber
werden Ausfälle genau correspon dir ender gleichseitiger G e -
sichtsfeldsectoren, gewissermalsen unvollständige Hemiopien. cen-
traler Xatur sein.
Bei Läsionen der Occipitalrinde . welche nicht direct das Wahr-
nehmungscentrum treffen , tritt häufig der Zustand der sogenaunten
I?t34 IX. Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven.
Seelenblindheit ein. cl. h. der mechanische Vorgang des Sehens
besteht noch, dagegen fehlt die Fähigkeit der psychischen Verwerthung
xesehenen. Werden die Faserungen zwischen Occipitalrinde und
dem Sprachcentrum betroffen, so tritt je nachdem optische Aphasie.
Alexie. Agraphie u. s. w. ein. d. h. das Unvermögen, die betreffenden
Functionen auszuüben, soweit dazu die optischen Erinnerungsbilder nöthig
sind. Diese Störungen können auch nur partielle sein. z. ß. nur ge-
Buehstaben oder nur gewisse Gruppen von Sehvorstellimgen
betreffen.
Eine Reihe von mehr oder weniger vollständigen Erblindungen
ohne Befund, z. B. bei Ohnmächten, Hysterie. Uraemie. Diabetes,
Epilepsie. Malaria, acuten Infectionskrankheiten u. s. w.. müssen als
vorübergehende Ernährungsstörungen der beiderseitigen Occipital-
rinde (oft zugleich auch der ganzen Hirnrinde) aufgefasst werden, die
nur zu zeitweiser Functionsstörung, nicht zum Absterben der Ganglien-
zellen führen. Ob die Störung durch Intoxication oder durch venöse
Hyperaemie. Anaemie. Gefässkrampf, fliegende Oedeme oder dergl.
veranlasst sein mag. lässt sich im einzelnen Falle nur vermuthen. Die
Pupillenreaction auf Licht kann erhalten sein und fehlen. Wir können
diese Sehstörung geradezu als beiderseitige Halbblindheit bezeichnen.
(Analog solchen Hirnrindenprocessen ist die vorübergehende periphere
Sehstörung bei mechanischem Druck auf das Auge oder bei vermehrtem
intraocularem Druck, wo gleichfalls nach nicht allzulanger Dauer die
Function sich wieder herstellt.)
Einseitige Erblindung kann nicht centraler Xatur sein: sie muss
ihren Sitz peripher vom Chiasma im Sehnerven haben.
Bei Zuständen, die als Hy per aest he sia retinae (Tagblindheit.
Xyctalopie), Anaesthesia retinae (Nachtblindheit. Hemeralopie.
Torpor retinae), Schneeblindheit*) u.s. w. bezeichnet werden, handelt
h sicherlich ebenso häutig um eine Ermüdung der centralen wahr-
nehmenden, als der peripheren empfindenden Organe; meist wird wohl
beides gleichzeitig der Fall sein.
Eine eigentümliche, recht häutige centrale Sehstörung bildet das
sogenannte Fliniiuerscotoni, die Amaurosis partialis fugax (Förster).
Es beginnt als unbestimmte subjective Sehstörung, die sich bei genauerer
Untersuchung als beiderseitiges centrales negatives Scotom erweist : Es
•) Ab Schneeblindheit wird auch der Zustand bezeichnet, wenn wegen trau-
matischer Conjunctivitis — in Folge der vorn Schnee reflectirten Sonnenstrahlen —
die Augenlider krampfhaft geschlossen sind und nicht geöffnet werden können.
Flimmerscotom. 265
wird alles direct Fixirte scheinbar undeutlich gesehen ohne Nebel oder der-
gleichen. Nach kurzer Zeit vergrössert sich der Gesichtsfelddefeet zu
völliger Halbblindheit, und gleichzeitig hiermit tritt Flimmern, Farben-
sehen, Sehen glänzender zackiger Figuren (Teichoskopie, Mauernsehen
Airy) auf. Die Hemianopsie kann auch unvollkommen bleiben, oder
es bleibt die Sehstörung auf das centrale Scotom beschränkt; immer
aber sind genau symmetrische Scotome vorhanden. Der Spiegel-
befund ist vor. während und nach dem Anfalle absolut normal. Ge-
wöhnlich dauert der Anfall \ — 1 j i Stunde, manchmal kürzer, nicht
selten länger, halbe und ganze Tage lang. Es kommt vor, dass täglich
regelmässig zur gleichen Zeit wochenlang solche Anfälle auftreten;
andrerseits können jahrelange Intervalle vorkommen.
Zuweilen ist gleichzeitig Migräne, Kopfweh und Uebelkeit bis zum
Erbrechen vorhanden ; häufiger geht das Flimmerscotom denselben
voraus; auch bei Supraorbitalneuralgie habe ich es beobachtet. Das
Flimmerscotom ist an und für sich ein absolut harmloses Leiden, kann
aber Complication schwerer Erkrankungen des Nervensystems sein. Am
besten wird es als rudimentärer Migräneanfall aufgefasst.
Das Flimmerscotom kommt in seltenen Fällen gleichzeitig auf bei-
den Seiten vor und bedingt dann vorübergehende beidseitige Erblindung ;
nie dagegen kommt es, trotz gegenteiliger Behauptungen, auf ein Auge
beschränkt vor. Als subjective Lichterscheinimg hält es natürlich auch
bei geschlossenem Auge an.
Statt typischen Flimmerscotom";; habe ich unter den gleichen Begleit-
erscheinungen schon auftreten sehen: Farben sehen (meist Rothsehen, doch auch
Gelb- und Blausehen) und vorübergehende Störung im Einfachsehen.
Auch hierfür, wie für das Farbensehen scheinen sich untergeordnete Centra in der
Occipitalrinde zu befinden ; ob Sehfeld und Farbenfeld in der Hirnrinde neben oder
übereinander liegen, muss die Folge lehren.
Das Flimmerscotom kommt sehr häufig vor. namentlich bei den
gebildeten Ständen: oft hat vorher grosse geistige Anstrengung statt-
gefunden, oder es bestanden längere Zeit Verdauungsstörungen, anaemische
Erscheinungen, schlechter Appetit u. dergl. In andern Fällen ist nichts
der Art nachzuweisen. Kecht oft auch tritt es als Inanitionssymptom
bei Leuten auf, die bei geistiger Arbeit Morgens nicht genügend früh-
stücken.
Die Therapie ist analog der der Migräne; sind bei regelmäfsig
auftretendem Flimmerscotom einzelne der oben genannten Schädlichkeiten
vorhanden, so sind sie zu beseitigen; ebenso das Hauchen, das in einer
Reihe von Fällen entschieden ungünstig wirkte. Gegen den einzelnen
Fall hilft meist nichts, gelegentlich nützt Antipyrin, Chinin, Caffein.
266 DL Erkrankungen der Xetzhant und des Sehnerven.
Pasta i.Tiiarana. Eleetrisiren u. dergi ; einmal konnte ich den Anfall durch
energischen Druck auf den gleichseitigen Supraorbitalnerven coupiren.
Meist bleiben nach einiger Zeit die Anfälle von selber weg. ohne dasi
man der Therapie grossen Eintiuss darauf zuschreiben könnte. Es hält
manchmal schwer, ängstliche und hypochondrische Patienten von der
völligen Harmlosigkeit der Affection zu überzeugen, namentlich nach
erst wenig Anfällen, während man andrerseits oft nur gelegentlich
erfährt, dass Patienten häufig von rasch vorübergehendem Flimmerscotom
heimgesucht werden. Immer aber muss eine genaue Augenuntersuchung
ich nicht um subjective Lieltferseheinungen. Funkensehen
w. bei intraocularen Krankheiten oder um prodromale Glaucom-
anfälle (Nebligsehen, farbige Ringe um Lichtflammen) handelt, sondern
lediglich um typisches centrales Rindenflimmero mit absolut normalem
Augengrund. Auch muss in den freien Intervallen die Function des
Auges völlig normal sein.
Bei anaemischen und nervösen Leuten, namentlich Frauen, macht
nicht selten die geringste Benutzung der Augen astheuopische Be-
schwerden und mehr oder weniger erhebliche Schmerzen im Auge und
im Kopfe: oder es treten auch ohne Veranlassung Schmer/anfalle im
Auge ohne objectiven Befund auf und machen jede Beschäftigung mit
dem Auge unmöglich (Neural gia bulbi). Die Behandlung muss in
itlichen eine roborirende und gegen die Ursache der Anaemie und
Nervosität gerichtet sein: sie pflegt aber keine grossen Triumphe zu
feiern. Aehnliche Symptome, aber auch mehr oder weniger hochgradige
Sehstörung. Einschränkung des Gesichtsfeldes. Anomalien in der Farben-
empfindung und Bewegung de- Auges werden bei Hysterischen
i ehtet. 8 Suggestion ein dankbares Feld.
Zu erwähnen wären hier noch diejenigen Formen von Sehschwäche,
die man aus Nichtgebrauch erklärt, sogenannte Amblyopia ex anopsia.
Die Nervenbahnen der Centralorgane sind beim Neugeborenen noch un-
vollkommen entwickelt, die Nervenfasern nur erst theilweise mit Mark-
scheiden versehen. Erst unter dem Eintiuss der von aussen wirkenden
Sinneseindrücke und Pieize stellen sich allmählich die Verbindungen
hen den einzelnen Ganglienzellengruppen her. Daher kommen auch
die grossen Unterschiede im Erfolge gewisser Hirnexperimente beim
Neugeborenen und Erwachsenen: bei ersterem können vicariirend sich
andere Verbindungen herstellen, bei letzterem nicht.
Bei angeborener Linsentrübung z. B.. die erst nach ö bis
6 Jahren entfernt wird, ist ein solcher Fall gegeben: Es tritt ohne
geglichen ophthaln. hen Befund so gut wie nie volle Sehschärfe
Amblyopia ex anopsia. 267
ein. Beim Mangel der zur Entwicklung normaler Verbindungen zwischen
Ketina und Hirnrinde nöthigen feineren Gesichtsempfindungen kommen
dieselben eben nicht zu Stande; es tritt nicht selten eine Art von
Seelenblindheit ein : Die Gegenstände werden gesehen, aber nicht erkannt.
Distanzschätzung ist keine vorhanden u. s. w. Erst allmählich wird
gelernt, die Sehempfindungen zu verwertheil, aber selten gelingt es in
völlig normaler Weise.
Hierher gehört auch die Schwachsichtigkeit des schielenden Auges
bei Strabismus convergens. der sich in frühester Jugend ent-
wickelt. Diese Sehstörung ist nicht eigentlich angeboren und nicht
eigentlich erworben, sondern in Folge Unterdrückung der vom einen
Auge ausgehenden Sehreize kommen die zum vollkommenen Sehen
nöthigen Verbindungen seiner Ketina mit der Hirnrinde nicht zu
Stande: es ist eine extrauterine Entwicklungshemmung. Je früher es
zu Strabismus kommt, je früher also die Sehreize unterdrückt werden,
um so erheblicher ist die Sehstörung; ja es kann sogar, in Folge
vicariirender Verbindungen ganz analog den Experimenten an neu-
geborenen Thieren, eine andere Stelle der Netzhaut die Function der
Macula übernehmen und Verbindungen mit dem Centrum für centrales
Sehen in der Hirnrinde eingehen. Natürlich ist die Function dieser
vicariirenden Macula eine unvollkommene, weil die Netzhaut an der
betreuenden Stelle nicht die zum Feinsehen nöthige Structur besitzt:
immerhin kann nach Operation des Schielens lästiges Doppeltsehen ein-
treten. Selbstverständlich werden die unvollkommenen Bilder eines seh-
schwacheren Auges leichter unterdrückt ; ein Auge mit Hornhautflecken.
Astigmatismus u. dergl. wird desshalb mehr zum Schielen neigen, als
ein normales. Tritt das Einwärtsschielen erst zu eiuer spätem Zeit
auf. so ist die Sehstörung des schielenden Auges viel geringer, beim
alternirenden Schielen kann sie ganz fehlen: in solchen Fällen kann
man übrigens nicht selten bei Beginn des Schielens Doppeltsehen con-
statiren, das erst allmählich unterdrückt wird. In Folge Unterdrückung
und mangelhafter Ausbildung der b in o ciliaren Gesichtseindrücke wird
hier häufig auch nach der Operation kein binoculäres. stereoscopisches
Sehen erlangt, sondern auch beim Sehen mit beiden Augen wird immer
das Bild des einen unterdrückt: man nennt dies mangelnde Fusion
der Doppelbilder. Letztere kommt auch für sich vor als Symptom cere-
braler Processe (vrgl. oben bei Flimmerscotom), z. B. bei Beginn progres-
siver Paralyse. Bei Unvermögen, das Bild eines Auges zu unterdrücken
(was im spätem Alter immer schwerer zu erlernen ist), kann der dadurch
bewirkte Wettstreit der Empfindungen längere Zeit eine sehr unan-
268 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
genehme Sehstörung bewirken, die nur durch Verschluss eines Auges
beseitigt werden kann.
Die simulirte Blindheit und Sehschwäche ist selbstverständlich
keine Sehstörung; ihr Nachweis gehört in den Abschnitt der Seh-
prüfungen (Seite 60).
X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Glaskörper und Linse sind diejenigen Gewebe des innern Auges,
die kein selbstständiges Gefässsystem besitzen und desshalb in ihrer
Ernährung auf andere gefässhaltige Theile angewiesen sind. Für beide
kommen in Betracht Netzhaut, Aderhaut und Ciliarkörper, und so sehen
wir denn im Gefolge von Krankheiten der genannten Gebilde auch Ver-
änderungen in Glaskörper und Linse eintreten. Ja man kann sogar mit
einiger Sicherheit sagen, dass, abgesehen von directen Verletzungen,
alle pathologischen Veränderungen mehr oder weniger secundärer
Natur sind.
Der normale Glaskörper stellt eine wasserklare gallertige Substanz dar, die
unter dem Microscop keine feinere Structur erkennen lässt; durch Reagentien da-
gegen lässt sich ein schaliger Bau wahrscheinlich machen. Seine Oberfläche ist
überzogen von der structurlosen Membrana hyaloidea, die auch mit der innern
Oberfläche der Netzhaut mehr oder weniger in Verbindung steht, sich aber normaler-
weise glatt von ihr loslösen lässt. An der Ora serrata ist Hyaloidea und Limitana
interna mit der Netzhaut fester verwachsen. Sie trennen sich aber an den Firsten
der Ciliarfortsätze wieder; doch liegt erstere der hintern Wand des sogenannten
P et i t 'sehen Canales unmittelbar an. Die durch die Hinterfläche der Linse bewirkte
Einsenkung des Glaskörpers heisst tellerförmige Grube. Am Rande des Seh-
nerveneintritts stülpt sich die Hyaloidea zu dem mit Flüssigkeiten injicirbaren
Centralcanal des Glaskörpers ein, der in der Nähe des hintern Linsenpoles
blind endigt; er ist in der Foetalzeit von der aus der Art. centr. retinae auf der
Papille entspringenden Arteria hyaloidea durchzogen, die zum hintern Pole
der Linse geht und die Hinterfläche derselben mit einem Netz von Capillaren
überzieht.
Der normale Glaskörper enthält nur sehr spärliche zellige Elemente, am
reichlichsten noch in den vordersten Parthien. Es sind einzelne Rundzellen, meist
in mehr oder weniger vorgeschrittener schleimiger Degeneration. Der Strom der
Ernährungsflüssigkeit geht im Wesentlichen von hinten nach vorn gegen Linse
und hintere Augenkammer.
Schon bei verhältnissmäfsig leichten Choroidal- und Xetzhaut-
erkrankungen kann die Verbindung zwischen Hyaloidea und Limitans
interna eine innigere werden. Häutig kommt es im weitern Verlaufe
Glaskörperverflüssigung und -ablosung. 269
solcher Aftectionen zur Verflüssigung der hintern Parthien des
Glaskörpers, S) r nchysis corporis vitrei. Dies ist fast ausnahmslos der
Fall in den schweren Formen von Myopie oder diffuser Choroiditis fundi
oculi; totale Verflüssigung wird fast regelmäfsig einige Zeit nach Ver-
letzungen des Auges mit erheblicherer Quetschung angetroffen, und dies
ist zu beachten bei allenfalls nothwendig werdenden Linsenoperationen.
Glaskörperverflüssigung ist ophthalmoscopisch nicht sichtbar und manifestirt
sich nur durch Schlottern der Irisperipherie bei Augenbewegungen (Iridodonesis).
Leichte Grade von Iridodonesis kommen gelegentlich auch bei sonst normalen
Augen vor, besonders im höheren Alter sowie bei hohen Graden von Myopie.
In andern Fällen von Choroidalentzündungen kommt es zur so-
genannten hintern Glaskör per ablosung: Die Hyaloidea löst sich
von der Netzhaut ab, und der Raum zwischen beiden wird durch Flüssig-
keit ausgefüllt; dies ist z. B. sehr häufig der Fall bei den leichten
Formen der Myopie. Hierbei kann an der Grenze zwischen Hyaloidea
und der Flüssigkeit bei der Spiegeluntersuchung ein eigenthümlicher
Reflex auftreten , der von Weiss als characteristisch für beginnende
Kurzsichtigkeit angesehen wurde. Bei Entzündungen im vordem Ab-
schitt des Auges kann es auch zur vordem Ablösung des Glaskörpers
kommen, Ablösung von der Pars ciliaris retinae vor der Ora serrata.
Dies ist nach Pagen Stecher häufig der Fall bei Glaucom.
Bei Ablösung wie Verflüssigung, die auch combinirt vorkommen,
ist der Glaskörper immer reichlicher von Rundzellen durchsetzt, die aus
Choroidea und Retina stammen. Bei stärkeren Entzündungsgraden sind
dieselben zahlreicher; sie und ihre Degenerationsproducte können sub-
jectiv und objectiv sichtbare Trübungen veranlassen. Nicht selten
bilden sich bindegewebige Lagen auf der Innenfläche der Netzhaut, die
durch narbige Schrumpfung zu Faltenbildung und Ablösung der Netzhaut.
namentlich bei verflüssigtem Glaskörper, führen können.
Sehr häufig findet man bei anatomischer Untersuchung schwer ent-
zündeter Augen den ganzen Glaskörper durch Einwirkung der Härtungs-
mittel fest geronnen, ohne dass sich die veränderte chemische Zusammen-
setzung durch besondern Spiegelbefund kennzeichnete. Bei reichlicher
Zelleneinwanderung in den Glaskörper können auch dichtere umschriebene
Bindegewebsstränge auf der Netzhaut sich bilden (z. B. bei gewissen
specifischen Chorioretinitiden), oder es bilden sich bindegewebige Mem-
branen und Fetzen, die im verflüssigten Glaskörper flottiren, oder es
kann zu totaler Bindegewebsumbildung des Glaskörpers kommen, der
auf einen kleinen Rest am hintern Linsenpol zusammenschrumpft : meist
ist dann auch totale Netzhautablösung vorhanden.
270 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Aus den bindegewebigen Schwarten auf der Innenfläche der Netzhaut
(sog. Retinitis proliferans), oder auch aus der weniger veränderten Retina
wachsen in seltenen Fällen kleine Gefässbüschel frei in den Glas-
körper aus. Es ist dieses Vorkommniss nicht zu verwechseln mit der
Arteria hyaloidea persistans, einer angeborenen Anomalie. Man sieht
hier von einer Arterie auf der Papille einen Strang ausgehen, der im
Verlauf des Centralcanals des Glaskörpers mehr oder weniger weit nach
vorn reicht, manchmal bis zum hintern Linsenpol. In diesem binde-
gewebigen Strang können noch bluthaltige Gefässe, meist nur eine kurze
Schlinge, angetroffen werden. Meist sind noch andere Augenanomalien
gleichzeitig vorhanden, wie Linsentrübungen, Colobome, Aderhaut-
anomalien u. dergl.
Trübungen im Glaskörper sind ein sehr häufiges Vorkommniss
und machen je nach Grösse und Lage verschieden grosse Sehstörung.
Feinen Staub in den hintersten Theilen des Glaskörpers haben wir als
Theilerscheinung diffuser Retinitis (Seite 245) kennen gelernt; nur bei
schwacher Beleuchtung im durchfallenden Licht kann die anscheinend
diffuse Trübung in einzelne Punkte zerlegt werden. Grössere Trübungen,
punktförmige, fadenförmige, häutige, schleierartige, flockige, klumpige,
werden bei den verschiedensten Choroidal- und Retinalkrankheiten be-
obachtet. Sie sind als mehr oder weniger dunkle bis schwarze Trübungen
im Gesichtsfeld bei durchfallendem Licht sichtbar, wenn man das Auge
nach verschiedenen Sichtungen sich bewegen lässt, und zeigen fast immer
eine mehr oder weniger freie Beweglichkeit in dem verflüssigten Glas-
körper. Liegen sie weit hinten, so können sie auch im umgekehrten
Bild, liegen sie weit vorn, z. B. bei Cyclitis, so können sie (besonders
bei Mangel der Linse) gelegentlich mit blossem Auge bei seitlicher Be-
leuchtung gesehen werden. Zuweilen werden im Glaskörper zahlreiche
flottirende glitzernde Punkte beobachtet (Synchysis scintillans)
mit oder ohne tieferes Leiden des Auges; es sind theils Kalk-, oder
Tyrosin- oder Cholestearinkrystalle , theils unkrystallisirte organische
Concremente. die gewöhnlich nach einiger Zeit von selbst wieder ver-
schwinden; meist sind Blutungen vorausgegangen. Letztere sind
überhaupt eine der ergiebigsten Quellen für Glaskörpertrübungen vom
eben wahrnehmbaren Punkt an bis zu der den ganzen Glaskörperraum
erfüllenden Hämorrhagie. In seltenen Fällen werden periodische Glas-
körperblutungen beobachtet, die v i c a r i i r e n d für die ausbleibende Men-
struation eintraten; ähnliches kommt zuweilen beiHämorrhoidariern vor.
Je nach Grösse und Dichte werden die Glaskörpertrübungen als
bewegliche Schatten und Wolken gesehen, die das Sehvermögen ent-
Glaakörpertrübungen. 271
sprechend schädigen. Sind sie nur subjectiv sichtbar, so nennt man sie
fliegende Mücken (Mouches volantes). Diese bestehen aus den gleichen
Elementen, feinen Fibrinfadehen, degenerirenden Kundzellen. Pigment-
körnern. Pesten capillärer Hämorrhagien u. s. w. wie die gröberen
Trübungen*). Im Allgemeinen nimmt man an. dass sie keine g
Bedeutung haben, so lange sie nicht das Sehvermögen herabsetzen und
objeetiv gesehen werden können. Letzteres ist aber bei sorgfältiger
Durchsuchung des Glaskörpers mit verschieden starken Linsen sehr viel
häufiger möglich, als gewöhnlich angenommen wird. Mehrfach habe
ich kleine pigmentirte Trübungen, offenbar aus einer capillären Blutung
auf der Papille hervorgegangen, im Centralcanal des Glaskörpeis all-
mählich bis an den hintern Pol der Linse wandern und dort eine eigen-
thümliche punktförmige hintere Polarcataract (im uneigentlichen Sinne)
bilden sehen.
Die Behandlung und Prognose der Glaskörpertrübungen fällt mit
der der Grundkrankheit zusammen. Bei frischen Blutungen nützen oft
Eisumschläge: meist wird zur Aufsaugung eine Einwicklungs- oder
Schwitzcur günstig wirken Selten pflegen Gla-körpertrübungen völlig
zu verschwinden: häutig reeidiviren sie.
Von den Verletzungen de> <Tla>körper< war schon vielfach die
Rede: Druckverminderung. Iris- und Linsenschlottern bei subeonjune-
tivaler Scleralruptur und Glaskörperaustritt i-t Seite 187, der Glas-
körperfaden bei perforirenden Verletzungen Seite 233 besprochen. Häutig
findet auf dem Wege des vorgefallenen Glaskörpers Infection des
Augeninnern statt, die. wenn auch nicht jedesmal zur Vereiterung des
Auges, so doch zu Cyclitis mit Glaskörperschrumpfung. Xarbenzügen
im Glaskörper. Netzhautablösung u. s. w. führen kann.
Nicht infectiöse Fremdkörper können im Glaskörper lange Zeit
ruhig vertragen werden und nur sehr langsam, viel rascher, wenn sie
sich senken und die Bulbuswände berühren, chronische Entzündungs-
Eustande herbeiführen: sie werden in neugebildetes Bindegewebe ein-
gekapselt und können durch Glaskörperfäden schwebend erhalten werden.
Um infectiöse Fremdkörper entwickelt sich ein . aus — meist
durch den Wundeanal — zugewanderten Zellen, und es kommt meist
rasch zu Panophthalmie. Das Weitere siehe Seite 233.
*! Nicht zu verwechseln mit fliegenden Mücken sind die nur durch besondere
Vorrichtungen entoptisch sichtbar zu machenden Bestandteile des normalen Glas-
körpers, die natürlich weiter keine Bedeutung haben. Selbstverständlich ist nicht
immer eine scharfe Grenze zu ziehen.
979
X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Als seltenes Vorkommniss sind Cystieercusblasen im Glaskörper
zu erwähnen; ihre Diagnose ist nur zu machen, wenn die Blase direct
sichtbar ist. Da in kürzerer oder längerer Zeit das Auge mit Sicher-
heit zu Grunde geht, so ist ein Versuch zur Entfernung erlaubt,
am besten mit grossem meridionalem Schnitt an der Stelle, wo der
Parasit gerade sitzt, der im günstigen Falle in der Wunde gleich vor-
liegt und dann leicht entfernt werden kann. Ist dies nicht so, so mag
man versuchen, ihn unter Leitung des Augenspiegels mit der Pincette
auszuziehen, was aber sehr schwierig ist. Ausser im Glaskörper kommen
Cysticerken auch subretinal und subchoroidal vor; die Diagnose ist
dann noch viel schwieriger, auch wenn beim Patienten das Vorhandensein
einer Taenia solium constatirt ist. Man hat sogar schon Cystieercus-
blasen in der vordem Kammer beobachtet, in welchem Falle Diagnose
und Entfernung natürlich leicht war.
Die Linse wird von einer structurlosen (nicht aus elastischer, sondern aus
Eiweisssubstanz bestehenden) Kapsel eingeschlossen und durch das Strahle n-
bänclchen, die Zonula Zinnii, in ihrer Lage erhalten. Letzteres wird gebildet
aus Fasern, die von der Ora serrata an aus der Limitans interna der Netzhaut
entspringen*), vor der Pars ciliaris retinae liegen und von den Firsten der Ciliar-
fortsätze wesentlich zur Vorderfläche, aber theilweise auch zur Hinterfläche und
zum Aequator der Linse verlaufen. Sie bilden die vordere Wand des sogenannten
Petit'schen Canals, eines dreieckigen Spaltraumes, welcher zwischen den Ciliar-
fortsätzen und dem Aequator der Linse liegt. Die hintere Wand desselben wird
ausserdem durch die Membrana hyaloidea des Glaskörpers dargestellt, welche an
der Ora serrata mit der Limitans interna retinae verwachsen ist und in der teller-
förmigen Grube normalerweise in ziemlich fester Verbindung mit der hintern Linsen-
kapsel steht.
Die Linse ist etwa 10mm breit und 3,5 — 4mm dick; man unterscheidet an
ihr vordem Pol (im Pupillargebiet), h i n t e r n P o 1 (in der tellerförmigen Grube)
und den Aequator, der den Firsten der Ciliarfortsätze zunächst liegt.
*) Der Ansatz der Zonula Zinnii auf der Vorderfläche der Linse entspricht
dem Linsenaequator in frühem embryonalem Stadium; diese Stelle ist mit der ein-
gestülpten primären Augenblase: Netzhaut und Pigmentepithel verwachsen. Das
Wachsthum der Linse findet Anfangs wesentlich an der gefässh altigen hintern
Fläche statt, und dadurch rückt der Zonulaansatz im Wesentlichen auf die Vorder-
fläche der Linse. Durch das Wachsthum des Glaskörpers zieht sich die Ver-
wachsungsstelle zwischen Linsenkapsel und bindegewebigem Theil der Netzhaut
immer mehr aus, und wir können die Zonulafasern ganz gut in Analogie bringen
mit den Müller'schen Radiärfasern der Netzhaut. Erst später sprossen aus der
mit dem Sinnesepithel verwachsenen Uvea Ciliarkörper und Iris aus, die beide an
ihrer Innenfläche mit einer doppelten Schichte von ursprünglichem Sinnesepithel
bedeckt sind. Bei Colobom des Ciliarkörpers fehlt auch an der betreffenden Stelle
die Zonula Zinnii.
Anatomie der Linse. 273
Die Linsensubstanz ist ein durchaus epitheliales Gebilde und entsteht durch
eine sich später abschnürende Einstülpung der Epidermis; die grosse Mehrzahl der
sich reichlich vermehrenden Epithelzellen wachsen schon beim Foetus zu langen Fasern
aus; nur an der Vorderfläche der Linse bleibt normalerweise eine einfache Lage
polygonalen Epithels bestehen, das am Aequator in die sogenannte Kernzone über-
geht, wo beim Erwachsenen die Wachsthumsvorgänge sich wesentlich abspielen. Die
feingezähnten Linsenfasern bilden schalige Schichten und umgreifen sämmtlich den
Aequator; sie sind durch sehr spärliche Zwischensubstanz verbunden, die nur an
den beiden Linsenpolen etwas reichlicher vorhanden ist, wo sie die sogenannten
Linsensterne bildet (vorn als umgekehrtes, hinten als aufrechtes Y).
Die Linsenkapsel ist un durchgängig für zellige Elemente und
feste Partikel; wo solche in derselben gefunden werden, hat vorher entweder
eine Eröffnung der Kapsel stattgefunden, oder es haben sich, z. B. bei Pigment-
und Kalkkörnern, Niederschläge aus gelöst aufgenommenem Material gebildet. Das
embryonale Wachsthum der Linse findet vorwiegend an der hintern Fläche statt,
welche von einer später verschwindenden, reichliche Capillaren enthaltenden Mem-
bran bekleidet ist, die ihr Blut aus der Arteria centralis retinae durch die im
Centralcanal des Glaskörpers verlaufende Arteria hyaloidea bekommt.*) Das ganze
der hintern Kapsel anliegende Zellenmaterial wird zu Linsenfasern verarbeitet.
Später findet das Hauptwachsthum der Linse im Aequator statt, der den sehr
reichlich gefässhaltigen Ciliarfortsätzen am nächsten liegt. Indem die centraler
gelegenen Schichten der Linse schrumpfen , peripher aber immer neue Fasern ge-
bildet werden, findet eine langsame Volumszunahme der Linse statt. Nur die
verhältnissmälsig jungen Linsenschichten vermögen regressive Metamorphosen ein-
zugehen; es kommt allmählich, etwa Mitte oder Ende der zwanziger Jahre zu einer
Scheidung in relativ unveränderlichen härteren Kern und veränderungsfähige
weichere Rindensubstanz, selbstverständlich ohne scharfe Grenze; eine chemische
Umwandlung ist dabei nicht vor sich gegangen. Daraus ergibt sich, dass je älter
das Individuum, um so weniger verschieblich die Linsensubstanz sein muss, was
Abnahme der Accommodationsfähigkeit : Presbyopie (Seite 29) bedingt. In spätem
Jahren nimmt der Linsenkern eine immer tiefer gelbe Farbe an, ohne erheblich
an seiner Durchsichtigkeit zu verlieren ; doch kann auch ohne Trübung im hohen
Alter die Sehschärfe etwa bis auf die Hälfte der normalen herabsinken. Zugleich
muss notwendigerweise die Empfindlichkeit für violettes Licht abnehmen. Eine
wirkliche Trübung in der Linse kommt normalerweise auch im höchsten Alter nicht
vor, kann aber bei Betrachtung mit Mosern Auge und bei seitlicher Beleuchtung
vorgetäuscht werden, dadurch, dass durch zunehmende Verschiedenheit im Brechungs-
vermögen zwischen Kittsubstanz der Linsensterne und Linsenfasern erstere sehr
viel deutlicher als scheinbare graue Trübung sichtbar wird. Ein Blick mit dem
Augenspiegel im durchfallenden Licht zeigt aber sofort das Fehlen jeder um-
schriebenen Trübung.
Die Linsenkrankheiten sind einerseits Gestalts- und Lage-
veränderungen, andrerseits Trübungen der Linsensubstanz; letztere
werden zusammengefasst als grauer St aar oder Cataract.
*) Die foetale Pupillarmembran auf der vordem Linsenfläche dient wesentlich
dem Wachsthum und der Ernährung der Hornhaut.
Knies, Augenheilkunde. 18
274 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Gestaltsaiioinalien, conische Form der Linse und Äelmliches
kommen gelegentlich angeboren vor. gehören aber zu den grössten
Seltenheiten. Häufiger wird eine P^inkerbung des Linsenrandes
gefunden bei C o 1 o b o m bildungen und verwandten Zuständen des Auges,
wenn sie sich auf den ciliaren Theil der Choroidea und auf den Ciliar-
körper erstrecken. In diesem Falle fehlt an der betreffenden Stelle die
Zonula Zinnii und die Linse nimmt hier, ihrer natürlichen Elasticität
überlassen, eine stärkere Wölbung an. Bei durchfallendem Licht ist
an Stellen, wo die Iris fehlt, der Linsenrand als zum Horuhautrande
concentrische scharfe schwarze Linie sichtbar, ähnlich dem Contour eines
Fetttropfens unter dem Microscop. An Stellen, wo die Zonula fehlt,
erscheint dieser schwarze Rand mehr oder weniger eingekerbt und
breiter, weil hier die Linse kugliger ist. Wie schon erwähnt, ist gleich-
zeitig Colobom der Uvea vorhanden, in andern Fällen Verschiebung der
Pupille nach der entgegengesetzten Seite, wobei letztere häufig Birn-
gestalt hat (Ectopia pupillae). Wie alle angeborenen Colobome
ist auch das der Zonula immer nach unten oder unten innen ; zuweilen
sind auch die Ränder der Zonula sichtbar. Derartige Fälle kommen
häutig ererbt oder mehrfach in einer Familie vor. Im weitem Verlaut
pflegt sich die Linse immer mehr loszulösen und schwankt sichtbar bei
Augenbewegungen, ebenso wie die ihrer Unterstützung entbehrende Iris.
An der Stelle, wo die Linse liegt, wird jene deutlich vorgedrängt, und
die Kammer ist sichtbar weniger tief. Wegen Kugelgestalt der Linse
besteht hochgradige Kurzsichtigkeit, oft mit starkem Astigmatismus.
Allmählich rückt die Linse nach der dem Colobom entgegengesetzten
Seite. Wenn nun der freie Rand in's Pupillargebiet kommt, tritt
monoculäres Doppelsehen ein. Neben der Linse, im linsenlosen (apha-
kischen) Gebiet besteht Hvpermetropie, in dem von der Linse noch be-
deckten hochgradige Kurzsichtigkeit, und weil der freie Linsenrand
zugleich als Prisma wirkt, fallen die beiden Bilder nicht auf, sondern
neben einander. Ist die Linse erheblich getrübt . so kommt natürlich
kein Doppeltsehen zu Stande. Früher oder später pflegt nämlich aus-
nahmslos die Linse sich zu trüben. Schliesslich^ (doch können hierüber
Jahrzehnte vergehen) kann sich die Linse vollständig loslösen und liegt
dann frei im Glaskörperraume auf dem Boden des Auges, von wo sie
nur bei Augenbewegungen aufgewirbelt wird und an ihrer runden Form
und den der Linseustructur entsprechenden Trübungen leicht zu erkennen
ist*). Diffuse und umschriebene choroiditische Veränderungen. Glas-
*) Zur Entscheidung, ob die Linse an Ort und Stelle ist, dienen die Pur-
k in je 'sehen Linsen bil der. die bei seitlicher Beleuchtung leicht zu erkennen
Luxation der Linse. 2 i 5
körpertriibungen . Glaskörperverflüssigung werden in solchen Fällen nie
vermisst; die Linse kann sich schliesslich mit der Stelle, wo >ie auf-
liegt, verlöthen und allmählich mehr oder weniger vollständig resorbirt
werden, wenn sie nicht durch Kalkablagerungen theilweise verkreidet.
Durch Fortleitung der schleichenden Entzündung weiter nach vorn
werden häufig chronisch glaucomatöse Zustände beobachtet. Viel acuter
treten letztere auf. wenn die Linse bei den Bewegungen des Äuge-
in die vordere Kammer begibt, was sich gar nicht selten zu ereignen
pflegt. Durch Rückenlage. Kopfschütteln u. dgl. erreicht man zwar
zuweilen den spontanen Rücktritt der Linse in den Glaskörper, besonders
wenn sie noch irgendwo festhängt: mei<t ist sofortige operative Hülfe
nöthig.
Die Behandlung ist Anfangs eine abwartende und beschränkt sich auf
die Correction der Refractionsanomalie durch Brillen. Bei weitgediehener
Loslösuog der Linse ist der Patient auf eventuelle acute Glaucomanialle
und die Notwendigkeit sofortiger operativer Behandlung vorzubereiten.
Eine Heilung ist nur möglich durch Entfernung der Linse. Dieselbe
ist verhältmssmäfsig am leichtesten, wenn sie sich in der vordem Kammer
befindet, falls noch nicht Verwachsungen mit den Wandungen derselben
stattgefunden haben. Liegt die Linse im (>lask<»rperraume . -
am besten mittelst einer durch die Sclera eingestosseneu Staarnadel
aufzuspießen und gegen die Cornea anzudrücken, damit sie sofort nach
Vollendung des Hornhautschnittes entfernt werden kann. Mehr oder
weniger Ausfliegen von verflüssigtem Glaskörper wird selten zu ver-
meiden sein: ausserdem kann die meist schon eingeleitete chronische
Uvealentzündung auch nach glücklich vollendeter Operation noch nach-
träglich zum Verlust des Auges führen, z. B. durch Xetzhautablösung.
Die Operation bleibt immer eine schwierige, und ihre Chancen sind,
einer gewöhnlichen Staaroperation gegenüber, weniger günstig: desshalb
ist häufig die Entscheidung schwierig, ob man noch zuwarten oder
operiren soll.
Bei jugendlichen Individuen habe ich mehrfach versucht, die Linse durch
Eröffnung der Kapsel zur Resorption zu bringen. Die flottirende Linse weicht aber
leicht aus. und die beigebrachten Kapselwunden klaffen nicht . wegen mangelnder
Spannung durch die Zonula. und heilen wieder zusammen.
Nach Becker werden die angeborenen Ortsveränderungen als
topia lentis bezeichnet, während den später eintretenden, oder durch
sind, ein aufrechtes von der vordem, und ein viel lichtschwächeres umgekehrtes
von der hintern Linsenfläche ; letzteres kann auch zur Entscheidung benutzt werden,
ob eine Trübung vor oder hinter der Hinterfläche der Linse sich befindet . da es
nur in letzterem Falle sichtbar ist.
276 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Trauma oder z. B. durch schrumpfende eyelitische Schwarten verur-
sachten der Name Luxatio lentis beigelegt wird. Andere brauchen
letzteren Namen für beide Formen. Von den Linsenluxationen durch
Verletzung, die in die vordere Kammer, unter die Conjunctiva. in den
Glaskörper, sogar durch einen äquatorialen Kiss unter die Sclera statt-
finden können . war schon die Rede ; ebenso von denen in die vordere
Kammer durch eyelitische Schwarten. Gelegentlich reisst auch die
Zonula nur theilweise ein, und wir erhalten das Bild des Coloboms
derselben. Auch hier gilt als Regel, dass die aus ihrer normalen Lage
entfernte Linse sich früher oder später trübt und, wenn sie im Auge
zurückgeblieben ist. zu Entzündungsprocessen in der Uvea, besonders
glaueomatösen Formen führt. Was im einzelnen Falle zu geschehen
hat. hängt davon ab, wie weit die andern Theile des Auges durch die
Verletzung in Mitleidenschaft gezogen sind.
Bei den Linsentrübungen, dem sogenannten grauen St aar
oder der Cataract, unterscheidet man traumatische und spontan ent-
stehende Formen. Die traumatischen Staare entstehen selten auf
die Art, dass sich bei unversehrter Linsenkapsel die Linsensubstanz
trübt (bei Blitzschlag, Glasbläsern u. s. w.) ; fast immer hat eine Er-
öffnung der Kapsel stattgefunden, woran sich dann die Staarbildung
anschliesst. Selbstverständlich kommen hier wesentlich Verletzungen
durch spitze Instrumente: Nadeln. Stahlfedern, Federmesser in Frage,
welche das übrige Auge verhältnissmäfsig unberührt lassen und nicht
infectiös sind. In solchen Fällen klafft die Kapselwunde, ihre Zipfel
schlagen sich nach aussen um, und es trübt sich der zunächst liegende
Theil der Rindensubstanz der Linse in Folge der ungehinderten Ein-
wirkung des Kammerwassers. Zugleich quillt die getrübte Linsensub-
stanz und ragt als graulichschimmerndes pilzförmiges Gebilde in die
vordere Kammer, wo sie zerklüftet, auf den Boden derselben fällt und
allmählich resorbirt wird. In dem Mafse als dies geschieht, trüben
sich neue Theile der Linse, quellen gleichfalls aus der Kapselwunde
hervor und zerfallen, und es kann so geschehen, dass im Verlaufe von
Wochen und Monaten die ganze Linse durch eine relativ kleine Kapsel-
wunde vollständig resorbirt wird. Doch kommt dies nur bei jugend-
lichen Individuen vor, so lange noch keine Kernbildung stattgefunden
hat. Je jünger das Individuum, um so rascher pflegt dieser Vorgang
abzulaufen; doch kann man auch im günstigsten Falle selten weniger
als zwei Monate rechnen. Der Zustand des Auges ist dann der der
Aphakie (Seite 35), und mit Staarbrillen kann vollkommen gutes
Sehvermögen vorhanden sein. Häufig tritt aber keine vollständige
Traumatischer Staar. 277
ption eiD. die Kapselwunde schliesst sich nach einiger Zeit, und
es treten innerhalb der Kapsel Wucherungen der äquatorialen Zellen
und der vordem Epithelzellen ein, die schliesslich zur Bildung streitigen
narbenähnlichen Gewebes mit Verkalkung führen und eine mehr oder
weniger dichte Trübung im Pupillargebiet zurücklassen. In andern
Fällen wird durch rasche Quellung und Trübung der Linsensubstanz
die Kapselwunde erweitert, und es können dann sehr stürmische Zustände
eintreten mit starker Ciliarinjection und Druck erhöh ung, die. wenn
sie übersehen wird, zur Ausbildung von Sehnervenexcavation und Ver-
lust des Sehvermögens führen kann. In andern Fällen sohl:
die Kapselwunde von selber, nachdem nur wenig oder keine Linsen-
inz ausgetreten ist. Durch eingedrungenes Kammerwasser hat
sich aber doch der Wundeanal getrübt und kann lange sichtbar
sein: häufig tritt auch noch weiterhin Trübung der der Verletzun.
nachbarten Linsenschichten ein. Diese Trübungen können im Laufe
von Monaten und Jahren ganz oder theilweise resorbirt werden. M
die Linse — von der manchmal nur der Kern zurückbleibt — wieder
annähernd normale Durchsichtigkeit erlangt. In Folge der Resorption
eines grossen Theils derselben hat aber ihre Brechkraft bedeutend ab-
genommen: ein vorher emmetropisches Auge kann auf diese Weise eine
Hypermetropie von 6—8,0 D und noch mehr erwerben: natürlich ist
die Accommodation dabei aufgehoben.
I-t Iris und Linse gleichzeitig verletzt, so pflegt an der betreffenden
Stelle eine hintere Synechie zu entstehen, die häufig zur Verlegung der
Kapselwunde führt, die weitere Trübung verhindert und als will-
kommenes Zeichen aufgefasst werden muss. Bei inficirten Wunden ver-
schlechtert Mitverletzung der Linse die Prognose erheblich, da die
Entzündungserreger in der gequollenen Linsensubstanz einen aus
günstigen Nährboden finden: meist wird dann schrumpfende Cyclitis
oder Panophthalmie eintreten.
Nicht so gar selten wird traumatischer Staar durch Fremdkörper
veranlasst, die entweder durch die Linse durchschlagen oder in ihr
stecken bleiben. Sind sie nicht infeetiös. so können sie lange Zeit in
der Linse verweilen, ohne dass mehr als der Wundcanal und ihre unmittel-
bare Nachbarschaft sich trübt: in andern Fällen tritt aber auch pro-
:ve Trübung der Linse ein. und das Sehen ist erheblich g-
Derartige Fremdkörper senken sich nicht selten im Laufe der Zeit, durch-
bohren von innen die Linsenkapsel und können dann, wenn sie Ciliar-
körper oder Iris berühren, heftige cyclitische Entzündungserscheinungen
hervorrufen. In andern Fällen bildet sich nur ein kleiner Abscess. durch
278 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
den sogar der Fremdkörper — meist an Stelle der ursprünglichen Ver-
letzung — spontan ausgestossen werden kann.
Ist der Fremdkörper von Eisen und klein, so kann er sich all-
mählich völlig in Eisenoxyd verwandeln, welches der Linse eine eigen-
tümliche Rostfarbe verleiht; bei grössern Eisensplittern tritt dies nur
th eilweise ein. Ebenso kann bei kupfernen oder messingenen Zünd-
hütchenfragmenten eine grünliche Färbung auftreten. Dieses Verhalten
kann unter Umständen zur Diagnose der Substanz des Fremdkörpers
dienen und Anhaltspunkte für die Therapie geben, weil z. B. bei Kupfer
der Magnet ohne jede Wirkung ist.
Ist die Linsen Verletzung klein, die Trübung und Quellung langsam,
so genügt ein ruhiges Verhalten des Auges und fortdauernde Beob-
achtung des Kranken. A tropin verwende man mit Vorsicht: Es be-
günstigt das Auftreten von Drucksteigerung und kann Synechien zum
Reissen bringen, welche die Kapselwunde verlegt haben, demnach statt
einer umschriebenen Linsentrübung eine Totalcataract veranlassen.
AVerden die Erscheinungen stürmischer bei rascher Quellung eines
umfangreichern Linsentheils, so ist Dunkelheit, Bettruhe und E i s an-
zuwenden; namentlich letzteres übt eine vorzügliche Wirkung aus. und
unter consequenter Eisbehandlung sieht man oft die heftigsten Er-
scheinungen sich rasch beruhigen. Immer controllire man sorg-
fältig den Augendruck, sonst kann es geschehen, dass nach
scheinbar friedlichem Verlauf nach Resorption der Linse Glaucomexca-
vation und Blindheit vorhanden ist. Bei Druckerhöhung hat man die
gequollenen Linsenmassen zu entfernen, entweder indem man eine
Iridectomie nach oben macht und gleichzeitig möglichst viel getrübte
Linsenmasse herauslässt, oder durch sogenannte einfache Linear -
ext r actio n. Man sticht nach Erweiterung der Pupille in der Mitte
zwischen Centrum und äusserem Rand der Hornhaut mit einer Lanze
ein. und lässt durch diese senkrechte, ca. 6 mm lange Wunde die ge-
trübte Linsensubstanz austreten; unter Schlussverband pflegt in wenig
Tagen Heilung einzutreten, und die Resorption nimmt ihren Fortgang.
Fremdkörper, die reactionslos in der Linsensubstanz festsitzen, lässt
man unberührt und controllirt nur von Zeit zu Zeit, ob sie keine Orts-
veränderung eingehen. Ist letzteres der Fall und nähern sie sich der
Kapsel, so ist die Linse zu entfernen, am besten in der unverletzten
Kapsel. Führt die Verletzung zu starker und rascher Trübung der
Linse, so ist gleichfalls die Entfernung der Linsensnbstanz sammt
Fremdkörper vorzunehmen. Zur Entfernung des letzteren benutze man
womöglich keine Pincette, am ehesten noch eine solche mit löftel-
Traumatischer Staar. 279
förmigen Branchen, sondern suche mit einem löffeiförmigen Instrumente
hinter denselben zu gelangen und ihn auf diese Weise heraus zu be-
fördern. Ein metallener oder gläserner Fremdkörper weicht nämlich
einer Pincette meist aus; geräth er hierbei in den Falz zwischen Iris
und Cornea, so wird er unsichtbar und ist dann nur schwierig, oft gar
nicht mehr aufzufinden. Bei Eisensplittern wird der Electromagnet
sehr vortheilhaft sein ; doch beachte man, dass Eisensplitter immer am
Aussenrande des Magnetstäbchens sitzen (weil hier die magnetische
Wirkung ein Maximum ist) und sich beim Herausziehen desselben leicht
an der Wunde abstreifen. Auch bedenke man. das- ein Stahlsplitter
selbst magnetisch sein kann, in welchem Falle er von einem Magnet-
pol abgestossen wird: folgt er demselben nicht, so ist der Strom um-
zukehren.
In einer Reihe von Fällen hat man bei Glasbläsern Staar
auftreten sehen und auf directe Einwirkung der strahlenden Wärme
zurückgeführt Nach physischen Gesetzen wirkt aber strahlende Wärme
auf durchsichtige Körper nur sehr wenig ein . wohl aber auf dunkle.
Wir müssen also den Angriffspunkt wohl in die pigmenthaltigen Mem-
branen des innern Auges verlegen . und so wäre die Staarbildung erst
ein secundärer Vorgang. Aehnliches gilt von der Oataract nach
Blitzschlag. Auch hier haben wir als Primäres Einwirkung der
electrischen Entladung auf die Muskelfasern anzunehmen: Maximalste
Contractur des Ciliarmuskels und der Gefässmuskulatur. War die Ein-
wirkung sehr heftig, so entwickelt sich Totalstaar: war sie weniger
intensiv, so kann sich die Trübung wieder aufhellen ; in letzterem Falle
hatte offenbar nur abnorme Verschiebung der Linsenelemente gegen-
einander stattgefunden, und die Trübung war Folge der Reflexion des
Lichtes an den Grenzen zwischen Linsenfasern und Intereellularsuhstanz.
In andern Fällen kommt die Staarbildung nach Blitzschlag erst viel
später zu Stande, nachdem vorher choroiditische Processe eingetreten
waren, und in der gleichen Form wie bei andern Uvealerkrankungen.
Unter den nicht traumatischen Staaren unterscheidet man zwischen
primären und secundären Formen. Von letzteren haben wir eine
grosse Anzahl schon kennen gelernt. Die yordere Polarcataract
(Seite 108) entsteht nach Perforation der Hornhaut im frühesten Kindes-
alter, eventuell sogar schon vor der Geburt; doch hat man sie auch
in seltenen Fällen bei Hornhautgeschwüren sich entwickeln sehen, die
nicht zum Durchbruch kamen.
Therapeutisch ist zu beachten, dass Entfernung der vorderen Polar-
cataract gleichbedeutend ist mit Eröffnung der Linsenkapsel. Ist nicht
280 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
durch eine optische Iridectomie das Sehen genügend zu verbessern,
was nur bei gut umschriebenen dichten, centralen Hornhauttrübungen
der Fall sein dürfte, so ist eine Staaroperation vorzunehmen. Der
häufig vorhandene Nystagmus zeigt Herabsetzung des Sehvermögens
auch ohne Spiegelbefund an; desshalb gibt vordere Polarcataract ver-
hältnissmäfsig selten Anlass zu einem operativen Eingriff.
Wenn nach langem Anliegen der Linse an der Hinterwand der
Hornhaut erstere mit letzterer verwächst, so pflegt bei Erwachsenen
später fast ausnahmslos mehr oder weniger vollständige Linsentrübung
sich einzustellen (ebenso Trübung der Hornhaut). Auch beobachtet
man zuweilen, dass die Linsensubstanz in der Nachbarschaft einer
hinteren Synechie sich trübt; meist handelt es sich dabei um chronische
iritische und cycli tische Processe, in deren weiterm Verlaufe mehr oder
weniger vollständige Staarbildung eintritt. Eine Linsentrübung, bei
welcher hintere Synechien bestehen, nennt man angewachsenen Staar —
Cataracta accreta.
Die Staarbildungen nach Uveal- und Ketinalkrankheiten
sind sehr mannich faltig. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sie
mit Vorliebe in der hintern Eindensubstanz der Linse beginnen und
einigermafsen der Acuität des Processes entsprechen. Da bei Staaren,
die Gegenstand einer Behandlung sein könnten, es sich lediglich um
weniger intensive und meist sehr chronisch verlaufende Erkrankungen
handelt, so wird auch die Staarbildung meist nur sehr langsam vor-
schreiten. Nicht selten findet man dabei auch die Innenfläche der
hinteren Kapsel von einem mehr oder weniger regelmäfsigen Epithel
überzogen. Während häufig die Entwicklung des Staares von der eines
spontan entstehenden nicht wesentlich verschieden ist, müssen doch
einige besondere Formen hervorgehoben werden.
Die hintere Polarcataract ist nicht immer Linsentrübung; in
einer Reihe von Fällen handelt es sich um Auflagerungen auf die
hintere Linsenkapsel. Es sind punktförmige oder grössere, rundliche,
wolkige, meist scharf begrenzte Trübungen an der Stelle des hintern
Linsenpoles. Wegen ihrer tiefen Lage ist meist Erweiterung der
Pupille nöthig, um sie mit seitlicher Beleuchtung ordentlich zu sehen,
während sie im durchfallenden Lichte sofort sichtbar werden (siehe
Seite 24). Wegen der Lage am hintern Linsenpole, der nahezu dem
Knotenpunkte des Auges, dem Kreuzungspunkte der ßichtstrahlen ent-
spricht, ist die Sehstörung immer eine sehr erhebliche; zuweilen wird
bei Erweiterung der Pupille besser gesehen. Zur Unterscheidung, ob
eine Trübung innerhalb oder ausserhalb der Linse liegt, kann öfters
Hinterer Corticalstaar. 281
das Purkinje'sche Reflexbild der hintern Linsenfläche benutzt werden
(Seite 274).
An die hintere Polarcataract schliesst sich meist früher oder später
hintere Corticalcataract an; wir sehen dann sternförmige, der Structur
der Linse entsprechende Trübungen, womit der Uebergang zu allge-
meiner Linsentrübung gegeben ist. Oft dauert es sehr lange, bis auch
die vordere Corticalis durchgängig getrübt, der Staar „reif" ist. Häufig
trüben sich bei choroidalen und retinalen Staaren immer nur einzelne
Parthien der Linsencorticalis , während die zwischenliegenden durch-
sichtig bleiben : wir bekommen dann ein Gitterwerk getrübter meridional
verlaufender Streifen, durch welche hindurch der Augengrund noch recht
gut zu erkennen ist, und die oft noch ein recht erträgliches Sehen ge-
statten. Man nennt diese Formen Critterstaar (Cataracta stellata).
Die einzelnen trüben Streifen können verschieden breit sein; je feiner
sie sind, um so langsamer nimmt die Trübung zu. Es kommen alle
Uebergänge vor zu den schmalstreifigen, äusserst langsam zunehmenden
Staarformen, wie man sie namentlich bei Myopie so häufig antrifft.
Wie direct Choroiditis z. B. mit der Staarbildung in Zusammenhang steht,
konnte ich an einem Falle beobachten, wo bei einem Individuum in mittleren
Jahren der ganze Augen grund normal war, bis auf einen grossen atrophischen
Heerd in der Choroidea, der innen unten ganz in der Peripherie lag. Nur im
Meridian dieses Heerdes war sectorenförmig Staarbildung eingetreten, während die
übrige Linse vollständig durchsichtig war. Desshalb beginnt auch bei Choroiditis
und Chorioretinitis im Augengrund die Staarentwicklung fast immer- am hintern
Pole und in der hinteren Corticalis.
Bei Uvealaffectionen in der Pubertätszeit und den folgenden Jahren,
die später ausheilen, namentlich bei Iritis serosa, entwickelt sich nicht
selten eine leichte diffuse Trübung in der Corticalis, die später grössten-
teils resorbirt wird und auf einzelne oder zahlreiche grauliche Punkte
und oft tröpfchenähnliche Flecken sich reducirt, die sogen. Cataracta
punctata. Sie kann lange Zeit unverändert bestehen, nimmt aber
später doch meist zu; 'letzteres ist characterisirt durch das Auftreten
strichförmiger Trübungen zwischen den punktförmigen und rundlichen.
Die Mehrzahl der anscheinend spontan auftretenden Staare in den
zwanziger, dreissiger und vierziger Jahren ist auf diese Aetiologie zu-
rückzuführen. Es sind vorwiegend weibliche Individuen. Die Anamnese
lässt bei dem nicht selten schleichenden und unmerklichen Verlauf der
Iritis serosa häufig im Stich, und nur einzelne Pigmentpunkte auf der
Hinterfläche der Hornhaut oder eine vereinzelte hintere Synechie gibt
die nöthigen Anhaltspunkte.
Die Staarbildung nach Ectopie und Luxation der Linse ist schon
2S2 X. Erkru g md der I
- ■ . "
ü düngen im Auge findet man nicht selten die Lins _
Sl rbildung wird 1
ier usurirt. imd es kann die ganze
:iiger durch eingewm: -chwulst-
n hat mehrfach b-
tan _ .erhalb - in wahre Knoehen-
lelt hat. doch kommt dies nur bei Er-
öffnung der K inte Bestandteile un-
2 s wird nur Verkalkung als
v- -■-.
. :hümliche Form secundärer Cataract ist da g _
BeMdktetaar v :.::.:■. ' zuweilen schon ange":
. in den fahren, zur Entstehung
stellt darin, dass eine umschr:
während Kern und Corticalis
. . ügend weiter Papille sieht mau im durch-
en runde, ziemlich -
grenzte Trübung, die in «:"- am lichtesten, am ßande in g -
_ überzeugt
Übung nicht in den ten ihren Sitz hat.
sondern dass iwisehefl I:>rand und derselben ein merklicher Zwischen-
raum : Znwe:^ ei und mehrere solcher Schicht-
staare in n auch nur der innerste Kern getrüb:
(Kernst aar g rauer Faden lern zum hintern Pole
•rhandenen Trübung, die
hränkt. ^ommt es häufig zur Ent-
Formen mit I
v tstaar kommt dann zu Staude, wenn v or üb ergeh e:
Eniälurangsstörungen der Linse eintreten, in deren Folge die _ -
h trübt : nach Hebu:. e rung wird v
norm: i Substanz _\ und ö gang kann sich :
lie Ernährungsstörung schon früh im in-
trauterinen Leben ich eine centrale Linsentn
:iracta m wächst diese mit vorderer und
im Wachsthume der Line
ar). I: 1er Kern
demnach ständlich, dass je jünger das
htstaar.
Individuum zur Zeit der Staarbildung ist. um so geringer der Durch-
3< hiehtstaares ist.
Im ersten Beginne ist die äusserste Cortiealis getrübt, die Form
- -hichtstaares wird erst später deutlich. So erinnere ich mich
eines 12 jährigen Kindes mit typischem Schichtstaar. bei dem in
früheren Jahren der Befund als Totalstaar gebucht worden war. In
einem andern Falle hatte ein 30 wöchentlicher Säugling vor zwei Monaten
an heftigen Krämpfen und Laryngismus gelitten: seitdem war Seh-
störung bemerkt worden. Es fand sich beiderseits dichte hintere
Corticalcataract und nur einzelne Streifen in der vorderen Cortiealis.
Die Linse war sichtlich gequollen. Sieben Wochen später war beider-
completer. sehr dichter Schichtstaar vorhanden. Ein Theil der
getrübten Linsensubstanz pflegt sich weiterhin zu resorbiren ; manchmal
bleibt nur ein feiner Schleier zurück oder nur punkt- und tropfenförmige,
in eiuer concentrischen Schicht angeordnete Trübungen, ähnlich wie bei
Cataracta punctata. Durch Resorption von Linsensubstanz leidet die
zur Accommodation nöthige Verschieblichkeit derselben; auch würde die
Kefraction durch Abflachung der Linse abnehmen, wenn dies nicht ge-
wöhnlich durch pathologische Axenverlängerung des Auges mehr als
geglichen würde.
Bei der Aetiologie des Schichtstaares spielt Rachitis eine gr
Rolle, nicht als Constitutionsanomalie. sondern durch die bei Schädel-
rachitis so häufigen Krämpfe (Gichter. Fraisen u. s. w.). Es ist nicht
die Erschütterung des Körpers, die hierbei eintritt, sondern es sind
heftige Krämpfe des Ciliarmuskels und der andern intraoeularen, viel-
leicht auch Gefässmusculatur, die in Betracht kommen. Dass bei all-
gemeinen Convulsionen auch Ciliarmuskelkrämpfe vorkommen, habe ich
mit dem Augenspiegel im epileptischen Anfalle nachweisen können.
Einigermal'sen analog wäre dann die Staarbildung nach Blitzschlag.
Aehnliche Veränderungen werden häufig an einem genetisch aequi-
valenten Organe ebenfalls bei Rachitis gefunden, nämlich am Schmelz
der bleibenden Zähne, namentlich der Schneidezähne. Dieselben
zeigen horizontale Streifen, in welchen ungenügende oder keine
Schmelzbildung stattgefunden hat. die mit Schmelzwülsten abwechseln
(rachitische Zähne). Diese von Homer entdeckte Zahnanomalie
führt früher oder später durch Caries zum Abbröckeln und Verlust der
Zähne, lässt sich demnach in spätem Jahren meist nicht mehr nach-
weisen.
Dieser Zahnbefund bei Schichtstaar ist zwar recht häufig, aber nicht constant ;
auch lässt sich keineswegs immer Rachitis oder deren Reste nachweisen. Schicht-
284 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
staarähnliche Trübungen kommen manchmal nach perforirenden Linsen Verletzungen
zu Stande, wenn die Kapselwunde sich bald wieder schliesst.
Der Sehichtstaar an und für sich bleibt stationär und zeigt keine
Neigung zu Fortschreiten der Trübung. Er rückt mit den Jahren etwas
gegen das Centnini der Linse, sein Durchmesser nimmt etwas ab, sonst
bleibt er aber unverändert Ausgeschlossen ist jedoch eine weitere
Staarbildung nicht; so gut wie bei einer normalen Linse können ge-
legentlich alle möglichen Staarformeu sich zum Sehichtstaar hinzu-
gesellen. Der Aetiologie entsprechend ist der Sehichtstaar meist doppel-
seitig.
Die Therapie des Schichtstaares wird später besprochen.
Die sogenannten primären oder spontanen Staare können zu
jederZeit auftreten; vorwiegend ist dies jedoch im höheren Alter, etwa
von der Mitte der fünfziger Jahre an. der Fall: Greisenstaar, Cata-
racta senilis.
Je nach dem Alter verhält sich die Staarbildung verschieden.
Angeborene Staare sind totale Linsentrübungen, die grosse Neigung
zu Schrumpfung und Verkalkung haben., und oft nur eine dünne, überall
von der wellig geschrumpften Kapsel überzogene Platte darstellen :
trocken hüls ig er St aar. Cataracta arida siliquata. Bei näherer
Untersuchung und nach Entfernung des Staares trifft man häufig choroi-
ditische Complieationen an, die wohl als das Primäre anzusehen sind.
Im Allgemeinen kann man daran festhalten, dass je jünger das
Individuum ist. desto rascher und vollständiger Linsen-
trübung eintritt. Hat einmal Kernbildung stattgefunden, also etwa
vom 30. Jahre an, so tritt nie mehr Totalstaar ein; der Kern bleibt
immer mehr oder weniger durchsichtig.
Das erste, was bei Beginn der Staarentwickelung beobachtet wird,
pflegt man als Separation des Kernes zu bezeichnen. Namentlich
im schrägen durchfallenden Lichte sieht man als schichtstaarähnliche
Trübung, nur weniger scharf und regelmäfsig, die Grenze zwischen Kern
und Binden Substanz, als Zeichen, dass der Uebergang letzterer in den
Kern nicht mehr in der normalen regelmäfsigen Weise vor sich geht.
Eine positive Trübung ist nicht vorhanden; das Licht wird lediglich
unregelmäfsig renectirt an der Stelle, wo verschieden dichte Medien
mit verschiedenem Lichtbrechungsvermögen unvermittelt an einander
grenzen. Nach einiger Zeit, nach Wochen oder Monaten, beobachtet
man, gewöhnlich zuerst im Aequator. das Auftreten von strichförmigen,
punktförmigen, wolkigen Trübungen, die bei seitlicher Beleuchtung grau,
im durchfallenden Lichte dunkel aussehen. Ihr Sitz ist zwischen Kern
Greisenstaar. 285
und Corticalis. Die Streifen sind von verschiedener Breite und schliessen
sieh der Linsenstructur an ; sie werden zahlreicher, breiter, oft von eigen-
thümlich graulichem Seidenglanz, und rücken allmählich in vorderer und
hinterer Corticalis in's Pupillargebiet vor, womit natürlich Sehstörimg
verbunden ist, die vorher vollständig fehlen konnte. Nicht immer verläuft
der Process so regelmäfsig; es können vorwiegend einzelne Theile oder
Sectoren der Linse sich an der Trübung betheiligen, es können zeitweise
lange Pausen in der Entwicklung eintreten u. s. w. Im Allgemeinen
kann man sagen, dass je breiter die getrübten Streifen sind, um sc
rascher progressiv (und um so weicher!) ist der Staar.
Im Anfange haben die Trübungen, wie gesagt, ihren Sitz zwischen
Kern und Corticalis; man kann z. B. deutlich den Zwischenraum
zwischen denselben und dem Pupillarrand erkennen: der freie Irisrand
wirft bei schräger Beleuchtung einen Schatten auf die Trübung. All-
mählich aber trübt sich die Corticalis vollständig, der Schlagschatten
der Iris ist nicht mehr sichtbar zu machen; man sagt, der Staar ist
reif (Cataracta matura). Natürlich kann man die „Reife" nur an der
vorderen Corticalis beobachten, doch pflegt gewöhnlich zu dieser Zeit,
meist schon vorher, auch die hintere Corticalis völlig getrübt zu sein.
Kernseparation und weit gediehene Aequatorialcataract können lange
ohne jegliche Sehstörung bestehen; häufig macht sich schon zu dieser
Zeit eine sehr lästige Blendung bemerklich, weil das in's Auge fallende
Licht in der unregelmäfsig brechenden Linse zum Theil diffus zerstreut
wird. Tritt Sehstörung im weitern Verlaufe ein, so muss dieselbe im
Verhältnisse zu der sichtbaren Linsentrübung stehen. Man erwirbt mit
der Zeit grosse Uebung in Beurtheilung dieses Verhältnisses, denn die
Linsentrübungen hindern natürlich die Augenspiegeluntersuchung in eben
dem Maise, wie das Sehen des Staarkranken.
Im Beginne der Staarbildung, zuweilen noch vorher, macht sich
nicht selten, namentlich bei jugendlichen Individuen und rasch pro-
gressiven Staarformen, eine auffallende Blähung mit Kugligwerden
der Linse bemerkbar. Die Iris ist vorgedrängt, meist trag reagirend
und leicht erweitert, und es tritt Kurzsichtigkeit auf. Die Re-
fractionszunahme kann 6— 10,0 D betragen. Presbyopische sind zuweilen
hoch erfreut, dass sie wieder ohne Brille lesen können; doch ist die
Freude meist von kurzer Dauer. Für den Arzt ist diese rasch auf-
tretende Refractionszunahme ein sicheres Zeichen drohenden grauen
Staares, auch wenn weder Kernseparation noch aequatoriale Trübungen
zu sehen sind.
X. Erkrankungen d
Bei reifem Sisare werden gewöhnlieh Finger nicht mehr gezählt:
doch muss Handbe g _ richtig erkannt und der Schein einer Kerzen-
tiamme im verdunkelten Baume auf mindestens 6 Meter mit Sicherheit
.n werden. n muss im ganzen Gesichtsfeld das Licht
einer Kerze richtig projicirt werdeu. ?».n>t sind Complicationen vorhanden.
Vom gewöhnlichen Verlaufe kommen allerlei Abweichungen vor.
_ I valis. die gewöhnlich eine breiige Masse darstellt.
kann sich verflüssigen. Man erkennt dies an der gleichmäfsigen. keine
Andeutung der Liusenstructur anzeigenden, bläulich oder gräulich wc
Trübung. War bei jugendlichen Individuen die ganze Linse catars
11t die Kapsel lediglich eine mit milchiger Flüssigkeit gefüllte
Blase dar. die bei der Buhe oft einen hypopyumähnliehen. mehr kreide-
u Bodensatz zeigt (Catar a c t a 1 a c te a , Milchstaar). Hatte
schon Kernbildung stattgefunden, so liegt der Kern als gelblicher
bräunlicher, mehr kugel- als linsenförmiger Körper am Boden
der mit milchiger Flüssigkeit gefüllten Linsenkapsel. Wenn der Patient
sinkt er zurück und ist nicht sichtbar: lä-st man aber den
b engen, so ist er leicht zuerkennen: Morgagni'scher Staar
iracta Morgagniana).
ium der 1 für operativ-
weil alle Corticalis getrübt und desshalb sichtbar ist. und man mit
Sicherheit controlliren kann, ob alle Staarmasse entfernt ist. Die
12 zu dieser Zeit kann noch eine recht verschiedene sein: breiig.
h. hart und bröcklig, und ist nicht immer mit Sicherheit
vorher zu erkennen. Während bei jugendlichen Individuen breitstr<
on nach l , Jahre völlige Keife erreichen können, kann
•ei sehr schmalstreifigen Jahrzehnte dauern, eigentliche Keife.
d. h. völlige Trübung der Corticalis. bei solchen überhaupt nie eintreten.
werden 1—3 Jahre zwischen rabjectiven Symptomen und
Reife vergehen.
Nach erlangter Keife pflegt allmählich mehr oder weniger Resorption
der getrübten Parthien einzutreten, die immer härter und bröckliger
Dies rtdrt sich durch oft sehr deutliche Abflachung des
überreifen taracta hypermatura). Im Laufe der Jahre
— doch U n. weil Leute mit vollendeter Alters-taar-
bildung nicht häufig noch sehr alt werden — kann gelegentlich eine erheb-
liche Aufhellung und ein leidliches Sehvermögen wieder eintreten.
Gleichzeitig mit di Sorption und Schrumpfung lockert sich die
Verbindung der Linse mit der Zonula Zinnii. Erst wird an der Iri>-
peripherie Schwanken bei Augenbewegungen (lri
isenstaar. 287
später auch an der Linse selbst. Letztere kann sogar spontan ihren
Ort verändern und im Auge zu Boden sinken, worauf das Pupillargebiet
frei wird, und mit Staargläsern sogar sehr gutes Sehvermögen erlangt
werden kann. Selbstverständlich sind aber jetzt auch alle Gefahren
einer luxirten Linse vorhanden (Seite 275). Derartige Vorkommnis.-.'
bleiben aber immer grosse Seltenheiten.
Häutig dagegen treten bei überreifen Staaren Wucherungsproi •
im vordem Linsenepithel auf, die zur Bildung eines sogen. Kapsel-
staares. Cataracta eapsularis. führen. Dieselben zeigen sich als kreide-
• ■ Punkte. Flecken und Streifen unmittelbar hinter der Kapsel.
Treten sie schon früher auf oder sind sie sehr entwickelt, so erregen
sie immer Verdacht auf Complicationen choroiditisclier und cyclitischer
Natur.
In seltenen Fällen ereignet es sich, dass ohne je sichtbare um-
schriebene Trübungen die ganze Linse sich in Kernsubstanz verwandelt.
Sie stellt dann ein« e . dunkelbraune Masse, oft mit einem Stiche
in's Rothe dar. die. wie der Augenspiegel zeigt, nur sehr wenig Licht
Auge lässt (Cataracta nigra).
Die spontanen Staare sind meistens doppelseitig und zeigen
auf beiden Augen ähnliches Verhalten; doch können lange Jahre zwischen
der Erkrankung des ersten und zweiten Auges vergehen.
Anatomisch handelt es sich bei der Staarbildnng zuerst um vermehrte Flüssig-
keitsaufnahme zwischen die Faserzüge der Corticalis in die Intercellularsubstanz.
Die Trübung ist zuerst nur eine optische durch Lichtreflexion an der Grenze zwischen
den stärker brechenden Linsenfasern und der schwächer brechenden Flüssigkeit
zwischen denselben. In diesem Stadium ist eine Wiederaufhellung möglich. Weiter-
hin verändern sich die Corticalisfasern : dieselben erscheinen zuerst wie bestäubt und
zerfallen dann in Myelinkugeln, Fetttröpfchen. Cholestearin- und andere Krystalle.
dagegen bleiben das vordere Epithel und die aequatorialen Zellen unversehrt. Der
Inhalt eines flüssigen Staares unterscheidet sich microscopisch nicht wesentlich
von andern; der Kern bleibt unverändert. Bei der überreifen Cataract treten
dann Wucherungsvorgänge im vordem Epithel auf. ähnlich denen bei der vordem
Polarcataract. Die Zellen theilen und vermehren sich in unregelmäfsiger Weise,
bilden Zellhaufen und Zellstränge, die später sich in faseriges Gewebe umwandeln
und verkalken, während an andern Stellen der gleiche Process sich wiederholt. Die
Kapsel wird in Falten zusammengezogen, sie selbst trübt sich aber nicht bei der
unten Kapselcataract. Nur zuweilen lässt sie unter dem Microscop eine fein-
streifige Strnctnr erkennen. Bei complicirten Staaren kann Kapselcataract auch
schon vor der Reife auftreten.
Höchst wahrscheinlich handelt es sich bei allen Staarformen um mehr oder
weniger secundäre Processe. gerade wie bei den Glaskörperkrankheiten. Der regel-
mäfsige Beginn im Aequator weist auf die Ciliarfortsätze und die Theile vor der
ora serrata hin. gerade so. wie bei rein choroidalen Cataracten fast ausnahmslos in
_ - - X. Erkrankungen d und der Linse.
der hintern Corticalis die Staarbildung ihren Anfang nimmt. Die betreffende G
ist aber für den Augenspiegel unzugänglich, und anatomische Untersuchungen fehlen,
so dass wir lediglich auf Vennuthungen angewiesen sind. Michel hat bei ein-
n Staaren nachg iass auf der betreffenden Seite Carotisatherom vor-
handen c»der. wenn beide: \ar. als auf der andern ; doch wird
n Andern bestritten. Atherom der Carotis macht schwerlich Cataract;
wir müssen dann wohl annehmen, dass intraoculäres Atherom auf der betreffenden
.en Grund abgibt. Sehr peripher liegerde Choroidalatrophie kann in ihrem
k Aequatorialeataraet veranla-
institutionelle Verhäl >n gleichfalls eine Rolle, worauf schon die
Doppelseitigkeit hinweist, und häufig wird die Disposition zur Staarbildung in
einem g Alter vererbt. Nicht selten wird gleichzeitig Albuminur
funden ; doch ist dies bei dem Alter der betreffenden Patienten nichts Wunderbares.
. n ist von Wichtigkeit Diabetes, der in einem ziemlichen Pr:
Staarbildung führt, die sich übrigens in Nichts von der bei Individuen ohne Diabetes
im gleichen Alter unterscheide" -ich meist um jüngere Leute hand
sind es gewöhnlich weiche, rasch pr ^taarformen. die im Anfangsstadium
eine deutliche Linsenblähung z _ i chemischer Untersuchung enthielten die
Augenflüssigkeiten meist deutlich Zucker; in der Linse selbst wurde er bald ge-
funden, bald vernii- eigentliche Zusammenhang zwischen Diabetes und
Staarbildung ist noch unklar.
Als Curiosität mag noch erwähnt werden das Zusammenvorkommen von Staar
mit gewissen Hautdegenerationen bei mehreren Gliedern der gleichen Familie, da
die Linse entwickelungsgeschichtlich ebenfalls ein Hautgebild
Diag: h ist zu beachten das Auftreten von Linsenquellung
mit M von Blendungserscheinungen schon vor dem An::
eigentlicher Trübungen. Die Untersuchung im durchfallenden Licht ist
nie zu versäumen : eventuell sind auch Mydriatiea zu Hülfe zu nehmen.
l>en sind überhaupt sehr zweckmafsig. um sich ein Urtheil über
se und C zu bilden. Je dunkler braun bei
seitlicher Beleuchtung der Linsenkeru erscheint, <1 _ und härter
•reiter die getrübten Cortdcali sind, um so
her pflegen si in.
Beim reifen Staare muss die Pupillenreaction auf Licht prompt
sein: man vergesse nie. Lichtschein und Protection zu prüfen:
sichtsfeldausfall nach unten ist wahrscheinlich Xetzhautabl« - a
solchem nach innen oben Sehnervenexcavation vorhanden. Centrale
me, z. B. bei Macula aö'ection. können leicht übersehen werden, da
nur diffuses Licht ins Auge gelai.
Prognostisch wichtig ist das Vorhandensein von Kapselstaar.
niner zu Torsicht auffordert. d im Allgemeinen schmal-
streifige Staare langsamer vorschreiten, als breitstreir e
schwer, eine einigermafsen genaue Zeitdauer bis -ife anzu_
man nicht den Patienten einige Male in mehrmonatlichen Zwischen-
31 aroperationen.
räumen untersucht bat. Man ie. eine Untersuchuri_
samnrtzustandes des Patienten vorzunehmen und versäume nicht die
Prüfung des Urins auf Zucker und Eiv
Eine causale Behandlung kommt eigentlich nur bei beginnen-
dem diabetischem Staar in Frage, imd in der That hat man zuweilen
mit der Besserung des Diabetes eine Wiederaufhellung der Linse ein-
n. wenn der Process noch in den ersten Anfangen war.
Im Beginne einer Cataract kann vorübergehend ein i\-
brille für die Ferne nöthig werden: gegen I -lendung
man eine blaue Schutzbrille tragen. Bei umschriebenen Staaren
kann man nicht selten zeitweise durch A. tropin, etwa al.
einen Tropfen, eine Besserung herbeiführen, wenn bei erweiterter Pupille
an der Trübung vorbeigesehen werden kann: dies gilt namentlich für
hintere Polar- und Corticalstaare. Ist die Trübung stationär und bei
erweiterter Pupille _ t. z. B. bei kleinen
Schichtstaaren, so kann ein* Irid ecto mi < -
zweckmässig sein. Ma lann bei maximaler Mydriasis mit Hülfe
ern und einer 3 .in welchem Meridian am
d wird, und legt in der gefundenen Sichtung die Iri-
mie an: nach oben besser nicht, weil die künstliehe Papille
rn Lide verdeckt würde.
: auch bei maximaler Mydriasis kein g? .(ige. gen
zu erreichen. - die Linse aus dem Pupillae _ uf operativem
*e entfernt werden. Dies kann auf 4 Arten geschehen:
1. Die Linse wird mit einer Nadel nach rückwärts in den
rraum versenkt: dies kann von der Hornhaut und von der S
ehen: Depressi linatio lenl
Die Linsenkapsel wird künstlich eingeschnitten und die L
tnz der Trübung und ion überlassen: D :itis.
Auch diese kann von der Hornhaut und von der Lederhaut her aus-
hrt werden.
ird eine Art Troieart durch die Hornhaut in die Linse ein-
. imd der Inhalt der Linsenkapsel ausgesogen
4. Die Linse wird durch einen mehr oder wenig v :hnitt
nach aussen beiordert: Extra et io len
Depression und Beelination werden kaum mehr geübt, weil einmal
die versenkte Linse wieder aufsteigen, und dadurch der Erfolg ve
werden kann, und dann, weil _e allen Gefahren einer luxirten
Linse (Seite _ d eignet sich nur für
kernl nur bei jugendlichen Individuen anwendbar.
290 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Auch die Suction ist nur in sehr beschränktem Umfang, bei total liüs-
sigen Staaren, anwendbar und wird selbst da selten ausgeübt. Der
Extraction sind alle Fälle vorbehalten, in denen die Discission nicht
ausführbar ist.
Bei einseitigem Staar kann man es dem Patienten überlassen, ob
er sich operiren lassen will, da ausser der Erweiterung des Gesichts-
feldes der Yortheil für ihn nicht gross ist. Er wird sich doch immer
des linsenhaltigen Auges bedienen. Eine „Amblyopia ex anopsia' ist
bei Erwachsenen nicht mehr zu fürchten. Ebenso wird man auch, wenn
ein Auge glücklich operirt worden ist, es vom Patienten abhängen
lassen, ob er auch auf dem andern operirt sein will; doch sind die
Meinungen hierüber verschieden.
Zur Ausführung der Discission, die gegenwärtig ausschliesslich
durch die Hornhaut gemacht wird, bedient man sich der sogen. Staar-
nadel (Eig. 4 d, Seite 8). Man sticht sie etwa in der Mitte zwischen
Hornhautmitte und -rand ein und macht eine kleine Oeffnung oder
einen Schnitt in die vordere Kapsel. Bei vorsichtiger Ausführung
braucht nicht einmal das Kammerwasser abzufliessen ; die kleine Horn-
hautwunde ist binnen 24 Stunden unter Verband geheilt. Der weitere
Verlauf ist dann der gleiche, wie bei traumatischer Cataract (Seite 276),
und ebenso die Behandlung. Schliesst sich die Kapselwunde wieder,
so muss die Discission wiederholt werden, eventuell mehrere Male.
Auch kann bei reichlichem Austritte getrübter Linsenmasse der
Verlauf durch einfache Linear extraction (Seite 278) abgekürzt
werden. Die Heilungsdauer ist nach dem Alter und individuell ver-
schieden und schwankt etwa zwischen einem und drei bis vier Monaten.
Für die Discission eignen sich alle weichen Staare jugendlicher
Individuen, besonders auch die nur partiellen, wie der Schichtstaar.
Da der Linsenkern schwer und jedenfalls nur sehr langsam resorbirt
wird, so ist das 30. Lebensjahr die äusserste Grenze für die Ausführung
der Operation. Bei über 20 Jahre alten Individuen, oder wenn mau
Complicationen fürchtet, empfiehlt es sich, etwa 6 — 8 .Wochen vorher
eine Iridectomie nach oben zu machen.
Die einfachste Form der Extraction, das Herauslassen getrübter
Linsenmasse aus der vorderen Kammer oder die einfache Linearextraction.
haben wir schon kennen gelernt. Im Allgemeinen unterscheidet man
Extraction mit möglichst in einem grössten Kreise des Augapfels ver-
laufendem sogenanntem linearem Schnitte : Linearextraction, und
solche mit Bilduug eines mehr oder weniger hohen Lappens : Lap pen-
ext ra et ion. Das Hauptcontingent für die Extractionen liefert die
Extraction des Staars. 291
Cataracta senilis, und wir werden in Folgendem lediglich von dieser
handeln.
Die extremen Schnittformen sind allmählich ausser Hebung gekommen. Zwischen
den extremsten Formen des Lappenschnittes (Fig. 29a) und dem Graefe-
Jacobson'schen peripheren Linearschnitte (Fig. 29b) sind schon alle möglichen
(und einige unmögliche) Zwischenlagen gelegentlich empfohlen worden. Gegen-
wärtig wird ziemlich allgemein ein mälsig hoher Lappenschnitt, etwa wie Fig. 29 c,
(unter dem Namen Linearextraction) gemacht, bald nach oben, bald nach unten,
bald im Bereiche der Sclera, bald noch in der Cornea, mit und ohne Conjunctival-
lappen, mit und ohne Iridectomie u. s. w. Es ist unmöglich, in's Einzelne einzu-
gehen, und müssen wir uns auf die Angabe der ausschlaggebenden Momente be-
schränken. Der L'nterschied zwischen Lappen- und Linearextraction hat wenig
Bedeutung mehr; man kann geradezu sagen: wird die Operation mit dem Grae fe-
schen Messer (Fig. 4a) und mit Iridectomie gemacht, so nennt man sie Linear-
extraction. wird sie mit dem Beer'schen (Fig. 4b) und ohne Iridectomie gemacht.
Lappenextraction. In Frankreich spielt gegenwärtig die Staaroperation
sogar eine politische Bolle, und die Linearextraction wird als methode prussienne
von der Lappenextraction, der methode francaise, unterschieden.
Je linearer der Schnitt ist, um so weniger klafft derselbe und muss
üb um so länger ausfallen ; umgekehrt wieder klafft ein zu hoher
Lappen allzuleicht und legt sich schwer an: alle extremen Schnittformen
sind also zu verwerfen. Am empfehlenswerthesten dürfte eine Schnitt-
form sein, ähnlich der Fig. 29 c, ein Lappenschnitt von 3— 4 mm Höhe
im Cornea-Scleralrande. Ihn noch peripherer zu legen ist nicht zu
empfehlen: er kommt dann dem Ciliarkörper zu nahe, kann Blutung
aus dem Leber 'sehen Venenplexus veranlassen und erleichtert ent-
schieden cystoide Yernarbung und Glaskörpervorfall. Einen Conjunetival-
lappen zu bilden ist unnöthig und kann, namentlich bei Leuten mit
venöser Hyperaemie des Kopfes. Kropf u. s. w. unangenehme Blutungen
zur Folge haben. Ist Glaskörpervorfall zu befürchten : bei überreifen
und traumatischen Cataracten, bei hochgradiger Myopie, bei Schlottern
der Irisperipherie oder der Linse, so verlegt man den Schnitt mehr in
die Cornea; der Lappen muss dann entsprechend höher werden. Für
Staare mit kleinem Kerne genügt ein kürzerer Schnitt: doch sind
19*
292 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Täuschungen in der Beurtheilung der Grösse sehr leicht. Im Zweifels-
falle mache man den Schnitt lieber zu gross wie zu klein. Den Schnitt
nach oben zu verlegen, ist im Allgemeinen vorzuziehen; doch ist die
Operation nach unten weniger gewaltsam, gestattet schonende Besich-
tigung der Wunde nach der Operation und kann ohne Assistenz (auch
mit Iridectomie !) ausgeführt werden.
Unter allen Umständen rathe ich, eine Iridectomie zu machen : >ie
braucht nicht gross zu sein, mnss aber so vollständig als möglich ge-
macht werden, damit der Iristumpf nicht mit beiden Wundlippen ver-
kleben kann, weil sonst cystoide Vernarbung eintritt. Bei peripherem
Schnitte muss Iridectomie gemacht werden, bei intracornealer Lage
desselben ist sie nicht absolut nöthig. Da aber gegenwärtig, wo wir
Wundinfection ziemlich sicher vermeiden können, die Complicationen,
die durch Iriseinheilung eutstehen, weitaus die schlimmste Rolle spielen,
und da Irisvorfall durch Sprengung der Wunde auch nach der Operation,
während der Nachbehandlung, sehr häufig vorkommt, so ist es unsere
Pflicht, dieser Eventualität möglichst vorzubeugen. Sind doch die
Hauptgründe gegen die Iridectomie cosmetischer Natur ! Von optischen
Xachtheilen lässt sich wenig sagen ; einzig unangenehm kann gelegent-
lich eine lange dauernde Irisblutung sein.
Der Staar kann mit und ohne Kapsel entfernt werden ; ersteres
ist die radicalere, aber auch eingreifendere Operation, weil etwa in der
Hälfte der Fälle Glaskörper dabei austritt. Sie ist angezeigt bei allen
geschrumpften Staaren, deren Verbindung mit dem Glaskörper und der
Zonula gelockert ist, und bei nicht völlig getrübten Staaren, wenn deren
Entfernung nöthig ist, also namentlich bei beweglichen und bei allen
überreifen Staaren. Ausserdem ist sie sofort vorzunehmen, wenn
vor Vollendung der Staaroperation Glaskörper vorfällt. Man geht am
besten mit einem löffeiförmigen Instrumente hinter die Linse und hebelt
sie heraus. Verlust von Glaskörper, namentlich wenn derselbe verflüs-
sigt ist. wird zwar oft ohne Schaden ertragen; wahrscheinlich aber ist
er in einer Reihe von Fällen doch der Ausgangspunkt für schleichende
Entzündungen, die nach Monaten noch zu Verlust des Auges führen
können, nachdem der unmittelbare Erfolg der Operation ein guter ge-
Avesen war.
Will man, wie gewöhnlich, die Kapsel nicht mit entfernen, so
muss sie eröffnet werden und zwar so, dass womöglich im Pupillar-
gebiete keine Kapselreste bleiben, und dass Kapselfragmente nicht in
der Wunde einheilen können, w r as zu chronischen Reizzuständen und
Entzündungen Veranlassung geben kann. Die Kapseleröffnung kann
Extraction des Staars.
schon während der Schnitt führ nng mit der Spitz
schehen. falls man keine Iridectomie machen will; im anderen Falle
benutzt man dazu ein besonderes Instrument, das Cystitom. Fig 4£
Seite 8, mit dem man die Kapsel an der beabsichtigten Stelle ein-
Sehr vortheilhaft sind auch Instrumente, mit welchen man ein
Stück der vorderen Kapsel herausschneidet ; doch dürften dieselben noch
handlicher construirt werden.
Da es nicht selten wünschenswerth ist. eine noch unreife Cataract zu ent-
fernen, völlige Trübung der Corticalis aber die Chancen der Operation bessert, so
hat man für solche Fälle vorgeschlagen, den Staar künstlich zur Reife zu
bringen (Förster). Dies geschieht, indem man das Kammerwasser ablä.sst und
das Auge bei eröffneter Kammer energisch reibt, entweder mit Hülfe des oberen
- direct mit einer Sunde oder einem Kautschuklöffel. Man kann auch
durch energisches Reiben des Auges nach der Iridectomie einen unreifen Staar zu
lliger Trübung bringen und dann extrahiren. Weniger zu empfehlen i?t
^aares und Extraction. wenn derselbe sich genügend getrübt hat:
wegen der Gefahr glaucomatöser Zufälle muss ein solcher Kranker unter ständiger
Ueberwachung bleiben, und die Extraction kann nothwendig werden, ehe noch ge-
nügende Trübung eingetreten ist.
Bei voraussichtlich schwierigen und gefährlichen Extractionen.
zu möglichst grosser Sicherheit, z. B. wo nur ein Auge vorhanden ist.
kann man die Operation theilen. und die Iridectomie für sich allein 6
bis 8 Wochen vor der Extraction vornehmen, sog. praeparatorische
Iridectomie. Es i-t aber nicht nöthig. dies als allgemeine Regel
für alle Staarextractionen einzuführen.
Chlor oformnar cos e wende man nur an. wenn es sich nicht
anders machen lässt. dann aber auch möglichst tief und vollständig.
Brechbewegungen vor Vollendung der Operation können durch Glas-
körperblutung und -Vorfall den Verlust des Auges herbeiführen: dies
kann sogar noch unter einem sorgfältig angelegten Verbände stattrinden.
Die Staaroperation ist nicht besonders schmerzhaft: das Unangenehmste
ist das Einlegen des Lidhalters und das Fassen der Bindehaut. Beides
kann durch Cocain so gut wie unempfindlich gemacht werden. Doch
genügen von letzterem ein bis zwei Tropfen unmittelbar vor der Operation
— etwa 3 Minuten vorher — eingeträufelt. Jedenfalls darf man keine
Cocainmydriasis bekommen, weil dann die unempfindliche Iris sich nur
schwer reponiren lässt und gern in die Wunde einheilt. Zu diesem
Zwecke kann man auch das Cocain zusammen mit einem Mioticuni. wie
Morphin oder Eserin. anwenden.
Der Gang der Staarextraction wäre etwa folgender: Xachdem
vorher alle Complicationen von Seiten der Lider, der Conjimctiva und
294 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
der Thränenwege geheilt sind, desinficire man sorgfältig die Umgebung
des Auges (Seite 6) und träufele dann ein bis zwei Tropfen Cocain
ein. Zuerst wird ein Sperrelevateur (Fig. 2, Seite 7) eingelegt, Beim
Schnitte nach oben ist Fassen der Conjunctiva mit der Fixirpincette
nicht gut zu entbehren, besonders wenn man iridectomiren will. Auch
muss der Patient schon vor der Operation daran gewöhnt werden, nach
abwärts zu sehen, wobei sich manche Individuen wunderbar ungeschickt
anstellen. Beim Schnitte nach unten ist dies nicht nöthig. Indes be-
steht absolut kein Grund, sich durch Unterlassen der Fixation die
Operation zu erschweren, ohne dass der Patient davon Yortheil hat.
Man führe dann den Schnitt in gewünschter Ausdehnung aus, beim
Beer'schen Messer in einem Zuge, beim Graefe 'sehen mit möglichst
langen sägeförmigen Zügen unter Vermeidung allzu plötzlichen Abflusses
des Kammerwassers. Jetzt kommt die Iridectomie an die Keine. Hat
man sie vollendet, so träufele man wieder einige Tropfen Desinficiens
ein, und suche dann die Iris, wenn sie nicht von selbst zurückgeht,
durch sanftes Keiben der Cornea mit dem Kautschuklöffel zu reponiren.
Gelingt dies nicht, so muss man mit einem spateiförmigen Instrumente
(Fig. 4i) die Wunde lüften und die Iris zurückbringen. Man schreite
nicht eher zur Kapseleröffnung, bevor nicht beide Irisecken vollständig
genau an ihrem richtigen Orte sind. Statt der Kapseleröffnung kann
jetzt auch die Extractio cum Capsula ausgeführt werden. Die Kapsel-
eröffhung mit dem Cystitom macht man am besten in querer Richtung
in der Nähe der Schnittwunde: die Linse kann leichter austreten und
es gelangen nicht leicht Kapselfetzen in die Wunde; letztere sind bei
ihrer Durchsichtigkeit während der Operation selten zu sehen und
machen sich erst beim Heilungsverlaufe unangenehm geltend. Durch
leichten Druck auf den, der Wunde gegenüberliegenden, Hornhautrand
bringt man den Linsenaequator in die Richtung der Operationswunde,
worauf der Linsenkern mit mehr oder weniger Corticalis austritt (Ent-
bindung der Linse). Jetzt entfernt man Sperrelevateur und Fixations-
pincette — was man auch schon vor der Linsenentbindung, bei Ex-
traction nach unten auch schon vor der Kapseleröffnung thun kann —
und lässt das Auge einige Augenblicke ausruhen, während welcher man
ein mit antiseptischer Lösung befeuchtetes Läppchen auflegt. Ist noch
Corticalis zurückgeblieben, was meistens der Fall sein dürfte, so ist
dieselbe durch vorsichtiges Streichen mit dem oberen oder unteren Augen-
lide nachträglich zu entfernen.
Je vollständiger dies gelingt, um so glatter und reiner wird der
Heilverlauf; man verwende desshalb grosse Sorgfalt darauf. Doch ist
Extraction des Staars. 295
es nicht nöthig, die Kammer mit antiseptischer Flüssigkeit (Subli-
mat 0,2°/ 00 ) förmlich auszuspülen, wie dies in neuester Zeit wieder
empfohlen worden ist. Ist alle Corticalis nach Möglichkeit entfernt,
so sehe man nach, ob die Irisschenkel richtig liegen, reponire sie wenn
nöthig, entferne mit einer feinen Pincette alle entfernbaren Blutgerinnsel,
spüle den Conjunctivalsack nochmals mit etwas antiseptischer Lösung
aus und lege einen beiderseitigen Schutzverband an. Waren vorher
infectiöse Conjunctivae oder Thränensackleiden vorhanden , so stäubt
man etwas Jodoform ein.
Man thut immer gut, nach ausgeführter Toilette des Conjunctival-
sackes und vor Anlegung des Verbandes eine vorläufige Sehprüfung zu
machen, wenn dies der Zustand der Hornhaut gestattet. Ein Staar-
operirter soll mindestens Finger in zwei Fuss Entfernung zählen können.
Zuweilen wird subjectives Blau sehen beobachtet, indem nach Ent-
fernung eines tiefbraunen Kernes die Complementärfarbe auftritt.
Von üblen Zufällen bei der Operation seien erwähnt: zu
kleiner Schnitt; derselbe muss sofort mit einer feinen Scheere er-
weitert werden. Schon nach Abfluss des Kammerwassers kann die
Hornhaut faltig einsinken: häufiger geschieht di es erst n ach der
Linsenentbindung. Dies kommt vor bei sehr alten Leuten und als
Zeichen vorzeitiger Senilität und verminderter Widerstandsfähigkeit der
Gewebe auch schon bei jüngeren; namentlich bei letzteren wird die
Erscheinung nicht gerne gesehen. Ursache ist Starrheit der Sclera. die
in Folge davon ihre Elasticität verloren hat. Wegen der mangelnden
Vis a tergo muss zur Entfernung der Linse bedeutend grösserer Druck
auf das Auge ausgeübt werden. Die Hornhaut kann derartig einsinken.
dass man eine Fingerspitze hineinlegen könnte. Wie bei einem ein-
gedrückten Gummiballe wird eine Saugwirkung ausgeübt und dadurch
intraoculare Blutung begünstigt. Auch wird nicht selten von aussen
her Blut oder eine Luftblase in die vordere Kammer eingesaugt, was
aber in einigen Tagen spurlos resorbirt wird. Meist hat trotz Allem
das Einsinken der Hornhaut keine weitereu Xachtheile.
Blutungen können jederzeit während der Operation eintreten:
solche aus der Conjunctiva (bei Bildung eines conjunctivalen Lappens)
und aus der Iris können die Ausführnng der Operation stören, und man
muss zuweilen abwarten, bis sie aufgehört haben. Prognostisch sind
sie von geringer Bedeutung. Blut in der vorderen Kammer wird in
einigen Tagen resorbirt. Kleine Blutungen in den Glaskörper machen
Glaskörperflocken, grössere dagegen können Netzhautablösung, selbst
296 3L Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Haemophthalmus (Seite 231) bewirken, was aber meist erst nach der
Heilung entdeckt wird.
Glaskör per vor fall erfordert sofortige Beendigung der Operation
durch Entfernung der Linse mit der Kapsel: man pudert etwas Jodo-
form ein und legt einen nassen antiseptischen Verband an, den man.
wenn möglich, einige Tage liegen lässt. Zeigt sich nur Glaskörper in
der "Wunde, ohne dass die Hyaloidea gesprengt ist, so gelingt es zu-
weilen noch, nach Beseitigung von Elevateur und Fixirpineette die
Operation normal zu Ende zu bringen; im anderen Falle ist ebenfalls
Extra ction mit der Kapsel zu machen. Namentlich bei verflüssigtem
Glaskörper kann trotz grossen Glaskörperverlustes das Endresultat noch
ein überraschend gutes werden; in anderen Fällen kommt es zu intra-
oculärer Blutung und Xetzhautablösung. Unangenehmer ist Vorfall von
wenig Glaskörper von normaler Consistenz, der sich nur sehr langsam
abstösst, die Heilung verzögert und auch später noch chronische Uveal-
entzündnng und Xetzhautablösung veranlassen kann. Durch Abschneiden
des vorgefallenen Glaskörpers kann die Heilung der Wunde beschleu-
nigt werden.
Bei Cataracta M o r g a g n i a n a (Seite 286) ist Extraction mit der
Kapsel oft vortheilhaft, weil der in der Flüssigkeit schwimmende Kern
fast rund ist und sich schwer in die Wunde einstellt. Bei Cataracta
lactea (Seite 286) mache man einfache Linearextraction mit gleich-
zeitiger Eröffnung der Kapsel; discidirt man bloss, so werden durch den
Bodensatz der Flüssigkeit die Maschen des Fontana'schen Raumes
verstopft, was glaucomartige Zufälle veranlassen kann. Die Cataracta
arida siliquata (Seite 284) wird ebenfalls durch einfache Linear-
extraction entfernt; man fasst sie mit einem Häkchen, zieht sie langsam
und vorsichtig zur Wunde heraus und schneidet sie ab. Für Discission
ist sie meist zu hart, weil verkalkt. Die Entfernung luxirter Staare
ist schon Seite 275 besprochen.
Bei Cataracta accreta (Seite 280) ist, wenn sich die Ver-
wachsungen nicht leicht lösen lassen, mit dem Irisschnitte zusammen
ein Stück Linsenkapsel zu entfernen, was gewöhnlich so geschieht, dass
der Schnitt gleich durch Hornhaut, Iris und Linse geführt wird.
Bei ganz normalem Heilverlaufe lässt mau den Patienten etwa
6 Tage mit verbundenen Augen zu Bett; dann kann derselbe aufstehen,
der Verband wird noch einige Tage aus Vorsicht für die Xacht ange-
legt, und nach 2 bis 3 Wochen kann die Entlassung stattfinden. Ueber
Aphakie siehe Seite 35. Häufig ist Astigmatismus vorhanden, da der
Hornhautlappen gegen die sclerale Wundlippe etwas vorsteht, die Hörn-
Extraction des Staars. 297
haut also im verticalen Meridian abgeflacht ist; doch pflegt derselbe
später zu „verwachsen".
Von abnormem Heilverlaufe wäre zunächst die sogenannte
Streifenkeratitis zu nennen. Es treten streifige grauliche Trü-
bungen der Hornhaut auf, die im Allgemeinen in der Richtung von
der Wunde zu der Stelle verlaufen, an der die Conjunctiva mit der
Pincette gefasst wurde; sie können fast die ganze Hornhaut bedecken.
Es handelt sich dabei nicht um zellige Infiltration, sondern nur um
Flüssigkeitsansammlung zwischen den Hornhautlamellen (Becker.
Laqueur); man würde die Affection demnach besser als streifiges
Oedem bezeichnen. Es wird bedingt durch Quetschung der Hornhaut,
besonders bei schwieriger Linsenentbindung, und kommt desshalb sehr
viel häufiger bei der Extraction nach oben vor. So lange sich die
Wunde noch nicht geschlossen hat, wird es nicht beobachtet, weil die
intracorneale Flüssigkeit frei abfliessen kann (Homer). Die Prognose
ist fast immer günstig, eine besondere Behandlung nicht nöthig.
Schlimmste Complication der Staaroperation istlnfection während
derselben; in leichteren Fällen tritt nur plastische Iritis auf, die durch
Atropin in Schranken gehalten werden kann; in anderen tritt Ver-
legung der Pupille ein, die ganz nach der Operationsnarbe verzogen
wird. Ist dabei Liehtschein und Projection gut, so lässt sich nicht
selten nach Ablauf der Entzündung durch Iridotomie helfen. Mit
Graefe's Messer oder, nach vorheriger Eröffnung der Kammer, mit
Wecker' s Iridotom wird die Iris quer eingeschnitten, weil dem
Narbenzuge entsprechend eine quere Wunde klafft.
In anderen Fällen kommt es zu infectiöser traumatischer Cyclitis
(Seite 234), wobei Hornhaut und Iris die Eingangspforte sein kann.
Wegen drohender sympathischer Entzündung kann sogar die Enukleation
des operirten Auges nothwendig werden. Bei intensiver Infection kommt
es zu Panophthalmie und Phthisis bulbi. Zuweilen gelingt es bei Be-
ginn der infectiösen eitrigen Iritis durch Sprengung der Wunde, Ent-
fernung des gerinnenden Kammerexsudates, sorgfältige Desinfection und
Cataplasmen Heilung herbeizuführen; meist ist bei ausgesprochenen
Formen die Therapie ohnmächtig.
Zurückgelassene Linsenreste resorbiren sich langsam ; wenn
hierbei auch nur die geringsten Reizerscheinungen vorhanden sind, muss
das Auge unter steter Controlle bleiben, um auftretende Entzündung,
meist Iritis, zweckentsprechend zu behandeln. Zu frühe Entlassung
Staaroperirter rächt sich später nicht selten in unangenehmer Weise.
298 X. Erkrankungen des Glaskörpers und der Linse.
Seitdem sorgfältige Desinfection vor, während und nach der Ex-
traction allgemeine Kegel geworden ist, werden infectiöse Iritis und
Cyclitis, früher die schlimmste Complication, immer seltener; häufiger
sind die leichteren, plastischen Formen. Dagegen ist gegenwärtig un-
angenehmstes Ereigniss Iriseinheilung. Wo keine lridectomie ge-
macht wird, tritt sie häufig ein; aber auch bei lridectomie und sorg-
fältigster Reposition der Iris kommt sie vor, und zwar durch Wund-
sprengung während des Heilverlaufs. Vor definitivem Wundschluss
kommt es nicht selten zu Ansammlung des Kammerwassers, das bei
einem gewissen Druck die Wunde sprengt und spontan abfliesst. Hier-
bei können sehr leicht ein oder beide Iriswundwinkel in die Wundecken
eingeschwemmt werden und einheilen. Wie beim Glaucom (Seite 214)
tritt dann cystoide Vernarbung ein, die zu Keizzuständen des
Auges führen, gelegentlich auch ernstere Entzündungen veranlassen und
nachträglich noch operatives Eingreifen nöthig machen kann.
Es kann nicht Absicht sein, alle möglichen Vorkommnisse bei und
nach der Staarextraction zu behandeln, sondern es wurden nur einige
der wichtigsten hervorgehoben. Zum Zeichen, dass hierbei auch an
entferntere Möglichkeiten gedacht werden muss, sei erwähnt, dass Staar-
operirte nicht gerade selten wenige Tage nach der Operation an
hypostatischer Pneumonie erkranken und sterben ; wo dies zu
befürchten ist, muss durch häufige Lageänderung und kräftige Kost
vorgebeugt werden.
Auch nach glücklich abgelaufener Staaroperation kommt es nicht
selten nachträglich noch zu Trübungen im Pupillargebiet, zum soge-
nannten Nachstaar (Cataracta secundaria). Es sind zum Theil
kapselstaarähnliche Bildungen (Seite 287), zum Theil auch Präcipitate
auf die Hinterwand der hinteren Kapsel, denn man findet nicht selten
auch leichte choroiditische Erscheinungen. Der sogenannte Krystall-
wulst kommt weniger in Frage, da er zu peripher liegt. Mit diesem
Namen bezeichnet man eine meist ringförmige Verdickung an Stelle
des früheren Linsenäquators. Sie kommt zu Stande durch Wucherung
der zurückgebliebenen äquatorialen Bildungszellen der Linse, die zu
grossen, sich gegenseitig abplattenden, blasenförmigen, kernhaltigen und
kernlosen Gebilden anschwellen. Zuw r eilen kann man sogar von förm-
licher Neubildung von Linsensubstanz sprechen.
Der Nachstaar stellt eine mehr oder weniger getrübte Membran
dar, die öfter mehr durch Fältelung und unregelmässige Lichtbrechung,
als durch eigentliche Trübung Sehstörung veranlasst. Die Therapie
besteht darin, dass bei erweiterter Pupille unter Cocain eine Oeftnung
Orbita. 299
im Xachstaar hergestellt wird. Dies kann mit der Discissionsnadel ge-
schehen; bei derberen Membranen mit dem Gräfe' sehen Messer oder
durch Zweinadeloperation (two needles Operation). Bei letzterer
sticht man mit zwei Nadeln von entgegengesetzten Seiten der Horn-
haut nach der nämlichen Stelle des Nachstaars. und sucht diesen durch
Entfernen der Nadeln zu zerreissen. Zerrung des Ciliarkörpers wird da-
durch vermieden. Wäre der Nachstaar sehr dicht, so müsste man ihn.
wie eine Cataracta arida siliquata mit dem Häkchen ausziehen (Seite 2<X>)
oder, wie bei einer Iridotomie (S. 297). zerschneiden. Bei genügenden
antiseptischen Cautelen wird die kleine Wunde in wenig Tagen heilen.
Bei einfacher Nadeldiscission kann schon nach 24 Stunden der Verband
weggelassen werden. Dagegen kommt es nicht selten vor. dass. wenn
nach der eigentlichen Staaroperation Entzündungserscheinungen einge-
treten waren, die anscheinend längst geheilt sind, dieselben durch Nach-
staaroperationen wieder angefacht werden. Dies ist im einzelnen Falle
wohl zu berücksichtigen.
XL Erkrankungen der Orbita.
Die Augenhöhle oder Orbita enthält ausser Fettgewebe die verschiedenen
vom und zum Auge gehenden Muskeln . Gefässe , Nerven und Lymphgefässe.
Fig. 30 gibt einen horizontalen Durchschnitt derselben in natürlicher Grösse.
Fig. 30.
Die äussere Wand wird vuin Jochbein und grossen Keilbeinflügel gebildet, die
obere vom Stirnbein, die innere vom Thränenbein . Stirnfortsatz des Oberkiefers
XI. Erkrankungen der Orbita.
und der Lainina papyraeea des Siebbeins. Der Boden der Orbita setzt ?ich aus
dem Oberkieferbein und dem Processus arbitalis des Gaumenbeins zusammen. All
Knochen sind von einem Periost Überzügen, das am Fomnen nervi optici in die
Dura mater übergeht und mit der Duralseheide des Sehnerven fest verwachsen ist.
Nach vorn ist die Orbita abgeschlossen durch eine Faseie. die tod den freien Orbital-
rändern sich zu den Lidknorpeln h _ aentum tars*;»-orbitale). Die Fissura
•.»rbitalis inferior wird von einer Faseie überzogen, die reichlich glatte Musbr".
enthält: dieselben werden vom Sympathicus innervirt. und ihre Zusammenziehun?
-was vurtreten.
:nerv und Arteria «.»phthalmiea treten dmV: anen opti
übrig- n durch die Fissura orbitalis superiur aus der Schädel-
hühle in die Orbit».
Bei Verletzungen kommen nicht selten Brüche der Orbital-
wände vor mit oder ohne gleichzeitige Verletzung der Weicbtheile.
Man rindet dann beim Betasten der knöchernen Orbitalwände eine
schmerzhafte Stelle: öfters wird auch Verschieblichkeit des Knochens
und Crepitation gefühlt. Ist gleichzeitig eine der benachbarten luft-
haltigen Höhlen geöffnet, so tritt, wie wir schon bei den Lidkrankheiten
_ -ehen haben, nicht selten Emphysem der Lider und
htes ein. Dies kann von der Highmore'shöhle. Nasen-
höhle, Stirnbeinhöhle, den Siebbeinzellen und dem Thränensack ausgehen.
Sehr selten dagegen ist Emphysem der Orbita; von einem bl
Bluterguss unterscheidet es sich durch das plötzliche Entstehen un-
mittelbar nach Schneuzen. Xiessen oder Erbrechen. Es kann sehr
schmerzhaft sein. Dass bei Schädelbasisfracturen häufig das Foramen
opticum betroffen wird, was zu Sehnervenatrophie führt, ist schon Seite
257 erwähnt.
itarrh der Stirnhöhlen ist deshalb von Wichtigkeit, weil
er häufig Ursache von Supraorbitalneuralgie (Seite
ht Empyem der Stirnhöhlen und ist von der Nase aus durch
Sondiren kein Abfluss zu erreichen, so müssen dieselben von a
her geöffnet werden. Gesichert ist die Diagnose, wenn es zu Auf-
treibung des Knochens gekommen ist, oder wenn der Knochen usurirt
ist. und die ausgedehnte Schleimhautauskleidung cystenartig prominirt.
Zuweilen findet spontane Perforation statt und der Eiter entleert
nach aussen oder in die Orbita und später in den Conjunctivalsack ( Stirn-
höhlenflstel).
tri es und umschriebene Periostitis der Orbitalknochen sind
keine seltene Erscheinung. Bei Scrophulösen. hereditär Syphilitischen,
selten bei sonst Gesunden bildet sich, meist dem imtern Orbitalrand
entsprechend, eine diffuse geröthete Geschwulst, die langsam w
später aufbricht und sich zur Fistel ausbildet; die Sonde stösst auf
Exophthalmus. 30 1
cariösen Knochen. Oft ist die Erkrankung gummöser Natur. Die Be-
handlung ist wie bei Caries an anderen Orten. Tritt Heilung ein. so
bildet sieh eine oft tief eingezogene mit dem Knochen verwachsene
Narbe, die zu umfänglicher Auswärtswendung der Lider führen kann
und Veranlassung zu plastischen Operationen gibt (Seite 90 j.
Von Geschwülsten kommen an den Orbitalwänden vor:
Exostosen, Gummata und metastatische Tumoren; letztere gewöhnlich
in Folge von Xetzhautgliomen. Das congenitale Atherom (oder Der-
moidgeschwulst) sitzt dem Periost, an Stelle der Knochennäthe fest
auf (Seite 75); an den gleichen Stellen wird gelegentlich Meningo-
cele beobachtet.
Bei Erkrankungen des eigentlichen örbitalinhaltes ist wich-
tigstes Symptom die Vortreibung des Auges, der Exophthal-
mus. Geringe Grade sind leicht zu übersehen, und starke Schwellung
der Augenlider wird gelegentlich damit verwechselt. Man hat eine
ganze Reihe von Instrumenten erfunden, um den Exophthalmus exact
zu messen : E x o p h t h a 1 m omete r. Alle leiden aber unter dem Uebel-
stand, dass schon physiologischerweise die Augen verschieden weit
hervorragen; bei starker Anisometropie (Seite 43) kann dies mehrere
Millimeter betragen. Am einfachsten misst man beiderseits mit einem
Mafsstab, um wie viel Millimeter der Hornhautrand vor dem äusseren
Orbitalrand hervorragt ; viel genauer wird auch eine Exophthalmometer-
messung nicht.
Zugleich mit dem Exophthalmus ist gewöhnlich auch mehr oder
weniger hochgradige Beweglichkeitsbeschränkung vorhanden,
entweder gleichmäfsig nach allen Seiten oder in gewissen Richtungen
bedeutender, woraus auf den Sitz der Krankheit geschlossen werden
kann. Zugleich besteht meist vermehrte Resistenz beim V ersuch,
den Augapfel in die Orbita zurückzudrücken.
Ist die Hervortreib ung des Auges hochgradig, so wird es beim
Lidschlusse nicht mehr genügend bedeckt und ist allen Gefahren trau-
matischer Einwirkung ausgesetzt (Lagophthalmus Seite 82) ; in solchen
Fällen müssen, wenn es angeht, wie bei neuroparalytischer Keratitis
(Seite 166), die Lider vernäht werden. Ja es kommt sogar vor, dass
das Auge vor die Lidspalte zu liegen kommt (Luxatio bulbi); die
Reposition gelingt nicht immer.
Am Auge selbst wird ausserdem bei Orbitalerkrankungen beobachtet:
Unempfindlichkeit der Hornhaut (die zu sogen, neuropara-
lytischer Keratis führen kann). Abflachung des Bulbus von hinten,
wodurch gelegentlich Hypermetropie veranlasst wird, seitliche Ver-
XI. Erkrankungen der Orbita.
Schiebungen des Auges, Muskellähmungen, Xetzhautablö-
sung. Neuritis und Stauungspapille, Sehnervenatrophie.
Seh Störungen u. s. w. Häufig ist Oedeni der Conjunctiva
(Chemosis) und der Lider vorhanden: letzteres beschränkt sich genau
auf den Umlang der Orbita. was von grosser diagnostischer Bedeutung
ist. Auch können sehr heftige Schmerzen vorhanden sein. Alle diese
Symptome können bei den verschiedensten Erkrankungen der Orbita
vorkommen oder auch vermisst werden.
Blutungen in die Orbita sind Folgen von Verletzungen oder
treten auch ohne solche auf, z. B. bei Keuchhusten. Es entwickelt sich
dann mehr oder weniger rasch und hochgradig Exophthalmus. Nach
einigen Tagen wird die Blutunterlaufimg auch an der Conjunctiva und
den Lidern sichtbar und sichert die Diagnose. Unter Anwendung von
Eis wird das ergossene Blut am raschesten resorhirt.
Zellgewebsentzündungen und Orbitalabscesse kommen
nach infectiösen Verletzungen vor, oder nach Perforation infectiöser Ent-
zündungen aus benachbarten Höhlen, namentlich bei Empyem der Stirn-
höhle, gelegentlich nach gewaltsamer Sondirung bei Thränensackleiden.
nach Knoehenerkrankungen in der Orbita u. s. w. Alle oben genannten
Symptome können hierbei mehr oder weniger vollständig beobachtet
werden ; die Diagnose gründet sich auf das aetiologische Moment. So-
bald sie sicher ist. hat man dem Eiter möglichst rasch Abfluss zu ver-
schaffen. Fistelbildung kann hierbei lange bestehen bleiben, namentlich
wenn zugleich ein Fremdkörper in die Orbita eingedrungen ist. Dies
kann geschehen, ohne dass der Verletzte eine Ahnung davon hat. Bei
lange dauernden Orbitalfisteln nach Verletzung achte man immer auf
diese Möglichkeit.
Erysipel, das über die Augenlider wegzieht, hat schon mehrfach
Eiterungen in der Orbita veranlasst, theilweise mit Ausgang in Seh-
nervenatrophie und Erblindung.
Venenthrombosen in der Orbita sind immer fortgeleitet,
meist in Folge von Knochenerkrankungen der Nachbarschaft, oder sie
sind Theilerscheinung von Thrombosen der Hirnblutleiter. Ausser hoch-
gradigen Stauungserscheinungen, Lidschwellungen, Exophthalmus ver-
anlassen sie Abscedirung in der Orbita ; für die Diagnose ist wiederum
die Aetiologie mafsgebend.
Bei der sogenannten Basedow 'sehen Krankheit ist eines der
Cardinalsymptome. das aber gelegentlich ' auch fehlen kann, mehr oder
weniger Exophthalmus. Derselbe kann so hochgradig sein, dass die Hörn-
he Krankheit.
haut geschwüri inde geht und das Auge \
ähnelt der neuroparalytisehen Keratitis, um so mehr, weil häufig die
Empfindlichkeit der Hornhaut dabei herabgesetzt i
Die Lidspalte i.-t meist deutlich erweitert-, und beim Abwärts
ere Lid dem Auge nicht, wie im normalen Zustande
Äann auf Krampfzustände im sogenannten
Müller* sehen Muskel i Seite 45) zurückgeführt werden, und zwar durch
Reizung sympathischer Fasern. Letztere kann sogar einen Antheil am
Exophthalmus haben durch Contraction der glatten Muskelfasern, die
5r Fascie der Fissura orbitalis inferior enthalten sin
Die Natur der Krankheit liegt noch im Unklaren. In neuerer
Zeit wird e> immer wahrscheinlicher, d h um eine Erkrankung
Schilddrüse handelt (die dabei nicht nothwendk
sein d wäre gewissermafsen ..stück zu der Cachexia
strumipriva und dem sogenannten Myxoedein. Ihre Behandlung gehört
et der inneren Medicin. resp. der Chirurgie, da es recht wohl
litfertigt wäre, in schweren Fällen die Schilddrüse zum gr
Theile zu entfernen. Gegenstand der Behandlung des Augenarztes kann
die drohende Hornhautverschwärung werden ; gelingt es nicht, die I
über der Hornhaut zu vereinigen, so dm kaum aufzuhalte:
Di der Orbita sind entweder solche des Av_
welche die Sclera perforirt rieh läng- merven weiterver-
breitet haben (Aderhautsarcome und Netzhautgliome); oder sie haben
sich aus der Nachbarschaft auch in die Orbita verbreitet, aus der
Highmore's und andern Höhlen, Schädelbasisgeschwülste u. s. w. : oder
1 wahr* endlich sie sind primär in der
Orbita entstanden.
Von den allgemeinen Symptomen der Orbitalerkrankungen sind
namentlich Exophthalmus und Bewediehkeitsbesehränkung von Wichtig-
Der Bulbus wird nach der. dem Sitz der Geschwulst
entgegengesetzten Seite vor gedrängt, und die Beweglich-
keit ist hauptsächlich beschränkt nach der Seite des
T u m
- kommen vor als primäre Geschwülste: E\o>:osen der Orbital-
wände. Dermoidcysten. eavernose Tumoren. Teleangiektasien. Aneurysmen.
Lymphangiome. Lymphome. Sareome, Geschwülste der Thränendrüsr
und des Sehnerven. Gelegentlich wird auch ein Cystieeiv htet.
Die Diagnose ist nicht immer mit Sicherheit zu stellen: häut_
Digitaluntersuchung nöthig. wozu man gelegentlich die ;orm-
se nicht entbehren ka
304 XL Erkrankungen der Orbita.
Exostosen zeichnen sich durch ihre Knochenharte aus. Bei
Gefäss- und Lymphgefässgeschwülsten lässt sich das Auge
bis zu einem gewissen Grade in die Augenhöhle zurück drücken. Oft
wird der Exophthalmus durch Bücken vermehrt, durch ruhige Kücken-
lage vermindert. Bei Aneurysmen ist häufig ein Pulsiren sichtbar,
und beim Auscultiren hört man ein mit dem Puls gleichzeitiges Ge-
räusch (sogenannter pulsirender Exophthalmus). Meist sind
(Schuss-)Verletzungen die Ursache, doch kommt auch spontane Ent-
stehung vor. Es kann die Arteria ophthalmica oder deren Aeste er-
krankt sein, oder die Carotis interna im Sinus cavernosus. In letzterem
Falle ist häufig der Nervus abducens gelähmt, der durch den Sinus
cavernosus verläuft; auch der Nervus oculomotorius, der der oberen
äusseren Wand des letzteren anliegt, kann mitbetheiligt sein.
Unterbindung der Carotis hat etwa in der Hälfte der Fälle Heilung
herbeigeführt; natürlich darf man sie nur dann unternehmen, wenn bei
Druck auf die Arterie Pulsiren und Aneurysmageräusch verschwinden.
Sarcome können in allen Formen vorkommen; als eine Besonder-
heit der Augenhöhle gilt das sogenannte Cylindrom oder Schlauchsarcom.
Gutartige Geschwülste entfernt man durch einen Schnitt, ent-
sprechend ihrem Sitze längs des Orbitalrandes, womöglich mit Erhaltung
des Auges. Bei bösartigen, wenn sie überhaupt operabel sind, wird
letztere selten möglich sein. Es ist dann die Ausräumung der Orbita
(Seite 238) vorzunehmen.
Bei Geschwülsten der Thränendrüse (Adenome, Carcinome,
Sarcome, Cylindrome) ist die vergrösserte Drüse sieht- und fühlbar;
das Auge ist nach innen unten verdrängt, die Beweglichkeit nach
aussen verringert oder aufgehoben. Man entfernt sie durch einen der
Geschwulst entsprechenden Schnitt längs des Orbitalrandes.
Geschwülste des Sehnerven (sowie solche, welche innerhalb
des Muskeltrichters liegen) drängen das Auge nach vorn und etwas
nach aussen in der Kichtung der Orbitalaxe. Die Beweglichkeit ist
allseits ziemlich gleichmässig beschränkt. Am Sehnerveneintritt findet
man Stauung oder Atrophie; gelegentlich wird starke Hypermetropie
durch Abflachung des Auges, Netzhautablösung, Choroiditis und dgl.
beobachtet, wenn noch eine Spiegeluntersuchung möglich ist. Das
Sehvermögen ist zu der Zeit, wo eine Diagnose gestellt werden kann,
aufgehoben. Man entfernt die Sehnervengeschwülste am besten durch
einen Schnitt längs des oberen Orbitalrandes; meist muss das Auge
mitentfernt werden; doch gelang es einigemal, dasselbe zu erhalten,
wenn die Geschwulst nicht zu gross war. Bei bösartigen Geschwülsten
Anophthalmus congenitus. 305
kommt nur die Ausräumung der Orbita in Frage. Als Sehnerven-
geschwülste wurden bis j etzt beobachtet Fibrome, Neurome,
Myxome, Sarcome und Mischgeschwülste.
Bei angeborenem Fehlen des Auges (Anophthalmus congenitus)
lassen sich doch gewöhnlich Kudimente desselben in der sehr ver-
kleinerten Orbitalhöhle anatomisch nachweisen; zuweilen ist statt des
Auges eine mehr oder weniger grosse Cyste vorhanden. Auch der
ganze Conjunctivalsack kann vermisst werden, wobei dann auch von
Augenlidern nicht gesprochen werden kann.
Die Orbita passt sich in ihrem Wachsthum demjenigen des Auges
an ; sie ist geräumiger bei verlängerten myopischen, kleiner Uei hyper-
metropischen Augen. Dadurch wird häufig eine starke Asymmetrie
des Gesichtes bei Anisometropie bedingt, indem die myopische Seite
mehr hervorragt und gewissermafsen um die flachere hypermetropische
Seite herumgewickelt ist. Auch die Nase ist dann convex nach der
myopischen Seite, wodurch auf dieser leichter Verlegung des Thränen-
nasengangs eintritt. Geht ein Auge in der Jugend verloren und kann
kein künstliches getragen werden, so bleibt die betreffende Orbita im
Wachsthum zurück.
Grossen Einfluss auf Asymmetrie der obern Gesichtshälfte hat
aber auch das Wachsthum des Gehirn's, dessen linke Hemisphaere
gewöhnlich stärker entwickelt ist.
Knies, Augenheilkunde. 20
Saeh-Register.
Abduction 30.
Ablatio retinae = Netzhautablö-
sung 249.
Ablenkung, conjugirte 54.
— secundäve 53.
Ablösung des Glaskörpers, hin-
tere 220, 269.
vordere 216, 269.
— der Netzhaut 249.
Abrasio corneae 170.
Abrus precatorius 124.
Abscess der Hornhaut 144.
— der Iris 237.
— der Lider 85, 87.
— der Orbita 302.
Accommodation 25.
— Abnahme im Alter 29.
— bei Aphakie 35.
— binoculäre und monoculäre 26.
Accommodation sbereich 27.
breite 26.
relative 30.
— Beschränkung bei Glaucom 209.
sympathische 236.
— Krampf 49.
bei Hypermetropie 34.
— Lähmung 48, 231.
Acne rosacea 74.
— vulgaris 73.
Acnöse Keratitis 154.
Adduction 30.
Aderhaut 188.
— Anatomie 188.
— Atrophie 224.
- Blutung 231.
Aderhaut, Colobom 194.
— Drusen 192.
— Entzündung, s. Choroiditis 219.
— Riss 231.
— Ruptur 231.
— Sarcom 238.
— Spiegelbefund 191.
— Tuberkel 238.
— Verletzungen 230.
A e g y p t i s c h e Augenentzündung
119.
Aggravatio 66.
Agraphie 264.
Albinismus 192.
Albuminurie, Cataract 288.
-- Iritis 201.
— Muskellähmungen 51.
— Netzhautblutungen 243.
— Retinitis 246.
— Uraemische Sehstörung 264.
Alcaloide 2.
Alcaloidpapiere 5.
Alcoholamblyopie 256.
Alexie 264.
Altevssichtigkeit 29.
Altersstaar 284.
Alters Veränderungen der Choroi-
dea 191.
— der Hornhaut 143.
— der Linse 28, 273.
— der Pupille 192.
Amaurose = Blindheit 17.
Amaurosis partialis fugax =Flini-
merscotom 264.
Amaurotisches Katzenauge 251.
Amblyopie 17.
Sach-Eegister.
307
Amblyopie, Intoxications- 256.
— aus Nichtgebrauch 266.
Ametropie 12.
Amotio retinae = Netzhautablö-
sung 249.
Ampulle des Sehnerven 254.
Amyloid der Conjunctiva 134.
— der Cornea 179.
Anaemie, Asthenopie 48.
— Choroiditis disseminata 222.
— Conjunctivalhyperaemie 102.
— Cyclitis 207.
Iritis serosa 204.
— Neuralgia bulbi 266.
Anaemie, perniciöse, Netzhautblutun-
gen 242, 243.
A u a e s t he t i c a 2.
A n a e s t h e s i a c o r n e a e 1 53, 157, 166,
190.
— retinae 264.
A neu r y s m e n der Orbita 304.
A n g e b o r eli e Abnormitäten der
Augenmuskeln 54.
des Bulbus 195, 305.
der Choroidea 192.
der Conjunctiva 133.
der Cornea 179.
der Iris 192.
— - der Lider 75, 84, 91.
— der Linse 274.
— der Netzhaut 242.
des Sehnerven 241.
der Thränenorgane 93.
Anis o in e t r o p i e 43.
Ankyloblepharon 91.
A n n u 1 a r g e s c h w ü r der Hornhautl04.
Anophthalmus congenitus 195.
Antisepsis bei Operationen 6.
Aorteninsufflcieiiz, Pulsation der Netz-
hau tarterien 242.
A p h a k i e 35.
Aphasie, optische 264.
Aquocapsu litis = Iritis serosa 204.
Arachnoidalscheide des Sehner-
ven 240.
Arcus senilis 143.
Argyria conjunctivae 133.
Ä r It ' s c h e Salbe 202.
Arteria hyaloidea persistens 270.
Arterienpuls bei Aorteninsufflcieiiz
242.
— bei Basedowscher Krankheit 242.
— bei hochgradiger Chlorose 243.
— bei Druck aufs Auge 241.
— bei Glaucom 209.
Arthritis, Glaucom 212.
— Iritis 200.
— Scleritis 184.
Asphyxie, Spiegelbefund 242.
Astigmatismus 40.
— nach Staaroperationen 296.
Asthenopia accommodativa 2^>.
— anaemica = Accommodations-
schwäche 48, 266.
— conjunctivalis 101.
— muscularis 37, 54.
Atherom der Lider 75.
— der Netzhaut 243.
— der Orbita 301.
Atonie des Thränensacks 95.
Atrophie des Sehnerven, gelbe 220.
— graue 259
weisse 253.
Atropin 2.
— Conjunctivitis 4, 117.
— Vergiftung 3.
Auge, Luxation 301.
— optische Constanten 11.
Augenbewegungen 46.
— distanz 31.
— druck 66.
bei Cyclitis 206.
bei Glaucom 208, 217.
bei Hornhautleiden 144, 173.
— — bei Iritis serosa 204.
bei Netzhautablösung 249.
Messung desselben 66.
— Hintergrund 191, 240.
— höhle = Orbita 299.
— li der 67.
— muskeln 44.
— muskelkerne 46.
— Operationen 6.
— salben 5.
— schwäche = Asthenopie.
— spiegel 18, 25.
20*
308
Sach-Piegister.
Augentripper — Conjunctivitis go-
norrhoica 111.
— tropfen 3.
— wasser 4.
A o s r ä u in u n g des Auges = Exente-
ratio oculi 235.
— der Orbita 23S.
A u s w ä r t s s c h i e 1 e n 57.
A u s w ä r t s w e n d u n g der Lider 90.
A xenmyopie 35.
B.
Bacillus der Xerose 132.
Bandförmige Keratitis 178.
Basedow'sehe Krankheit 302.
Keratitis dabei 167.
Arterien puls 242.
Beer' seh es Staarmesser 8.
Beleuchtung bei Sehprüfung 16.
— seitliche 24.
Beschläge der Hornhaut 1 78. 204.
Bicylinder 42.
Bindehaut = Conjunctiva 100.
Rinoculäre Loupe 178.
Binoculärer Nahepunkt 26.
Blasenbildung auf der Hornhaut
170. 211.
Blaugelbblindheit 65.
Blau sehen nach Staaroperation 295.
Bleiin er u Station der Hornhaut S 70.
Bleivergiftung, Muskellähmungen 51.
— Xetzhautaffeetionen 246.
3 hnervenleiden 256.
Bleiwasserumsehläg
Bl enn o p rhoea neonatorum 106.
B 1 e p h a r a d e n i t i s = Lidrandeczem 70.
Blepharitis ciliar is 70.
Blepharophimose 88.
Blepharoplastik 91.
Blepharospasmus 83.
Blickfeldmessung 52.
Blicklinie 32.
Blitzschlag 251. 270.
Blutegel 6.
Blutungen, Sehstörung danach i
Blutungen der Choroidea 231.
— der Conjunctiva 132.
— des Gla-körpers 270.
— der Lider S
Blutungen der Orbita 302.
— der Betina 243.
— des Sehnerven 257.
— der vorderen Kammer 231.
B o ir m a n ■' s c h e Membran 141.
— Sonden 98.
Brand der Lider 77.
Brennpunkt des Auges 12.
Brechende Medien 11.
Brechzustand = Refraction 12.
Brillenkasten 17. 25.
Bügel bei Myopie 223.
Büschelförmige Keratitis 151.
Buphthalmus 170.
Burchardt's P h 1 y c t a e n e n c o c
cus 148.
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
Ca
labarbohne, s. Eserin 2.
lomel 5. 131.
n a 1 i s C 1 o q u e t i = Centralkanal
des Glaskörpers 268.
Petiti 272.
ncroid am Homhautrand 135.
der Lider 78.
nthoplastik 88.
nthus = Lidwinkel,
rbunkel der Lider 77.
ries der Orbita 300.
runkel 140.
taplasmen 4.
t a r a c t a a c c r e t a 280.
— arida siliquata 2^4.
— nach Blitzschlag 279.
— eapsula ris 287.
— diabetica 288.
— fusiformis 282.
— bei Glasbläsern 279.
— hypermatura 286.
— lactea 286.
— matura 2S5.
— Morgagniana 286.
— nigra _
— nuclearis — Kernstaar 282.
— polaris anterior 108, 270.
posterior 220, 280.
— punctata 281.
— secundaria 298.
Sach-Register.
309
Cataracta senilis 284.
— stell ata = Gitterstaar 220, 281.
— traumatica 276.
— zonularis 282.
Catarvhus conjunctivae 102.
— siccus 101.
Centralcanal des Glaskörpers 268.
Chalazion 74.
Chemosis 133.
C h i a s m a 239.
Chinin, Sehstörung danach 258.
Chloroformnarcose 7.
— Lei Staaroperation 293.
Chlorose, Arterienpuls 243.
— Asthenopie 48.
— Choroiditis disseminata 222.
— Iritis serosa 204.
Cholera, Xerosis corneae 167.
Cholestearin im Glaskörper 270.
— in der abgelösten Netzhaut 249.
Chorioretinitis 219, 221, 245.
Choroidea s. Aderhaut 1 88.
Choroiditis areolaris 221.
— diffusa 223.
— disseminata 221.
— embolische 230.
— nach Meningitis 230.
Chromhidrosis 84.
Cijiarinjection 106, 182.
— Differential diagnose 106.
— bei Scleritis 182.
Ciliarkörper 189.
— m u s k e 1 44.
— schmerzen 198, 206.
Cilien = Wimpern.
Circumcision der Hornhaut 171.
Cloquet'scher Kanal = Central -
kanal des Glaskörpers 268.
Cocain 2.
Coccus der Phlyctaenen 148.
Collyrien = Augenwasser 4.
Colobom der Choroidea 194.
— des Ciliarkörpers 194, 274.
— der Iris 193.
— der Lider 85.
— der Linse 274.
— der Macula lutea 195.
— des Sehnerven 194, 241.
Commotio retinae 25 1 .
Conjugirte Deviation 54.
Conjunctiva 100.
Conjunctivitis aegyptiaca 119.
— catarrhalis 102.
— croup osa 114.
d iphtheritica 115.
— eczematosa 129.
— follicularis 118.
— gonorrhoica 111.
— granulös a 119.
— lymphatica 1 29.
— militaris 119-
— phlyctaenulosa 121).
— scrophulosa 129.
Conus bei Myopie = Bügel 223.
Contractur, secundäre 53.
Corectopie = Ectopia pupillae 193.
Corelyse 203.
Cornea 141.
— entzündung s. Keratitis.
Corneascleralgrenze 141.
Cornu cutaneum 78.
Corpus ciliare 189.
Croup der Conjunctiva 114.
Cyclitis 206, 234.
C y 1 i n d e r g 1 ä s e r 40.
Cylindrom 304.
Cysten der Conjunctiva 115. 135.
— der Iris 237.
Cysticercus im Auge 272.
— der Lider 81.
— der Orbita 303.
Cystitom 8.
C y s t o i d e Entartung der Netzhaut 241 .
— Vernarbung nach Glaucoinopera-
tion 214.
nach Staaroperation 298.
1).
Dacry ocystitis 94.
Dacryocystoblennorrhoe 95.
Dacryops 92.
Dacry os tenose 99.
Daturin 2.
Depressio lentis 289.
Dermoid der Corneascleralgrenze 133.
Descemet' sehe Membran 141.
310
Sach-Register.
B 1 Lidhalte r 7.
T> v i a t i o n. conjngirte 54.
Diabetes. Cataraet 288,
— Lähmungen 51.
— Iritis 201.
— Retinitis 246.
— Sehstörung ohne Befund "264.
Dialyse der Iris 231.
Dilatator pupillae 44.
Dioptrie 13.
Diphtheritis dei < 'uiijunetiva 1 15.
— der Lider 69.
— Lähmungen danach i
Diplococcus Michel 1 25. 1 26.
— Neuser 114.
— SmtOer 125. 126.
Diplopie = Doppeltsehen.
I» i p 1 o p i a m ono c u 1 a r i s 44.
Discissioii 290.
issionsn&de
Distanz der Augen 31.
Distichiasia — Form tob Triehiasis.
bei der die Wimpern theils ein-
wärts, theils richtig stehen.
Doppelbilder bei Lähmungen 51.
— bei Schielen 57.
D o p p e 1 1 s e h e n. monoculäres 44. 274.
Druckfalten der Hornhaut 9.
Druckgangrän der Haut durch Ver-
bände 9.
I» ruckschmerz bei Oyclitis 206.
Druck verband 9.
Druck s. auch Augendruck.
Drüsen. Meibom'ache 67.
- Krmmse'Bche 100.
Drusen der Choroidea I
— der Hornhaut 143.
D uralscheide des Sehnerven 240.
Ectopia lentis .
— pupillae 193.
Ectropium 90.
— sarcomatosum 138.
Eciem der Conjunctiva 129.
— der Hornhaut 147.
— der Lider
E c z e m a h e b r a i c o m — sehr vernach-
lässigtes Lidrandeczem.
Einstäuben 5.
Einstülpung der Iris 231 .
Einwärtsschielen oö.
Einwärts Wendung der Lider 58,
Eisnm schlage 4.
Eiterauge = Panophthalmk- ä
E 1 e c t r o m a g n e t 237.
Elephantiasis der Lider 81.
Embolie der art centr. retinae 244.
Emmetropie 27.
E m p h y s e m der Lider 85.
— der Orbita 300.
Empyem der Stirnhöhlen 300.
£n Ophthalmia = Eingesunkensein
des Auges.
Entropium > v .
Enucl eation 235.
— bei Glaucoma absolutum 214.
— bei Gliom 252.
— bei Sarcom 238.
— bei Staphylombildungen 172.
— nach Verletzungen 235.
Entbindung der Linse 294.
Ephidro - i - v 4.
Epicanthns v 4.
Epilepsie, Krampf des Ciliarmuskels 49.
der äusseren Augenmuskeln 54.
— optische Aura 262.
Epiphora = Thränenträufeln 99.
Ep i thel hl S b «.- h e n am Lidrand T
E p i t h elialcar ci n o m s. Cancroid.
Episcleritis 182.
Erbrechen. Sehstönmg danach 258.
Erinnerungscentrum für Sehein-
drficke 240.
Erysipel der Lider 77
— Sehnervenatruphie danach 77. 302.
Erythropsie = Rothsehen l
: n 2.
Essentielle Phthisis bnlbi 219.
Eversion der Thränenpunkte 90. 93.
Excavation. glaiicomatöse 210.
— physiologische 241.
nteratio bulbi 235.
— orbitae 238.
• h t h a 1 m o m e t e r 30 1 .
Sach-Register.
311
Exophthalmus 301.
— pulsirender 304.
Exsudat, gelatinöses bei Iritis 197.
Extraction von Fremdkörpern 236.
— der Linse 278. 290.
cum Capsula 292.
F.
Facette der Hornhaut 145, 167.
F a c i a 1 i s 1 ä h m u n g 82.
— Krampf 83.
Facultative Hypermetropie 33.
Farbenblindheit 63.
F ar b ens inn , normaler 62, 65.
F a r b e n s t ö r u n g bei Chorioretinitis 245.
— bei Sehnervenleiden 256.
Fasciculäre Keratitis 151.
Fernpunkt des Auges 26.
Fibroma m o 1 1 u s c u m 78.
Filzläuse an den Wimpern 81.
Fistel der Hornhaut 145.
— der Thränendrüse 92.
— des Thränensacks. angeborene 93.
— erworbene 94.
Fl ar er 's Operation 89.
Fleischvergiftung 48.
Fliegende Mücken 220.
Flimmerscotom 264.
Flügelfell 158.
F o 1 1 i c u 1 a r b 1 e n n o r r h o e 1 19.
Follicularcatarrh 118.
Follikel der Conjunctiva 117.
F o n t (i n a 'scher K a u m 1 42.
Fremdkörper im Auge 236.
— im Conjunctivalsack 136.
— in der Hornhaut 160.
— in den Lidern 87.
— in der Linse 277.
— in der Orbita 302.
F r ü h j a h r s c a t a r r h 1 27.
F n s i o n . mangelnde 267.
Gangrän der Lider 77.
— der Haut bei Verbänden 9.
G e 1 b s e h e n bei beginnendem Icterus 253.
— nach Santonin 253.
«t <• ront oxo n = arcus senilis 143.
Gerstenkorn 73.
Gesichtsfeld, normales 59.
— bei Anaesthesia retinae 248.
— bei Cataract 288.
— bei Glaucom 210.
— bei Netzhautablösung 249.
— bei Sehnervenleiden 259.
G e s i c h t s h a 1 1 u c i n a t i o n e n 262.
Gesichtswinkel 15.
Geschwülste der Conjunctiva 133.
— der Hornhaut 181.
— der Karunkel 140.
— der Lider 78.
— der Netzhaut 251.
— der Orbita 301, 303.
— der Selera 186.
— des Sehnerven 261, 304.
— der Thränendruse 93. 304.
— der Uvea 237.
Geschwüre s. Ulcus.
Gicht 8. Arthritis.
G iffo r d ' s P h 1 y c t a e n e n c o c cus 148.
Glaskörper 268.
— Ablösung, hintere 220, 269.
vordere 216, 269.
- Blutungen 220, 270.
— Gefässe 270.
— Kristalle 270.
— Schrumpfung 220. 269.
— Trübungen 270.
- Untersuchung 2 t.
— Verflüssigung 220. 269.
Glaucoma absolut um 211. 214.
— acutum 208.
— chronicum 209.
— fulminans 209.
— hämorrhagicum 212.
— malign um 213.
■ cun darin m 212. 217.
— simplex 211. 218.
— subacutum 209.
Gliom der Netzhaut 251.
Gonococcus Neisseri 114.
fl 's Staarmesser 8.
Granulationen nach Diphtheritis 115.
— nach Enucleation 133.
— nach Schieloperation 58. 133.
< t r an ul at io n sges c hwü ls t c h e n der
Iris 201.
312
Sach-ßegister.
Granulom der Iris = Tuberculose.
— recidivirendes der Conjunctiva 134.
Granulosa 119.
G rat i ölet' s Sehstrahlung 240.
Greisenbogen 14o.
Greis enst aar 284.
Grünblindheit 63.
Gumma der Choroidea 237.
— der Cornea 181.
— der Iris 201, 237.
— der Lider 79.
— der Orbital wände 301.
— der Sclera 187.
— des Sehnerven 261.
— der tractus optici 261.
Gürtelförmige Keratitis 178.
H.
H ä m o p h t h a 1 m u s 231 .
Hämorrhagien s. Blutungen.
Hämorrhoiden , Glaskörperblutungen
270.
Hagelkorn 74.
Halbblindheit 61, 262.
Hallucinationen 262.
Halo 210.
Hasen an ge 82.
Haut hörn 78.
Haiitaffectionen, Staar dabei i
Hautverbreiinuiigeii , Netzhaut-
blutungen danach 24:;.
Helmholtz' Farbentheorie 62, 65.
Hemeralopie 53, 245. 247.
Hemianopsie 61, 262.
Hemiopie 61. 262.
Hering' s Farbentheorie 62. 65.
Herpes febrilis der Hornhaut 152.
— — der Lider 76.
— zoster der Hornhaut 153.
— — der Lider 76.
Heurteloup 6.
Hirnabseess, Stauungsneuritis 255
Hirnliämorrhagie, Halbblindheit 263.
Hirnhautentzündung, Choroiditds 230.
— Lähmungen 51.
— Muskelkrämpfe 54.
— Neuritis 255.
Hirnkrankheiteu. Agraphie 264.
— Alexie 264.
Hirnkrankheiten Aphasie 264.
— Atrophie, graue 260.
— Conjugirte Deviation 54.
— Halbblindheit 262.
— Hallucinationen 262.
— Krämpfe 54.
— Lähmungen 48, 51.
— Neuritis 255.
— Nuelearlähmungen 47.
— Nystagmus 59.
— Seelenblindheit 264.
— Stauungsneuritis 255.
— Stauungspapille 254.
Hirntumor, Stauungspapille 254.
Homatropin 2.
Honiggeschwulst 74.
Hordeolum 73.
i/o r wer 's eher Muskel 68.
— Zähne 283.
Hornhaut 141.
— abschliff 145.
— abscess 144.
— astigmatismus 40.
— be schlage 178.
— ent zun düng s. Keratitis.
— facette 145. 167.
— fistel 145.
— fleck 145, 167.
— gesch wäre 144. 170.
— n a r b e n 1 70.
— staphylo m 146. 171.
— tr nbung bei Iritis 178.
bei erhöhtem Druck 1 2
Hut chi n so n' sehe Zähne 176.
H y d r o meningitis 204.
H y d r o p h t h a 1 m u s 17:».
Hyosein 2.
Hyoscyamin 2.
Hyperaemie der Conjunctiva 101.
Iris 196.
Netzhaut 242.
Sehnerv 242.
H y permetropie 32.
Hyperopie = H y p e r m e t r o p i e.
Hypertrophie der Karunkel 14'».
— papilläre der Conjunctiva 104.
H y p li a e in a c a m e r a e a n t e r i o r i s
231.
Sach-I:
313
Hyphaema conjunctiTae 132.
>yum. cyclitisches 206.
— :o3.
rie, Xeuralgia bull:
— Polyopia monoculari-
— Sehstörungen dabei 264, 266.
I.
Jaesche-Arlt'g Operation 89.
Ichthyol
Ieten ;-. :en dabei _'
Jequirity 124.
Iuanitiousdelirien . .
rot der M en Drüse:
Infection>kranklieitH]i. äche
in der Reconvaleseenz I
— Choroidi
— Chorioretin:
njunctivitis al< Symptom
— Einl lea 230.
— — :aut 244.
— Hornhauteczem in der K
151.
— Iriti- danach 2
— I 51.
tinalblut
tinitis albuminurica
-rhnervenleiden _
— Xerose -irr Cornea I
Inline i. .
Icr Lider
umentariüiü V.
Intercalarstaphy Ion
I n t e r in a r i: i n a 1 1 b e i 1
btenaitteafl s. Malaria.
tionsamblyopie .
I n t r a o e n 1 ä re r D r u e k s. Augendruck.
164.
Iridectomie bei Glauc
— bei Irit
v "
I r i d e n c 1
d Iridectomie, bei dem man die
'gefallene Iris nicht absehn
lern in dieWunde einheile!
Irideremie 193.
Irid
Iridodia.
Iridodonesis im Alter .
— bei Lin— nlnxü*:
— bei Scleral wunden i' .
Iridotomie 2
-
— Anatomie I
— Einrisvr 231.
:i stülpuni:
— Entzündung
— Mangel
— Prolaps 171.
rfall 171.
196.
— arthritica 200.
— _ rrhoiea 200.
'uimosa _
— purulent.
— rheumatica 200.
— -
— traumatica 200.
E.
Karbunkel der L
Karunke.
Kataracta s. Cata
ainauroti-
Kernsepara*
154.
— bandf '•:
— büschelförmige 151.
bul 211.
— eczemat
-- fascicularis 151.
_ IrtelförniL
g
— interstialis diffusa ."
— 1 e p r
— I
— in
— neuro paralytica
14
Sach-Register.
K e r a t i t i s p a r e n c h y m a t o s a 173.
— phlyctaenulosa 147.
— pyaemica 177, 230.
— sclerosirende bei Scleritis 183.
— scrophulosa (Arlt) 173.
— syphilitica (Hutchinson) 173.
— vesiculosa 170, 211.
— xerotica 167.
Keuchhusten, Blutungen der Conjunc-
tiva 132.
der Orbita 302.
Knapp 's Lidklemme 8
Knotenpunkt 12.
Kohlensäure Vergiftung, Augen-
grund 242.
Kopfhaltung bei Lähmungen 52.
Korectopie= Ectopia pupillae 193.
Korelyse .203.
Krämpfe der Accommodation 49.
— der äussern Augenmuskeln 54.
— der innern Augenmuskeln 49.
— des orbicularis palpebrarum S3.
— derXetzhautarterien nach Chinin 258.
Kräuter säckchen 5.
Krause's che Drüsen 100.
Krebs s. Cancroid.
Kreuzungspunkt d.Richtstrahlen 12.
Kry stall wulst 298.
K u r z s i c h t i g k e i t 35 s. auch Myopie.
L.
Lähmungen der Accommodation 48,
231.
— der äussern Augenmuskeln 51.
— des dilatator pupillae 50.
— des obern Lides 82, 86.
— des orbicularis palpebrarum 82.
— des sphincter pupillae 49.
Lagophthalmus 82.
Lamina cribrosa 181, 189.
Lanze, krumme 8.
Lappen ext r actio n 290.
Latente Hy permetropie 33.
Leber's Venenplexus 141.
Leder haut s. Sclera 181.
Lepra der Hornhaut 181.
— der Lider 81.
Leu com a 145, 167.
— adhaerens 145. 170.
Leukaemie, Augenhintergrund 242.
— Iritis 201.
— Retinitis 246.
— Tumoren der Lider 81.
Lichtempfindung, quantitative 17.
Li cht sinn 59.
Lider 67.
Lidhalter 7.
Lidklemme 8.
Lidoedem 81.
Lidspaltener Weiterung =
Canthoplastik 88.
— fleck = Pinguecula 131.
— zone der Conjunctiva 100.
— — der Hornhaut 143.
Ligamentum canthi=:
— palpebrarum ext. und int. 68.
— pectinatum 189.
— tarso-orbitale 300.
Linearextraction, einfache 278.
— periphere 290.
Linse 272.
— Colobom 274.
— Ectopie 275.
— Ernährung 273.
— Fremdkörper in derselben 277.
— Luxation 187, 276.
Linsensterne 273.
L o u p e , binoculäre 1 78.
Lupus der Lider 79.
— der Conjunctiva 134.
— der Hornhaut 154.
Luscitas 55.
Luxatio bulbi 301.
— lentis 187, 27G.
Lymphfollikel der Conjunctiva 1 1 7.
Lymphgefässe der Conjunctiva 131
Anm.
— der Choroidea 191.
— der Cornea 142.
— des Sehnerven 240.
Lymphom der Orbita 303.
— der Iris 237.
M.
Macula corneae 145, 167.
Macula lutea 239,
Colobom 195.
Choroiditis 226.
Sach-ßegister.
31,
Macrocornea= 31egalocornea .
Macropsie 49.
Magenblutungen ? Sehstörungdanach25S.
Malacia c o r n e a = Keratitis xerotica
167.
Malaria, Choroiditis 222.
— Keratitis danach 177.
— Supraorbitalneuralgie 84.
Manifeste Hy permetropie 33.
Markhaltige Nervenfasern der
Netahaut 242.
Mar k 8 ch w a m m = Gliom 251 .
3Iasern ? Conjunctivitis 102.
— Gangrän der Lider 78.
— Keratitis eczematosa danach 151.
Massage bei Scleritis 184.
Megalocornea 179.
Meibom' sehe Drüsen 67.
31 e lano m e der Conjunctiva 1 35.
— der Carunkel 140.
— der Uvea 237.
Meliceris 74.
.Membran. Bote »tau' sehe 141.
— Descemet' sehe 141.
31 e m brana hyaloidea 268.
— papillaris perseverans 195.
Meningitis, Choroiditis danach 230.
— Lähmungen 51.
— Muskelkrämpfe 54.
— Neuritis 255.
Meniscus bei Myopie 223.
Metamorphopsie 226, 231, 243.
Micro coecus der Phlyctaenen 148.
Micro Cornea 179.
Microp htalmus 195.
Micropsie 48.
Migräne, Flimmerscotom dabei 265.
Milch st aar 286.
Milium der Lider 76.
Milzbrand der Lider 77.
31 i o s i s 50.
Molluscum contagiosa m der
Lider 78.
Morbus m&culosros, Netzhautblutungen
243.
— Basedowi s. Basedow' 'sehe Krank-
heit 302.
— Brighti s. Albuminurie.
M o rgag n i ' s c h er S t a a r 286.
M o r p h i n 2.
31 euch es volantes 220.
31 ü c k e n , fliegende 220.
Müller 'scher 3Iuskel 45, 68.
— sehe Stützfasern 239.
Multiple Sclerose, graue Atrophie 260.
— — Lähmungen 48. 51.
Nystagmus 59.
3Iuttermäler 78.
Muskeln s. Augenmuskeln.
Muskel, Horner'scher 68.
— MüUer'schei- 50, 68.
31 y d r i a t i c a 2.
Mydriasis 50.
3Iyopie. klinische Verhältnisse 223.
— optische Verhältnisse 35.
— traumatische 225.
31 y o si s = 31iosis 50.
Myositis m u s c u ] i r e c t i 185.
Myxoedem 303.
X.
Nächst aar 298.
Nachtblindheit 59, 245, 247.
N a e v u 8 pigmentosus 78.
— vasculosus 78.
Nahepunkt, binoculärer 26.
— monoculärer 26.
Narben, cystoide 214. 298.
N a rbenstap h y 1 o m 172.
Narcose, allgemeine 7.
— örtliche 2. 7.
— bei Staaroperation 293.
Naseneezem, Eczema conjunctivae 131.
— — corneae 147.
— Thränensackleiden 96.
Xeissev's Gono coecus 114.
Nephritis s. Albuminurie
— Lidoedem dabei 81.
Nerven der Cornea 141.
— — Lider 67.
Uvea 190.
N e r v e n e i n f 1 u s s bei neuropara-
ly tischer Keratitis 166.
— — Glaucom 217.
— — sympathischer Ophthalmie 236.
N e r v e n f aa e r n . markhaltige 242.
316
Sach-L
er ybs opticus s. Sehnerv 239. 2-41 .
etzhaut 239. 240.
- Ablösung 249.
bei Cyciitis 207.
bei Geschwülstei
bei Orbitaltumoren 302.
- Blutungen 243.
- Entzündung s. Retimti>.
- Pigmentirung 219. 247.
euralgia bulbi '16Q.
- su pr aorb ital is 84-
e u r i t i a :
-descendens
- retrobulbaris 2-37.
eurom. plexiformes der Lider 7 v .
euroretinitis 245. 255.
eurotomia optico- miliaris 235.
ictitati
oma 77.
ubecula corneae 14".
uclearlähmungen 47.
yctalopie 59. 256.
y s t a g m u -
0.
e c 1 u si o pupillae = Verschluss der
Pupille durch Exsudat auf die
Vorderfläche der Linse.
chsenauge = Buphthalmus 179.
edem der Conjunctiva 133.
- der Lider 81.
- der Netzhaut 245. 251.
de? Sehnerven 254.
p e r a t i o n e n 6.
phthalmia aegyptiaca 119.
- militari a 119.
- Sympathie» 234.
phthalmomalacie = essentielle
Phthisis bulbi 219.
phthalmoplegia externa 51.
- interna 50.
- progressiva 51.
pticus s. Sehnerv 239. 241.
rbita 299.
annus 144. 171.
anophthalmi
apille 241.
Papilläre Hypertrophie der Cob-
junctiva 104.
Parabolische Gläser 180.
P a r a 1 1 a c t i s c h e V e r s c h i e b u n g 23.
Paralyse s. Lähmung.
Paralyse, progressive s. progiv
Paralyse.
Parese = unvollständige Lähmimg.
Paternostererbse = Jequirity 124.
Pemphigus conjunctiva 131.
P e r i c h o r o i d a 1 r a u in — Suprachoroi-
dalraum 181, 188.
Perimeter 60.
Periostitis orbitae 300.
Petit' seh ei- Kanal 272.
Blut darin 231.
Phlyetaenen der Conjunctiva 1-
— der Cornea 147.
— Micrococcus dabei 14S.
Phosphorvergiftuusr , Netzhautblutun-
gen 243.
Phthiriasis der Wimpern 81.
Phthisis bulbi 233.
— essentielle 219.
P h y s o s t i g m i n 2.
Piaischeide des Sehnerven 240.
Pigment epithel 189. 239.
— Barerieation 224.
Pigmentirung der Conjunctiva 133.
— der Netzhaut 219, 247.
— abnorme der Choroidea 192.
Pilocarpin 2.
Pinguecula 131.
Plica semilunaris 140.
Pneumonie, Herpes corneae dabei 152.
Po 1 »rat aar , hinterer 220. 280.
— vorderer II
Polycorie 193.
Pol y o p i a m o n o c u 1 a r i s 44.
Presbyopie 29.
Prismen 30.
Probebuchstaben 15.
Prodromalerscheinun.;en bei
Glaucom 2
Progressive Myopie 36. 225.
Progressive Paralyse, graue Atrophie
260.
Lähmungen 48. 51.
Sach-l:
317
Pro g r e b s i v e P a r a 1 y s e , reflecto-
rische Pupillenstarre 49.
Psammom des Sehnerven 261.
h rom at ische Tafeln
65.
Pterygium 158.
— trau m at i c u m 173.
— a d i p o 8 a 81.
— con genita 54. 82.
— cum Miosi 82.
- y mpatbica 82.
— - traumatica 86.
Puerperalfieber, Keratitis 177.
— embolische Choroiditis 230.
Retinitis 244.
Punctionsnadel = Punctionslanze 8.
Punkt st aar 281.
Pupillenabschluss = ringförmige
hintere Synechie.
acti oii, synergische 17.
— starre, reflectorische 49.
— verschluss — oerlusio pupillae.
P u p i 1 1 a r m e in b r a n. persistirende 1 95.
/' K r k i nj e'a Linsenbilder 274.
Pustula maligna 77.
Pyaenrie, Choroiditis 230.
— Keratitis 177.
— Retinitis 244.
Xetzhautblutungen 243.
P y r B in i d a 1 s t a a r = grosse vordere
Polarcataraet 108. 279.
Q uetschkeratitis 1 56.
— bei Staaroperation 297.
R.
Rachitis, Schichtetaar 283.
— Zähne dabei 283.
Radiär fasern, Müller'sche 239.
Raphe bei Colobom der Uvea 19'.
R ar e f ica tion des Pigmentepithels 224.
Reclination 289.
Recnrrenstyphns, Pyelitis danach 206.
Reife des Staars 285.
künstliche 293.
ß efraetion 1 2.
Refraetio n, objective Bestimmung 18.
— subjective Bestimmung 14.
R e f r a c t i o n s z u s t a n d = R efraetion
12.
Relative Hype r m e t r o p i e 33.
Re ti n a s. Netzhaut 239.
Retinitis 244.
— albuminurica 246.
— centralis 247.
— diabetica 24t;.
— leukaemica 24b'.
pigmentosa 247.
— proliferans 247, 270.
— puru lenta 244.
p e c i f i c a 247 .
Rheumatismus, Iritis 200.
— Keratitis 177.
— Lähmungen 48, 51.
— Myositis 185.
— Scleritis 184.
Ringabscess der Hornhaut 177.
Ri ngg es c h w ü r der Hornhaut 1 04.
Ringst aphylom 224.
Roth fa i i n d ii e i t 63.
Rothgrünblindheit Qo.
Roth sehen als Flimmerscotom '2G5.
Rüekeniuarkskrankheiteu s. Tabes.
Rücklagerung 58.
R u p t u r a choroideae 231.
— retin a 250.
— selerae W.
S.
>' (7 /// i 8ch'$ Spalt u n g bei Ulcus
pens 165.
Salieylsaures Xatron , Sehstörung da-
nach 25 S.
Santoniu, Gelbsehen 253.
Sarcome der Choriodea 238.
— des Cornealrandes 135.
iificationen bei gonorrhoischer
Conjunctivitis 113.
— bei Scleritis 184.
Scharlach, Homhauteezem danach 151.
— Chorioretinitis 222.
— Retinitis albuminurica danach 246.
Schädelbasisbruch, Sehnervenatrophie
danach :
Schichtstaar 282.
Saeh-L
. e 1 e n. alternirende-
:ütirende>
— dvnaniische
— paralytisch—
— - heinbares 32.
— secundäre>
elhaker. -
S e h i e 1 o p e r a t i o r M
Schiel winkel 54.
Schlagschatten der Iris 28S
her Kanal 141.
Sdirumpfniere s. Albuminurie.
achsiehtigkeit ?0 Anm.
Schwarte, eyclitische 2
EfchwclfelkaMeflattffYergiftiiiig . "
Schwielen der Cornea
Schwitzen, einseitiges 50. E
— fei a
ra 181.
er a 1 s t a p h y 1 ... m 185 ..
Scleritia
horoiditis b t e r i o r =
hinteres Staphylom \
rase, multiple, grane Atropie 2G0.
Lähmungen 4 V . 51.
— — Nystagmus 59.
vo sirende Keratitis
rotomie 215, _
autblutungen 243.
■ m e 61.
Savptalose, Conjunetiv 129.
— Iritis (Arit) 201.
— Keratitis 147.
— Lide
Seborrhoea palpebrarnm 71.
i u s i o p u p i 1 1 a e = Pnpillarabschlnss
= ringförmige hintere Synechie.
Secundäre Ablenkung 53.
— C-jntractur 53.
3 undärglaucom 212. 217.
S e c u n d ä r s c h i e 1 e n 56.
rnblindheit 264.
entrum 1
Sehnerv 239. 241.
— Atror : 220.
graue 259.
weisse 253.
— Blutung 23 2
Sehnerv. Colobom 241.
— Druser
— Embulie 244.
— Entzündung s. Neuritis.
— Excavation. glaueomatose 210.
physiologische 241.
— Faserverlauf 239.
lesen wülstc 261,
— Verfärbung 242.
— Wurzeln 240.
Sehproben 15.
Sehprüfung 13.
purpur 191. 240.
S I schärfe 15.
S nile Veränderungen s. Alter-
veränderungen.
u des Linsenke.
V ptieaemie. \ tzhautblutungen -
Simulation 65.
r a t i o n
pium 89.
des Entropium 58
itio retinae 249.
Sunden für den Thränengang 98.
B nnenfinsterniss. Choroida I
tion .
Spaltbildn ■ dobome.
iltung nach Sä misch 165.
Krampf,
rrelevateur 7.
3] in d eis t aar 282.
ir. grauer = Cataract.
— grüner — (ilaucom.
hwarzer = Sehnervenatrophie,
r 8.
.amadel = I>iscissionsnadel 8.
St aar Operation 278
I p h y 1 o m der Hornhaut 146. 171.
— hint.
— Intercalar- 186.
— der Sclera 185.
"aphylomoperation 17.
- tionäre Myopie
Stauungsneuri
— papille 253.
nocarpin 3.
nopaeische Spalte I
Thränengang?
Sach-l:
Stfabism den.
— divei-
hlenbändchen = zonula Zinnii
■ turenderThränei no-
dose 99.
tinae = N tzhautablö-
jrauen St,
Suprachoroidea 181. 188.
-.-aurbitalnenralgie E
blepharon 1
pathische Ophthalmie 234.
— Reizerscheinunge:
Synchysia = YHrflüs>iL r ung.
scintilli
S y n e c h i e , hinter«.
— ringförmige
-ehe Pu p i 1 1 enreact i on 17.
Syphilid angeborene.
— Iritis bei Kindern 201.
— Keratitis parenchynial
— Scleritu u. BclerosirendeKeratitü
Zähm
Syphilid. «]>vurbene.
— Atrophie, graue des Sehnerven
— Ca 'rbita 300.
— Choroiditis disseminata i-
— Gummata -
— Iritis 200.
— Iritis gumi
— Aluskellähmungen 48. 51.
— Tabes danach 260.
— Thränengangerkrankungen
— Ulcus durum der Lid
T.
Tabaks a in bly obie
Tabefl icmlift, graue Atrophie 260.
— — Lähmungen 4>. 51.
• wirung von Hornhautflecken 169.
_ I i n d h e i
= Lidknorpel.
T ei- i e = Flimmerscoton
ingiectasien der Lid- .
— der Orbita 304.
llerförmige Gru
: d i n i t i s in u s c u 1 i r e c t i 1
Te n
T e n o t o in i e
Thränendrüse 92.
— Entzündun_
— Fistel -
— 'leschwQlste 93. 304.
Thräuenfistel. angeborene 93.
— — erworl
— kanälch-r -
— n a s e n g i
— p u n .
— röhre hei l
ta --
Atoni
- Ectaai
Exstirpatioii B
Verödung 98.
Thränenträufeln 99.
T h r o in böse in der Orbita
— des sinus caveri.
nometer 66.
retinae
t ale H y p e r m e t r o pie 34.
ilstaar \
Trachom 119.
Tractus optic««
T r i c h ias
Trichinose. Lidoedem 8
Triefaugen 104.
Trigeminus-Keratitis = neuro-
paralytische 166.
— neuralgie = Supraorbitalneu-
ralg:
kenhülsiger .Maar \
T r o p f g 1 ä s c h e n 3.
Tuberculosis der Conjunetiva 134.
— der Choroidea _
— der Iris 237.
Tu^i* convulsiva, Blutungen de:
junetiva 132.
der Orbit.:
T w o n e e d 1 e s Operation -
Typhus Cyelitis 206.
Tyl
l.
U eberreifer St aar ä
Uebersich tigkeit Hypermetropie 32-
320
Sach-Begister.
Ulcus durum 78.
— molle 79.
— rodens 165.
— serpens 163.
Umklappen des oberen Lides 5.
U m schlage 4.
Uvea, Anatomie 188.
Uveitis = Iridochoroiditis.
V.
Variola, Chorioretinitis 222.
— Lider 78.
— Hornhaut 154.
— Thränengang 96.
Venenpuls 241.
Verbände 9.
Verbrennungen der Choroidea 237.
— der Conjunctiva 138.
— der Cornea 157.
— der Lider 87.
Vergiftungen, Alcohol-Amblyopie 256.
— Atropin, Allgemeinerscheinungen 3.
Conjunctivitis 4, 117.
— Blei, Amblyopie 256.
Lähmungen 51.
— — Neuritis und Neuroretinitis 246.
— — Retinitis albuminurica 246.
- Chinin, Arterienkrampf 258.
- Fleisch (Ptomain) Lähmungen 48.
- Kohlensäure, Spiegelbefund 242.
— Natrum salicylicum, Sehstörung 258.
— Phosphor, Netzhautblutungen 243.
— Saatonin, Gelbsehen 253.
— Schwefelkohlenstoff -Amblyopie 256.
— Tabaks-Amblyopie 256.
Verkalkung auf Leucomen der Horn-
haut 146.
— der Linse 275, 282.
V e r k n ö c h e r u n g von Choroidalex-
sudat 234.
— der Linse 282.
Verkürzung der Lidspalte 90.
Verletzungen der Choroidea 230.
— der Conjunctiva 136.
— der Cornea 155.
— der Iris 231.
— der Lider 85.
--- der Linse 276.
Verletzuugen der Netzhaut 25 1 .
— der Orbita 300, 302.
— der Sclera 1S7.
— des Sehnerven 257, 261.
— des Thränenapparates 100.
Vernarbung, cystoide nach Glaucom-
operation 214.
nach Staaroperation 298.
Verrucositas conjunctivae 127.
Verschiebung, parallactische 23.
Verwachsungen s. Synechien und
Symblepharon.
Vicariirende Menstruation, Glas-
körperblutungen 270.
Violettblindheit 63, 65.
V ordere Ka m m e r 142.
Blut 231.
Cysticercus 272.
Eiter 163.
Vorlagerung 58.
Vornähun g 58.
W.
Wachsthum des Auges 27.
W ah r n e h m ungscentru m 240.
Warzen der Conjunctiva 127.
— am Lidrand 78.
Wechselfleber s. Malaria.
TTe/ss'-Reflex 229, 269.
Weitsichtigkeit = Presbyopie 29.
Winkel « 32.
Winkel y = dasselbe.
W u n d e n s. Verletzungen.
W undstaar = traumatische Cataract
276.
Wurzeln des Sehnerven 240.
X.
Xanthelasma 79.
Xanthopsie = Gelbsehen.
Xerosis conjunctivae 121, 132.
— corneae 121, 167.
Y.
Y oung- Helmhol tz'-F&rh en-
t h e o r i e 65.
Z.
Zoll linsen 13.
Zonula Zinnii 272.
Zweinadeloperation 299.